Das Haus «Gundula» an der Obergrundstrasse 99. (Bild: lru)
Gesellschaft Kultur Stadtplanung

Das Haus «Gundula» an der Obergrundstrasse 99. (Bild: lru)

«Wieso stand diese Villa leer, Herr Bodum?»

12min Lesezeit

Die Villa an der Obergrundstrasse 99 stand lange leer, nun ist sie besetzt: Nach dem Willen der Gruppe «Gundula» soll ein selbstverwaltetes Kulturzentrum daraus werden. Der Besitzer hingegen will das Haus räumen lassen – und äussert sich gegenüber zentralplus erstmals öffentlich. Er gibt den Schwarzen Peter an die Stadt weiter.

Gleich hinter der Pauluskirche stehen an der Obergrundstrasse vier alte Villen. Drei von ihnen stehen seit Jahren leer – die Häuser mit der Nummer 95, 99 und 101. Das zumindest stimmte bis Samstag. Dann nämlich besetzte eine Gruppe mit dem Namen «Gundula» das Haus an der Obergrundstrasse 99 (zentralplus berichtete).

zentralplus hat schon mehrmals versucht herauszufinden, wieso die herrschaftlichen Stadtvillen leer stehen. Die Häuser Nr. 99 und 101 gehören der Bodum Invest AG mit Sitz in Triengen – und diese wiederum dem Eigentümer des Familienunternehmens, Jørgen Bodum. Auf unsere Anfragen hatte Bodum bisher nicht reagiert.

Nach der Besetzung eines der Häuser stellt sich Bodum nun der Öffentlichkeit. Jørgen Bodum wollte jedoch nur schriftlich Stellung nehmen. Das Interview wurde in Englisch geführt.

«Alles wurde an unsere Anwälte weitergeleitet, die sich darum kümmern werden.»

Besitzer Jørgen Bodum

zentralplus: Wie reagieren Sie auf die Besetzung des Hauses an der Obergrundstrasse 99?

Jørgen Bodum: Alles wurde an unsere Anwälte weitergeleitet, die sich darum kümmern werden.

zentralplus: Was haben Sie Ihren Anwälten gesagt, dass sie tun sollen? Wollen Sie das Haus räumen lassen oder möchten Sie die Besetzer gewähren lassen, bis Ihr Projekt startklar ist?

Bodum: Ich gebe meinen Anwälten keine Tipps, es läuft andersrum.

zentralplus: Was haben Sie mit den Häusern an der Obergrundstrasse 99 und 101 vor? Weshalb stehen diese leer und wie lange schon?

Bodum: Seit ich die zwei Häuser im Dezember 2013 gekauft habe, haben wir an Projekten für beide Häuser gearbeitet. Für das Haus an der Nummer 101 werden die Arbeiten im Sommer beginnen.

«Was mit dem Haus geschieht, entscheiden nicht wir, sondern die Stadt Luzern.»

Besitzer Jørgen Bodum

zentralplus: Und was ist der Fahrplan für das weitere Vorgehen beim Haus an der Obergrundstrasse 99?

Bodum: Was mit dem Haus geschieht, entscheiden nicht wir, sondern die Stadt Luzern.

zentralplus: Warum haben Sie die Häuser zwei Jahre lang leer stehen lassen?

Bodum: Wir konnten nicht starten. Wir haben an verschiedenen Projekten gearbeitet, nun kommen wir mit der Stadt langsam zu einer Einigung.

zentralplus: Wie reagieren Sie auf den Vorwurf, die Häuser absichtlich verlottern zu lassen, um sie später abreissen zu können?

Polizei: «Besitzer war hier»

Auf Anfrage bestätigt die Luzerner Polizei, mit Jørgen Bodum, dem Besitzer des besetzten Hauses in Kontakt zu sein: «Der Besitzer war bei uns», sagt Mediensprecher Kurt Graf. Man habe ihm den Ablauf erklärt, falls er das Haus räumen lassen wolle. «Er hat angekündigt, die Räumungsaufforderung jetzt in die Wege zu leiten.» Sobald die Polizei den Auftrag zur Räumung erhalte, müsse sie dieser Folge leisten, so Graf: «Wir werden uns darum bemühen, dass das friedlich abläuft.»

Bodum: Es werden Falschinformationen herumgereicht. Ich konnte nichts machen, bevor die Stadt Luzern nicht einwilligt. Ich habe seit Tag eins an verschiedenen Projekten gearbeitet.

zentralplus: Warum haben Sie unsere früheren Anfragen ignoriert?

