Über fehlende Kundschaft kann man sich nicht beklagen – der «glore Store» in Luzern läuft bestens. (Bild: aka)
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Über fehlende Kundschaft kann man sich nicht beklagen – der «glore Store» in Luzern läuft bestens. (Bild: aka)

Shoppen ohne schlechtes Gewissen

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Wer sich bewusst kleiden möchte, ist nicht mehr dazu verurteilt, in zusammengeflickten Jutensäcken rumzurennen. Im Gegenteil – Modebewusstsein und Nachhaltigkeit sind überhaupt kein Widerspruch mehr. zentral+ kennt die besten Tipps und Tricks, wie man sich in Luzern mit fairer und ökologischer Mode eindecken kann.

Anina Kamm

Über 60 Millionen Menschen weltweit arbeiten in der Textil- und Bekleidungsindustrie und sorgen mit 50- bis 80-Stunden-Wochen dafür, dass Mode bei uns ein billiges Wegwerfprodukt ist. Doch es zeichnet sich eine Umwälzung ab: «Zu viel Auswahl wird in Zukunft immer unattraktiver werden», sagte die bekannte Trendforscherin Lidewij Edelkoort kürzlich gegenüber dem «Zeit Magazin». Und weiter: «Die Menschen wollen weniger besitzen, das gibt ihnen ein Gefühl der Freiheit zurück.» 

«Die Menschen wollen weniger besitzen, das gibt ihnen ein Gefühl der Freiheit zurück.»

Lidewij Edelkoort, Trendforscherin

Ist da etwas dran? Und wie kompliziert und teuer ist es in Luzern, sich nachhaltig zu kleiden? Wir haben mit der Nachhaltigkeits-Bloggerin und Inhaberin des «glore Store» Rebekka Sommerhalder darüber gesprochen. Als Erstes stellt die Luzernerin klar: «Nachhaltigkeit bedeutet nicht, dass man keine Freude an Mode haben darf.»

Andrang ist gross

Den «glore Store» in Luzern gibt es erst seit einem knappen Jahr; es ist der einzige in der Schweiz, weitere gibt es in Deutschland. «Es gibt eine riesige Nachfrage, und das ermutigt uns», sagt Sommerhalder. Der Grossteil der Klientel sei eher jung, zwischen 25 und 40. Es gebe auch schon viele Teenager, die auf umweltfreundliche Kleidung achten, erklärt die ehemalige Event-Managerin. Ist denen das nicht zu teuer? Schliesslich spielt fair und ökologisch produzierte Mode preislich in einer anderen Liga als zum Beispiel «Chicorée». «Schlussendlich kommt es darauf an, wie viel man einkauft, und aufs Preis-Leistung-Verhältnis», sagt Sommerhalder.

Einige Luzerner Geschäfte haben faire und ökologische Marken in ihrem Sortiment, so zum Beispiel «Früh’ling» an der Alpenstrasse. «erfolg» vertreibt Shirts und Strickwaren, die in der Schweiz produziert wurden, unter anderem auch in Luzern in der Nähe des Bourbakis.

«Nachhaltigkeit bedeutet nicht, dass man keine Freude an Mode haben darf.»

Rebekka Sommerhalder, Inhaberin «glore Store»

Scheinheilige Labels

Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Überzeugung, sondern seit längerer Zeit auch ein Trend. Zahlreiche grosse Ketten haben daher Labels für einzelne Produkte kreiert, so zum Beispiel «H&M Conscious» oder «Levi’s Waste». Ein zweischneidiges Schwert, findet Rebekka Sommerhalder: «Ich finde es scheinheilig, wenn ein Unternehmen Unmengen an Produkten unter schlimmen Bedingungen produziert und dann quasi pro forma noch ein Nachhaltigkeitslabel mit einigen wenigen Teilen führt. Das ist dann mehr PR», sagt sie.

Sport und chic ist schwierig

Labels – an sich ein kompliziertes Thema. Als Kunde findet man sich in einem regelrechten Labeldschungel wieder, bei dem man kaum den Überblick behält – es gibt zum Beispiel Labels für fair gehandelte Biobaumwolle, was aber noch lange nicht bedeutet, dass die Näherin, die das Shirt hergestellt hat, einen fairen Lohn erhalten hat. Um den Überblick zu behalten, ist es für Rebekka Sommerhalder unabdingbar, sich laufend zu informieren und die rund 40 Marken, die sie beliefern, im Auge zu behalten. «Bei den Zertifizierungen setzen wir vor allem auf Gots, Fairtrade und die Fair Wear Foundation», sagt sie.

