Die Zuger Kirschen sollen das Kantonsimage prägen. Nun machen ihnen immer neue Biersorten Konkurrenz. (Bild: pbu)
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Die Zuger Kirschen sollen das Kantonsimage prägen. Nun machen ihnen immer neue Biersorten Konkurrenz. (Bild: pbu)

Mit faden Kirschen ins Gefecht

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Der Zuger Chriesisturm läutet traditionell die Kirschernte ein. Mit der Wiederbelebung dieses Brauchtums wird ausserdem versucht, Imagepflege im Kanton Zug zu betreiben. Das will aber nicht so recht gelingen – und daran sind nicht nur die faden Kirschen schuld.

Ach ja, der Kanton Zug. Was für Assoziationen einem bei diesem Innerschweizer Idyll doch durchs Oberstübchen flattern: Steuroase, Wirtschaftskanton, Rohstoffhandel. Aber halt! Da stimmt doch was nicht. «Der eigentliche Rohstoff von Zug ist nicht Kaffee und nicht Öl», sagt Ueli Kleeb, «der Rohstoff von Zug sind die Kirschen.» Der Kanton Zug – ein Chriesi-Kanton! Nix da mit all den negativ konnotierten Ökonomie-Attributen. Zug ist Chriesi, Zug ist Kirsch. Basta.

Das zumindest versucht uns ebendieser Ueli Kleeb an diesem Montag zu vermitteln. Er ist Vorstandsmitglied der IG Zuger Chriesi und spricht gerade über Mikrofon zu den Hunderten Schaulustigen, die sich bei angenehmen Temperaturen in der Zuger Altstadt eingefunden haben. Zum achten Mal findet hier der alljährliche Zuger Chriesisturm statt: der offizielle Auftakt zur lokalen Kirschensaison. Ein Spektakel für Gross und Klein. Ganze 20 Minuten lang. Immerhin.

Die Leitern sind das wichtigste Utensil am Zuger Chriesisturm.
Die Leitern sind das wichtigste Utensil am Zuger Chriesisturm. (Bild: pbu)

11.30 Uhr – Business as usual

Der Reihe nach: Kurz vor Mittag schlendern wir vom Bahnhof Zug in Richtung Altstadt. Petrus zeigt sich ausnahmsweise von seiner gnädigen Seite und lässt bloss hie und da einige Cumulus-Wolken am ansonsten stahlblauen Himmel erscheinen. Ein ganz normaler Montag: Ein Gärtnertrupp hüllt die Rössliwiese in ein farbenprächtiges Kleid, die städtische Putzequipe sammelt alle noch so kleinen Papierfetzen vom Boden und vereinzelte Touristen füllen ihre Speicherkarten.

Ein dunkler Maserati fährt mit dröhnendem Motor vorbei. Hinterher ein schicker Mercedes, das Verdeck geöffnet, der Fahrer mit Sonnenbrille und Kopfbedeckung vor UVB-Strahlen geschützt. Business as usual in Zug. Allerdings nur scheinbar. Denn im historischen Kern der Stadt herrscht heute Ausnahmezustand. Die ansonsten menschenleere Altstadt füllt sich – man glaubt es kaum – mit Menschen. Mehrere Hundert sind bereits da, um sich die aussichtsreichsten Plätze zu sichern. Und es kommen noch mehr. Durchschnittsalter: 60 Jahre – geschätzt.

Die Zuschauer warten gespannt auf den Startschuss.
Die Zuschauer warten gespannt auf den Startschuss. (Bild: pbu)

11.45 Uhr – mit Leitern auf Kirschenjagd

Sie alle sind gekommen, um dem alljährlichen Zuger Traditionsanlass beizuwohnen. Schnell wird klar, dass es sich beim Zuger Chriesisturm nicht um einen Kindergeburtstag, sondern um einen bitterernsten Wettkampf handelt. Die Teilnehmer laufen sich ein, machen Dehnübungen oder schmieden letzte taktische Pläne. Ihre Gesichter sind angespannt. Die Leitern liegen bereit. Währenddessen schmettert die Kapelle Echo vom Chalberschwanz traditionelle Klänge auf die alten Pflastersteine. Ein paar Zuschauer schunkeln im Takt.

«Von 1000 Bäumen wurden bisher bereits 771 gepflanzt.»

Ueli Kleeb, Vorstandsmitglied IG Zuger Chriesi

Der Startschuss rückt näher. Zuvor allerdings begrüsst Ueli Kleeb die Anwesenden. In höchsten Tönen werden die Kirschen gelobpreist und deren Wichtigkeit für den Kanton Zug gebetsmühlenartig durch die Altstadtgassen geröhrt. Sie wissen schon: der Kirsch, der wahre Rohstoff des Kantons. Das Projekt «1000 Kirschbäume für Zug» stehe kurz vor der Vollendung, denn «bisher wurden bereits 771 Bäume gepflanzt», fügt Kleeb an und kann dabei seinen Stolz nicht verbergen. Die Zuger Altstadt, dieses Refugium der Traditionalisten, horcht den Worten des Kirschenfreundes und anerkennt diese mit klatschenden Händen.

