Auch bei den kantonalen Angeboten steht Deutschlernen im Zentrum – wie hier beim Stadtluzerner Angebot «HelloWelcome». (Bild: moe)
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Auch bei den kantonalen Angeboten steht Deutschlernen im Zentrum – wie hier beim Stadtluzerner Angebot «HelloWelcome». (Bild: moe)

«Ich hasse das Wort ‹Ausländer›»

9min Lesezeit

Der Luzerner Treffpunkt «HelloWelcome» setzt auf Integration – aber nicht nur: Wir schauten uns vor Ort um. Flüchtlinge und Einheimische bringen eigene Talente und Wünsche ein. Das Ganze funktioniert ganz gut – man spricht ganz bewusst von «neuen Menschen». Aber es werden auch kritische Töne angeschlagen.

Mirjam Oertli

Eine Baustelle versperrt an diesem Montagnachmittag den Weg zum Pavillon am Kauffmannweg 9. Nur wer auf einem schmalen Mäuerchen an der Absperrung vorbei balanciert, erreicht den Eingang. Doch sind bereits rund zwei Dutzend Leute im «HelloWelcome». «Die Baustelle ist schon länger da, aber der Zugang ist nur heute versperrt», erklärt Luisa Grünenfelder, eine der Initiantinnen des neuen Treffpunktes für Migrantinnen und Migranten und Einheimische.

«Oft reichen die Sprachkenntnisse schlicht nicht aus für einen vertieften Austausch.»

Teilnehmerin Edith Hausmann

Dass Schranken abgebaut werden, im übertragenen Sinn, das möchte Grünenfelder auch mit «HelloWelcome» erreichen. Letzten September hat sie mit Renate Metzger-Breitenfellner und Marga Varela den gleichnamigen Verein gegründet. Seit Januar betreiben die drei den Treff. Der Raum, den sie kostenlos nutzen dürfen, gehört der katholischen Kirche.

«Es geht uns nicht nur um Integration. Die Flüchtlinge sollen auch ihre Ressourcen einbringen können», erklärt Grünenfelder die Idee dahinter. Sie sollen, dies die Absicht, ihre Bedürfnisse einfliessen lassen und eigene Ideen umsetzen. So sei beispielsweise bereits ein monatlicher Eritreer-Abend entstanden, der dazu diene, Neuankömmlingen zu helfen. Jemand aus Mali gebe regelmässig Selbstverteidigungstrainings. Und auch schon habe es Lesungen eines syrischen Dichters gegeben. Grünenfelder erzählt zudem von weiteren Plänen, wie einer Nähgruppe und einem Treff für Mütter mit ihren Kindern.»

Luisa Grünenfelder, Initiantin
Luisa Grünenfelder, Initiantin

 

Hauptbedürfnis: Deutsch lernen

HelloWelcome

Der Verein HelloWelcome wurde im September 2015 gegründet. Seit Januar 2016 führt er im Pavillon am Kauffmannweg 9 in Luzern einen Treffpunkt für Flüchtlinge, Asylsuchende, MigrantInnen und Einheimische. Der Treff wird vornehmlich von Freiwilligen betrieben. Interessierte können ihn zu den Öffnungszeiten jederzeit und ohne Anmeldung besuchen.

Die aktuellen Öffnungszeiten sind:

Montag, 14 bis 19 Uhr
Mittwoch, 14 bis 17 Uhr
Freitag, 16 bis 20 Uhr
ab Mai zusätzlich Samstag, 10 bis 13 Uhr

Geplant ist, ab Sommer 2016 täglich geöffnet zu haben.

An diesem Nachmittag scheint vor allem ein Bedürfnis zu dominieren: Deutsch zu lernen. An einem kleinen Tisch sitzt Anja Zacher, eine junge Studentin, mit Elias aus Eritrea und Ajantini aus Sri Lanka. Sie erklärt den beiden den Dativ. «Wem wirft der Wärter einen Fisch zu?» fragt sie Ajantini. Die junge Frau lacht verlegen, antwortet nichts. «Ihr, der Robbe», hilft Zacher geduldig. «Ich habe im Moment keine Prüfungen und mein Praktikum beginnt erst später», sagt sie. Deshalb habe sie grade Zeit und komme seit drei Wochen regelmässig. Sie habe das Privileg, neben dem Studium nicht arbeiten zu müssen. «Auf diese Weise möchte ich etwas zurückgeben.»

Auf der anderen Seite des Raums sitzen rund ein Dutzend Männer um einen grossen Tisch. «Die meisten kommen aus Eritrea, Syrien, Afghanistan oder Tibet», erläutert Luisa Grünenfelder, bevor sie sich selbst dazusetzt. Auch hier wird fleissig Deutsch geübt. Drei ältere Frauen unterstützen, wo Hilfe gefragt ist.

Eine davon ist Edith Hausmann. Früher, erzählt sie, sei sie viel gereist. So war sie selbst schon in vielen der Länder, aus denen die Flüchtlinge hier stammten: In Afghanistan, Pakistan, Syrien, Iran und im Jemen. Jetzt sei sie pensioniert und komme deshalb jeden Montag ehrenamtlich hierher. «Ich freue mich, dass ich auch hier den Austausch mit Leuten aus fremden Kulturen pflegen kann. So muss ich nicht mehr selbst reisen», lacht sie.

