Marc Zihlmann reist mit der 3D-Brille im Verkehrshaus ins Tessin (Bild: Sandro La Marca)
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Marc Zihlmann reist mit der 3D-Brille im Verkehrshaus ins Tessin (Bild: Sandro La Marca)

«Jetzt bini grad im Verzascatal, Leandro!»

6min Lesezeit

«Gegen mein iPad würde ich es nicht eintauschen» – dies das Fazit eines Teenagers zur 3D-Installation im Rahmen der NEAT-Sonderausstellung im Verkehrshaus Luzern. Die 3D-Brille erlaubt es den Besuchern, auf dem Sessel sitzend durch den Gotthardtunnel ins Tessin zu fliegen. Wir haben das Gerät getestet.

Sandro La Marca

Als Tupfen auf dem i der Sonderausstellung «NEAT – Tor zum Süden» liessen sich das Verkehrshaus Luzern und Ticino Tourismus etwas Besonderes einfallen: In schwindelerregender Höhe und in nicht genauso schwindelerregender Tiefe können hier die Besucherin oder der Besucher das Tessin und seine Wahrzeichen hautnah erleben – ohne ins Tessin reisen zu müssen. Denn das Tessin kommt bei dieser Installation zum Eintauchen direkt zum Besucher ins Museum.

Was für gewöhnlich als blosse Marketing-Floskel benutzt wird, um Besucher in eine Ausstellung «für alle Sinne» zu locken, ist hier ernst gemeint. Umgesetzt wurde dies anhand einer mit 360°-Rundumsicht ausgestatteten Videoinstallation, in der sich der Besucher durch die Gotthardröhre und ins Tessin begibt, während er im Verkehrshaus auf einem Sessel sitzt. Lediglich eine 3D-Brille (Oculus Rift) wird dabei benötigt. Die digitale 3D-Umgebung ist dabei so detailliert nachgebaut, dass sich bei den Besuchern tatsächlich ein immersives Erlebnis einstellt. Das Gefühl, tatsächlich im Tessin zu sein, manifestiert sich durch wirres Umsichgreifen der Besucherschaft. Mit offenen Mündern sieht man hier Besucherinnen und Besucher das Tessin erkunden. Ein eigenartiges Vergnügen, doch die Installation kommt gut an.

«Die Bohrmaschine ist gerade an mir vorbei!»

«Die 3D-Brille funktioniert bei Klein und Gross und braucht keine Computer-Vorkenntnisse», verrät uns Patrik Marty von der Entwicklerfirma Responsive AG. Wir wollen das genauer wissen und mischen uns unter die virtuellen Fahrgäste.  Ein junger Teenager hat soeben Platz genommen: Für Leandro steht nach der spektakulären Fahrt durchs Tessin und durch den historischen Gotthardtunnel fest: «Das ist ein Highlight.» Das 3D-Spiel mit der Realität der Besucher hat auch dem Digital Native ein erstauntes «Wow, ist das cool!» entlockt.

Leandro mit der 3D-Brille – aber sein iPad habe «die bessere Auflösung».
Leandro mit der 3D-Brille – aber sein iPad habe «die bessere Auflösung». (Bild: Sandro La Marca)

Sein Mami Anne-Marie steht gleich neben Leandro. Sie ist heute extra mit ihm aus dem Tessin angereist und hat die reale Zugfahrt hinter sich. Kurze Zeit nach Leandro zieht auch sie sich die Brille über. «Sind Sie schon draussen?», fragt ein Ausstellungsbetreuer von der Seite und meint den Gotthardtunnel. «Ja, die Bohrmaschine ist gerade an mir vorbei!», antwortet sie verdutzt und schaut den Arbeitern noch ein wenig beim Bau zu.

Einige Sekunden später ist sie durch: «Jetzt bini grad im Verzascatal, Leandro!», sagt sie und entdeckt gleich darauf noch mehr aus ihrer Heimat: «Uuuuhh un Grotto! Ist das schön … wo ist das wohl? Da gehen wir grad ane.» Als am Himmel über Lugano plötzlich ein Feuerwerk aufschiesst, ist die Tour zu Ende: «Ticino Switzerland» steht da.

«Die Auflösung ist schlechter»

In dieser Zeit hat zwei SBB-Sitze nebenan – diese wurden für die Installation stilecht in der Ausstellungshalle montiert – auch Marc Zihlmann die Reise miterlebt. Er arbeite «beim besten Telekommunikationsanbieter der Schweiz» tagtäglich in den virtuellen Welten der Informations-Technologien, verrät er uns mit einem Lächeln. Begeistert hat ihn bei der Installation vor allem der animierte Durchbruch des Gotthardtunnels, weniger begeistert zeigt er sich von der Auflösung der virtuellen Bilderwelt. Auch die Gerüche rundherum passten für den Besucher nicht zu den dargestellten Bildern, findet Zihlmann, und stören das Realitätsempfinden. Und das Gewicht der VR-Brille hindert etwas das freie Umherschweifen.

Marc Zihlmann (sitzend) lässt sich die 3D-Brille von einem Verkehrshaus-Mitarbeiter erklären.
Marc Zihlmann (sitzend) lässt sich die 3D-Brille von einem Verkehrshaus-Mitarbeiter erklären. (Bild: Sandro La Marca)

Es spielen eben doch alle Sinne mit, wenn es darum geht, Realität von Fiktion zu trennen. So einfach lässt sich das menschliche Gehirn nicht austricksen. Zihlmann ist in seiner Freizeit Astronomie-Fan. Auch wenn es bereits ähnliche virtuelle Programme für die schwerelose Erkundung des Sonnensystems gibt: Er ist noch nicht genug von den immersiven Qualitäten dieser Installation überzeugt, um ein System für zu Hause anzuschaffen. Auch bei seinem jüngeren Nachbar-Fahrgast sieht es ähnlich aus. Gegen sein iPad würde Leandro es nicht eintauschen wollen: «Die Auflösung ist schlechter.»

«Das wäre super für alte Leute, die nicht mehr reisen können.»

Anne-Marie, Besucherin

Grosses Potenzial für virtuelle Realitäten

Obwohl die aufkommenden 3D-Programme auch nur eine Modeerscheinung innerhalb der fortschreitenden Digitalisierung unserer Lebenswelt bleiben könnten: Die virtuelle Technologie birgt Potenzial für die realen Probleme der Menschen, nicht nur für die Kommunikationsbranche und den Tourismus, sondern auch im täglichen Leben. «Das wäre super für alte Leute, die nicht mehr reisen können», denkt Besucherin Anne-Marie voraus und kann sich zu Recht keine ökologischere Variante des Reisens vorstellen. Durch das virtuelle Reisen könnten Umweltschäden durch den ansteigenden Kerosinverbrauch durch Billigfliegerei gemindert und so die reale Welt zu einem saubereren Ort werden. Andererseits ist man auch für die virtuelle Welt extra aus dem Tessin ins Verkehrshaus gereist, wie im Fall der reiselustigen Besucherin. Sollte vielleicht Binnentourismus real und internationales Reisen, das umweltschädlicher ist, in Zukunft virtuell ablaufen?

Oliver Burger vom Verkehrshaus ist jedenfalls überzeugt von der Installation der Zukunft: «Es ist vorstellbar, dass im Verkehrshaus weitere Stationen mit Virtual-Reality-Brillen zum Einsatz kommen. Bei der Vielfalt an Mobilitätsthemen sind die Möglichkeiten unbegrenzt.»

Der Gotthardtunnel und das Tessin sind noch bis am 23. Oktober virtuell im Verkehrshaus zu sehen.

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