Dieter Geissbühler (links) und Marc Syfrig diskutieren über die Salle Modulable. (Bild: lwo)
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Dieter Geissbühler (links) und Marc Syfrig diskutieren über die Salle Modulable. (Bild: lwo)

Architektenduo zerpflückt Inseli-Standort

10min Lesezeit

Nie, unter keinen Umständen, kann die Salle Modulable auf dem Inseli realisiert werden. Schon gar nicht zu diesem Preis. Dieser Überzeugung sind Marc Syfrig und Dieter Geissbühler. Die beiden bekannten Luzerner Architekten geben dem Theaterneubau nur an einem anderen Standort eine Chance. Wenn überhaupt.

Luca Wolf

Vor allem von linker Seite weht der Salle Modulable, diesem visionären 161-Millionen-Franken-Projekt, ein eisiger Wind entgegen. Bau und Unterhalt, wird moniert, würde Luzern finanziell überfordern. Zudem würde das Inseli als grüne Oase durch den massigen Neubau völlig verschandelt.

Nun schalten sich zwei bekannte Luzerner Architekten in die Diskussion ein. Und beide äussern sich aus ähnlichen Gründen sehr pointiert gegen den Inseli-Standort. Es sind dies Marc Syfrig und Dieter Geissbühler (siehe Box).

Erste Machbarkeitsstudie erstellt

Syfrig hat eine spezielle Beziehung zu diesem Thema. Zusammen mit seinem Büropartner Andi Scheitlin hat er 2009 eine Machbarkeitsstudie über die Salle Modulable erstellt. Darin haben sie als mögliche Standorte unter anderem das Lido (siehe Visualisierung unten), das Inseli sowie den Motorboothafen untersucht. Favorisiert haben sie den Theaterneubau damals zwischen Inseli und Werft. Der Campus der Musikhochschule, der damals noch Teil des Projekts war, hätte beim Motorboothafen platziert werden können. Diese Studie fand jedoch keinen Zuspruch und verschwand kurze Zeit später in den Schubladen.

So hätte gemäss der Machbarkeitsstudie von Scheitlin und Syfrig aus dem Jahr 2009 die Salle Modulable auf dem Lido, neben dem Verkehrshaus, aussehen können.
So hätte gemäss der Machbarkeitsstudie von Scheitlin und Syfrig aus dem Jahr 2009 die Salle Modulable auf dem Lido, neben dem Verkehrshaus, aussehen können. (Bild: zVg)

Zwei Architekten mit Erfahrung

Marc Syfrig (64) ist Gründer des renomierten Luzerner Architekturbüros Scheitlin & Syfrig. Das Duo hat sich etwa mit dem Zuger Eisstadion samt Hochhaus ein Denkmal gesetzt. Und um ein Haar hätte es auch den Architekturwettbewerb ums KKL gewonnen, am Schluss mussten sie sich mit Rang 2 begnügen.

Architekt Dieter Geissbühler (61) ist seit 2000 Dozent für Entwurf und Konstruktion an der Hochschule Luzern – Technik & Architektur. Zudem leitet er Projekte im Bereich Städtebau und Architektur, publiziert zu diesem Thema und er war und ist in diversen Beratungs- und Jurygremien vertreten.

Syfrig und Geissbühler geben dem Musiktheater aus folgenden Gründen keine Chance:

  • Städtebaulicher Nonsens: Das Inseli ist laut Syfrig nebst dem kleinen Vögeligärtli bei der Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB) der einzige Grünraum in der Neustadt. «Der Neubau würde die Hälfte des Platzes benötigen und das Inseli zubetonieren. Zudem würde der Bau mit seinen gewaltigen Dimensionen und den benötigten Erschliessungswegen die Aufenthaltsqualität massiv beeinträchtigen.» Syfrig ist weiter überzeugt, dass der Bau sicher noch grösser wird als jetzt geplant. «Feuerpolizei, Haustechnik, Erschliessung – wenn unsere Verwaltung das konkrete Projekt auf alle Vorschriften überprüft, wird alles noch viel mehr Platz benötigen.»

