Heute und damals: Sekundarlehrer Renzo Meier kurz vor der Pension (links) und 1977 in seinem ersten Lehrerjahr.  (Montage: zentralplus)
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Heute und damals: Sekundarlehrer Renzo Meier kurz vor der Pension (links) und 1977 in seinem ersten Lehrerjahr.  (Montage: zentralplus)

«Kinder können heute weniger»

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Bald sind Sommerferien. Für 20 Lehrpersonen in der Stadt Luzern endet damit ihr Beruf, sie sind pensioniert oder treten zurück. So auch der 63-jährige Sekundarlehrer Renzo Meier. Er erlebte ungezählte Elterngespräche und hatte 39 Jahre «den Plausch», und findet bis heute: «Für die Schüler da zu sein ist wichtiger, als Stoff zu vermitteln.»

Mirjam Oertli

An einem Septembermorgen im Jahr 1977 trat Renzo Meier zum ersten Mal vor eine Sekundarklasse im Reussbühler Schulhaus Staffeln. Er kam direkt aus dem WK zu Besuch und trug die Militäruniform – eine Woche später sollte er die Klasse definitiv übernehmen.

«Ich war extrem nervös», erinnert er sich heute in seinem Klassenzimmer im Littauer Gasshof-Schulhaus. Vor zwei Jahren ist die Schule hierhergezogen, weil im Staffeln Schadstoffe festgestellt wurden. Unterrichten wird er nur noch bis zu den Sommerferien. Dann ist Schluss, er wird pensioniert. Nach 39 Jahren.

«Auch wenn man oft das Gefühl hat, es werde heute alles neu: Wir hatten schon früher Reformen.»

Authentisch sein: das Allerwichtigste

Es muss also alles gut gegangen sein an jenem Septembermorgen 1977. Auch habe die Uniform angsteinflössend gewirkt, schmunzelt Meier. Allerdings wirkt er nicht wie der Typ, der mit erhobenem Zeigefinger unterrichtet. «Die Jugendlichen zu begleiten, ihnen das Gefühl zu geben, dass ich für sie da bin, war mir stets wichtiger, als Stoff zu vermitteln.» Eine gute Lehrperson verfüge über Empathie, Begeisterungsfähigkeit und Humor. «Und authentisch muss sie sein», schiebt er nach, «das ist das Allerwichtigste.»

Renzo Meier in seinem ersten Schuljahr 1977.  (Bild: zvg)
Renzo Meier in seinem ersten Schuljahr 1977.  (Bild: zvg)

Meier glaubt, dass ihm das gelungen ist. Auch wenn er mal laut wurde, seien die Schüler danach mit ihren Anliegen zu ihm gekommen, als wenn nichts gewesen wäre. Da müsse doch das Fundament irgendwie gestimmt haben.

Mehr Administration, mehr Präsenz, mehr Elternarbeit

In seinen 39 Jahren als Sekundarlehrer unterrichtete Meier Generationen von Schülern, führte ungezählte Elterngespräche und erlebte die jüngsten Bildungsreformen hautnah mit. Doch er relativiert: «Auch wenn man oft das Gefühl hat, es werde heute alles neu: Wir hatten schon früher Reformen. So viel hat sich gar nicht geändert.» Ja, der Anteil an Frontalunterricht sei kleiner geworden, und ja, das sogenannte selbstorganisierte Lernen sei in aller Munde.

Meier hütet sich davor, die eine gegen die andere Methode auszuspielen. «Alle Methoden sind situativ gut und am sinnvollsten ist ein guter Mix.» Dieser könne auch heute geboten werden, denn Lehrpersonen seien nach wie vor sehr frei bei der Gestaltung ihres Unterrichts. Oft hätten zudem alte Dinge einfach neue Bezeichnungen. So habe er kürzlich von einem neuen Konzept – «Modeling» – gehört. «Genauer betrachtet geht es dabei einfach um das Prinzip ‹vormachen, nachmachen›», lacht er.

Renzo Meier geniesst die letzten Stunden im Klassenzimmer, an die baldige Pension mag er noch nicht denken.  (Bild: Mirjam Oertli)
Renzo Meier geniesst die letzten Stunden im Klassenzimmer, an die baldige Pension mag er noch nicht denken.  (Bild: Mirjam Oertli)

Gestiegen seien aber die Herausforderungen der Lehrpersonen. «Ihre Halbwertszeit liegt heute bei etwa 10 Jahren», schätzt er. Also selten mehr 39 Jahre wie bei ihm, ist er überzeugt. Mehr Administration, mehr Präsenz, mehr Elternarbeit, fasst er die Gründe zusammen.

Eltern sind unverbindlicher geworden

Dass sich Eltern zu sehr einmischen, wie Lehrpersonen oft monieren, sei im Gasshof nicht der Fall. Er verweist auf die inzwischen grosse Multikulturalität. So gab es in seiner ersten Klasse ein Kind mit italienischen Wurzeln. Heute trägt noch rund ein Viertel der Kinder schweizerisch klingende Namen. Ihm mache dieses Multi-Kulti Spass. Wohl gebe es bisweilen kopftuchtragende Mädchen und auch Kinder, die dem anderen Geschlecht nicht die Hand geben wollten. «Ein Problem ist daraus aber nie geworden, die Schule handhabt das situativ und eher liberal.»