Ueli Kleeb erklärt den Ablauf.
Ueli Kleeb erklärt den Ablauf. (Bild: pbu)

Auch die Historie des Brauchtums kommt nicht zu kurz. Kleeb erzählt, dass die Zuger Chriesikultur nachweislich über 400 Jahre alt sei. «Die Chriesigloggä wird 1711 erstmals urkundlich erwähnt. Sobald die Kirschen im Frühsommer reif waren, wurde mittags um 12 Uhr die grösste Glocke der Kirche St. Michael eine Viertelstunde lang geläutet. Das war der Startschuss für den Chriesisturm. Alle Zuger hatten auf dieses Zeichen hin das Recht, mit Leitern, Krätten und Rückkörben bewaffnet auf die Allmend zu eilen, um dort selber Kirschen zu pflücken. Ein grosser Teil der Zuger Allmend war einst nämlich mit Kirschbäumen bestückt, die allen Stadtzuger Bürgern gehörten.»

Deshalb sind wir heute hier. Mit acht Meter langen Leitern, die von Zweierteams möglichst schnell durch die Altstadt getragen werden, wird dieses Brauchtums seit 2009 jährlich gedacht. Kleeb endet seine Ansprache mit der Vorstellung des diesjährigen Teilnehmerfeldes. Dieses Mal ist Walchwil mit einem Gastteam vertreten. Gemeindepräsident Tobias Hürlimann und sein Rennpartner Stefan Hermann wollen es wissen.

Gleich geht’s los: Die Teilnehmer machen sich bereit. In Grün das Gastteam aus Walchwil.
Gleich geht’s los: Die Teilnehmer machen sich bereit. In Grün das Gastteam aus Walchwil. (Bild: pbu)

«Die haben schlicht nicht gewusst, dass heute der Chriesisturm stattfindet.»

Ueli Kleeb, IG Zuger Chriesi

12 Uhr – «Achtung, fertig, Chriesisturm»

Dann wird es ernst. «Noch drei Minuten», verkündet Kleeb, während sich die Teilnehmer mit geschulterten Leitern in die Startposition begeben. Plötzlich wird es hektisch. Zwei Fahrzeuge eines Bauunternehmens bahnen sich den Weg durch die Altstadt. «Alle zur Seite», befiehlt Kleeb. Er versucht, die Situation gelassen zu sehen: «Die haben schlicht nicht gewusst, dass heute der Chriesisturm stattfindet.» Verhaltenes Gelächter. Die Geschäftigen haben den Wochenanfang nicht verschlafen.

Kurz nachdem die beiden Autos den Startbereich verlassen haben, erklingt auch schon die Kirchenglocke. Stadtpräsident Dolfi Müller greift zum Megafon: «Achtung, fertig, Chriesisturm». Unter schallenden Anfeuerungsrufen der Zuschauer rennen die Chriesistürmer los. Liebfrauenkapelle – Ober Altstadt – Schwanenplatz – Unter Altstadt – Liebfrauenkapelle. Der Start ist das Ziel. Nach knapp vier Minuten ist das Peloton bereits wieder zurück.

Der Zuger Stadtpräsident Dolfi Müller (Mitte) ist zuständig für das Startsignal.
Der Zuger Stadtpräsident Dolfi Müller (Mitte) ist zuständig für das Startsignal. (Bild: pbu)

And the winner is: Team Walchwil. Ruhm und Ehre. Ausgerechnet die Gäste aus der südlichen Nachbarsgemeinde verweisen die Stadtzuger auf die hinteren Plätze. Unmut kommt aber nicht auf. Dazu hat man auch keine Zeit, denn bereits steht die junge Fraktion in den Startlöchern. Fünf Zweierteams, bestehend aus Schülern der sechsten Primarklasse des Schulhauses Riedmatt, sind bereit für den «Kindersturm». Und wieder erklingt Dolfi Müllers Stimme durchs Megafon: «Achtung, fertig, Chriesisturm».

Die Gewinner des diesjährigen Chriesisturms: der Walchwiler Gemeindepräsident Tobias Hürlimann (links) und sein Rennpartner Stefan Hermann.
Die Gewinner des diesjährigen Chriesisturms: der Walchwiler Gemeindepräsident Tobias Hürlimann (links) und sein Rennpartner Stefan Hermann. (Bild: pbu)

12.20 Uhr – ein aussichtsloser Kampf

Gewonnen hat Team 4, Cyrill Zanon und Yasmin Borner. Applaus, Freudenschreie, Siegerfoto. Dann ist der ganze Spuk auch schon wieder vorbei. Stille kehrt zurück. Die Altstadt wird im Kollektiv verlassen und man versammelt sich auf dem Landsgemeindeplatz. Die Plätze auf den Festbankgarnituren sind innerhalb kürzester Zeit besetzt. Die hungrigen Gäste verköstigen sich dort mit Chriesiwürsten, Chriesikonfitüre und Kirsch.

Kirschen dekorieren die Tische. Deren Geschmack ist allerdings enttäuschend. Die Süsse fehlt. Das hat durchaus Symbolcharakter: Zug läutet mit dem Chriesisturm die Kirschensaison ein. Wegen des kühlen und regnerischen Wetters in den vergangenen Wochen hat man jedoch einen Vegetationsrückstand von mehreren Tagen zu beklagen. Fade Kirschen im Kirschenkanton Zug, welch Ironie.

Mit der Wiederbelebung eines Brauchtums versucht man, dem Kanton ein Kirschenimage zu verleihen. Das ist legitim, funktioniert aber nicht. Der Kampf gegen die Tiefsteuerpolitik, gegen Glencore und andere Multis ist aussichtslos. Wobei: Einen Nachmittag lang nimmt man einen Hauch Siegesgeruch wahr. In Wurstform sind die Kirschen für einmal der Rohstoff in Zug – oder zumindest Energieträger für unzählige hungrige Mäuler. Während der Duft von Grilladen den Landsgemeindeplatz umhüllt, braust ein dunkler Maserati über die Neugasse. Ein normaler Montag in Zug.

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