Hier wohnt er jetzt mit seiner Frau Olga: Peter Gysling in Hergiswil. (Bild: Pirmin Bossart)
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Hier wohnt er jetzt mit seiner Frau Olga: Peter Gysling in Hergiswil. (Bild: Pirmin Bossart)

Moskau retour: Aus dem Millionenmoloch ins Dorfleben

11min Lesezeit

Als SRF-Korrespondent in der ehemaligen Sowjetunion hat Peter Gysling (65) von Aufbruch und Öffnung, später von Willkür und Krisen berichtet. Jetzt wohnt er am Vierwaldstättersee und wundert sich, dass ihm die Leute auf der Strasse Grüezi sagen.

Pirmin Bossart

Der Blick aus dem Fenster geht auf das schroffe Massiv des Pilatus, das von einen ersten Hauch Schnee bedeckt ist. Die Wohnung liegt mitten im Dorf. Jahrelang sei er als Korrespondent unterwegs gewesen und habe mal hier und mal dort gelebt, sagt Peter Gysling. «Jetzt konnte ich dorthin ziehen, wo es mir am besten gefällt. Diese Chance habe ich gerne wahrgenommen.»

«Ich bin kein Millionär, der einen steuergünstigen Wohnsitz gewählt hat»

Gysling und seine russische Frau Olga haben ihre Eigentumswohnung in Hergiswil erst vor kurzem bezogen. Sind sind noch ganz neu hier. Am letzten Schliff der Einrichtung wird noch gearbeitet. Und schon klopft der Journalist an und fragt um ein Gespräch. Gysling wundert sich, was denn an seinem Status so interessant sein, aber er ist Profi genug, um sich mit guter Laune darauf einzulassen. Und dann auch lebhaft zu erzählen.

Hier sagt man Grüezi

Russland-Experte

Peter Gysling, 1950 geboren, ist in Chur und Basel aufgewachsen. 1986 bis 1990 war er Deutschland-Korrespondent von Schweizer Radio DRS, 1990 bis 1994 berichtete er von Moskau aus über die Geschehnisse in der ehemaligen Sowjetunion und ihren Umbrüchen. Danach arbeitete Gysling als Produzent der Tagesschau, als Auslandreporter und Moderator beim SRF. 2002 bis 2008 leitete er die Wortprogramme des Kultursenders Schweizer Radio DRS 2. Von 2008 bis 2015 wirkte Gysling nochmals als Moskau-Korrespondent für das SRF. 2012 war er Präsentator der SRF-Dokumentarfilmserie «Seidenstrasse». Daraus entstand das Buch «Seidenstrasse heute», an dem er mitwirkte. Gysling ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter.

«Nein, ich bin kein Millionär, der einen steuergünstigen Wohnsitz gewählt hat», sagt Gysling zu seinem neuen Wohnort. Ihm passt die Zentralschweiz wegen der Landschaft. «Ich fühle mich einfach unheimlich gut in der Nähe von Bergen. Eigentlich können sie nicht genug nahe sein.» Gysling findet auch die Zentralschweizer Menschen offen und freundlich. «Man spürt die lange Tradition des Transitkorridors in den Süden, die sich hier niedergeschlagen hat. Nicht zuletzt ist Luzern eine prächtige Stadt, die mit der S-Bahn mühelos und schnell zu erreichen ist.»

Er kennt schon länger ein paar Leute in Luzern. Das sind etwa die Kollegen, mit denen er auf Ski- oder Bergtouren geht. Und natürlich die ehemaligen Südasien-Korrespondenten Gisela Widmer und Peter Isenegger. In Hergiswil muss er sich noch einleben, aber er hat einen guten Eindruck vom Ort mit den gut 5'500 Einwohnern. «Mir gefällt der Dorfcharakter. Es hat eine Bäckerei, es hat Beizen, der Bahnhof ist nahe. Und wenn ich wandern will, bin ich sehr schnell auf der Klewenalp oder in Engelberg.» Als Neuzugezogener fällt ihm auf, dass sich hier die Leute alle noch Grüezi sagen. Vorher lebte er zusammen mit 12 Millionen anderen Menschen in Moskau: «Da wäre man schief angeschaut worden.»

Ein gewisses Abenteuer und die Lust auf unbekannte Situationen, die es zu erforschen lockte, hatten ihn schon immer gereizt. «Als Jugendlicher habe ich die Bücher von Antoine de Saint Exupery oder Thor Heyerdahl verschlungen. Schon damals war ich fasziniert von der Vorstellung, neue Welten zu entdecken. Das mag bei meiner Berufswahl mitgeschwungen haben.»