    Städtebau heisse, sorgfältig mit diesen Flächen umzugehen. Als Kompensation das alte Luzerner Theater an der Reuss abzureissen und dort einen neuen öffentlichen Platz zu schaffen ist für Geissbühler kein Argument: «Der Platz dort hätte unter anderem wegen viel geringerer Sonneneinstrahlung nicht die gleiche Qualität wie das Inseli.» Die beiden Architekturexperten fordern deshalb: «Das Inseli soll als Erholungsraum für die Neustadt und das Bahhofquartier gestaltet werden.»

 

Der Neubau (orange) kämte sehr nahe ans Seeufer. Grau eingezeichnet ist der heutige Carparplatz, der aufgehoben würde.
Der Neubau (orange) kämte sehr nahe ans Seeufer. Grau eingezeichnet ist der heutige Carparplatz, der aufgehoben würde. (Bild: zVg)

  • Baurechtlich ein schwarzes Loch: Mit der Festlegung auf den Standort Inseli droht den Verantwortlichen von Stadt, Kanton und Stiftung ein zäher, langwieriger und teurer Rutenlauf durch die Gerichtsinstanzen, sagen die beiden Architekten. Dass der Landschaftsschutzverband Vierwaldstättersee (LSVV) geballten Widerstand angekündigt habe, sei ein erstes sehr schlechtes Omen. «Der LSVV wird bis vors Bundesgericht gehen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche», sagt Syfrig.  «Das Bundesgericht wird dem LSVV und weiteren Einsprechern wohl Recht geben.» Die Gerichtsprozesse können, bis zu acht Jahre dauern – mit völlig ungewissem Ausgang.

    Als Begründung führen Syfrig und Geissbühler auf:
    - Uferschutz: Das Inseli befindet sich historisch in einer Grünzone und müsste umgezont werden. Doch dies würde vor Gericht nie standhalten, sagt Geissbühler und führt aus: «Der geplante Neubau käme bis auf wenige Meter ans Seeufer heran. Gesetzlich vorgeschrieben sind aber 20 Meter.» Das Bundesgericht pflegt in solchen Fragen eine sehr rigide Rechtsprechung und erlaube kaum Ausnahmen, weiss Geissbühler. Zumal bei der Salle Modulable kein öffentliches Interesse – ein entscheidender Punkt vor Gericht – geltend gemacht werden könne. Syfrig fasst es in markige Worte: «Dieses Vorhaben ist an dieser Stelle chancenlos. Wer etwas anderes sagt, glaubt an den lieben Gott.»

    - Entschädigungen: Entlang der Werftstrasse, vis-a-vis vom Inseli, steht ein langgezogenes Gebäude. Dort wohnen und arbeiten viele Leute. Wenn man diesen Leuten ein Haus vor die Nase stellt, das mit bis zu 32 Metern noch höher ist als ihres, dann hat das massive Auswirkungen auf deren Wohnqualität: Viel mehr Schatten, viel weniger Aussicht. «Die vielleicht 20 Eigentümer der Wohnungen werden mit Bestimmtheit Schadenersatz fordern, weil ihre Wohnungen an Wert verlieren», prognostiziert Syfrig. Er schätzt, dass pro Wohnung bis zu einer halben Million Franken erstritten werden könnten. Total könnten auf Stadt, Kanton und Stiftung also weitere Forderungen von 10 Millionen Franken niederprasseln. Dieses Geld würde, so Geissbühler, natürlich für die Salle Modulable fehlen.

 

Auf dieser Volumenstudie ist gut ersichtlich, wie die Nachbarschaft entlang der Werftstrasse vom Neubau betroffen wäre: Weniger Aussicht und Sonne.
Auf dieser Volumenstudie ist gut ersichtlich, wie die Nachbarschaft entlang der Werftstrasse vom Neubau betroffen wäre: Weniger Aussicht und Sonne.

