Das Rotlicht-Milieu hat sich in den letzten zehn Jahren gewandelt. (Bild: Club Palace)
Gesellschaft

Das Rotlicht-Milieu hat sich in den letzten zehn Jahren gewandelt. (Bild: Club Palace)

Das vielfältige Geschäft mit der Lust

7min Lesezeit

Luzern gilt als Hochburg der käuflichen Lust. Das breite Angebot bietet vielfältigste sexuelle Dienstleistungen von der schnellen Nummer über prickelnde Wellness-Erlebnisse, bis hin zur Freundin auf Zeit. zentral+ beleuchtet die Szene in einer mehrteiligen Serie. Den Auftakt bildet ein Streifzug durch das Luzerner Rotlicht-Milieu.

Dominic Graf

Luzern: Die Stadt. Der See. Die Berge. Das Rotlicht. Ja genau! Luzern hat nicht nur touristische Attraktionen wie das Löwendenkmal, die Kappelbrücke oder die Postkarten-Idylle zu bieten. Auch jene, die ein erotisches Vergnügen suchen, werden schnell fündig. Auf die gesamte Stadt verteilen sich über 70 sogenannter Kontaktbars, Saunaclubs, Studios oder Massagesalons. Im restlichen Kanton sind es nochmals knapp 30. Nicht zu vergessen die Frauen, die sich auf der Strasse anbieten. Aber für einmal soll es nicht um den Strassenstrich gehen. Mit gerade einmal vier Prozent aller Sexarbeiterinnen machen die Frauen auf der Strasse eine gut sichtbare und häufig diskutierte Minderheit aus. Die meisten arbeiten jedoch in weniger gut sichtbaren Etablissements.

Noch vor zehn Jahren waren es zwielichtige Cabarets und Kontaktbars, die einen Grossteil des Angebots ausmachten und dem Geschäft mit der käuflichen Liebe einen faden Beigeschmack verliehen. Zwar wird das Rotlicht-Milieu auch heute noch gerne als etwas Schmutziges verstanden, eine Zone der Illegalität, der Drogen, der Zuhälterei. Mit dem Aufkommen von Saunaclubs und Massagesalons fand jedoch ein Wandel statt, der nicht nur das Image dieses Milliardengeschäfts aufpolierte, sondern Prostitution als Wellness-Erlebnis verkauft, bei dem der Geschlechtsverkehr lediglich ein Teil des Amüsements ist.

zentral+ taucht ab ins Milieu – besucht eine Kontaktbar, spricht mit Freiern und Anbieterinnen, lässt sich durch den grössten Saunaclub des Kantons führen und erhält einen Einblick in die Edelprostitution von Escort-Damen.

«Hola Guapo. Wie wärs mit einem Cocktail?»

Auftakt der Rotlicht-Tour bildet eine klassische Kontaktbar in der Luzerner Altstadt: das Cacadou – eine von insgesamt acht solchen Bars. Es ist 23 Uhr. Mit ein bisschen Überwindung steige ich die schmale Treppe hinauf zur Bar, um mir selbst einen Eindruck zu verschaffen.

Die Bar erinnert auf den ersten Blick eher an ein gewöhnliches Irish-Pub. Nur das gedimmte, rötliche Licht und ein paar Damen in aufreizenden Dessous lassen erahnen, dass es hier um mehr geht, als ums Trinken. Hinter dem hufeisenförmigen Tresen begutachtet eine gelangweilte Barkeeperin ihre Fingernägel. Ein ungefähr 50-jähriger Mann sitzt alleine und gedankenverloren vor seinem Bier.

Nach einem ersten, kurzen Umsehen, lasse ich mich an der Bar neben dem Herren nieder – wie es sich gehört mit einem Barhocker Abstand. Erst einmal vergrabe ich mein Gesicht in der Karte und bestelle eine Stange Bier.

Ich: «Die Preise hier sind ja noch moderat», sage ich zu meinem Nebenan, ohne ihn dabei anzusehen.

Er: «Ja, es geht.»

Dann steht auch schon die erste Dame vor mir. Sie heisse Ana. Mit nur einem «n» und sie komme aus «Brasil», sagt sie in gebrochenem Deutsch. Ich schätze die wohlgenährte, ungefähr 1.60 Meter kleine, dunkelhäutige Frau auf etwa 40 Jahre. Sie scheint schon etwas angetrunken und kichert, während sie ihre Hand auf meinen Oberschenkel legt. Ihre üppigen Rundungen kommen in ihrem mindestens drei Nummern zu kleinen Outfit mehr als deutlich zur Geltung. Ihr grosser Busen scheint nächstens aus dem Dekolletee zu rollen.

