Bauarbeiter auf der Plattform in der Wand, die gesichert wird. (Bild: Stefano Schröter)
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Bauarbeiter auf der Plattform in der Wand, die gesichert wird. (Bild: Stefano Schröter)

Eine Felswand wird gebändigt

8min Lesezeit

Das Gestein im ehemaligen Steinbruch bei der Sagenmattstrasse sitzt locker, eine enorm grosse Platte drohte einzustürzen. Jetzt wird die riesige Wand mitten im Stadtgebiet von Luzern gesichert. Die laufenden Arbeiten zur Sicherung sind spektakulär.

Die Sagenmattwand hat die Grösse eines Fussballfeldes: Sie ist rund 200 Meter lang und 40 Meter hoch. «Eine solche Baustelle ist einzigartig in der Schweiz», sagt Geologe Beat Keller. Die Arbeiten in der Felswand sind gefährlich, die Männer am spektakulären Arbeitsort sind angeseilt und gut gesichert. «Jeder Handgriff muss sitzen, die Arbeiter müssen sich blind aufeinander verlassen können», sagt Keller. 


Ein Korsett für den Felsen

Je nach Arbeitsschritt sind zwischen sechs und zwölf Arbeiter auf der Baustelle. Zurzeit sind sie daran, dem Felsen ein Korsett anzulegen – und zwar von innen und aussen. Dazu werden 200 Felsanker in die Wand gebohrt. Diese Stahlanker sind fünfzehn Meter lang und bilden im Felsinnern eine Art Skelett. Abgeschlossen werden sie mit je einem Betonkopf, die von aussen sichtbar sind. Im unteren Bereich der Wand werden fünfzig verankerte Betonrippen montiert, die denen Fels von aussen stützen.

Mit dem «Schlitten» die Wand hoch

Thomas Grossmann ist einer der Arbeiter von Gasser Felstechnik auf der Baustelle. Dass er schwindelfrei ist, versteht sich bei einem solchen Arbeitsplatz von selbst. Und kräftig muss er auch sein: Sieben Kilos schleppt er nur schon an Utensilien wie Karabiner und Sicherungsgurt mit sich herum. Jetzt macht er sich bereit für den Einstieg in die Wand – in einer Hand hat er die Handykamera, in der anderen den «Schlitten». Dieser kleine Motor wird an das Seil gehängt, an dem sich Grossmann dann die Wand hinauf ziehen lässt. So hangeln sich die Arbeiter entweder nach oben, wo der grosse Kran die Baustelle beliefert, oder sie machen Zwischenhalt auf einer Plattform, von der aus die Bohr- und andere Arbeiten ausgeführt werden.

Thomas Grossmann steigt mit der Handy-Kamera für zentralplus in die Wand.
Thomas Grossmann steigt mit der Handy-Kamera für zentralplus in die Wand.

Ein Rädchen greift in das andere

«Die Arbeiten im Felsen funktionieren nur dank guter Zusammenarbeit, da greift ein Rädchen ins andere», sagt Geologe Keller, der bei diesem Sicherungsprojekt seit Anbeginn in der Verantwortung ist. Mit an Bord sind auch städtische und kantonale Stellen, Architekten und Ingenieure, die Gasser Felstechnik und natürlich die Allgemeine Baugenossenschaft Luzern abl als Besitzerin des Grundstücks. Letztere muss auch ihren Anteil der Gesamtkosten von über vier Millionen berappen.

«Wenn eine solche Masse Gestein herunterdonnert, dann prost Nägeli.»
Beat Keller, Geologe

Der leidenschaftliche Geologe Keller kennt die Sagenmattwand wie seine Hosentasche. Bereits in Zusammenhang mit dem Gütschstollen für die Hochwasserentlastung, der direkt unter der Wand hindurchgebohrt wurde, hat er 1991 festgestellt, dass der instabile Fels ein veritables Problem ist. «Wenn eine solche Masse Gestein herunterdonnert, dann prost Nägeli», sagt er. Er vergleicht den Felsen mit einer Matratze, die an einer Wand lehnt und langsam einknickt. Unter- und oberhalb dieses geknickten Felsbandes «baucht» sich die riesige Felsplatte gegen aussen aus und droht irgendwann ohne grössere Vorankündigung spontan abzubrechen. Die Auswirkungen der riesigen Sturzmasse wären verheerend.
 

Das Stück «Eldorado» zum Filmli ist von der Luzerner Band «Marochine».

