In etwa so sah die Stadt Luzern vor 226 Jahren im Winter aus. (Bild: Silvan Baer)
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In etwa so sah die Stadt Luzern vor 226 Jahren im Winter aus. (Bild: Silvan Baer)

1790 – als Luzern noch wie Klein-Venedig aussah

11min Lesezeit

Über 80’000 Einwohner zählt die Stadt Luzern heute. Etwa 20 mal weniger, also rund 4000, waren es Ende des 18. Jahrhunderts. Nun hat der Luzerner Künstler Silvan Baer (62) am Computer ein faszinierendes Bild entworfen, wie Luzern damals ausgesehen hat. zentralplus hat das Werk mit alten Aufnahmen verglichen – und ist beeindruckt.

Luca Wolf

Für seine aufwendige Arbeit hat der Luzerner Künstler Silvan Baer das Jahr 1790 als Massstab genommen. Ganze zwei Jahre hat er insgesamt daran gearbeitet. Wie es damals ausgesehen hat, musste sich der an der Vonmattstrasse in Luzern arbeitende Künstler zum allergrössten Teil nicht aus den Fingern saugen. Denn er konnte auf zwei zuverlässigen Vorlagen aufbauen.

Alter Stadtplan mit vielen Details

Zuerst hat Baer den bekannten Stadtplan von Franz Xaver Schumacher aus dem Jahr 1790 zu Hilfe genommen. Auf diesem ist sehr genau zu sehen, wie die Stadt damals ausgesehen hat. «Schumacher hat dazumal von der Stadt den Auftrag gefasst, einen detaillierten Plan der Stadt zu malen. Er hat jedes einzelne Haus so genau abgezeichnet, wie das nur möglich war», weiss Baer.

Anbei ein Ausschnitt von Schumachers Stadtplan, auf dem auch die damalige imposante Hofbrücke zu sehen ist. Diese verlief vom Schwanenplatz bis vor die Hofkirche. Erst ab 1835 wurde der See im Bereich Schwanenplatz zugeschüttet. Die Hofbrücke wurde dann zwischen 1833 und 1855 in Etappen abgebaut. Erst viel später entstand der Schweizerhofquai mit heute vier Fahrspuren sowie einer schönen Fussgängerpromenade samt Baumallee.

Spannend an der damaligen Situation: Die Spreuer-, die Kapell- und die Hofbrücke schlossen damals die Altstadt als Wehrgänge gegen den Fluss und den See hin ab. Der See reichte bis zum heutigen Museumsplatz. In den Wehrgang beim heutigen Schwanenplatz war eine verschliessbare Öffnung eingebaut, ein «Grendel», wie auf Schumachers Zeichnung gut zu sehen ist – daher der heutige Name vom Grendel, dem «Tor zur Altstadt».

Modell aus Gletschergarten

Die zweite wichtige Vorlage für Baers Photoshop-Bild kann seit 1976 im Gletschergarten beim Löwendenkmal besichtigt werden. Es handelt sich um ein Modell, welches sich ebenfalls auf Schumachers Pläne bezog. Interessant zu sehen, wie sich der Kern der Luzerner Altstadt seither kaum verändert hat. Ein Grossteil der damaligen Häuser steht auch heute noch.

Was aufs Baers Werk – nebst der viel kleineren Stadt – und seinen Vorlagen sofort ins Auge sticht: Damals, vor 226 Jahren, ragte entlang des heutigen Hirschengrabens eine mächtige Mauer in die Höhe, genannt Litzimauer. Die damalige Stadtmauer sollte Feinde abschrecken und wurde ab 1855 abgerissen. Auch der davor liegende breite, offene Wassergraben sollte Angreifer zusätzlich von der Stadt fernhalten. Eine Zeit lang versprühte Luzern folglich den Charme eines Klein-Venedigs. Der Wassergraben wurde 1613 trockengelegt und als Hirschgraben genutzt – deshalb der Name der Strasse. 

Dieser alte Wehrgraben umrundete damals fast die ganze Neustadt: Erging von der Spreuerbrücke Richtung Pilatusplatz und von dort wieder zurück Richtung Kapellbrücke an der Bahnhofstrasse, wie auf diesem Stich gut zu sehen ist:

Blick vom Gütsch runter auf die Stadt

Baer hat für sein Werk eine ganz bestimmte Perspektive gewählt: Er entschied sich für den Blick von der Gütschwiese aus auf die Stadt. Von diesem Standort aus hat er selber Fotos gemacht. Diese neusten Fotos von Luzern im Jahr 2014 nahm er als Grundlage für seine Arbeit.

Und so fing Baer zuerst an, alles zu löschen, was anno 1790 noch nicht zu sehen war. Und das war eine ganze Menge. Erstaunliche Erkenntnisse waren: «Es gab schon damals sehr viele schön verzierte Häuser, obschon die meisten Leute recht arm waren. Zudem war die Gegend rund ums Zentrum gar nicht so stark bewaldet, wie ich das erwartet habe.» Anbei zu sehen ist ein Zwischenschritt:

Wie gut Baer gearbeitet hat, sieht man auch, wenn man diese alte Zeichnung als Vergleich heranzieht:

Sowohl diese Zeichnung wie auch alle anderen historischen Aufnahmen wurden übrigens von der Facebook-Gruppe «Du besch von Lozärn wenn ...» zur Verfügung gestellt. Dort finden sich noch unzählige historische Bilder mehr. Spannend wird die Detailbetrachtung von Baers Zeichnung auch, wenn man sich einzelne Details aus seiner Visualisierung rauspickt. Hier näher zu sehen ist etwa der Kasernenplatz.

