«Wir Männer wollen den Frauen gefallen, nicht nur der eigenen. Wir wollen von ihnen geliebt werden.» (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
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«Wir Männer wollen den Frauen gefallen, nicht nur der eigenen. Wir wollen von ihnen geliebt werden.» (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

–1/+5=♡ So logisch kann die Liebe sein

10min Lesezeit

Joseph Bendel ist Profi wenn es um Beziehungen geht. Der Luzerner Paartherapeut blickt nun mit fast 70 Jahren seiner Pension entgegen. Im Interview erklärt er, was die Killer und Heilmittel in einer Beziehung sind und weshalb man für die Liebe eigentlich ein Stelleninserat schreiben sollte.

Schon über 37 Jahre führt Joseph Bendel seine Praxis für Paar- und Familientherapie. Noch in diesem Jahr wird er 70 Jahre alt. Und ebenfalls in diesem Jahr wird der Psychotherapeut seine Praxis im Stadtluzerner Tribschenquartier schliessen.

Neben den hunderten Paaren, die ihm ihre Probleme anvertrauten, war Bendel aber auch Gewaltberater und führte das «Männerbüro» in Luzern. Und er ist vierfacher Vater, sechsfacher Grossvater und bereits seit 45 Jahren verheiratet.

Einiges an Erfahrung also, die Bendel über die Jahre hinweg gesammelt hat. Wir wollten deshalb von ihm wissen, wie das mit der Liebe – der langfristigen Liebe – eigentlich funktioniert. Oder eben, weshalb es nicht funktioniert.

zentralplus: Herr Bendel, sind wir heute eigentlich noch beziehungsfähig?

Joseph Bendel: (Er lacht.) Aber sicher. So gut wie früher auch. Aber die Rahmenbedingungen haben sich verändert, die Gesellschaft. Schauen wir uns die heutige Werbung an, oder die Technik mit den Handys beispielsweise. Und auch die gesellschaftlichen Regeln wurden auf den Kopf gestellt. Frauen haben Ausbildungen, wir sind flexibler in unserer Lebensplanung – bei der Arbeit, bei Familienkonzepten. Als Bauernpaar vor 200 Jahren war klar, worauf man sich einliess: Wer hat wo das Sagen, wer welche Aufgaben. Heute ist ständig alles in Bewegung, und damit muss man auch in der Beziehung immer alles wieder neu aushandeln. Das kann stressig sein. Klar kann man darüber fluchen, wie es früher war, mit diesen fixen Rollenverteilungen, aber es war manchmal auch ein Vorteil.

zentralplus: Das heisst, die Umstände machen es heute schwieriger, ein Paar zu bleiben?

Bendel: Ja. Weil wir viel mehr Informationen und Wahlmöglichkeiten haben. Es ist ja der helle Wahnsinn. Wir müssen uns ständig entscheiden, womit wir uns beschäftigen wollen und wie es weitergehen soll.

«Eigentlich müssten alle Paare erst mal ein Stelleninserat machen.»

zentralplus: Wie kann es denn funktionieren?

Bendel: Es geht vor allem um Kommunikation. Ich zeige Ihnen dazu ein Modell, das ich sehr liebe. Wir haben zwei Personen und bei beiden den Punkt 1. Dieser steht für: Mein Standpunkt und meine Bedürfnisse. Das bedeutet, dass ich mich erst mal selber spüren und wahrnehmen muss. Und das ist gar nicht so einfach. Jeder hat nicht nur eine Stimme in sich – zu jedem Thema haben Sie mehrere Antworten und Bilder. Das innere Kasperlitheater nenn ich das. Insofern ist es schon sehr kompliziert, mit sich selbst einig zu sein, sich selbst zu kennen und die eigene Haltung zu Dingen. Dann kommt Punkt 2: Die Verbindung zur anderen Person. Dieser baut auf Punkt 1 auf. Denn ohne einen stabilen Punkt 1 auf beiden Seiten haben wir rein technisch gesprochen kein gutes Widerlager, um eine Brücke zu jemand anderem aufzubauen. Und ganz unten, rot markiert, ist das, was unter dem Teppich verborgen ist. Das, was ein Paar am Anfang zusammenbringt, ohne dass diese es wissen.

zentralplus: Die Chemie?