Ana: «Eine Drink?».

Ich: «Du möchtest mir einen Drink ausgeben? Cool, ich nehm...»

Ana: «No, no, no.» Sie lacht mit geschlossenen Augen. «Du. Drink für mich.» Anas Zeigefinger pendelt zwischen uns hin und her.

Ich: «Ach so. Nein danke.»

Mit Hundeblick und dem Streicheln meines Oberschenkels versucht sie es weiter. Als sie merkt, dass bei mir heute nichts zu holen ist, rollt sie genervt mit den Augen. Dann dreht sie sich um und verschwindet in einer Ecke der Bar.

Er: «Der mit dem Drink war gut.» Mein Nachbar schmunzelt. Zum ersten Mal blickt er zu mir rüber. «Bei mir versucht sie es erst gar nicht mehr. Zum Glück!»

Ich: «Sie sind wohl öfters hier.»

Er: «Ab und zu. Wenn in den anderen Bars nichts läuft.»

«Die mögen dich hier. Jetzt musst dich aber bald mal entscheiden, Junge.»

Schon steht die nächste Dame vor mir. Gross, dunkel, Kurven. Schnell lege ich beide Hände auf meine Oberschenkel.

Sie: «Hola Guapo. Wie wärs mit einem Cocktail?»

Ich: «Nein, danke. Ein anderes Mal vielleicht.» Ich starre auf mein Bier und warte bis sie wieder geht. Dann wende ich mich erneut meinem Nachbarn zu: «Gibt es hier nur Frauen aus Brasilien?»

Schweigen. Prüfend mustert er mich.»

Er: «Du bist wohl nicht von hier?»

Ich: «Nein.»

Gegenüber an der Bar hat sich eine zierliche Latina hingesetzt und lächelt mir zu. Ich erwidere das Lächeln kurz, aus Höflichkeit. Sie lacht und wickelt eine Strähne ihrer langen schwarzen Haare um ihren Zeigefinger. Den Blick stets auf mich gerichtet, wirft sie mir einen Handkuss zu, gefolgt von der Geste, ob ich ihr ein Getränk spendieren möchte. Ich winke ab. Wirklich wohl ist mir nicht mehr. Wer gibt so vielen Frauen auf einmal schon gerne einen Korb?

Er: «Die mögen dich hier. Jetzt musst dich aber bald mal entscheiden, Junge.» Mein Nachbar lacht, scheint es aber durchaus ernst zu meinen. Er bestellt noch eine Stange und dreht sich zu mir um: «Oder magst du keine Latinas?»

Ich: «Nun ja...»

Er: «Sind auch nicht so mein Fall. Ich mag die vom Osten lieber. Die sind dünner und quatschen nicht so viel. Es gibt eine Ukrainerin... Gabi.» Mein Nachbar spitzt die Lippen und hält Daumen und Zeigefinger daran. «Ein Träumchen! Das sind gut investierte 150 Franken für eine halbe Stunde.»

Ich: «Scheint heute aber frei zu haben, die Gabi.»

Er: «Nein, nein. Sie ist da. Aber sie ist gerade besetzt.»

Ich: «Ach, und Sie warten auf sie?»

Mein Nachbar nickt und nimmt einen Schluck Bier. Fünf Minuten vergehen, ohne, dass wir miteinander sprechen. Dann kommt sie. Eine grossgewachsene, schlanke Blondine in einem durchsichtigen Negligé. Gabi begrüsst meinen Nachbarn mit einem Küsschen auf den Mund. Ein Handzeichen zur Barkeeperin und schon steht ein Cüpli auf dem Tresen. Er zwinkert mir über Gabis Schulter hinweg zu, was wohl soviel heissen soll, wie «habe ich zu viel versprochen?» Ein paar Minuten unterhalten sich die beiden, bis sie ihn an der Hand nimmt und hinter einer Tür verschwindet – das Cüpli bleibt kaum angetrunken auf der Bar stehen.

Von der Bardame erfahre ich, dass Gabi zu den teureren Frauen hier gehöre. Die meisten würden ihre Dienste schon für 100 Franken anbieten. Die Zimmer befänden sich drei Stockwerke weiter oben. Aber heute sei sehr wenig los, sagt sie und fragt mich nach einem weiteren Bier. Ich schüttle den Kopf und schaue mich um. Ana und die grosse Brasilianerin sitzen auf einem Sofa ganz hinten in einer Ecke und unterhalten sich. Obwohl ich jetzt der einzige Mann in der Bar bin, würdigen sie mich keines Blickes mehr. Zeit, zu gehen.

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