Schulzimmer in Tschernobyl: Hier blieb die Zeit 1986 stehen. (Bild: Pit Buehler)
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Schulzimmer in Tschernobyl: Hier blieb die Zeit 1986 stehen. (Bild: Pit Buehler)

Zwei Tage in Tschernobyl verbracht – ohne bleibende Schäden

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Pit Bühler ist einer der letzten Abenteurer. Mit seiner Kamera geht der freischaffende Zuger Fotograf an Orte, die ihn faszinieren, und rückt die Menschen ins richtige Licht. Eine Ausnahme war seine Expedition nach Tschernobyl, wo er Ruinen fotografierte. Die grösste je passierte AKW-Katastrophe jährt sich zum 30. Mal.

Pit Bühler ist bekannt für seine Porträts. Viele US-Schauspieler hatte er schon vor der Linse: Jeremy Irons, Cate Blanchett, John Malkovich, um nur einige zu nennen. Er traf sie am Zurich Film Festival oder anderen Orten an. Doch auch Sportler und Künstler porträtiert er. Ansonsten reist er viel und fotografiert spezielle Menschen, 90 Länder der Erde hat er besucht.

Doch wer ist der Fotograf? Wir wollten den Fokus einmal auf ihn richten und haben ihn dafür im Café Speck in Zug getroffen. Im Gespräch merkt man rasch, dass er nicht so gerne über sich spricht und eher scheu ist. Über seine Arbeit schon eher. «Ich stehe lieber hinter der Kamera als davor», sagt er.

Hat über 90 Länder der Welt bereist, doch diese Tage bleibt er in Zug: Pit Bühler auf der Terrasse des Cafés Speck, wo wir ihn zum Kaffee trafen.
Hat über 90 Länder der Welt bereist, doch diese Tage bleibt er in Zug: Pit Bühler auf der Terrasse des Cafés Speck, wo wir ihn zum Kaffee trafen. (Bild: mbe.)

Untypisch für seine Arbeiten war eine Expedition nach Tschernobyl. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor 4 des ukrainischen «Lenin-Kraftwerks» in vollem Betrieb. Pit Bühler bekam den Super-GAU als Halbwüchsiger mit. Er war 14 Jahre alt und lebte in Baar, als der Reaktor explodierte und eine radioaktive Staubwolke über Europa fegte. «Ich habe seither viel darüber gelesen und Bilder gesehen, aber wusste doch nicht, was genau passiert ist und was die Auswirkungen waren», sagt der Fotograf. Die Gegend direkt um den Reaktor ist bis heute unbewohnbar. Bühler wollte die Sache mit eigenen Augen sehen. «Ich hatte davon gehört, dass man die gesperrte Zone besuchen kann.»

Zur Person

Pit Bühler hat Jahrgang 1972 und ist in Baar aufgewachsen. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Steinhausen. 2000 schloss er den Bachelor of Science in Business Administration und Finance an der Hochschule Luzern ab. 2009 besuchte er die Masterklasse für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Bühler realisiert seit zehn Jahren regelmässig Fotoprojekte für nationale und internationale Ausstellungen. Er ist spezialisiert auf Porträtfotografie, fotografiert Prominente und Nichtprominente. Viele Schauspieler, Sportler und Künstler finden sich im Portfolio auf seiner Webseite. Der Fotograf hat in seiner Laufbahn über 90 Länder besucht, immer auf der Suche nach «Gesichtern unserer Zeit». Seit 2014 stellte er jedes Jahr an der «photo» in Zürich aus, der grössten Werkschau für Schweizer Fotografie.

Zwei Tage im Sperrgebiet verbracht

«Ich setzte mich mit der ukrainischen Regierung in Kontakt, fand tatsächlich jemanden, der zuständig ist und der mich nach Tschernobyl begleitete.» Er wollte nicht an einer der Exkursionen teilnehmen, die auch unter «Schwarzem Tourismus» bekannt sind. «Ich durfte mich frei bewegen und war zwei Tage gemeinsam mit einem Vertreter der Regierung im Gebiet.» War es unheimlich? Bühler findet nicht. «Die Landschaft ist sehr schön und heute ein Nationalpark. Ich sah das erste Mal im Leben Wildpferde.» Es gibt ebenfalls Wölfe im Gebiet. Die Natur hat sich vieles in 30 Jahren zurückerobert.

Pit Bühler übernachtete im Dorf Tschernobyl. Dieses sei teilweise wieder bewohnt, Forscher aus der ganzen Welt leben dort. Die evakuierte Stadt nahe des Reaktors, Prypjat, ist viel gespenstischer. Das Leben blieb dort am 26. April 1986 stehen. Bühler fotografierte leere Wohnhäuser, Schulzimmer, Gefängnisse, Restaurants, ein Hallenbad. Viele Gebäude sind einsturzgefährdet oder bereits Ruinen.