Bodum: Es könnte sein, dass ich anderes zu tun habe. Ich werde nichts mehr dazu sagen.

Ein aufschlussreiches Interview sieht anders aus. Nachfragen waren keine möglich. Bodums Herz scheint mehr für Küchengeräte zu schlagen, denn für Kommunikation. Eines jedoch wird aus dem Interview klar: Bodum gibt der Stadt Luzern die Schuld für den langen Leerstand.

Bodum will abreissen – darf aber wohl nicht

Wie Insider gegenüber zentralplus bestätigten, wollte Bodum die alten Villen abreissen lassen und auf dem Grundstück grössere Neubauten erstellen. Der Gestaltungsplan würde grundsätzlich eine höhere Ausnutzung erlauben. Bei der Stadt Luzern ist Bodum damit jedoch auf Granit gestossen: «Die Häuser befinden sich in der Ortsbildschutzzone B und die beiden Gebäude sind im provisorischen Bauinventar als erhaltenswert eingestuft», sagt Markus Hofmann, Leiter Ressort Baugesuche bei der Stadt Luzern dazu.

Das heisst: Die Villen gelten als wichtigen Teil des Stadtbildes und dürfen nicht ohne Weiteres ersetzt werden. Nur in Ausnahmefällen – etwa wenn eine Sanierung «unverhältnismässig» wäre – darf ein Haus abgerissen werden. Dieses Kriterium sah die Stadt offenbar nicht erfüllt, was Bodum ärgert. Hinzu kommt, dass ein Urteil des Bundesgerichts es momentan generell verbietet, Häuser in der Ortsbildschutzzone B abzureissen.

Zweite Villa bleibt erhalten

Die leerstehende Villa an der Obergrundstrasse 101 muss erhalten bleiben – und wird im Sommer saniert
Die leerstehende Villa an der Obergrundstrasse 101 muss erhalten bleiben – und wird im Sommer saniert (Bild: jav)

Will ein Eigentümer ein Haus in dieser Zone verändern, muss in der Praxis oft ein Kompromiss ausgehandelt werden. Einen solchen Kompromiss hat man für die Obergrundstrasse 101 offenbar gefunden: Wie Bodum im Interview ankündigt, kann dort vermutlich ab Sommer gebaut werden. Ein entsprechendes Baugesuch lag kürzlich auf, wie Markus Hofmann von der Stadt Luzern bestätigt: «Wir haben uns bei diesem Haus gefunden.»

Der Kompromiss sehe vor, so Hofmann, dass der neuere Anbau der Villa durch einen modernen, grösseren Anbau ersetzt werde. Dafür bleibt die alte Villa erhalten.

Dieser neuere Anbau an der Rückseite der Villa an der Obergrundstrasse 101 wird bald durch einen Grösseren ersetzt.
Dieser neuere Anbau an der Rückseite der Villa an der Obergrundstrasse 101 wird bald durch einen Grösseren ersetzt. (Bild: jav)

«Wir sind mit Herrn Bodum in der Diskussion.»

Markus Hofmann von der Stadt Luzern über die Zukunft des Hauses

Bei der anderen Villa der Bodum Invest – dem nun besetzten 99 – zeichnet sich ein solcher Kompromiss jedoch noch nicht ab: «Wir sind in der Diskussion», sagt Markus Hofmann von der Stadt Luzern. Auch hier will Bodum wohl neu bauen – die Stadt erhalten.

Wieso Bodum die Häuser in der ganzen Zeit jedoch hat leer stehen lassen, ist damit noch nicht erklärt.

Die Rückseite der alten Villa.
Die Rückseite der alten Villa. (Bild: lru)

Besetzer: «Asbest ist kein Problem»

Auch mit der Gruppe «Gundula», die das Haus seit Samstag besetzt, haben wir gesprochen. Sprecher Simon Steiner erzählt im Interview, was man mit der Besetzung erreichen will, wie man Schäden am alten Haus verhindert und wie man mit dem asbesthaltigen Dach des Hauses umgeht.

zentralplus: Wieso habt ihr das Haus an der Obergrundstrasse 99 besetzt?

Simon Steiner: Mit der Aktion wollen wir dagegen protestieren, dass Bodum diese Räume leer stehen lässt. Es heisst immer, es gäbe keinen Platz in dieser Stadt. Hier sehen wir: Es gibt diesen Platz und es gibt Leute, die es sich leisten können, diese Räume einfach durch Leerstand zu besetzen. Dagegen wehren wir uns mit der Aktion Gundula.

