So gemütlich das aussehen mag, die Tierzucht ist für die hohen Luzerner Ammoniakwerte verantwortlich. (Bild: lid.ch)
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So gemütlich das aussehen mag, die Tierzucht ist für die hohen Luzerner Ammoniakwerte verantwortlich. (Bild: lid.ch)

Kanton Luzern: Die Kacke ist am Dampfen

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Der Kanton Luzern hat ein massives Problem mit Ammoniakemissionen aus der Landwirtschaft. Demnächst will er bekannt geben, ob seine bisherige Schadensbegrenzung funktioniert oder nicht. Wer viel erwartet, dürfte enttäuscht werden.

Es stinkt heftig: Die Rinder, Schweine und Hühner versäubern sich im Kanton Luzern zwar nicht mehr als anderswo, doch sie tun es in riesiger Zahl. Dabei produzieren sie unter anderem auch Unmengen von Ammoniak.

Das stechend riechende Gas, das an einen «davonlaufenden» Camembert erinnert, kommt im Kanton Luzern besonders häufig vor, 90 Prozent stammen aus der Tierhaltung.

«Es wird wie mit einer Giesskanne über die ganze Landschaft verteilt.»

Samuel Ehrenbold, Pro Natura Luzern

Das zeigt die Belastungskarte das Bundesamtes für Umwelt (Bafu): Neben der Ostschweiz ist der Kanton Luzern ein veritabler Hotspot für Ammoniakemissionen. Schon 2015 hätte die Regierung Antworten liefern sollen, wie sie dieser Belastung beikommen will. Doch sie ist damit verspätet, wie wir noch sehen werden.

Folgen zeitlich verzögert

Den Menschen schadet Ammoniak kaum. Die stickstoffhaltige Verbindung, die hauptsächlich aus dem Kot und dem Harn von Rindern, Schweinen und Hühnern stammt, hat jedoch eine fatale Wirkung auf empfindliche Lebensräume: Ammoniak wirkt als Dünger. Dieser Dünger wird über die Luft in Magerwiesen, Moore und Wälder verfrachtet. «Es wird wie mit einer Giesskanne über die ganze Landschaft verteilt», sagt Samuel Ehrenbold von Pro Natura Luzern. «Man kann das nicht verhindern.»

Die Folgen der Ammoninakdüngung stellen sich zeitlich verzögert ein. Thomas Joller, bis 2015 Dienststellenleiter in der Dienststelle Umwelt und Energie (uwe) beim Kanton, brachte die Effekte auf den Punkt: «Flechtenarten verschwinden, Magerwiesen werden selten, Schmetterlingsarten verschwinden, die rote Liste der Vögel wird länger, die Moore trocknen zunehmend aus und werden durch Holzgewächse überwachsen.» Ausserdem würden Waldbäume anfälliger gegen Schädlinge und Windwurf und die Waldböden versauern.

Emissionen «viel zu hoch»

Das Problem ist schon lange bekannt: «Im Kanton Luzern sind die Ammoniakemissionen viel zu hoch», sagt Beat Marty, Abteilungsleiter für Energie, Luft und Strahlen im uwe. Dasselbe Fazit zieht auch das zuständige Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartement (BUWD). In der Antwort auf eine Anfrage von SP-Kantonsrat Peter Fässler vom Mai 2015 schreibt das BUWD, die Ammoniakkonzentrationen lägen mehr als das Doppelte über dem ökologisch vertretbaren Mass.

«Wir konnten mangels interner Ressourcen die Erfolgskontrolle noch nicht abschliessen.»

Dienststelle Umwelt und Energie

In Zahlen: 3 Mikrogramm Ammoniak pro Kubikmeter Luft gelten als Grenzwert. «Dieser Grenzwert ist als Schutzwert für naturbelassene Ökosysteme zu verstehen», sagt Rudolf Weber von der Abteilung Luftreinhaltung und Chemikalien im Bundesamt für Umwelt, «es ist wichtig, dass wir diese Schutzziele erreichen».

Violett markiert sind Belastungen von 7 Mikrogramm Ammoniak pro Kubikmeter Luft. Man sieht den Ammoniak-Hotspot Luzern.
Violett markiert sind Belastungen von 7 Mikrogramm Ammoniak pro Kubikmeter Luft. Man sieht den Ammoniak-Hotspot Luzern. (Bild: bafu)

Ziel: Reduktion um 20 Prozent

Davon ist der Kanton Luzern weit entfernt. Der Mittelwert liegt hier bei 7 Mikrogramm Ammoniak pro Kubikmeter Luft. Und dabei ist, wie das BUWD in der Antwort an Kantonsrat Fässler feststellt, kein Trend zur Abnahme der Ammoniakemissionen erkennbar. Das Ziel einer Reduktion werde voraussichtlich nicht erreicht: Es geht um eine Reduktion um 20 Prozent bis 2020.

