Das Titelbild von Corinne Ruflis Buch machte Liva Tresch, die selbst auch im Buch ihre Geschichte erzählt. (Bild: zvg)
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Das Titelbild von Corinne Ruflis Buch machte Liva Tresch, die selbst auch im Buch ihre Geschichte erzählt. (Bild: zvg)

Seid ihr Schwestern? «Ja, warme Schwestern!»

6min Lesezeit

Ältere, lesbische Frauen sind in unserer Gesellschaft praktisch unsichtbar. Buchautorin Corinne Rufli stellte einige davon in Luzern vor. Elf Geschichten frauenliebender Frauen über 70, darunter auch jene einer ehemaligen Kantonsrätin aus Luzern.

Gleichgeschlechtliche Paare sind auf den Strassen des heutigen Europas keine Randerscheinung mehr. Doch die ältere Generation von Lesben ist noch immer relativ unsichtbar. Die Historikerin Corinne Rufli entschied sich deshalb, die ungehörten Geschichten öffentlich zu machen (siehe Box). Auch in Luzern scheint das Thema einen Nerv zu treffen. Die Zwischennutzung Neubad ist am Abend von Ruflis Lesung proppenvoll.

Weg von den Klischees

Die Frauen erzählen, wie sie ihre Beziehungen in der bürgerlichen Enge der Schweiz gestalteten, wie sie von der Frauenbewegung angezogen oder abgestossen waren, wie sie einen Mann heirateten oder sich in eine Frau verliebten und wie sie heute leben. Ihre Geschichten sind voller Lebenslust. Sie zeigen aber auch die Ausgrenzung von Frauen, die sich nicht dem Ideal der Hausfrau und Mutter unterwerfen lassen wollten, und dokumentieren die Vielfalt eines Frauenlebens jenseits von Klischees.

Corinne Rufli (Bild: jav)
Corinne Rufli (Bild: jav)

Keine Hemmungen

Renate (84) zum Beispiel nennt sich Lesbe, ist aber mit einem Mann verheiratet. Berti (78) liebt Elisabeth (77) seit über 40 Jahren, ist vierfache Grossmutter und geschieden. Margrit (81) führte in den 1960er-Jahren wilde Tanzabende für Frauen durch. Liva (82) betete nach ihrem ersten Mal mit einer Frau das Vaterunser.

«Wir sind keine Randerscheinung, wir sind auch keine Zumutung.»
Karin (77)

Zwei der Frauen aus dem Buch, das Paar Eva (74) und Karin (77), sind bei den Lesungen von Corinne Rufli mit dabei. Sie sprechen in der Schweiz, Deutschland und Österreich vor Hunderten Menschen über ihre ganz persönliche Geschichte, über ihre Krisen, darüber, wie sie sich kennenlernten, und ihre Liebe, die sie mittlerweile seit 35 Jahren offen und seit sechs Jahren in einer eingetragenen Partnerschaft leben. Eine Herausforderung für die beiden Frauen, aber auch ein Abenteuer.

Tränen und Gelächter im Pool

Teil der eigenen Geschichte

Elf frauenliebende Frauen über 70 lässt Corinne Rufli in ihrem Buch zu Wort kommen. Sie hat dabei Geschichten voller Mut zu Papier gebracht – berührend und unerhört. «Mir fehlten Vorbilder, Geschichten von lesbischen Paaren – mögliche Zukunftsperspektiven. Das existierte irgendwie nicht und hier wollte ich einhaken», erklärt Rufli, die selbst auch mit einer Frau zusammen ist. Und der Erfolg ihres Buches «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert. Frauenliebende Frauen über siebzig erzählen» gibt ihr Recht. 2015 erstmals erschienen, ist jetzt schon die 3. Auflage im Umlauf.

Eva und Karin, die ganz unterschiedliche Leben führten – bis zu dem Zeitpunkt, als sie sich kennenlernten, sind die perfekten Gäste für einen solchen Abend. Innerhalb von Sekunden haben die beiden die Sympathie des Publikums für sich gewonnen. Wie die beiden ihre Geschichte erzählen und dabei nie übereinander, sondern immer zueinander sprechen, nimmt einen sofort ein. Als die Künstlerin Karin ihrer Eva spontan ein Liebesgedicht vorträgt, rührt sie nicht nur ihre Partnerin, sondern das halbe Publikum zu Tränen. Die beiden erzählen so ehrlich und ungekünstelt, ergänzen sich in den berührenden Erinnerungen und lustigen Anekdoten, dass das Publikum bis zum Schluss gebannt zuhört. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, wenn die beiden beispielsweise über ihre Kennenlernphase sprechen.

Die tragische Geschichte von Eva, die in einem strengen, evangelikalen Umfeld aufwuchs, einen reformierten Pfarrer heiratete und zwei Kinder adoptierte, steht im krassen Gegensatz zum Lebenslauf von Karin. Sie lebte ihr Lesbischsein schon früh offen aus und scheute sich nie vor Konfrontation.

Passend dazu wendet sich Karin auch an das Publikum: «Wir sind keine Randerscheinung, wir sind auch keine Zumutung. Wir müssen uns nicht schämen, sondern wir müssen Worte finden für unsere Geschichten und Anliegen.»

Das Paar Eva und Karin bei der Lesung (Bild: jav)
Das Paar Eva und Karin bei der Lesung (Bild: jav)

Seid ihr Schwestern?

Ein Thema, welches in mehreren Geschichten auftaucht, ist, dass wohl viele lesbische, ältere Paare gar nicht als solche wahrgenommen werden, auch wenn sie sich öffentlich nicht bedeckt halten. «Seid ihr Schwestern?», hören sie dann oft. Karin lacht und erzählt, dass es ihr bei dieser Frage – nicht allzu lange her – den «Nuggi» rausgehauen habe. «Ich habe gesagt: Schwestern? Nein. Und wenn, dann warme Schwestern.»

Im Buch findet sich auch die Geschichte von Margrit Bernhard, die in Luzern aufwuchs. In ihrem stockkatholischen Umfeld begann sie schon früh zu rebellieren. Bereits in der Schule verliebte sie sich in eine Klassenkameradin und erlebte mit ihr auch erstmals körperliche Nähe. Die typischen Frauenbilder, die Rolle der Hausfrau lehnte sie stets ab. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Journalismus, wurde Lehrerin und politisierte für die SP im Kantonsrat. In den 60er-Jahren zog sie in Zürich in einem Schwulenclub Tanzabende für Frauen auf. Mit grossem Erfolg. Sie bewegte sich in der Szene und gestaltete sie aktiv mit. Sie habe ihr Lesbischsein nie versteckt, aber auch kein «Schild getragen», sagt sie im Buch von Rufli.

Heute, mit 81 Jahren, schaue sie auf Beziehungen mit vielen Frauen zurück. Aber eine langjährige Beziehung habe es nie gegeben. Sie habe sich nie festlegen oder einschränken wollen. Mit den Jahren sei sie nun aber auch gelassener geworden und das Lesbischsein werde immer weniger wichtig.

Thema verbindet Generationen

Die Geschichten im Buch von Rufli schlagen eine Brücke. Sie verbinden heute die Generationen der jungen Lesben mit einer, die bisher kaum greifbar war. Und die Thematik wird immer öfters aufgegriffen.

Im Neubad zeigte Rufli auch einen Kurzfilm von Regisseurin Claudia Lorenz, der perfekt zu ihrem Buch und der Lesung passt. «Hoi Maya» heisst der Film und beschäftigt sich mit der Liebe zweier Frauen zueinander, die erst im Alter eine richtige Chance bekommt.

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