Die illustre Runde, von links: Stefan Roth, Martin Merki, Manuela Jost, Peter With und Beat Züsli. (Bild: Beat Blättler)
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Die illustre Runde, von links: Stefan Roth, Martin Merki, Manuela Jost, Peter With und Beat Züsli. (Bild: Beat Blättler)

Lieber Realpolitik als kühne Visionen

11min Lesezeit

Wohin entwickelt sich die Stadt Luzern in Zukunft? Dieser schwierigen Frage stellten sich fünf Kandidaten für den Luzerner Stadtrat. Das Podium stiess auf grosses Publikumsinteresse, haute die Zuhörer aber nicht vom Hocker – bis sich Stadtpräsident Stefan Roth ins Feuer redete und alle überraschte.

Sie sitzen bereits im Luzerner Stadtrat – oder bewerben sich am 1. Mai darum: Baudirektorin Manuela Jost (GLP), Sozialdirektor Martin Merki (FDP), Stadtpräsident und Finanzdirektor Stefan Roth (CVP) sowie die Anwärter Peter With (SVP) und Beat Züsli (SP). Es fehlte der Grüne Stadtrat Adrian Borgula (Umwelt, Verkehr und Sicherheit) – sonst waren alle Kandidaten mit Fraktionsstärke im Parlament anwesend. Dass die Jungparteien aussen vor gelassen wurden, sorgte im Vorfeld bei den linken Jungparteien Juso und bei den Jungen Grünen für Unmut.

Die fünf Anwesenden kamen auf Einladung der IG Stadtentwicklung, dieser noch jungen Gemeinschaft, die sich als Forum die künftige Stadtentwicklung auf die Fahne schreibt. Es moderierte der Architekt und Denkmalpfleger Gerold Kunz (zentralplus traf ihn kürzlich zum Interview).

Mässig spannende Voten

Stadtentwicklungsthemen bewegen die Bürger derzeit offensichtlich – Beispiel Industriestrasse (zentralplus berichtete). Das zeigte auch der rege Publikumsaufmarsch in die schönen Räume von Sinnlicht an der Industriestrasse, geschätzte 100 Zuhörer waren anwesend.

Grosser Publikumsaufmarsch am Podium an der Industriestrasse. (Bild: Beat Blättler)
Grosser Publikumsaufmarsch am Podium an der Industriestrasse. (Bild: Beat Blättler)

Grosse Fragen standen im Raum: Wie stellen sie sich das Luzern der Zukunft vor? Und wie kann und soll der Stadtrat die Stadtentwicklung beeinflussen? Aber zum Einstieg gab es zuerst mal einen Blick zurück: Gerold Kunz pickte einige wagemutige Ideen aus verschiedenen Jahrzehnten heraus und forderte die Politiker auf, diese zu kommentieren. Weil «Stadtentwicklung eine starke zeitliche Dimension hat», so Kunz, was man vor lauter Aktualität gerne vergesse.

Und so kam es, dass sich die fünf nacheinander zu je einem Projekt äusserten. Gut vorbereitet jeweils, aber grösstenteils mässig spannend. Man fragte sich: Wo genau liegen hier die Differenzen? Alle Aussagen waren wahltaktischer Konsens und wurden jeweils auf die Realpolitik heruntergebrochen.

Das erste Hochhaus war der Wasserturm

Manuela Jost äusserte sich zu einem Projekt von 1960, als Luzerner Architekten dort, wo heute bei der Reussbrücke das Modehaus Spengler steht, ein Hochhaus hinstellen wollten. Moderne Architektur im Altstadtensemble, darf man das? Nein, findet Manuela Jost. «So exponiert an der Reuss dürfte man das nicht bewilligen», das Beispiel sei zu extrem. Als gelungenes Exempel für Wandel in der Altstadt nannte sie das Migros-Gebäude Schweizerhof.

«Unser Stadtplaner hätte daran keine Freude, wir haben schliesslich ein Hochhauskonzept.»