Klassen, die bleiben: Foto von Ende der 90er-Jahre mit Renzo Meier ganz links.  (Bild: zvg)
Klassen, die bleiben: Foto von Ende der 90er-Jahre mit Renzo Meier ganz links.  (Bild: zvg)

Was Meier aber bei Eltern feststellt: Sie seien unverbindlicher geworden. So habe früher eher jemand mal um ein Gespräch gebeten. Heute gehe die Initiative meist von ihm aus. Auch sei es keine Seltenheit, dass an Elternabenden zahlreiche Eltern nicht erscheinen, obwohl sie angemeldet waren.

Kulturpessimismus liegt ihm fern

Bei den Schülern stellt er Veränderungen beim Wissen fest: «Auch wenn es viele nicht hören wollen: Die Kinder können heute weniger.» Es werde einfach nicht mehr so viel Gewicht darauf gelegt, länger an einer Sache dran zu bleiben, zu üben, bis etwas richtig sitze.

«Auch wenn es viele nicht hören wollen: Die Kinder können heute weniger.»

«Im Rahmen des Lehrplans 21 ist viel von Kompetenzen die Rede. Doch um Lernstoff anwenden zu können, muss zwingend auch Grundwissen da sein», sagt Meier. Dennoch: Den Kulturpessimisten mag er nicht geben. Und Probleme wie Schlägereien, Drogenkonsum und Ähnliches habe es auch früher immer mal wieder gegeben.

Fünf Klassen, die bleiben

Wenn Renzo Meier nun in Pension geht, nimmt er unzählige Erinnerungen mit. Besonders im Gedächtnis geblieben sind ihm fünf Klassen: «Die erste, die vergisst man nie.» Weiter gab es eine schwierigste, die grosse disziplinarische Probleme machte und bei der der Klassenzusammenhalt irgendwann völlig kaputt war – was er gleichzeitig als seine grösste Krise bezeichnet. In Erinnerung bleibt ihm auch die «beste» Klasse, die fachlich top war. Und schliesslich eine Klasse, bei der einfach alles gestimmt habe, fachlich wie menschlich.

Renzo Meier blättert in alten Unterlagen und wird etwas wehmütig.  (Bild: Mirjam Oertli)
Renzo Meier blättert in alten Unterlagen und wird etwas wehmütig.  (Bild: Mirjam Oertli)

Er durchforscht seine Unterlagen und zieht ein Klassenbuch aus einem Schrank, das diese Zeit mit Fotos und weiteren Unterlagen dokumentiert. Nicht für jede Klasse habe er ein solches angelegt, aber bei dieser einen Klasse habe er damit begonnen. Ja, und natürlich werde ihm auch seine jetzige Klasse, die letzte, im Gedächtnis bleiben. Auch weil sie ihm eines seiner schönsten Erlebnisse bescherte: «Einige Schülerinnen lockten mich an meinem Geburtstag unter diversen Vorwänden aus dem Schulzimmer, während die anderen ein Buffet aus Kuchen und Getränken aufbauten und Geschenke – Lindorkugeln und eine Flasche italienischen Rotwein – bereitstellten. So etwas hatte ich nie zuvor erlebt.»

«Auch wenn ich manchmal ausrief wie ein Wald voller Affen, ich hatte immer den Plausch.»

Wehmut vor dem Abschied

Würde Renzo Meier wieder den Lehrerberuf wählen? «Ja, unbedingt! Auch wenn ich manchmal ausrief wie ein Wald voller Affen, ich hatte immer den Plausch.» Der Beruf habe ihn jung und mobil gehalten. Man bleibe am Ball, kenne neuste Strömungen, auch wenn man sie nicht immer verstehe. Allerdings hat er auch stets andere Aktivitäten intensiv gepflegt. Relativ früh bekam er zwei Söhne, spielte Fussball und Handball, war über ein Jahrzehnt politisch aktiv für die SP im Littauer Einwohnerrat und arbeitet bis heute als Mentor für die Studierenden der Pädagogischen Hochschule Luzern. Das alles habe ihm dabei geholfen, sich nicht «auffressen» zu lassen.

Seiner Pensionierung blickt er mit gemischten Gefühlen entgegen. Zwar tritt er zwei Jahre früher als nötig in den Ruhestand, weil er eine nächste Klasse nicht durch alle drei Oberstufenjahre begleiten könnte. Auch freut er sich, mehr Zeit für seine vier kleinen Enkelsöhne und fürs Reisen zu haben. Doch Wehmut spürt er dennoch. So schiebt er den Gedanken an den Abschied noch so gut es geht von sich. Am Freitag vor den Sommerferien, am 8. Juli, wird es aber so weit sein. «Es würde mich nicht überraschen, wenn meine Augen dabei ‹wassern› würden.»

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