Trauernde Menschen sind im Zuger «TrauerCafé» gut aufgehoben. (Bild: fotolia.de)
Gesellschaft

Trauernde Menschen sind im Zuger «TrauerCafé» gut aufgehoben. (Bild: fotolia.de)

«Alleine essen ist das Schlimmste»

7min Lesezeit

Viele kennen das beklemmende Gefühl, wenn ein lieber Mensch gestorben ist. In Zug gibt es einen heilsamen Raum für Trauer. Im «TrauerCafé» lernen wildfremde Menschen miteinander und voneinander. Ein Augenschein vor Ort.

Es ist düster und kalt, ein typisch grauer Wintertag. Die Stimmung draussen passt zum Alterszentrum Neustadt, einem grossen dunklen Bau. Dort, mitten in Zug und doch geschützt vor neugierigen Blicken, findet immer am ersten Freitag im Monat das «TrauerCafé» statt. Es ist ein Raum der Gemeinschaft, der es ermöglicht, dem Schmerz und der Trauer zu begegnen. So steht es jedenfalls in der Broschüre. «Es ist immer eine Überraschung, wer kommt – etwa sieben bis 15 Personen. Es ist keine Anmeldung erforderlich, deshalb kann man im Vornherein nie sagen, wie viele kommen werden», sagt Herger. Das sei immer eine Herausforderung im «TrauerCafé».

«Herkommen braucht Überwindung»

Immer wieder geht die Lifttüre im vierten Stock des Alterszentrums Neustadt auf. Es ist 15.55 Uhr und die Teilnehmer des «TrauerCafés» trudeln ein. Im grosszügigen Raum gleich neben dem Lift stehen Tische bereit, eine junge Betreuerin des Alterszentrums nimmt die Kaffeewünsche der Teilnehmer entgegen und zaghaft entstehen erste Gespräche.

«Es braucht Überwindung, herzukommen und sein Innerstes zu teilen.»
Franz-Xaver Herger, Seelsorger

Weitere Menschen kommen an. «Es braucht Mut», sagt Franz-Xaver Herger, Seelsorger und Koordinator des «TrauerCafés», mit Blick auf die heutigen Teilnehmer: «Und es braucht Überwindung, herzukommen und von seiner Trauer zu reden.»

«Anonymität kann helfen, sich zu öffnen»

Franz-Xaver Herger
Franz-Xaver Herger (Bild: Zuger Pfarreiblatt)
Eine Frau hat schon beim Betreten des Raumes Tränen in den Augen. Zwei andere Frauen sitzen bereits und reden zusammen. Man kennt sich nur flüchtig. Aber jeder im Raum weiss, dass man mit allen anderen Anwesenden etwas gemeinsam hat: den Verlust eines geliebten Menschen. Trotz des Namens «TrauerCafé», trotz der Umstände der Menschen dort: Es herrscht eine erstaunlich gelöste Stimmung. «Die Anonymität kann helfen, sich zu öffnen.» Herger, studierter Theologe mit Zusatzausbildung in Schicksalspsychologie, weiss, wovon er spricht. Seit acht Jahren ist er als Seelsorger tätig. Und die folgenden zwei Stunden belegen seine Aussage.

Vom Kreislauf des Lebens

Es ist kurz nach vier Uhr, als Frau Ketterer die Türe schliesst und alle Teilnehmer bittet, sich im Kreis in die Mitte des Raumes zu setzen. Sie strahlt und die Teilnehmer sind gespannt. Auch sie wissen nie, wie es wird. «Das Ende der Raupe ist der Anfang des Schmetterlings», eröffnet Frau Ketterer das «TrauerCafé». Sie verteilt jedem Teilnehmer ein kleines Schächtelchen. Darin finden sich ein selbstgebastelter Kokon, eine Raupe und ein Schmetterling. Dieser Kreislauf der Natur ist Sinnbild der Sitzung.

«Es ist fast nicht zum Aushalten. Alles ist so dunkel, so schwierig.»

Teilnehmerin des «TrauerCafés»

Jeder im Kreis spricht zu Beginn darüber, wie es ihm heute geht. Dabei wird der Gemütszustand mit dem Kreislauf der Raupe verglichen. Es gibt kein Richtig oder Falsch, in diesem Moment zählt nur das subjektive Empfinden. Und niemand muss etwas sagen, wenn er nicht will. Eine Frau weint: «Es ist fast nicht zum Aushalten. Alles ist so dunkel, so schwierig.» Sie greift zum Kokon in ihrem Schächtelchen. Daneben sitzt ein Mann, der sagt: «Vor Kurzem habe ich einen enormen Energieschub gespürt. Ich bin wieder voller Tatendrang und ich weiss, dass meine Frau mir diese Energie schickt.» Er legt den Schmetterling in die Schale in der Mitte.