Peter Gysling beim Interview in Blagoveschensk an der Grenze zu China.
Peter Gysling beim Interview in Blagoveschensk an der Grenze zu China. (Bild: zvg)

Aufbruch und Rezession: Der Reporter leidet mit

Moskau interessierte ihn, weil er in seiner Zeit als Deutschland-Korrespondent bis 1990 immer wieder mit Russland in Berührung gekommen war: Der Fall der Mauer, die Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte, die Begegnungen mit Aussiedlern. Gysling begann, Russisch zu lernen. Als Gorbatschow an die Macht kam und der Kalte Krieg zu Ende ging, packte er die Chance. «Ich hatte grosse Lust, die verschiedenen Kulturen und Menschen in den Regionen der damaligen Sowjetunion kennenzulernen und diese dem Publikum näherzubringen.»

Das Vorhaben klappte. 1990 wechselte er von Berlin nach Moskau, wo er vier Jahre lang als Radio-Korrespondent arbeitete. Gysling erlebte den versuchte Putsch gegen Gorbatschow, den Zerfall der UdSSR und den Machtkampf von Boris Jelzin mit dem russischen Parlament. «Schon damals habe ich immer wieder die Republiken der ehemaligen Sowjetunion bereist.»

2008 kehrte er als Korrespondent des Schweizer Radios und Fernsehens nach Moskau zurück. «Es war noch immer spannend, aber auch frustrierend. Damals lag ein grosser Aufbruch in der Luft, diesmal dominierten Konflikte, Kriege, Rezession und Repression.» Jetzt wurde er Zeuge des Georgienkrieges, der russischen Krim-Annexion oder der Proteste auf dem Maidan und verfolgte den Krieg in der Ostukraine.

Peter Gysling traf auch hohe Tiere zum Interview: Hier mit Michail Chodorkowskij in Berlin.
Peter Gysling traf auch hohe Tiere zum Interview: Hier mit Michail Chodorkowskij in Berlin. (Bild: zvg)

Korruption und Willkür aber keine Zensur

Wie hat seine Arbeit in Russland die Sicht auf das Land und seine Menschen verändert? «Wenn man sich längere Zeit an einem Ort aufhält, wird auch der eigene Blick differenzierter», sagt Gysling. Ihm gefalle die Sentimentalität vieler Russinnen und Russen, die russische Kultur. Aber im Moment stecke das Land in einer schwierigen Lage. Das sei wegen des tiefen Ölpreises, wegen der vernachlässigten Modernisierung, wegen der Korruption und Behördenwillkür und auch wegen der westlichen Sanktionen und den russischen Gegensanktionen.

«Ich bin zur Ansicht gekommen, dass sich die Zukunft Russlands nicht voraussagen lässt.»

Gysling konstatiert, dass es sehr viele Anstrengungen bräuchte, damit Russland – was wünschbar sei – in absehbarer Zeit wirtschaftlich voran komme. Doch es bleibt eine grosse Ungewissheit: «Je länger ich mich mit Russland beschäftigt habe, umso mehr bin ich gleichzeitig zur Ansicht gekommen, dass sich die Zukunft dieses Landes nicht voraussagen lässt.»

Als Korrespondent hatte er nie Mühe, sich umfassend zu informieren. «Es gibt verschiedene Fernsehstationen, liberale Zeitungen, Agenturen, es finden Medienkonferenzen statt, auch das Internet ist frei zugänglich.» Oppositionelle Medien und Kanäle würden wirtschaftlich marginalisiert, aber nicht zensuriert oder mundtot gemacht. Wichtig sei auch das Netzwerk der internationalen Korrespondenten. «Mit den sozialen Medien sind sie inzwischen viel besser zu orten und zu kontaktieren.»

Ähnlich wie ein Dorfarzt, sagt Gysling, sei er als Korrespondent immer erreichbar gewesen. Das gehört zum unabdingbaren Anforderungsprofil dieses Jobs. Ein Korrespondent ist prinzipiell dauernd im Dienst, andererseits hat er eine grosse Selbständigkeit. «Es war ein strenger Job, aber ich habe ihn gerne gemacht. Auch wenn ich oft 14- oder 15-Stunden-Tage hatte, war ich glücklich dabei, weil ich gerne gearbeitet habe. Für mich war das eine Lebenserfüllung.»