Das massige, hohe Bauwerk mit dem Wehrturm, das direkt neben der Spreuerbrücke steht, war das Baslertor. Diesem Turm der ehemaligen Stadtbefestigung entlang wurde Richtung Bruchquartier die alte Stadtmauer gebaut. Und so sah der Turm damals im Original aus:

Verschwunden ist am Kasernenplatz auch das markante «Haus zum Baslertor» der Kaffeefirma Hochstrasser. Das Gebäude musste 1976 dem Umbau des Kasernenplatzes weichen. Denn der zunehmende Verkehr benötigte immer mehr Platz und das schöne Haus mit den kecken Erkern stand direkt an der Autobahneinfahrt. An fast derselben Stelle steht seither das Parkhaus Altstadt.

Auch interessant: Der kleine, schmale Fachwerkbau am Kasernenplatz namens Anderallmendhaus hat sämtliche Umwälzungen überlebt und steht heute noch dort. Das markante und gut in Schuss gehaltene Gebäude wurde 1697 erbaut.

Das Bruchquartier als grosse grüne Wiese

Komplett verändert hat sich aber das gesamte Bruchquartier. Auf Baers Visualisierung besteht dieses zum grössten Teil aus grüner Wiese. Solche müssen die heutigen Quartierbewohner lange suchen. Markantestes Gebäude war dazumal das frühere Kapuzinerinnenkloster St. Anna im Bruch. Es stand in etwa dort, wo heute die Luzerner Kantonspolizei ihr Hauptquartier hat. Womit auch klar ist, wieso die Strasse, die zum Kloster führt, heute wie damals ihren Namen trägt: Klosterstrasse.

Beim ehmaligen Sentispital an der Baselstrasse zweigte damals die Gibraltarstrasse ab, die einst zum Frauenkloster Sankt Anna im Bruch führte. Die ganze Anlage diente, wie das Sentispital, der Versorgung der Armen und Ausgestossenen und wurde 1903 aufgehoben. Als die zum Klosterkonvent gehörenden Gebäude 1907 dann abgebrochen wurden, konnte der südliche Teil des Bruchquartiers überbaut werden.  

So sah der auch «Kloster im Bruch» genannte Gebäudekomplex 1904 aus, mit Blick Richtung Gütschwald:

Und so sieht man heute auf das Hochhaus der Kantonspolizei, das an der Stelle des Klosters gebaut wurde:

Ein weiterer interessanter Bau war das Zeughaus in der Altstadt. Massig und mächtig steht es schon seit 1684 dort; seit einiger Zeit sogar entsprechend dem städtischen Beleuchtungskonzept Plan Lumière schön dezent beleuchtet.

Wobei: Früher diente das Haus als Kornmagazin. Zum Zeughaus umgenutzt wurde es erst, als das damalige Zeughaus an der Pfistergasse aufgegeben wurde.

Der grösste Unterschied bezüglich Zeughaus zu heute betrifft die Nachbarschaft. Diese ist in den letzten 226 Jahren ordentlich gewachsen. Ob das Zeughaus übrigens noch lange als Zeughaus dient, ist offen. Die Luzerner Regierung überprüft im Rahmen des neusten Sparpakets, ob es günstigere Alternativen gibt.

Szene aus französischer Revolution

Silvan Baer hat für seine Riesenbüez so viele historische Quellen wie möglich angezapft. Auch Christoph Lichtin, Direktor des Historischen Museums Luzern, sowie Fabian Küng von der kantonalen Denkmalpflege haben ihn punktuell beraten. Doch für einige Details musste Baer seine Fantasie zu Hilfe nehmen. «Einzelne Szenen mit Menschen und Tieren habe ich erfunden, weil es davon kaum Quellen gibt. Wer sehr, sehr genau hinschaut, entdeckt etwa eine Personengruppe, die zweimal vorkommt. Eine andere Szene mit Menschen hat Baer einem Film über die französische Revolution entliehen. «Alles in allem aber würde mein Werk wohl auch von Historikern für gut befunden», ist sich Baer sicher.

Die viele Arbeit, die der Künstler ins Projekt gesteckt hat, soll sich nun natürlich wenigstens teilweise auszahlen. Baer bietet die Visualisierungen zum Verkauf an, für 60 Franken pro Stück. Er hat sowohl eine Winter- wie auch eine Sommerversion (siehe Bild unten) davon kreiert. Bislang konnte er rund 50 Plakate verkaufen.

Dass er mit dem Verkauf nicht reich wird oder seinen Aufwand entschädigt kriegt, ist ihm klar. Aber natürlich hofft Baer darauf, einen Teil der Auslagen nun wieder reinzuholen. Ob ihm das gelingt, wird sich nun in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. «Ich finde es aber auch nur schon schön, wenn sich andere Menschen an meinem Werk erfreuen.»

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