Der Zürcher Psychoanalytiker Markus Fäh erklärt, welche Aggressionen die Figur Jolanda Spiess-Hegglin in der Gesellschaft auslöst. (Bild: zvg)
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Der Zürcher Psychoanalytiker Markus Fäh erklärt, welche Aggressionen die Figur Jolanda Spiess-Hegglin in der Gesellschaft auslöst. (Bild: zvg)

«Es ist ein Vergnügen, Spiess-Hegglin fertigzumachen»

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Jolanda Spiess-Hegglin war letztes Jahr eine der meistgegoogelten Personen in der Schweiz. Das Interesse am Zuger Skandal und insbesondere an der Zuger Politikerin scheint unermesslich zu sein. Warum ist diese Faszination so riesig? Und warum die Wut auf Jolanda Spiess-Hegglin so gross? Der Psychoanalytiker Markus Fäh erklärts.

Der Zuger Skandal ist vorbei. Eigentlich. Dennoch scheint das Thema für viele noch überhaupt nicht passé zu sein. Spiess-Hegglin gerät noch immer regelmässig in die Medien, so etwa am Donnerstagmorgen, an dem bekannt wurde, dass Markus Hürlimann erneut Anzeige gegen Spiess-Hegglin erhoben hat. Grund dafür sind Aussagen, welche die Zugerin in der Sendung «Schawinski» über den Fall gemacht hatte. Aber auch auf Social Media wird die Zugerin noch immer täglich beschimpft. – Und sie wehrt sich jeweils entsprechend.

Warum übt ein Thema, das mittlerweile schon längst kalter Kaffee sein könnte, noch immer eine solche Faszination aus? Und warum löst die Figur Spiess-Hegglin bei vielen Leuten noch immer massive Aggressionen aus? Der Zürcher Psychoanalytiker Markus Fäh hat Jolanda Spiess-Hegglin letztes Jahr persönlich kennengelernt. Er versucht, unsere Fragen zu beantworten.

zentralplus: Vor bald eineinhalb Jahren kam es während der Landammannfeier in Zug zu einem Vorfall, den so bald niemand mehr vergessen sollte. Dass während einiger Zeit über den Fall Spiess-Hegglin/Hürlimann in den Zeitungen berichtet wird, liegt auf der Hand. Dass die Geschichte jedoch solch riesige Wellen schlagen würde, das hätte wohl kaum jemand gedacht. Es ist jetzt mehr als ein Jahr her, und dennoch lesen wir praktisch jede Woche davon. Können Sie das erklären?

Markus Fäh: Das lässt sich relativ einfach damit erklären, wie die menschliche Psyche funktioniert. Ganz klar wurde bei dieser Geschichte die Sexualneugierde geweckt: Zwei haben etwas miteinander. Alle fragen sich, was war da genau? Auf diese Thematik springt der Mensch immer an. Davon lebt ja auch die Klatschpresse. Dazu kommt das aggressive Element, der Vorwurf einer Vergewaltigung. Und damit auch die Frage: Ist sie ein Opfer, oder spielt sie das nur? Der Kick an der Situation ist auch, dass Aussage gegen Aussage steht. Waren K.o.-Tropfen im Spiel oder nicht? Das lässt sich ja noch immer nicht abschliessend beweisen und lässt anscheinend Raum für viele prickelnde Fragen: Ist sie nun fremdgegangen oder nicht? All diese Aspekte sind sicherlich der Grund dafür, dass die Geschichte eine so riesige Resonanz erzeugt hat. Warum sich das jedoch so lange weitergezogen hat, ist eine andere Geschichte.

zentralplus: Und zwar?

Fäh: Spiess-Hegglin hatte sich ja vorher bereits einen Ruf als freche, unerschrockene Politikerin gemacht. Sie wurde also von Anbeginn nicht von allen geschätzt und hatte sich Gegner gemacht. Je länger, desto mehr wurde in den Medien der Fokus auf sie gelegt. Und auf die Frage, wer diese Person überhaupt ist. Sie wurde zum Objekt wildester Fantasien.

Es ist ein klassischer Fall einer medialen Hexenjagd. Der Fall einer Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Und trotzig wie sie ist, wehrt sie sich gegen ihre Kritiker. Das hat auch etwas Beeindruckendes.

zentralplus: Insbesondere auf den sozialen Medien finden ja noch heute praktisch täglich Wortgefechte zwischen Spiess und ihren Opponenten statt. Warum hört das nicht auf?