Bendel: (Er lacht.) So kann man es auch nennen – oder etwas weniger schön: Die Kollusion oder der gemeinsame Grundschmerz. Das ist das, weshalb man einhakt. In der Regel handelt es sich dabei um einen Anziehungspunkt, welcher verdeckt bei beiden ein Thema ist.

zentralplus: Das ist jetzt ganz schön abstrakt. Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Bendel: Ich hatte vor kurzem einen Mann bei mir. Seine Partnerin ist aus dem Nichts heraus plötzlich gegangen. Ihr fehle der Kick, das Abenteuer. Er selbst hat in dieser Situation gesagt, wahrscheinlich seien sie sich zu ähnlich. Beide sind sie eher ruhig, zurückhaltend und eigentlich möchten beide wilder sein, auch mal ausbrechen. Aber man hängt sein eigenes Problem dann am anderen auf. Man kann das Projektion nennen, oder Delegation. Der andere soll unbewusst Dinge übernehmen, die für einen selbst Thema wären.

«Der Killer ist, wenn man nicht in Kontakt ist.»

zentralplus: Was hilft dagegen?

Bendel: Sich über die eigenen Erwartungen im Klaren zu sein und diese auszudrücken. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen über sich und die Welt und eigentlich keine Ahnung, wie diese beim anderen aussehen. Der Psychotherapeut Michael Lukas Möller hat das einmal super ausgedrückt: «Ich weiss dich nicht.» Eigentlich müssten alle Paare erst mal ein Stelleninserat machen: Was möchte ich, beziehungsweise was erwarte ich. Und was biete ich an. Es ist immer sehr spannend, das mit Paaren zu machen. Weil auf die Idee zu sagen, was biete ich, darauf kommen die wenigsten. Aber es wäre ja ganz schlimm, wenn man nichts anzubieten hätte.

zentralplus: Was sind die grossen Beziehungskiller? Kinder? Untreue?

Bendel: Nein. Der Killer ist, wenn man nicht in Kontakt ist. Paarbeziehungen entwickeln sich immer auseinander – weil die eigene Persönlichkeit immer ausgeprägter wird. Wichtig ist deshalb, dass der Austausch immer stattfindet. Dass immer wieder eine Verbindung entsteht.

zentralplus: Was sind die kleinen Killer?

Bendel: Davon gibt einige. Der Paartherapeut John Gottman hat dazu geforscht. Er hat zu diesem Zweck viele Paare zusammen eingesperrt. (Er lacht und schüttelt den Kopf.) Also Freiwillige natürlich. Er nennt diese «kleinen Killer» apokalyptische Reiter. Es sind Kritik, Verachtung, Abwehr, Abblocken, Empörung, Gleichgültigkeit. Viele dieser Dinge können zwar in einer Beziehung stattfinden, aber wie man damit umgeht ist die Frage. Das Ende kommt, wenn diese Minuspunkte nicht durch positive aufgewogen werden. Die Positivpunkte sind zum Beispiel Humor, Zustimmung, Zuwendung, Dankbarkeit, Zuneigung. Und die goldene Formel von Gottman ist dabei ganz schön brutal: Es braucht ein Verhältnis von einem Minuspunkt zu fünf Positivpunkten, damit ein Beziehung funktioniert.

zentralplus: Gibt es ein Allheilmittel für Beziehungsprobleme?

Bendel: Ein einziges bestimmt nicht. Aber Heilmittel wie diese positiven Punkte von Gottman. Heilsame Momente braucht es immer wieder – da man immer mal wieder aneckt, auch wenn man sich gern hat wie verrückt.