Die Achterbahn des Traurigseins

Das Gespräch unter den Teilnehmern nimmt seinen Lauf. Frau Ketterer greift ab und zu ein, lenkt das Gespräch wieder in die von ihr angedachten Bahnen. Es wird über den Kokon der Trauer gesprochen und geweint. Oder Tipps gegeben, wie man von der Raupe, die durchs Leben kriecht, die alles irgendwie hinkriegt und dennoch immer nahe am Boden ist, wieder zum Schmetterling wird.

Das «TrauerCafé» in Zug

Das «TrauerCafé» findet jeden ersten Freitag im Monat von 16 Uhr bis 18 Uhr statt. Die Teilnahme ist kostenlos, Getränke können vor Ort bezogen werden; Spenden sind erwünscht. Organisiert wird das «TrauerCafé» vom Verein Palliativ Zug in Zusammenarbeit mit der Vereinigung katholischer Kirchgemeinden und der reformierten Kirche des Kantons Zug, der Spitex Zug, der Krebsliga Zug und dem Verein Hospiz Zug.

Schonungslos erzählen die Menschen von Trauer, Alleinsein und Verlustängsten. Ohne Netz und doppelten Boden erleben sie gemeinsam die Achterbahn des Traurigseins. Während der zwei Stunden «TrauerCafé» werden Fragen nach dem Sinn des Lebens besprochen: Was treibt mich an, was erfüllt mein Leben? Wann bin ich traurig und wie komme ich da wieder raus? Aber auch: «Warum kommen zu Beginn alle mit Kärtchen, guten Wünschen, und dann, nach einiger Zeit, fragt niemand mehr nach, wie es mir geht?», fragt ein Mann in die Runde. Es sind Fragen, deren Beantwortung nicht einfach ist. Gemeinsam versuchen die Teilnehmenden wieder zu vertrauen, dass der Kreislauf weitergeht. Dass aus jedem Kokon-Zustand ein Schmetterling-Zustand werden kann.

Mikrokosmos für Trauernde

Das «TrauerCafé» ist ein Mikrokosmos für Trauernde. Eine Welt, in der alle verstehen, was mit und um den anderen herum passiert, weil sie das Gleiche erlebt haben. Es ist beeindruckend, wie die Menschen ihre verletzte Seite so ganz offen zeigen und preisgeben, was sie traurig macht, was sie verletzt. «Alleine essen am Sonntagabend ist das Schlimmste», sagt jemand. Andere nicken zustimmend. Man merkt, hier hat alles Platz. Nie ist etwas komisch, über kein Wort wird gerichtet. Und doch wird ab und zu auch gelacht.

«Alleine essen am Sonntagabend ist das Schlimmste.»
Teilnehmer des «TrauerCafés»

Dennoch, und das ist für Herger zentral: «Man muss sich hier nicht schämen, traurig zu sein.» Die Gesellschaft vermittle einem manchmal das Gegenteil. Sätze wie: «Hey, das ist doch schon ein Jahr her, langsam müsstest du doch aufhören, traurig zu sein», verdeutlichen das. Aber der Trauerprozess sei sehr individuell, weiss Herger aus seiner langjährigen Erfahrung als Seelsorger. Herger und sein Team, das sind Menschen mit dem Blick für die kleinen Regungen im Menschen. Eloquent, direkt und einfühlsam gehen sie auf die Sorgen der Teilnehmer ein – und holen sie so langsam zurück in den Alltag.

Zurück in die Kälte

«Es ist halb sechs. Wir sind am Ende des heutigen ‹TrauerCafés› angelangt.» Frau Ketterer holt die Teilnehmer aus den Gesprächen ab und bringt sie zurück in den Freitagabend. Einige Teilnehmer versorgen die Stühle, andere suchen das direkte Gespräch mit den Seelsorgern. Man klopft sich noch auf die Schulter, gibt sich die Hand oder umarmt sich. Nach zwei gemeinsamen Stunden verlassen die Teilnehmer langsam den Raum. Manche stehen anschliessend zusammen draussen vor dem grossen dunklen Gebäude an der Kälte und reden noch. Manche sind schon lange weg. Womöglich holen viele wieder das Schächtelchen raus und denken an Frau Ketterer und ihre tröstenden Worte.

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