Fäh: Das ist nun mal das Problem mit den sozialen Medien. Jeder kann seine Fantasien frei ins Netz stellen, und daraus entsteht schnell eine Dynamik. Wir reden in der Psychologie von sogenannten Stereotypen. Dazu gehört auch die klassische Zweiteilung des Frauenbilds. Auf der einen Seite steht die Triebhafte, die Hure, die Lust ohne Ende erlebt, jedoch entsprechend abgewertet wird und als moralisch gefallen gilt. Auf der anderen Seite steht die Gute, die Frau, welche man zuhause haben möchte, die Heilige quasi. Solche Bilder entstehen schon sehr früh in jedem Knaben. So ist man bereits als Kind mit zwei Seiten der eigenen Mutter konfrontiert. Die eine, die böse und triebhaft erlebt wird, und jene, die lieb und fürsorglich ist. Das sind zwei Aspekte, die schwer unter einen Hut zu bekommen sind. Darum werden Frauen in der Fantasie häufig in diese zwei Kategorien gespalten.

«Männer konnten in dieser Geschichte eigene aggressive Triebwünsche befriedigen.»

zentralplus: Jolanda Spiess-Hegglin wird wohl kaum zu den Heiligen gezählt.

Fäh: Genau. Sie wird, überspitzt formuliert, als Nutte dargestellt, die es mit allen treibt und die gute Ehefrau und Mutter nur spielt. Dieses Bild wurde, zum Teil natürlich unterschwellig, völlig ausgeschlachtet und ist zudem auch das Hauptmotiv dieser Nachfolgegeschichte. Diese Fantasie ist für viele erregend und faszinierend. Männer konnten in dieser Geschichte eigene aggressive Triebwünsche befriedigen. Es ist für gewisse Leute ein grosses Vergnügen, die «Hure» fertigzumachen.

zentralplus: Als ich mit Jolanda Spiess-Hegglin letzthin geredet habe (zentralplus berichtete), sagte sie mir, Sie hätten ihr das so erklärt: Da gibt es den Mann, der einen ganzen Abend lang am Stammtisch über die Figur Spiess-Hegglin herzieht und dann nach Hause geht und mit der Fantasie genau dieser Frau onaniert. Dann gehört also zur Aggression, die Sie geschildert haben, oft auch ein sexueller Aspekt?

Fäh: Selbstverständlich, wir können nicht bestreiten, dass Spiess-Hegglin gut aussieht und sexuell begehrenswert ist. Dazu kommt, dass sie ein Neidobjekt ist. Man konnte über sie die Fantasie entwickeln, dass sie alles hat. Als Mutter und Politikerin, die vor dem ganzen Skandal auf dem aufsteigenden Ast war. In der Fantasie wird sie für bestimmte Leute zu der Frau, die alles bekommt, die sich alles nimmt.

«Das Sexuelle hat immer auch eine aggressive Komponente. Jemanden zu demütigen kann sehr lustvoll sein.»

Es gibt massenhaft frustrierte Männer, die bei Frauen nicht ankommen und bewusst oder unbewusst auf eine attraktive Frau wie Spiess-Hegglin stehen. Das wäre ja auch nicht verboten. Jedenfalls lassen viele dieser Männer ihren Frust in den sozialen Medien aus. Sie stellen sich vor, wie toll es diese Frau hat, und sind gleichzeitig wütend, weil sie selber nicht ankommen bei solchen Frauen oder schon frustrierende Erlebnisse hatten. Gleichzeitig kann man dann mit frauenverachtenden, sadistischen Fantasien der eigenen aggressiven Rachelust frönen. Das Sexuelle hat immer auch eine aggressive Komponente. Jemanden zu demütigen kann sehr lustvoll sein.

zentralplus: Das klingt zwar plausibel, ist aber wohl kaum ein bewusster Prozess.

Fäh: Nein, ein Grossteil dessen, was passiert, wird nicht bewusst gesteuert. Man kann vor sich selbst nicht dazu stehen. Das Gewissen erhebt Einspruch. Aber das Triebhafte gehört zur menschlichen Psyche. Besonders der aggressive Trieb ist ein grosses Thema. Ist dieser mal entfesselt, lässt er sich nur schwer wieder aufhalten.

zentralplus: Wie lässt es sich denn erklären, dass viele Frauen bei der Hetzjagd gegen Spiess-Hegglin mitmachen? Spielt hier wiederum der Neid eine grosse Rolle?

Fäh: Genau. Es gibt auch Frauen, die etwa unbewusste Rivalität als Grund haben, um sich derart über das Thema auszulassen. Dass sie neidisch sind, können sie sich oft nicht eingestehen. Solche Arten aggressiver Abreaktionen sind immer Abwehrstrategien, um sich etwas Unangenehmes nicht bewusst machen zu müssen. Einfach draufhauen ist einfacher als Selbsterkenntnis.

Jolanda Spiess-Hegglin: Eine Figur, die auch ein Jahr nach dem Skandal noch zu Reden gibt.
Jolanda Spiess-Hegglin: Eine Figur, die auch ein Jahr nach dem Skandal noch zu Reden gibt. (Bild: zvg)

zentralplus: Spiess-Hegglin füttert ihre Kritiker ja immer wieder mit neuem Material, sie reagiert sofort auf Kommentare und empört sich regelmässig. Ich nehme an, auch das ist ein Grund, warum sich die Diskussion über die Person Jolanda Spiess-Hegglin so lange hält?