Über die Schicksale der einzelnen Menschen erfährt sie dabei wenig. «Oft reichen die Sprachkenntnisse schlicht nicht aus für einen vertieften Austausch.» Sie stelle allerdings auch keine Fragen, denn das, so findet sie, sei Aufgabe von Fachleuten.

Ein nettes Gefühl vermitteln

Die Verständigung ist tatsächlich bisweilen schwierig. Auf einfache Fragen folgen unsichere Blicke, ein Lächeln, ein Schulterzucken. Wilad, ein Mann aus Syrien, weiss sich ein Stück weit mit einer Handy-App zu helfen. Er zeigt das Display: «Ich spreche nur wenig Deutsch», steht da. Mit Sentha aus Sri Lanka spielt er Bildermemory. Unter den Bildern steht jeweils das deutsche Wort. Gemeinsam versuchen sie, die Wörter richtig auszusprechen: Flugzeug, Gummibärchen, Föhn. Wilad zeigt erneut sein Handy: «Könnten Sie mir bitte helfen?» Auch seine Miene macht deutlich, dass er wissen will, ob er seine Sache gut macht. Bei aller Konzentration und Ernsthaftigkeit wird aber auch viel gelacht.

Eine dunkelhaarige Frau mittleren Alters ermahnt Wilad, sein Handy nun wieder wegzulegen: Minu Tighi stammt aus dem Iran und weiss ganz genau, wie schwierig die Situation der Migranten ist. Vor fünfzehn Jahren kam sie selbst als Flüchtling mit zwei Kindern in die Schweiz. Heute spricht sie fliessend Deutsch und einer ihrer Söhne, inzwischen erwachsen, kandidiert für den Luzerner Stadtrat.

An ihre erste Zeit hier erinnert sie sich dennoch gut. «Es macht Angst, wenn man neu in ein fremdes Land kommt», sagt sie. Deshalb sei es wichtig, dass man den neuen Menschen ein nettes Gefühl gebe. Genau dies will sie mit ihrer Anwesenheit im «HelloWelcome» tun – und spricht konsequent von «neuen Menschen», «denn ich hasse das Wort ‹Ausländer›.»

«Mit meinem Engagement hier will ich dem Rechtsrutsch Gegensteuer geben.»

Dorian Wurzbacher, Teilnehmer

Viele Besucher von Anfang an

Nun ist ein junger Deutscher dazugestossen. Entschlossen macht er sich daran, einer Handvoll Männer das Wort «Bein» zu erklären. «Das ist der Fuss, hier ist das Knie, und das Ganze ist das Bein.» Auch Dorian Wurzbacher, so stellt er sich vor, ist oft und regelmässig hier. Weil ihm das, was gesellschaftlich grade passiere, nicht gefällt: «Mit meinem Engagement hier will ich dem Rechtsrutsch Gegensteuer geben.»

Edith Hausmann verteilt inzwischen kleine Teller mit Vollkorncrackern auf den Tischen, setzt sich dann mit einem Eritreer auf ein Sofa und erläutert die hiesigen Feiertage. Luisa Grünenfelder ruft: «Wer möchte, kann sich mit Kaffee oder Tee bedienen.» Ein kleines Grüppchen folgt der Aufforderung und legt eine Pause ein. Die anderen lernen weiter.

«Wir sind überrascht, dass es seit dem ersten Tag so gut läuft.»

Luisa Grünenfelder, Initiantin

«Wir sind überrascht, dass es seit dem ersten Tag so gut läuft», sagt Grünenfelder. Die Leute kämen zahlreich, auch schon seien es an die 50 Personen gleichzeitig gewesen. Auch über die gute Durchmischung von Einheimischen und Migranten freut sie sich. Dass aktuell vor allem das Deutschlernen dominiert, relativiert sie: «Wir bieten keinen Sprachunterricht an. Aber da das Deutschlernen ein grosses Bedürfnis zu sein scheint, üben wir mit den Leuten Konversation und fördern das Textverständnis.»

Dass umgekehrt auch manchmal der Wunsch besteht, von Flüchtlingen zu lernen, zeigt ein Plakat an der Wand: Eine Person namens Michèle hat ihren Namen, eine Handynummer und den Vermerk «Ich möchte Tamilisch lernen» hier aufgeschrieben.

Auf Spenden angewiesen

Das Engagement der drei Initiantinnen von «HelloWelcome» ist ehrenamtlich. Zwar wird ab Mai eine Geschäftsführerin zu 60 Prozent angestellt und eine weitere 60-Prozent-Stelle soll künftig geschaffen werden. Doch dafür – und für die Aufrechterhaltung des Treffs – sei man weiterhin auf Spenden angewiesen. Auch benötige man zusätzliche Sachspenden und freiwillige Helferinnen und Helfer. «Bereits gespendet wurden Tische, Stühle, Spielzeug, Laptops, ja gar Nähmaschinen für die geplante Nähgruppe», sagt Grünenfelder. Auch an Büchern fehlt es nicht. Denn neu befindet sich auch die interkulturelle Bibliothek, die früher im Romero-Haus untergebracht war, im selben Raum.

Wilad und Sentha haben ihr Memory inzwischen beendet. Sentha hat gewonnen und strahlt. Auf die Frage, ob sie gerne Deutsch lerne, sagt sie «Ich liebe» und macht das Daumen-hoch-Zeichen. Wilad zückt derweil wieder sein Handy und lacht. Auf dem Display steht: «Ich wünsche Ihnen alles Gute.»

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