Und wo kauft die umweltbewusste junge Luzernerin um die Ecke Kleidung ein? Unterwäsche und Basics kaufe man am besten bei «Coop Naturaline» ein, rät Sommerhalder. Wo’s aber schwierig wird: Dessous und Bademode. Auch Abendkleider und Sportsachen – mit Ausnahmen von einigen Outdoor-Marken – werden kaum nachhaltig produziert. «Wir bieten in unserem Geschäft Yoga-Kleidung an, die man natürlich auch sonst zum Sport tragen kann. Und ab kommendem Sommer wird man hier auch Bademode finden», kündigt Rebekka Sommerhalder an.

Geheimtipp Brocki

Auch wenn viele Vorurteile haben: Was spricht eigentlich gegen Kleidershopping im Brocki? Man wendet zwar viel Zeit auf, dafür findet sich aber auch das eine oder andere Juwel unter dem alten Kram. Und: Alte Kleidungsstücke haben oft eine tolle Qualität. «Früher wurde Kleidung viel sorgfältiger und mit besseren Materialien hergestellt. Wer also ein passendes Vintage-Stück findet, hat sicher lange Freude daran», sagt Sommerhalder. Auch für Schmuck und Accessoires lohnt sich ein Brocki-Besuch. In Luzern gibt es das Caritas-Brocki an der Bleicherstrasse 10, die Brockenhaus-Gesellschaft an der Klosterstrasse 14 und das der Heilsarmee an der Langsägestrasse 5 in Kriens. Ausserdem findet man Brockis in Emmen, Sursee und Hünenberg.

Auch Second-Hand-Läden sind eine gute Option, wenn man Geld und Ressourcen schonen will. In Luzern gibt’s «Judys Kleiderbörse»«Tootsies», und «Ziitlos». Ausserdem: Das «PurPur Second-Hand» und die Boutiquen «Second Vogue» und «DIVA»

Ein weiterer Tipp: Private Tauschbörsen mit Freunden organisieren.

«Früher wurde Kleidung viel sorgfältiger und mit besseren Materialien hergestellt.»

Rebekka Sommerhalder

Und was man in Luzern nicht findet, kann man auch bequem online bestellen und es sich nach Hause liefern lassen. Sommerhalder empfiehlt den Waschbär Umweltversand, den Vivanda Versand sowie favorite fair. «Online-Shopping ist aber nur sinnvoll, wenn man nicht massenweise Sachen bestellt und dann wieder zurückschickt», findet sie. Stichwort: Graue Energie.

Weniger Fehlkäufe

«Nachhaltigkeit bedeutet auch, eine kleinere und durchdachtere Garderobe zu haben», sagt Rebekka Sommerhalder. «Ich selbst versuche, nur noch Lieblingsstücke einzukaufen, an denen ich lange Zeit Freude haben kann.» Klar – es bedarf einer gewissen Stilsicherheit, die wenigen Stücke im Schrank geschickt und immer wieder neu zu kombinieren. Aber: «Mir machen meine Kleider viel mehr Spass, seit ich weniger habe. Und ich mache weniger Fehlkäufe», sagt die glore-Inhaberin. 

Das Portemonnaie und die Umwelt danken es einem, wenn man seine Kleidung so lange wie möglich trägt. Rebekka Sommerhalders Tipps für Langlebigkeit: wenig waschen (oft reicht auch auslüften) und nicht zu heiss. Möglichst nicht tumblern und ab und zu sorgfältig bügeln oder dämpfen.

Eines ist für Sommerhalder klar: «Nachhaltigkeit ist nicht immer ein bequemer Lebensstil. Manchmal ist es schwierig, konsequent zu sein», resümiert sie. Trotzdem: Heutzutage bedeutet das nicht mehr, dass man unmodisch sein oder viel Geld ausgeben muss.

Wir haben bereits mehrmals über das Thema berichtet: Zum einen über den Reiz, nur 100 Dinge zu besitzen, und über den Flohmarkt-Boom in Luzern. Auch «Fair-Trade» in Luzern haben wir beleuchtet.

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