Fäh: Bei Jolanda Spiess gibt es zwei Komponenten. Sie stellt sich auf den Standpunkt, sie sei unter Drogeneinfluss vergewaltigt worden und nun traumatisiert. Wir alle sind nicht dabei gewesen und wissen nicht, wie es wirklich war. Aber sie verhält sich tatsächlich wie ein Traumaopfer. So hat Spiess etwa angefangen, aus ihrem Erlebten eine höhere politische Mission zu machen, im Sinne des Feminismus. Das ist eigentlich eine reife Lösung. Sie verhakt sich nicht länger in der Geschichte mit Hürlimann, sondern versucht, das ganze von ihrer Person abzuheben.

zentralplus: Und die andere Komponente?

Fäh: Da geht es um ihr Social Media-Verhalten. Sie reagiert quasi auf alles. Betrachtet man das von aussen, muss man sagen, das fördert natürlich immer wieder Aggression und damit auch Gegenaggression. Sie liefert dort immer wieder Angriffsfläche. Wenn man sie live erlebt, passiert das weniger. Bei Schawinski vor einiger Zeit trat sie sehr besonnen auf und hat, so finde ich, Nervenstärke bewiesen. Was ich jedoch in Spiess’ Situation anders machen würde, wäre, dass ich mich in den Social Media mit privaten Informationen und spontanen Schnellschüssen eher zurückhalten würde. Das habe ich ihr auch schon direkt gesagt. Irgendwann leiert sich dieses gegenseitige Aufwiegeln im Internet aber auch mal aus.

zentralplus: Es kann doch nicht gesund sein, wenn man sich immer wieder derart exponiert?

Fäh: Sie scheint das in der jetzigen Situation noch tun zu müssen. Sie wirkt auf mich noch nicht genügend distanziert vom traumatischen Geschehen, sondern befindet sich oft noch mitten in der hellen Empörung, in der sie sofort zurück schiessen muss, wenn kritische Kommentare kommen. Gleichzeitig können wir uns aber als nicht direkt Betroffene nicht annähernd vorstellen, wie es ist, wenn man die Zielscheibe eines solchen «ongoing Shitstorms» ist. Man wird immer wieder neu in seiner persönlichen Integrität verletzt.

Dieser sogenannte Retraumatisierungs-Effekt ist ihr vielleicht noch etwas zu wenig bewusst. Dieses Trauma-Wiederholungsmuster entsteht, wenn man sich immer und immer wieder aktiv mit dem eigentlichen Trauma konfrontiert. Auf jeden Fall würde es mehr Sinn machen und in ihrem langfristigen Interesse liegen, wenn Spiess-Hegglin nur noch mit klaren, besonnenen, politischen Statements reagieren würde. So, wie sie das etwa bei Schawinski gemacht hat.

zentralplus: Gleichzeitig gibt es ja auch die, die sagen, man müsse sich mit seinem Erlebten befassen, um darüber hinweg zu kommen.

Fäh: Das ist tatsächlich ein Dilemma. Wenn man kritisch sein will, gäbe es bestimmt Elemente, die sie bei ihrer Kommunikation gegen aussen streichen könnte. Wir wissen jetzt alle mittlerweile, wie sie denkt und fühlt. Es ist ausserdem eine Überbewertung ihrer Gegner, wenn sie auf jeden einzelnen Kommentar einsteigt. Darauf müsste sie gar nicht reagieren. Sie könnte ja einfach bei jedem, der die Linie übertritt, kommentarlos eine Anzeige machen.

«Psychisch gesehen sind es die Themen Sexualität und Aggression, auf die wir immer anspringen.»

zentralplus: Mittlerweile spürt man eine gewisse Sättigung bei diesem Thema. Nicht selten erhalten wir Rückmeldungen, wir sollen doch bitte aufhören, über den Zuger Fall zu schreiben. Gleichzeitig lesen diese Leute offenbar jedes Wort, das dazu geschrieben wird.

Fäh: Weil die Leute sich in ihrer Sexualneugierde immer wieder neu gekitzelt fühlen. Psychisch gesehen sind es, wie wir bereits besprochen haben, diese Themen, Sexualität und Aggression, auf die wir immer anspringen. Wie in einem Krimi. Nur deshalb lesen die Leute doch den Blick.

zentralplus: Sie haben Spiess-Hegglin, als Sie sie kennengelernt haben, gefragt, was denn ihre Strategie sei, um mit der ganzen Situation fertigzuwerden. Ist das für Sie mittlerweile ersichtlich geworden?

Fäh: Ich weiss von ihr, dass sie ein sehr intaktes Umfeld hat. Sie wird von ihrem Mann und von ihren Eltern gut getragen. Auch im Dorf, in dem sie lebt, kann sie sich, soweit ich weiss, unbeschwert bewegen und zeigen. Das ist nötig. Ansonsten wäre das alles wohl schwer auszuhalten.

 

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