Gleichzeitig versprach die Regierung, sie werde bis Ende November 2015 die bisherigen Massnahmen einer Erfolgskontrolle unterziehen. Referenz ist dabei der Massnahmenplan Ammoniak aus dem Jahr 2007. Gleichzeitig versprach die Regierung, auch den Massnahmenplan selbst zu überprüfen. Beides ist nicht geschehen.

«Die Arbeit ist komplex, und wir konnten mangels interner Ressourcen die Erfolgskontrolle noch nicht abschliessen», sagt Beat Marty von der Dienststelle Umwelt und Energie. «Doch jetzt arbeiten wir an der Endfassung.» Beat Marty verrät schon einen Trend: «Wir konnten keine statistisch signifikante Abnahme der Ammoniakemissionen feststellen, sie stagnieren auf hohem Niveau.»

«Tierwohl und Ammoniakemissionen stehen in einem Zielkonflikt.»

Beat Marty

Beat Marty spricht von einer vertrackten Situation. Der Kanton habe eine tierproduktionslastige Landwirtschaft, und seit dem Jahr 2000 seien die Tierbestände stark gewachsen (siehe Infobox). Hinzu komme, dass das verbesserte Tierwohl ebenfalls zu vermehrten Ammoniakemissionen beitrage: «Viele Landwirte und Landwirtinnen haben auch vom Anbind- zum Laufstall gewechselt oder die Auslaufhaltung eingeführt. Dadurch wird mehr Ammoniak freigesetzt. Tierwohl und Ammoniakemissionen stehen in einem Zielkonflikt.»

Wachsende Tierbestände

Der Kanton veröffentlicht neue Zahlen über die Entwicklung der Tierbestände im Einzugsgebiet des Baldeggersees. Es geht dabei um den Zeitraum von 2000 und 2014. Demnach stieg die Zahl der Schweine von rund 26’700 auf 31’100, die Zahl der Hühner sogar von 59’300 auf 87’200. Die Zahl der Rinder stieg von 9100 auf 9600.

Die Luzerner Regierung sagt, sie werde auch künftig neue Ställe und Tieraufstockungen bewilligen, wenn bestimmte Bedingungen eingehalten werden. Ein Güllenmoratorium zum Schutz des Baldeggersees kommt für die Regierung nicht infrage. Stattdessen soll die überschüssige Gülle weggebracht werden.

Marty fügt bei, auch die Neuausrichtung der Landwirtschaftspolitik 2014/18 könne keine schnellen Resultate liefern. «Hier gab es eine Verschiebung von Tierhaltungs- zu Flächenbeiträgen, doch das wirkt eher langfristig.»

Daneben existieren technische Lösungen. Dazu gehören sogenannte Luftwäscher in neuen Hühnerställen oder Schleppschläuche beim Güllenaustragen, damit möglichst wenig Ammoniak in die Luft gelangt. Der Einsatz von Schleppschläuchen wurde in den vergangenen Jahren über ein Ressourcenprogramm vor allem mit Bundesgeldern finanziert, also von den Steuerzahlern. Für bestehende Stallbauten hingegen sind laut dem BUWD Sanierungsverfügungen «ausdrücklich nicht vorgesehen». Sie vernebeln weiterhin Ammoniak in die Umwelt.

Bei Kantonsrat Hasan Candan, der für die SP in der der Kommission für Raumplanung, Umwelt und Energie sitzt, kommt das schlecht an. «Die externen Kosten der Tierhaltung im Kanton Luzern werden nicht berücksichtigt», sagt er, «vielmehr werden sie der Allgemeinheit überwälzt.» Es sei zudem stossend, dass der Kanton das Problem vor sich herschiebe. «Die Bauernlobby im Kantonsrat ist viel zu stark, die Regierung getraut sich nicht, ihr auf die Füsse zu treten.»

Der Kanton, fügt Candan bei, sei bei der Umstellung auf eine nachhaltige Landwirtschaft viel zu wenig innovativ. «Der Kanton muss neue Wege gehen. Das ist auch im Interesse der Bauern», meint er, «aber vor allem auch der Natur und der Bevölkerung.» Und Samuel Ehrenbold von Pro Natura Luzern meint: «Es ist langsam Zeit, dass der Kanton mehr unternimmt, um die Magerwiesen, Moore und Wälder zu schützen.»

Hinweis: Das Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartement (BUWD) hat am Dienstag eine Anfrage des grünen Kantonsrates Andreas Hofer vom letzten Dezember beantwortet. Es geht dabei um den Zustand des Baldeggersees, über den kürzlich auch zentralplus berichtete.

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