Ein weiteres Tschernobyl-Foto. Bild: Pit Bühler
Ein weiteres Tschernobyl-Foto. Bild: Pit Bühler

Radioaktivität auch in den Bergen

Angst vor der Radioaktivität hatte Bühler nicht. Er war mit einem Geigerzähler ausgerüstet. «In der Nähe des Reaktors, wo ich mich auch aufgehalten habe, ist die Strahlung immer noch hoch.» In den bewohnten Ortschaften sei die Strahlung geringer. Bühler: «Es gibt Bewohner, die sich damals geweigert haben, wegzuziehen. Sie sind jetzt 70 oder 80 Jahre alt und leben immer noch. Wenn du in den Bergen lebst, ist die Strahlung gleich gross oder sogar höher, Piloten sind noch extremerer Strahlung ausgesetzt, hat mein ukrainischer Führer mir erklärt.»

«Ich weiss nicht, ob wir schon so weit sind, ohne AKWs auszukommen.»
Der Zuger Fotograf Pit Bühler

Keine politische Message

Ist der Zuger Fotograf gegen die Kernkraft? Er sieht das eher «pragmatisch»: «Wir brauchen viel Strom. Unsere Abhängigkeit ist gross von der Elektrizität und ich weiss nicht, ob wir schon so weit sind, ohne AKWs auszukommen», sagt Bühler. Generell will sich Bühler nicht instrumentalisieren lassen und hat keine politische Message. Seine Bilder sprechen. Ohne Worte.

Die Tausenden von Fotos, die Bühler in Tschernobyl schoss, wurden bis dato nie publiziert oder ausgestellt. Die Reaktorkatastrophe jährt sich heuer zum 30. Mal. Wir zeigen nun einige Aufnahmen exklusiv (siehe Bildergalerie).

Ein Spital, in dem die Zeit stehen geblieben ist. Bild: Piet Bühler
Ein Spital, in dem die Zeit stehen geblieben ist. Bild: Piet Bühler

Wie Bühler zum Fotografieren kam? Angefangen hat alles mit seiner Leidenschaft für ungewöhnliche Reisen. «Ich bereiste zum Beispiel den Amazonas in Brasilien, fuhr im Güterzug von Dijubiti nach Äthiopien oder mit einem ausrangierten Polizeiauto von Miami nach San Francisco.» Eines Tages habe er begonnen, den Fotoapparat mitzunehmen. «Wie ein Porträtmaler seinen Pinsel, nahm ich die Kamera mit und begann, Menschen zu fotografieren.» Denn Menschen und ihre Geschichten faszinieren ihn seit jeher.

Bühler zieht sein Ding durch

«Meine Projekte sind immer klar definiert», betont er. Neben dem Sujet spiele das Licht eine zentrale Rolle. Bühlers Porträts strahlen eine schon fast unheimliche Intensität aus. Er spricht vom «Rembrandt-Licht» aus der alten Malerei, das er intensiv studiert hat; es gebe «liebes» und «böses» Licht.

Als er Stammeskrieger in Äthiopien besuchte, setzte er zum Beispiel das Sonnenlicht ein. «Das ist auch eine Respektfrage», sagt der Fotograf. «Ich wollte die Urvölker, die noch nie einen Blitz gesehen haben, nicht halb tot blitzen.» Auf der Webseite Bühlers findet sich ein stimmungsvoller Making-of-Beitrag über die Entstehung von «African Vogue».

Viel in Russland unterwegs

Momentan hat es ihm Russland sehr angetan. Bühler fotografierte Kriegsveteranen in Moskau. Aber auch russische Dragqueens. 2015 porträtierte er die Tänzer des Bolschoi-Theaters und jüngst besuchte er russische Zirkusse. Russland, so Bühler, übt eine besondere Faszination auf ihn aus. «Weil sie momentan als die Bösen angeschaut werden, sind die Russen sehr interessiert daran, zu zeigen, wie facettenreich das Leben und die Kultur ihres Landes sind.» Und das bestätigte sich für Bühler. «Ich habe unglaubliche Leute dort getroffen.»

Porträt von Clown Tonito Alexis am 40. internationalen Zirkusfestival von Montecarlo. Bild: Pit Bühler
Porträt von Clown Tonito Alexis am 40. internationalen Zirkusfestival von Montecarlo. Bild: Pit Bühler

Bist du ein Engel?

Wenn Pit Bühler dann wieder in die Schweiz kommt, freut er sich über das hiesige schöne Leben. «In Bangladesch fragte mich einmal ein Junge, ob er mich anfassen dürfe, um zu sehen, ob ich real sei. Er habe gehört, dass es ein Paradies gebe, das Schweiz heisst, und demzufolge müsste ich ja ein Engel sein», erzählt der Fotograf – man merkt, dass ihn dieses Erlebnis berührt hat.

«In Zug ist alles sehr kultiviert und strukturiert. Doch den Puls des Lebens spüre ich nicht wirklich.»

Er selbst empfindet Zug immer als ein wenig «surreal», wenn er zurückkommt. «Alles ist sehr kultiviert und strukturiert. Doch den Puls des Lebens spüre ich nicht wirklich.»

Zirkuswelt hat es ihm angetan

Momentan fasziniert Bühler die Zirkuswelt. Ende Juli reist er nach Minsk, um einen Zirkus zu besuchen. Im Frühjahr wurde er als Fotograf zum 40-Jahr-Jubiläum des Internationalen Zirkusfestivals Monte Carlo geladen. Er fotografierte aber auch soeben im Zirkus Knie. Der weit gereiste Fotograf hätte auch nichts dagegen, mehr in der Schweiz tätig zu sein. Denn interessante unentdeckte Menschen gibt es auch hier.

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