Der Geologe ist Tag und Nacht auf Pikett

Seit die Gefahr festgestellt wurde, wird der Fels mit einem ausgeklügelten elektronischen System überwacht.  Sobald sich etwas tut, schlägt es Alarm. Per SMS trifft die Mitteilung bei Keller und seinen Kollegen ein, der dann entscheidet, was zu tun ist.

«Ich musste auch schon vom Kochen wegspringen, weil es bei einem Gefahrenhang brenzlig war.»

Gehen die Bewegungen zu schnell, sodass ein Abbruch möglich ist, geht ein automatischer Alarm los. «Zu jeder Tages- und Nachtzeit bin ich auf Pikett. Ich musste auch schon vom Kochen wegspringen, weil es bei einem Gefahrenhang brenzlig war», sagt er. Das war allerdings nicht wegen der Sagenmattstrasse: Der gefragte Geologe hat im ganzen Kanton wortwörtlich mehrere Baustellen offen.

125 Leute wurden im Januar evakuiert

Wie gut die Sensoren den Felsen im Griff haben, zeigte sich letzten Januar: Eine übermässige, stark zunehmende Felsbewegung löste einen automatischen Alarm aus, und innert Kürze wurden die 125 Bewohner aus dem Hochhaus an der Sagenmattstrasse 11 evakuiert (zentralplus berichtete). «Das hat bestens funktioniert und seither ist das Vertrauen der Direktbetroffenen ins Überwachungssystem definitiv gefestigt», sagt Keller.

abl BSL Sagenmattstrasse Sanierung und Sicherung der Felswand Die Felswand zeigt einen 20 Millionen Jahren alten Wattboden mit zahlreichen Abbildungen des damaligen Lebens. Der Geologe Beat Keller dokumentiert einige der Versteinerungen.
Der Geologe Beat Keller dokumentiert einige der Versteinerungen. (Bild: STEFANO SCHROETER)
Schlaflose Nächte bereitet ihm diese Riesenverantwortung nicht, und auch die Angst vor Fehlentscheiden kennt er nicht. «Nach jahrzehntelanger Erfahrung kann man die Risiken gut abschätzen und entsprechende Massnahmen einleiten. Trotzdem verbleibt auch bei seriöser Arbeitsweise immer ein gewisses Risiko einer Fehleinschätzung. Damit muss man leben.»

Der Fels lebt seit Millionen Jahren

«Als Wissenschaftler habe ich keine esoterischen Ambitionen. Aber ich sehe, wie der Fels ‹lebt› und sich entsprechend seiner Geschichte bewegt.» Vor 20 Millionen Jahren war die Region um Luzern ein Wattenmeer, und die Sagenmattfelswand zeugt bis heute davon: Der einst horizontale Meeresboden wurde durch die Alpenfaltung «schräggestellt», sodass wir heute an den Wänden sozusagen ein kleines Abbild des einstigen Meeresbodens haben. Auch diesbezüglich ist die Felswand einzigartig, nebst den zungenförmigen Mustern von Strömungsrippeln erkennt der Fachmann viele Lebensspuren von Krebsen, Würmern, Seeigeln und anderem Getier aus dem einstigen Wattenmeer. Diese uralten Schätze können nach Abschluss der Sanierungsarbeiten betrachtet werden: An einigen Stellen werden «Fenster zur Vergangenheit» ausgespart, in denen besonders interessante Spuren sichtbar bleiben sollen.

Der Sagenmatt-Steinbruch ist in Luzern einer von zwanzig Steinbrüchen, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts in und um Luzern betrieben wurden. Von ihm wurden rund 200’000 Kubikmeter Sandstein ab- und unter anderem in den Schulhäusern Maihof, St. Karli und Fluhmühle verbaut.

Zwischennutzung Sagenmatt

Vor sieben Jahren hat die Allgemeine Baugenossenschaft Luzern abl die Liegenschaft Sagenmattstrasse 7 gekauft, die vorher der BSL gehörte. Beim Kauf des Grundstücks war sich die Baugenossenschaft darüber im Klaren, dass eine aufwendige und teure Felssicherung nötig sein wird. Das ehemalige BSL-Gebäude wird bis 2025 zwischengenutzt. Unter anderem ist ein Teil der Pädagogischen Hochschule eingemietet, mehrere Bands haben dort Proberäume und auf dem Dach ist sogar ein Tennisclub am Ball.

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