Bei manchen sieht es so leicht aus – doch ein Selbstversuch lässt die Vorstellungen schnell zerplatzen. (Bild: Anja Glover)
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Bei manchen sieht es so leicht aus – doch ein Selbstversuch lässt die Vorstellungen schnell zerplatzen. (Bild: Anja Glover)

Zu Besuch bei den Muskelbergen

5min Lesezeit

Es ist Fitness-Messe auf der Luzerner Allmend. Unsere Reporterin war vor Ort, wandelte zwischen Pülverchen und Proteinshakes und schwankte zwischen Verwirrung und Bewunderung für die gestylten Muskelprotze.

Dieses Wochenende findet in Luzern bei der Allmend die Fitness-, Sport- und Wellness-Messe statt. Meine eigenen Sportaktivitäten beschränken sich momentan auf den jämmerlichen Versuch, die noch nicht erschlafften Muskeln ein paar Mal pro Woche anzustrengen. Ich schaffe es dabei sehr oft nur bis zum Ankleiden und dann müssen auch schon meine Pflanzen dringend getränkt werden. Ich komm halt einfach nur selten dazu, Sport zu machen, und das ist auch überhaupt nicht meine Schuld, sondern die meiner durstigen Pflanzen.

Trotzdem raffe ich mich am Freitag auf und renne auf den Zug. Ich werde die Messe besuchen und vielleicht ein paar Tipps und Tricks erhalten, die nicht zu grosse Anstrengungen und keinen zu grossen Zeitaufwand verlangen.

Glatt, haarlos und nackt

Begrüsst werde ich von Pole-Tänzerinnen: Die überaus muskelreichen Geschöpfe stehen auf hohen Absätzen. Wahrscheinlich die Maxime des durchtrainierten weiblichen Körpers, ich komme mir recht plump vor. Sonja* hat das Lachen einer soeben gekrönten Miss Schweiz: Ein schönes, sympathisches abgestimmt auf Schminke und die perfekt sitzende Frisur. Sie ist höflich, erzählt von Eleganz, chinesischem Zirkus und der längst anerkannten Sportart, die harmonische weibliche Körper forme und nach drei Wochen schon im Sixpack resultiere. Wie schön.

«Komm, du kannst die Stange mal anfassen», meint sie und zieht mich auf die kleine Bühne des Stangentanzes. Ich will mich da nicht wie ein müder Kartoffelsack dranhängen. Ehe ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, ist Sonja schon dran und legt eine beeindruckend kraftvolle Show hin. Diese Tatsache ist gleich mehrfach unangenehm.

Zum einen wird sie damit sofort zum Anziehungspunkt junger Muskelprotze und erntet reichlich Lobespfiffe, zum anderen habe ich nun auch am Boden die Rolle des glotzenden plumpen Kartoffelsacks eingenommen. Die Scheinwerfer bescheinen ihren glatten und bis auf einen Bikini nackten Körper, wie er sich elegant um die Stange räkelt – und mich.

Zu viel Körperfett

Man könnte denken: «Die ist ja bloss neidisch.» Und ja, das bin ich auch. Also ziehe ich weiter, Körperfalten messen. Der Instruktor packt mich an den Hüften, reisst an Fleisch und Haut herum, was er kann – was nicht ganz schmerzlos ist – und steckt es in ein zangenartiges Ding, um zu erkennen, dass ich zu viel davon habe. «Wie alt bist du?» Auf jeden Fall sei ich zu jung für das Ergebnis, ich solle weniger Kohlenhydrate essen.

Er fasst nach: Da liesse sich jetzt wirklich was machen und auch zu wenig Schlaf hätte ich, zu schlechten, das zeigen scheinbar die Messungen an meiner Wade. Irgendwann habe ich die konstruktive Kritik durch den Schleier der Beleidigung verstanden – ich solle daran arbeiten –, weiter geht’s. Ein Ernährungsberater präsentiert mir ein kalorienloses Trauerspiel, seine Empfehlung zum Frühstück. Ich nicke, werde aber wohl darauf verzichten.

In der Halle versammeln sich muskulöse Männerkörper, auf deren Körper viel zu klein wirkende Köpfe ruhen, zahlreiche nackte Bäuche und knackige Hintern. Die Regale von Hilfsmitteln im Dienste der äusseren Schönheit reichen von Detoxpülverchen über Powerriegel bis hin zu übergrossen Boxen an Proteinshakes. Ich bin schlichtweg überfordert mit dem Angebot und entdecke was, das meine Aufmerksamkeit mehr packt: Ein vibrierendes Trainingsgerät, auf welches man sich stellen kann. Der Berater empfängt mich, demonstriert ein paar simple Übungen und warnt mich vor deren Schwierigkeit. Die Übungen sind so einfach, man kann gar nicht daran scheitern. Ich scheitere.

Wir werden immer fetter

Der Journalist Felix Hütten schrieb gestern in der Süddeutschen Zeitung: «Die Menschen werden immer fetter.» Eine klare Anschuldigung an uns alle, die er mit irgendeiner repräsentativen Statistik rechtfertigt und die deshalb wahrscheinlich berechtigt ist. Ich schlendere noch ein wenig durch die Messe, zwischen Pülverchen, Powerbeef und Detoxtee, lasse mich für Challenges überreden und vermassle sie reihenweise. Fitness, Smoothies und Muskelversprechen reissen doch einige Besucher in ihren Bann, sie alle träumen vom perfekt schönen Körper. Am besten verkauft sich bekanntlich das eigentlich Unverkäufliche.

Es ist eine Kulisse des schönen Lächelns, der haarlosen Haut, ein Geschäft mit dem Machen von Schönheit. Zahlreiche Körper, aus deren Äusserem vor allem eines spricht: der Wunsch nach Anerkennung. Einige von ihnen bestätigen dies auch selbstbewusst.

Es entgeht nicht, dass der Veranstaltung ein klarer Imperativ innewohnt: Schön ist, wer will. Schönheit ist Macht. Und trotzdem: Ich gehe jetzt nach Hause Pflanzen tränken.

In unserer Slideshow finden Sie ein paar Eindrücke der Fitness-Messe:

* Der Name der Instruktorin wurde abgeändert

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