«Viele Leute verstehen nicht, dass man so ein Haus einfach leer stehen lassen kann.»

Simon Steiner, Gruppe Gundula

zentralplus: Was habt ihr mit dem riesigen Haus vor?

Steiner: Am Samstag haben 150 Leute mit uns die Villa belebt. Am Sonntag sind weitere 70 gekommen, die Ideen haben für das Haus. Wir haben gemerkt, dass das Projekt «Gundula» bei der Luzerner Bevölkerung auf sehr grosse Resonanz stösst. Viele Leute verstehen nicht, dass man so ein Haus einfach leer stehen lassen kann. Unsere Facebook-Seite hat schon über 800 Likes. Das zeigt, dass es in Luzern einen grossen Bedarf an wirklich offenen, freien Räumen gibt. Es braucht Orte, wo man nichts konsumieren muss und etwas schaffen kann, ohne zuerst ein Konzept dafür zu schreiben. So ein Ort soll «Gundula» sein. Es gibt Workshops, Diskussionsrunden, Siebdruckkurse, Spielnachmittage und natürlich auch Konzerte.

zentralplus: Wie viele Leute wohnen in der «Gundula»?

Steiner: Es wohnen um die zehn Leute hier, diese wechseln jedoch stetig.

zentralplus: Es gibt drei leere Villen an der Obergrundstrasse. Wieso seid ihr in die Nummer 99 gezogen?

Steiner: Wir haben im Vornherein Abklärungen getroffen und gemerkt, dass in den anderen beiden Häusern Umbauarbeiten im Gange oder in Planung sind. Deshalb haben die sich nicht angeboten. Wir wollen ja niemandem sein Zuhause wegnehmen, sondern etwas, was seit Jahren nicht genutzt wird, wiederbeleben. Wir besetzen das Haus nicht, sondern beleben es.

zentralplus: Ein Architekt, der das Haus kennt, hat euch am Sonntag darauf aufmerksam gemacht, dass das Dach des Hauses Asbest enthält. Gefährdet ihr damit nicht die Gesundheit der Leute, die jetzt im Haus sind?

«Die Hausregeln sind ausgehängt und wer sich daran nicht hält, muss gehen.»

Simon Steiner, Gruppe Gundula

Steiner: Nein. Der Architekt hat uns gesagt, dass das Asbest nur gefährlich ist, falls etwas am Dach verändert würde. Da wir aber im ganzen Haus nichts verändern werden, ist das keine Gefahr. Dazu haben wir die Leute im Haus informiert, dass sie sich im Dachstock nicht mehr aufhalten sollen. Sobald wir Absperrmaterial haben, werden wir den Dachstock ganz absperren.

zentralplus: Das Haus ist im Inventar der erhaltenswerten Bauten. Wenn hier drin Partys stattfinden – wie stellt ihr sicher, dass nichts kaputt geht?

Steiner: Wir sind im Haus präsent und schauen, dass es in einem gesitteten Rahmen abläuft. Die Hausregeln sind ausgehängt und wer sich daran nicht hält, muss gehen. Sie passen bei Ihnen zuhause ja auch auf, dass nichts kaputt geht. Bei uns ist es hier dasselbe. Bauliche Veränderungen werden wir keine vornehmen.

«Wir hoffen, dass Herr Bodum bald mit uns Kontakt aufnimmt. Leider hat er bisher auf keine unserer Anfragen reagiert.»

Simon Steiner, Gruppe Gundula

zentralplus: Wie lange bleibt ihr hier?

Steiner: Wir hoffen, dass Herr Bodum bald mit uns Kontakt aufnimmt, um mit uns in ein Gespräch zu kommen. Leider hat er bisher auf keine unserer Anfragen reagiert. Im besten Fall wollen wir bleiben, bis Herr Bodum das Haus wieder mit Leben füllen wird. Das kann in einem halben Jahr sein, oder in einem Ganzen, ich weiss es nicht. Im schlechtesten Fall müssen wir damit rechnen, dass das Haus nach einer Woche schon wieder geräumt wird. Eins ist klar: Die Diskussion um Freiräume wird weitergehen müssen. Und wir werden diese weiterhin führen.

Was geht in den anderen Villen an der Obergrundstrasse? Lesen Sie unseren Artikel aus dem letzten Herbst.

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