Gysling in der Türkei bei den Dreharbeiten der SRF-Dokfilmserie «Seidenstrasse».
Gysling in der Türkei bei den Dreharbeiten der SRF-Dokfilmserie «Seidenstrasse». (Bild: zvg)

Viele Vorträge und Reisen

Wie ist das jetzt im beschaulichen Hergiswil, weg von der russischen Metropole, weg von exotischen Schauplätzen, weg vom Adrenalinkick neuer Entwicklungen? Gysling nimmt es gelassen. «Ich war mir bewusst, dass diese Phase kommt. Ich habe keine Gefühle von Frust, sondern solche von Dankbarkeit, weil ich so viel Spannendes erleben konnte.»

«Es wird jetzt etwas aufwändiger, meine russischen Freunde zu besuchen.»

Das rund um die Uhr pulsierende Leben in Moskau hat er genossen. «Aber es fehlt mir nicht. Ich fühlte mich hier sofort wieder zuhause. Es war keine Umstellung.» Das Einzige, was er vermisse, seien die Arbeitskollegen in Moskau, aber auch die russischen Freunde. «Es wird jetzt einfach etwas aufwändiger, einander zu besuchen.»

Thematisch bleibt Peter Gysling auch als Pensionierter am Draht. Er ist bereits ein gefragter Referent bei Anlässen von Organisationen, an Volkshochschulen oder Universitäten. Dort hält er Vorträge über die aktuelle Entwicklung in Russland, im Kaukasus oder in Zentralasien. An der Universität Basel eröffnet er die Vortragsreihe «Die Welt verstehen», an der verschiedene Medienschaffende und Experten jeweils ein bestimmtes Gebiet vorstellen.

Er liebt solche Auftritte, wie er auch gerne an Diskussionen teilnimmt. «Ich betrachte es als eine schöne Verpflichtung, all das weitergeben zu können, was ich während meiner Korrespondenten-Tätigkeit kennenlernen und vertiefen konnte.» Gysling hat auch nach seiner Pensionierung ausgiebig Gelegenheit, die Regionen seiner Kompetenz zu bereisen, ist er doch bereits von Reiseveranstaltern als Begleiter für mehrere Reisegruppen gebucht.

Klewenalp und Kamtschaka

Der Terminkalender über seinem Bürotisch spricht für sich. Wenn alles klappt, ist er dieses Jahr in Aserbaidschan, Georgien, Kasachstan, Uzbekistan, Kirgistan und auf einer Expeditionstour auf Kamtschatka unterwegs. Gysling lächelt. «Vielleicht habe ich fast schon etwas viel aufgeladen dieses Jahr.» Immerhin arbeitet er noch an einem Buch, das im Herbst erschienen soll.

«Am Ergebnis der letzten Wahlen habe ich eher wenig Freude gehabt»

Mit Sicherheit wird er als begeisterter Skitourengänger, Bergsteiger und Wanderer auch einige Abstecher in die Schweizer Berge machen. Auch nach dem riesigen Russland ist ihm die Schweiz nicht zu klein. «Sie bietet von ihren Naturregionen her wahnsinnig viel. Schon auf einer kleineren Wanderung hier in der Zentralschweiz kann ich viel Intensives erleben.»

Aber wie fühlt sich für einen Heimkehrer die Schweiz politisch an? Wie erlebt er das Land? Was strahlt es aus? Die Schweiz sei im Vergleich zu ganz vielen andern Nationen wirtschaftlich und auch sicherheitsmässig in einer äusserst komfortablen Situation, sagt Gysling. «Da wundere ich mich oft, wie man über Sachen streitet, die nicht so weltbewegend sind.» Am Ergebnis der letzten Wahlen habe er «eher wenig Freude gehabt», lässt er sich noch entlocken. «Ich spüre eine skeptische und manchmal aufgeheizte Stimmung in der politischen Diskussion. Das finde ich nicht so berauschend.»

Damals nur zu Besuch in der Schweiz: Peter Gysling beim SRF-Korrespondententreffen 2014 (Bild: SRF/Michael Stahl).
Damals nur zu Besuch in der Schweiz: Peter Gysling beim SRF-Korrespondententreffen 2014 (Bild: SRF/Michael Stahl).

Hinweis: Am 29 und 30. Januar veranstalten die Pilatusbahnen ein «Gipfelgespräch» mit Peter Gysling, sowie Nachtessen und Übernachtung auf dem Pilatus. Gysling referiert über «Die schwierigen Umbrüche nach dem Zerfall der UdSSR, das heutige Russland, die Situation in der Ukraine und Russlands Potential im Fernen Osten».

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