  • Bevölkerung lehnt Standort ab: SP, Grüne und BDP haben sich bereits kritisch bis sehr kritisch über den Standort geäussert. Und weil der LSVV auch von der CVP getragen werde, glaubt Geissbühler, dass insgesamt über ein Drittel der Bürgerlichen gegen den Standort Inseli seien. «Bei einer Volksabstimmung würden 60 Prozent Nein sagen», wagt sich der Architekt auf hellseherisches Terrain.

  • Finanziell ein gewaltiges Risiko: Aktuell wird fürs gesamte Projekt mit Kosten von 208 Millionen Franken gerechnet. Der Theaterbau selber soll 161 Millionen kosten. Dieter Geissbühler warnt aber: «Solche Bauten werden immer viel teurer! Ich gehe bei der Salle Modulable auf dem Inseli vom Doppelten aus.» Denn es gäbe weltweit kaum vergleichbare Häuser, was eine realistische Berechnung massiv erschwere. «Ob all der gesetzlichen und baulichen Risiken dieses Projekts würde ein Totalunternehmer hohe Risikoprämien verlangen. Das würde die Kosten weiter in die Höhe treiben», ist sich Geissbühler sicher.

«Das ist doch ein Witz»

Die beiden Luzerner Architekten wehren sich aber nicht einfach gegen die Salle Modulable. Sie favorisieren einfach einen anderen Standort – den Motorboothafen. Dieser sei viel weniger umstritten und mit viel weniger Risiken behaftet. Zudem würde er zu einer Aufwertung des Seeufers bis zum KKL führen. Doch laut den Salle-Verantwortlichen ist dieser Standort zu weit weg vom KKL/Bahnhof und zu unattraktiv für Besucher. Geissbühler gerät in Rage, wenn er das hört: «Dieses Areal ist bloss 300 Meter vom Inseli entfernt. Es ist doch ein Witz zu behaupten, dass das zu weit weg sei.»

Mit bestem Dank zurück

Und falls das gewagte Projekt nun schon an der ersten der beiden angekündigten Volksabstimmung am 27. November scheitert? «Dann bleiben wir eben bescheiden und erweitern das alte Luzerner Theater. Für 50 Millionen Franken kann man da etwas Gutes machen», sagt Marc Syfrig. Auf diese Weise wären auch die Betriebskosten zu stemmen. Diese betragen beim Luzerner Theater 24, bei der Salle Modulalbe 31 Millionen, was allen viel zu viel ist. Syfrig rät Mut zu haben und zu sagen: «Danke für das Millionengeschenk, aber wir können es uns nicht leisten und es hat hier keinen Platz.»

Alles Anfänger?

Hört man den beiden Architekten zu, denkt man unweigerlich: Sind das alles Anfänger, die den Standort Inseli vorgeschlagen haben? Haben die von nichts eine Ahnung? Syfrig lächelt und sagt: «Liebe macht blind.» Zudem hat er den Verdacht, dass den Verantwortlichen auch klar ist, dass aus der Salle Modulable auf dem Inseli nichts wird. Dass das Projekt also gar nicht realisierbar ist, weil die beiden anderen Standorte Theaterplatz und Motorboothafen die Auflagen auch nicht erfüllen. «Ich habe Verständnis, dass mit dem vielen Geld aus der Schenkung von Engelhorn etwas versucht werden muss. Aber nun ist es Zeit für den geordneten Rückzug.»

zentralplus hat Hubert Achermann, Präsident der Stiftung Salle Modulable, mit all den vielen kritischen Fragen eingedeckt, die momentan rund um das Projekt im Raum stehen. Dieses grosse Interview servieren wir Ihnen in den nächsten Tagen.

Hinweis: zentralplus hat alle bisherigen Artikel in einem informativen Dossier vereint. HIER finden Sie alles über das ambitionierte Projekt.

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