Stadtrat Martin Merki

Martin Merki kommentierte eine Skizze von Andy Raeber: «Chicago in Meggen» von 1974: eine Skyline am Seebecken als Kontrast zum alten Luzern. «Unser Stadtplaner hätte daran keine Freude, wir haben schliesslich ein Hochhauskonzept», so Merki. Immerhin wissen wir jetzt: Das erste Hochhaus in Luzern war der Wasserturm mit seinen 34 Metern.

Die erste dicke Überraschung

Mit Peter With ging es zurück in die 90er-Jahre, als man die Seebrücke neu bauen musste. Die Architekten Karin und Martin D. Simmen schlugen vor, eine Brücke zwischen Luzernerhof und Bahnhofplatz zu bauen – so wären Schweizerhof und Schwanenplatz heute autofrei. Und da, die erste dicke Überraschung: «Ich hätte die Vision besser gefunden als den Neubau der Seebrücke», sagte With, auch wenn es natürlich am Gesamtverkehr nichts geändert hätte.

«Mit ein paar Bäumen und Bänklis ist das nicht gemacht.»

Stadtpräsident Stefan Roth

Mit Beat Züsli kam man in der Gegenwart an: Er erhielt ein Projekt des Architekten Frieder Hiss, der vorschlägt, unter der Autobahnbrücke zwischen Luzern und Emmen – diesem Unort – Ateliers unterzubringen (zentralplus berichtete). Züsli findet Gefallen an der Idee, eine Nische zu nutzen, ohne jemanden zu verdrängen. «Das Ziel muss sein, dass die Stadt solche Ideen weiterentwickelt», so Züsli. Er wünscht sich da eine aktivere Haltung des Stadtrates.

Beispiel Velostation: Es bleiben Hausaufgaben

Blieb noch für Stapi Stefan Roth das aktuellste Projekt: eine unterirdische Metrostation am Schwanenplatz des Architekten Dennis Häusler. Roth fabulierte gar nicht erst gross, sondern gab den Realpolitiker: «Priorität hat das Parkhaus Musegg, das die Innenstadt vom Carverkehr befreit.» Wie man danach den Schwanenplatz aufwerte, sei noch offen. «Mit ein paar Bäumen und Bänklis ist das nicht gemacht.»

Es war eine etwas stark didaktische Versuchsanordnung, die fünf Projekte lockten keine überraschenden Haltungen aus den Politikern. Und auch was danach folgte, war gut gemeint: Anhand der Velostation sollte Baudirektorin Manuela Jost aufzeigen, wie Bauprojekte in Luzern ablaufen. Gerold Kunz wählte ein gutes Beispiel, denn mit der Velostation ist niemand wirklich zufrieden: «Wieso soll ich 100 Franken zahlen, wenn ich es vor dem Bahnhof gratis abstellen kann?»

«Der Stadtrat vergisst vor lauter Tagesgeschäft die Visionen.»

SVP-Grossstadtrat Peter With

Und Manuela Jost redete dann, wie man das in Behörden tut, von Zusammenarbeit, Partnern, Fachleuten, Projekten, Berichten und Anträgen – und man schweifte ab und hatte Zeit, die Leuchten, die überall herumhingen, genauer zu betrachten. Jost gab zu, dass die Stadt bezüglich der Velostation die Hausaufgaben noch nicht gemacht habe, «wir müssen diese zugänglicher machen».

Hauptsache, es passiert etwas

Erst als sich das Podium weg von konkreten Projekten hin zur Frage «Was läuft falsch?» bewegte, nahm es Fahrt auf. Peter With: «Der Stadtrat vergisst vor lauter Tagesgeschäft die Visionen.» Ihm dauern gerade Wohnprojekte zu lange: «Ich hoffe, dass die Industriestrasse endlich Fahrt aufnimmt» (sic!). Auch für den Tiefbahnhof und die Salle Modulable brach der SVP-Politiker eine Lanze – ganz nach dem Motto: Hauptsache, es passiert was!

«Die Stadt kann aus einer Position der Stärke agieren, Investoren bauen deswegen nicht im Entlebuch.»

