Ein Erotik-Workshop kann Spass machen. Es wurden aber auch ernste Themen angesprochen.  (Bild: LEA HEPP)
Gesellschaft

Ein Erotik-Workshop kann Spass machen. Es wurden aber auch ernste Themen angesprochen. (Bild: LEA HEPP)

Sechs Frauen, eine Peitsche und ein Perlenslip

7min Lesezeit

Von Pornofilmen über Lifstyle-Produkte bis hin zu «50 Shades of Grey»: Die Erotikbranche hat sich verändert. Frauen und Paare gehören immer mehr zur Stammkundschaft. Und wer nicht in einen Laden möchte, kann sich eine Beraterin nach Hause bestellen – wie unsere Autorin. Dabei kamen auch unerwartete Fragen auf. Etwa: «Wie wäscht man das?»

Es ist unter der Woche und die Prosecco-Stimmung will nicht so richtig aufkommen, als sich meine fünf Freundinnen zur «Sensuelle»-Homeparty bei mir einfinden. Ob sie trotzdem locker genug werden, für diese Heimpräsentation von Erotikprodukten? 

Claudia Sieber, stellvertretende Geschäftsführerin bei Sensuelle, einem Anbieter von allem was mit Sex und Erotik zu tun hat, stellt zuerst mal diverse Produkte auf den Tisch. Sie wird sie an diesem Abend vorstellen, erklären – und natürlich zu verkaufen versuchen. Zuerst erzählt sie von der Boutique, die man in Zürich findet, und von sich. Dann lenkt sie das Gespräch professionell auf das Thema Sinnesexplosion und Düfte. Ein angeblich «erotisches Kochbuch» wird herum gereicht und sofort entsteht eine lebhafte Diskussion. Meine Sorge, der Abend könnte peinlich und/oder geheimmt und/oder langweilig werden, war umsonst. Wir sind schon mitten im Thema, es wird gelacht, die Stimmung ist gut.

«Die Schweizer und Österreicher kaufen bewusster ein.»

Claudia Sieber, Sensuelle

Keine nackten Frauen auf der Verpackung

Früher lebten die Sexshops vor allem von den Pornofilmen und die Kunden waren vor allem Männer mittleren Alters. Wie sich die Erotikbranche verändert hat, ist zur Zeit auch am TV zu sehen. In der besten Sendezeit wird Werbung von Sex-Toy-Anbietern gezeigt. Mit schönen Bildern wird das neue Zielpublikum angesprochen: Frauen und Paare. 

Eine Feder wird getestet.
Eine Feder wird getestet. (Bild: neh)

Dass der Trend weg vom puren Sex hin zur Erotik und Sinnlichkeit geht, das wird auch an unserer Luzerner Homeparty schnell klar. «Wir kaufen sehr sorgfältig ein. Auf den Verpackungen unserer Produkte gibt’s keine nackten Frauen», betont Claudia Sieber. Dabei gibt es Unterschiede im Kaufverhalten, wie etwa das Beispiel des Deutschen Online-Shops «Amorelie» zeigt. «Die Schweizer und Österreicher kaufen bewusster ein», weiss Johanna Rief von Amorelie. Schweizer liessen sich mehr Zeit für den Einkauf und würden sehr auf Qualität achten.­ «Sie sind dafür auch bereit, mehr auszugeben.» 

«Wie wäscht man das?»

Julia (35)

Perlenslip fürs Liebesspiel

Zurück zu unserem Workshop. Claudia Sieber reicht verschiedene Fläschchen herum, mit Ölen und Pheromon-Düften. Neugierig probieren die Damen die Produkte aus, beschnuppern sich gegenseitig und lernen von der Fachfrau, dass ein Parfum nie auf der Haut zerrieben werden sollte.

Patner-Toys sind Spitzenreiter

Laut einer Umfrage der Firma Amorelie sind die Schweizer in Punkto Sextoys recht erfahren: 40,3 Prozent der Befragten gaben an, bereits mehr als ein Spielzeug daheim zu haben. Im Schnitt besässen die Schweizer 2 bis 4 Sextoys. Hoch im Kurs liegen dabei Vibratoren für die äusserliche sowie vaginale Stimulation, aber auch Massageprodukte. Spannend: Rund ein Drittel gibt auch an, sich für Bondage­-Zubehör (Fesseln, Peitschen, Augenbinden etc.) zu interessieren. Und mit 51,07 Prozent sind Partner-Toys Spitzenreiter.