Ein Buch zum Reden

Gemeinsam mit der Zuger Sex-Expertin Caroline Fux hat Bendel Anfang 2016 den Ratgeber «Das Paar-Date – miteinander über alles reden» herausgebracht.

Damit stellen die beiden eine Gesprächsmethode vor, die sicherstellt, dass Paare langfristig miteinander im Gespräch bleiben, sich immer wieder neu entdecken und weiterentwickeln.

Auch Bendels Co-Autorin Caroline Fux hat zentralplus bereits ausgefragt. Das Interview über Fasnacht, Porno und über die neuen Sex-Tabus finden Sie hier.

zentralplus: In Ihrem Buch «Das Paar-Date», welches Sie gemeinsam mit Caroline Fux herausgegeben haben, geht es vor allem um Kommunikation – was ist die Kernaussage davon?

Bendel: (Er überlegt eine Weile.) Geht immer wieder in Kontakt zueinander. Hört nicht auf, aufeinander zuzugehen und einander zuzuhören und zu erzählen.

zentralplus: Was sind in einer Beziehung eher Probleme für Männer, und was für Frauen?

Bendel: Ich behaupte ja immer noch, bei allen Unterschieden und individuellen Ausprägungen innerhalb eines Geschlechts, dass Männer und Frauen schon ziemlich verschieden sind. Bei der Sprache zum Beispiel: Der Mann vermeidet Diskussionen eher, macht Dinge oft lieber mit sich selbst aus. Frauen ist es wichtiger, verstanden zu werden, Bestätigung zu erhalten. Frauen nehmen oft einfach an, was der Partner vielleicht möchte, erfüllen das und sind dann aber noch lange mit einer Füdlibacke hässig.

«Das A und O für eine glückliche Beziehung ist Sex nicht, aber sicher eine gute Sache.»

zentralplus: Gibt es Fälle, in welchen Sie eine Trennung empfehlen – wenn Hopfen und Malz verloren ist? Tut man das als Paartherapeut überhaupt?

Bendel: Nein. Ich würde nie zu einer Trennung raten. Aber wenn es nicht weitergeht in den Sitzungen, dann rate ich zum Ende der Therapie. Manchmal weiss man nicht, was es braucht. Ein Mann zum Beispiel, der zu Beginn nichts von einer Therapie wissen wollte, der kommt jetzt regelmässig für den «Kleinen Service», wie wir das nennen. Das Paar hat keine grossen Probleme mehr, will aber immer mal wieder an sich arbeiten und Dinge versuchen.

Joseph Bendel (Bild: zvg)
Joseph Bendel (Bild: zvg)

zentralplus: Wie wichtig ist das Sexualleben in einer langfristigen, glücklichen Beziehung?

Bendel: Ja, der Sex. (Er lacht.) Da muss ich Ihnen die Anwaltsantwort geben: Es kommt darauf an. Es gibt Paare, denen es sehr wichtig ist, solche, bei welchen es immer wieder neu verhandelt werden muss, und andere, bei welchen es weniger wichtig ist. Das A und O für eine glückliche Beziehung ist es nicht, aber sicher eine gute Sache. Man könnte sagen: Sex ist das «Ölpintli».

zentralplus: Was ist Liebe?

Bendel: Die Frage ist: Ist Liebe ein Gefühl? Gefühle sind eine Reaktion auf eine Situation. Liebe entsteht, wenn zwei Menschen alle – vielleicht nicht ganz alle – Informationen und Gefühle miteinander teilen. Über die Welt und sich und den Anderen. Daraus entsteht eine gemeinsame Weltsicht, ein gemeinsames Welterleben: die Liebe. Aber es braucht immer auch eine Entscheidung dafür. Natürlich ist das nicht alles. Nur so ganz vernünftig kann man es auch nicht erklären.

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