SP-Stadtratskandidat Beat Züsli

Und Beat Züsli erntete den ersten Applaus mit seinen prägnant vorgetragenen Forderungen nach: erstens mehr Partizipation, und zweitens stärkerer Vernetzung. Es sei noch «völlig ungenügend», wie man Beteiligte einbinde. Und man betrachte die Themen noch zu isoliert: Verkehr, soziale Fragen, Demografie, Wohnungsbau. Züsli wünscht sich eine selbstbewusstere Stadt gegenüber Investoren: «Die Stadt setzt da zu wenig entgegen, wir können aus einer Position der Stärke agieren, Investoren bauen deswegen nicht im Entlebuch.»

Qualität braucht Zeit

Und dann ergab sich doch noch eine Diskussion: Stefan Roth fühlte sich durch die Voten herausgefordert und redete sich ins Feuer, wie man das von ihm kaum erwartet hätte: «Mehr Tempo und mehr Partizipation, das beisst sich», sagt Roth. «Qualität braucht Zeit.»

Stadtpräsident Stefan Roth. (Bild: Beat Blättler)
Stadtpräsident Stefan Roth. (Bild: Beat Blättler)

Schützenhilfe kam von den Stadtratskollegen. Manuela Jost: «Wir wollen verdichtet bauen, aber das tangiert verschiedene Interessengruppen, es braucht einen empathischen Ansatz.» Und Martin Merki rief in Erinnerung, dass man mit der Attraktivierung von Plätzen wie dem Helvetiaplatz, der Ufschötti, dem Vögeligärtli sehr wohl partizipieren lasse, «das sind heute Plätze für alle Generationen».

Eigeninitiative geht verloren

«Alles wird abgeklemmt, für jeden Spielplatz braucht es eine Bewilligung.»

Jesus Turiño

Auch aus dem Publikum kamen jetzt Fragen und Voten – etwa von Jesus Turiño, Sozialberater bei der Genossenschaft ABL: «Wir hatten noch nie eine so dynamische Zeit, und gleichzeitig war sie noch nie so reglementiert, alles wird abgeklemmt, für jeden Spielplatz braucht es eine Bewilligung.» So gehe jede Eigeninitiative verloren.

Fragen stellten auch Angela Meier (IG Kultur) und Jesus Turiño (ABL). (Bild: Beat Blättler)
Fragen stellten auch Angela Meier (IG Kultur) und Jesus Turiño (ABL). (Bild: Beat Blättler)

Damit stiess er bei Stefan Roth auf offene Ohren. «Die Zivilgesellschaft muss Projekte initiieren, da kommt mehr, als man meint.» Die Stadt unterstütze das, aber es ist nicht immer nötig, dass die Stadt die Akzente setzt. Er frohlockte mit der künftigen Nutzung der CKW-Shedhalle in Reussbühl (zentralplus berichtete), die für Start-ups und die Kreativwirtschaft zum Paradies werden könnte.

Und dann sorgte sich ein Bürger um die Privatwirtschaft, die aus Luzern verdrängt werde. Wo denn diese noch Platz habe? Schliesslich ziehe jetzt Mobility nach Rotkreuz (zentralplus berichtete), weil sie in Luzern keine passenden Räumlichkeiten fand. Und mit dieser Frage erwachte Peter With, von dem man nicht mehr viel gehört hatte. Und er war sehr einverstanden.

Vergesst die KMU nicht!

Stefan Roth mahnte dann noch, dass man nicht immer Grundsatzdebatten führen solle über Dinge, die bereits beschlossen wurden. Und er liess sich zur sehr gewagten Aussage hinreissen, dass mit einem Verkauf des Industriestrassenareals (wie das die Stadt 2012 wollte, vom Stimmvolk aber ausgebremst wurde) Mobility hier ihren Standort gefunden hätte.

Den Schlusspunkt setzte Gastgeber Heinz Marti, Inhaber von Sinnlicht. «Wir sind hier auch in einer Zwischennutzung, in vier bis fünf Jahren wird das abgerissen», sagt er. Und appellierte an den Stadtrat, dass er ansässige Luzerner KMU – wie seines – nicht vergisst. Zumindest damit konnten sich alle anfreunden.

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