Verkehrsknotenpunkt im Schlund: Für Luzern Süd dürfe man nicht mehr zu viel erwarten, meint Gerold Kunz. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
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Verkehrsknotenpunkt im Schlund: Für Luzern Süd dürfe man nicht mehr zu viel erwarten, meint Gerold Kunz. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

«Man weiss nicht mal, wer schuld ist an diesem Schlamassel»

13min Lesezeit

Der Luzerner Architekt und Denkmalpfleger Gerold Kunz ist seit 2013 unser Architektur-Blogger – und um keine Meinung verlegen. Im April geht er für vier Monate nach Chicago ins Luzerner Atelier. Doch bevor er abfliegt, sprachen wir mit ihm über zu enge Grenzen in den Köpfen, den Unsinn von Lärmschutzwänden und wieso die Salle Modulable nicht am Wasser stehen darf.

zentralplus: Es wird ja im Moment sehr viel gebaut und geplant um Luzern herum. Wo schauen Sie mit Ihrem Architektenauge am interessiertesten hin?

Gerold Kunz: Der spannendste Bereich ist sicher beim Seetalplatz mit der Viscosistadt (zentralplus berichtete). Da hat es einen Eigentümer, der erkannt hat, um was es geht, und das vorantreibt. Das sehe ich nirgends. Sonst sind es meistens Massnahmen, die in einem isolierten Bereich stattfinden, wie etwa beim Krienser Mattenhof (zentralplus berichtete): Der entsteht irgendwo im Nichts draussen, ringsum gibt es wenig, an das er andocken könnte. Er ist fixiert auf die Bahnhaltestelle.

zentralplus: Bei Luzern Nord redet man ja immer von einem neuen Zentrum, das dort entsteht, einer neuen Stadt. Gelingt das?

Zur Person

Bald in Chicago: Architekt, Denkmalpfleger und Blogger Gerold Kunz.
Bald in Chicago: Architekt, Denkmalpfleger und Blogger Gerold Kunz. (Bild: PD)
Der Luzerner Architekt und Denkmalpfleger Gerold Kunz ist seit 2013 Architektur-Blogger bei zentralplus. Seine Themen sind die aktuelle Architektur und der Städtebau in Luzern. Daneben ist er Mitherausgeber der Architekturzeitschrift «Karton». Ab April verbringt Gerold Kunz vier Monate im Luzerner Atelier in Chicago. Er gewann das Atelierstipendium, weil er sich seit Jahren für die Vermittlung von Architektur engagiert. Ab April bloggt er für uns aus Chicago.

Kunz: Die Nähe zum Zentrum von Luzern ist gegeben, eine S-Bahn-Distanz von wenigen Minuten ist ja nichts. Der Nachteil von Emmen ist immer noch, dass es eine negative Konnotation hat, es ist nicht der Stadtteil, wo man unbedingt hin will, aber das kann gerade das gewisse Etwas sein, das die Kultur anzieht. Mehr Probleme sehe ich darin, dass viele Akteure in Luzern das Stadtgebiet immer noch sehr eng sehen. Sie haben das Gefühl, wer das Quartier verlässt, sei ausserhalb der Stadt, was überhaupt nicht stimmt. Doch das wird sich ändern.

zentralplus: Wo müsste man Ihrer Meinung nach mehr investieren?

Kunz: Vielleicht müsste sich eine aktive Stadtpolitik mehr um Gebiete wie die Bernstrasse kümmern, und zwar nicht nur mit sozialen, sondern auch mit architektonischen Projekten. Dass man dort mal ein Musterhaus XY errichtet, zum Beispiel. Man müsste eine Strategie haben, wie man mit diesem Gebiet umgeht, und es nicht einfach sich selbst überlassen. Das Gleiche in gewissen Siedlungen in Kriens, die sind im sozialen Sinkflug und da gibt es keine Gegensteuer. Die Gemeinwesen sind überfordert, Strategien zu entwickeln, wie man in solchen Gebieten das Niveau halten könnte.

zentralplus: Aber genau das schätzen doch viele Leute, die dort wohnen.

Kunz: Das muss ja nicht heissen, dass man diese Leute vertreibt, sondern dass man ein Quartierleben festigen kann. Etwa indem man in einen Aussenraum investiert, in eine Platzstruktur, oder man installiert etwas, das eine positive Botschaft vermittelt.

zentralplus: Heute wird der Stadtraum immerhin grösser gedacht: Die Gemeinden planen über die Grenzen hinweg, etwa in Luzern Süd, ein gemeinsames Projekt zwischen Horw, Kriens und Luzern (zentralplus berichtete).

«Das ganze Schlund-Gebiet wurde in den 90ern ‹verchachelt›. Da waren jegliche Planung und Vision fern.»