Währenddessen werden Erfahrungen ausgetauscht. Sandra (44) liest erotische Romane, um im hektischen Alltag zwischen Familie, Kinder und Job in Stimmung zu kommen. Anja (44) erzählt, dass sie für verschiedene Stimmungen und Gelegenheiten gerne unterschiedliche Düfte verwendet. Dabei wird gelacht, doch auch ernstere Themen haben Platz.

Alessia* (47) erzählt offen, wie sich ihr Körper in den Wechseljahren verändert und wie sie damit umgeht. Miriam* (35) bringt die Erwartungen, die man gegenseitig hat, ins Gespräch. Fast unbemerkt ist Kursleiterin Claudia Sieber von Düften zu Dessous übergegangen und zeigt einen Perlenslip, der sich auch ins Liebesspiel integrieren lässt. Interessiert und neugierig begutachten die fünf Frauen die Unterwäsche. «Wie wäscht man das?», fragt Julia (35). Inzwischen werden Federn und eine kleine Peitsche herumgereicht.

«50 Shades of Grey» als Türöffner

Ein kurzer Szenenwechsel: Lässt da «50 Shades of Grey» grüssen? Das Buch habe durchaus etwas in der Gesellschaft verändert, sagen Branchenexperten. Jan Brönnimann, Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizer Marktleaders Magic X erklärt es so: «Wir haben bemerkt, dass bei vielen neuen Kunden die Schwellenängste zu Sadomaso-Praktiken abgebaut wurden. Wir hätten diesen Effekt anfangs auch nicht für möglich gehalten».

Die Veränderung der Branche und der «Türöffner 50 Shades of Grey» hätten nicht nur dazu geführt, dass die wegfallenden «Porno-Kunden» kompensiert werden konnten, sondern die Branche sei sogar gewachsen. «Wir haben heute 30 Filialen in der Schweiz, mehr als noch vor zehn Jahren», freut sich Brönnimann.

«Längst sieht ein Dildo nicht mehr aus wie ein Gummipenis.»

Claudia Sieber

Liebeskugeln wandern durch die Hände

Bei unserem Workshop mischt sich das Theme Sinnlichkeit nun mit Gesundheit. Claudia Sieber präsentiert eine Art Stein, der zur Intimpflege benutzt werden kann. Ausserdem wird das Gespräch auf Beckenbodentraining gelenkt – ein wichtiges Thema, gerade für Frauen. «Wir brauchen den Beckenboden, um die Blase zu stützen und Inkontinenz zu verhindern», erklärt die ausgebildete Sexualberaterin. Verschiedene Liebeskugeln wandern durch forschende Hände, die abwiegen, spüren. Sandra erklärt, dass dieses «Training» sogar bei Rückenschmerzen helfen kann.

Ein «Touch» zur Klitoris-Simulation
Ein «Touch» zur Klitoris-Simulation (Bild: neh)

Design und technologischer Fortschritt halten immer mehr in der Branche Einzug, erklärt Sieber. «Längst sieht ein Dildo nicht mehr aus wie ein Gummipenis.» Die Spielzeuge seien je nach Hersteller auch kleiner geworden. «Lelo, der schwedische Produzent, von dem unser Verkaufsschlager Mona kommt, wurde deshalb erst sehr belächelt.» Oder man kann sich auch über eine Fernsteuerung mittels App gemeinsam über ein Spielzeug freuen. Die Vibratoren haben Fernbedienungen, unzählige Programme und Modi.

«Erotik ist ein sehr umfassendes Thema mit vielen Facetten.»

Claudia Sieber

Der Abend neigt sich langsam dem Ende zu. Und Voilä: Es wird fleissig bestellt. Vor allem die Kugeln, oder spezielle Gleitmittel, aber auch Ratgeber- oder Kochbücher. «So laufen unsere Homeparties in der Regel ab. Erotik ist ein sehr umfassendes Thema mit vielen Facetten.»

Wirklich schwierige Themen kömen selten in der Runde zur Sprache. «Wenn, dann fragen mich die Frauen nach den Workshops, unter vier Augen», sagt Sieber. Es gehe oft um Orgasmusschwierigkeiten, Schmerzen oder Trockenheit beim Sex.

Übrigens: Ähnliche Parties können auch bei anderen Anbietern gebucht werden.

*Namen der Redaktion bekannt

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