Kunz: Da besteht die Schwierigkeit, dass drei Gemeinden zusammenarbeiten müssen, man darf davon nicht so viel erwarten. Horw macht sein Horw Mitte, Kriens seinen Mattenhof, Luzern hat die Allmend gebaut. Das sind Einzelaktivitäten, ich erkenne den gemeinsamen Nenner nicht.

Man muss beachten, das ganze Schlund-Gebiet wurde in den 90ern «verchachelt». Da waren jegliche Planung und Vision fern, wie dort eine Stadtentwicklung stattfinden könnte. Man weiss nicht mal, wer schuld ist an diesem Schlamassel, der dort passiert ist. Man kann niemanden benennen, wie wenn es natürlich passiert wäre.

zentralplus: Man müsste es also wegradieren und neu beginnen?

Kunz: Man muss schon mit einer stringenten Vision dahinter, wenn man dort noch etwas rausholen will. Obwohl es ja eigentlich ein wirklich wertvolles Gebiet ist, die Dimensionen sind x-fach grösser als etwa in der Neustadt. Man hat vor 20 Jahren einfach nicht realisiert, welches Potenzial dieses Gebiet hat.

zentralplus: Und die Wohngebiete, die im Mattenhof entstehen?

Kunz: Was heisst das für das Selbstverständnis von Kriens, dass ihr urbanes Zentrum am Rand, im Nichts entsteht? Gleichzeitig dämmert das eigentliche historische Zentrum vor sich hin. Man symbolisiert zwar im Zentrum mit kosmetischen Einzelmassnahmen auch einen Aufbruch, weil man realisiert hat, dass man sonst das Gemeindehaus beim Mattenhof bauen müsste.

Mattenhof: Ein urbanes Zentrum im Nichts – was heisst das für das Selbstverständnis von Kriens?
Mattenhof: Ein urbanes Zentrum im Nichts – was heisst das für das Selbstverständnis von Kriens? (Bild: PD)

zentralplus: Wären wir heute weiter, wenn die Gemeinden mit der Stadt fusioniert hätten?

Kunz: Ja. Meine Einschätzung ist: Da sind 14 Gemeinden im engeren Perimeter um Luzern, und jede Gemeinde hat fünf Gemeinderäte, das sind 70 Gemeinderäte, die stellen schon fast ein Parlament dar, kommunizieren aber untereinander nicht wie ein Parlament. Jede geschäftet für sich selber. Das ist ein enormer Ressourcenverschleiss. Das ist doch nicht wirtschaftlich für so eine kleine Region. Ich denke aber nicht, dass ein Entscheid für eine Mall of Switzerland anders herausgekommen wäre, wenn die Gemeinden fusioniert hätten.

«Littau konnte sich durch die Fusion retten, und jetzt ist Ebikon der Tiefpunkt, was soll dort schon sein?»

zentralplus: Da wären wir im Gebiet Luzern Ost – von dort hört man, abgesehen von der Mall, wenig. Sie wohnen in dieser Gegend …

Kunz: … genau, ich wohne in Luzern Ost (lacht). Wenn wir in der Hierarchie der Agglogemeinden schauen, ist Ebikon sicher am tiefsten Punkt. Littau konnte sich durch die Fusion retten, und jetzt ist Ebikon der Tiefpunkt, was soll dort schon sein? Emmen war durch die Industrie schon immer relativ eigenständig, und Emmen hat Wohngebiete mit super Bergpanorama, das hat man in Littau oder Ebikon nicht. Und Bergsicht ist natürlich immer ein kultureller Identifikator.

zentralplus: Was müsste in Ebikon passieren?

Kunz: Ebikon ist eine so einfache Siedlung, sie besteht aus einer Hauptstrasse mit Häusern dran. Das Problem liegt darin, dass man einfach mal ein anderes Selbstbewusstsein zur dieser einzigartigen Strasse an den Tag legen müsste. Eine Bandstadt, die sich linear entwickelt wie Ebikon, wäre doch ideal für ein Tram. Sie wäre ideal für alles: Man hat einen breiten Strassenraum, man hat keine Probleme, all das zu realisieren.

zentralplus: Aber ist das möglich, mit all dem Hauptverkehr, der da durchfährt?

Kunz: Der Hauptverkehr ist das Rückgrat, das ist quasi die Wirbelsäule, da findet die Verteilung statt. Wir können den Verkehr doch nicht nur als Übel von allem ansehen. Man kann auch sagen: Das ist der Corso, der Boulevard, das Herz! Man kann es positiv besetzen, ich will nicht die Verkehrsproblematik infrage stellen, aber die Verhältnisse sind verglichen mit anderen Städten nicht so dramatisch.

Verödung der Strasse: Was den Anwohnern Ruhe bringt, schottet die Strasse vom Leben ab.
Verödung der Strasse: Was den Anwohnern Ruhe bringt, schottet die Strasse vom Leben ab. (Bild: Gerold Kunz)

zentralplus: Apropos Ebikon: Sie haben in einem Blogbeitrag mal die neuen Lärmschutzwände thematisiert. Und kritisiert, dass sie die Strasse von den Häusern abschotten.

Kunz: Genau, das hat eine lange Tradition. In den 90er-Jahren hat man Häuser gebaut, bei denen die sogenannten guten Räume alle von der Strasse weg gebaut wurden. Das führt letztlich zu einer Verödung der Strasse. Stell dir mal vor, all die Häuser in der Neustadt hätten nur Treppenhäuser und WCs gegen die Strasse, und nicht Erker und schöne Fenstereinrahmungen. Das macht das Leben doch aus, die Strasse ist öffentlicher Raum.

«Die Stadtplanung ist ein Basar, irgendwelche Leute bringen Ideen ein und melden sich zu Wort.»

zentralplus: Gibt es in der Politik zu wenig Masterpläne?

Kunz: Nein, zu wenig Masterpläne nicht, da sind viele Leute dran. Ich stelle einfach fest, dass der Wissenstransfer fehlt. Das Wissen, das mir vor über 20 Jahren an einer Hochschule vermittelt worden war, ist noch gar nicht angekommen. Verdichtung etwa ist ein Thema aus den 1980er-Jahren und nicht von heute. Das liegt eigentlich im Wesen jeder Stadt, dass sie sich verdichtet, das gehört zur Prosperität, das ist ein ewiger Prozess. Doch erst jetzt wird das Thema aufs Schild der Politik erhoben.

zentralplus: Ideen gibt es also genug?

Kunz: Wenn man all die Leitbilder und Masterpläne anschaut: Da ist vieles vorhanden, aber ich vermisse, dass der Austausch an Wissen mehr kultiviert würde. Die Stadtplanung ist ein Basar, irgendwelche Leute bringen Ideen ein und melden sich zu Wort. Es gibt eine Bereitschaft, mitzudenken, aber keine Plattformen für eine Mitwirkung ...

zentralplus: Ein anderes brennendes Thema: Wo müsste Ihrer Meinung nach die Salle Modulable stehen?

Kunz: Wir haben das KKL, das schon bald 20-jährig ist, aber nichts an Glanz verloren hat, es ist ein respektabler Bau. Das hat auch mit der Bescheidenheit zu tun, es ist kein schreiendes Gebäude, eine recht zurückhaltende Architektur. Auch die Salle Modulable muss meiner Meinung nach keine Ikone werden, aber die Diskussion läuft leider in diese Richtung (zentralplus berichtete). Man sucht einen Standort am Wasser, weil man sich davon einen Sidney-Effekt verspricht.

«… dann steht die Salle Modulable halt neben dem Kino Maxx, das ist doch eine gute Sache.»

zentralplus: Also besser nicht am Wasser?

Kunz: Leider kommt niemand auf die Idee und sagt: Beim Eichhof soll sie stehen! Die Autobahn ist nebendran, das ist doch ein tipptopper Standort. Oder beim Seetalplatz hat’s doch sicher noch eine Parzelle, wo man sie hinstellen kann, dann steht sie halt neben dem Kino Maxx, das ist doch eine gute Sache. Wäre nicht genau das das Pionierhafte?

zentralplus: Und von den drei Standorten, die noch im Rennen sind: Inseli, Theaterplatz oder Alpenquai?

Kunz: Gar keinen. Wenn’s einen Ort im Perimeter der Stadt gibt, den man bearbeiten muss, dann wär’s der Kasernenplatz. Man sollte ein Projekt entwickeln, das dort drauf Platz hat.

zentralplus: Und der Standort des Luzerner Theaters? Die einen finden, man dürfe es nicht abreissen, andere wollen die Salle Modulable dort.

Kunz: Wenn man das Luzerner Theater tatsächlich abreissen würde, sollte man dort einen leeren Platz lassen. Mir imponiert der Sechseläutenplatz in Zürich, da entstand im städtischen Raum eine Freifläche, die einfach nutzbar ist. In Luzern fehlen solch grosszügige Flächen.

Stadtratskandidaten und die Stadtentwicklung

Was sagen Kandidatinnen und Kandidaten für den Luzerner Stadtrat zu wichtigen Fragen der Stadtentwicklung? Antworten gibt’s – vielleicht – am Podium über Herausforderungen und Chancen der Luzerner Stadtentwicklung: mit Manuela Jost (GLP), Martin Merki (FDP), Stefan Roth (CVP), Peter Peter With (SVP) und Beat Züsli (SP). Moderation: Gerold Kunz.

Mittwoch, 23. März, 19.30 Uhr, Sinnlicht, Industriestrasse 15, Luzern (mehr dazu).

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