Zu klein für spannenden Unterricht? Die Universität Luzern muss sich um die Gewinnung von Studierenden kümmern. (Bild: azi)
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Zu klein für spannenden Unterricht? Die Universität Luzern muss sich um die Gewinnung von Studierenden kümmern. (Bild: azi)

Uni Luzern: mit Plakaten auf Studentenfang

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Die Universität Luzern macht mit Werbung auf ihre neue Wirtschaftsfakultät aufmerksam. Dies sorge für einen unnötigen Konkurrenzkampf zwischen den Hochschulen, monieren die Kritiker und sprechen von «perversen Anreizen». Im Mittelpunkt stehen nicht die Studierenden, sondern der Kampf ums Geld.

Carlo Schuler

Das grosse Plakat war kaum zu übersehen: Es hing diesen Herbst beim Gleis 3 im Hauptbahnhof Zürich, von wo aus ein Teil der Züge regelmässig in Richtung Luzern fährt. Die Anzeige machte Werbung für die Universität Luzern – und mit dem Hinweis «Neu! Wirtschaftswissenschaften» auch auf die neue Wirtschaftsfakultät aufmerksam, die im Herbst 2016 ihren Betrieb aufnehmen wird.

Am Hauptbahnhof Zürich waren gleich zwei dieser Plakate zu finden. Gleiche Anzeigen schaltete die Universität Luzern auch in den Bahnhöfen Bern, Basel, Luzern und anderen Bahnhöfen der Innerschweiz. Gemäss Auskunft der Allgemeinen Plakat Gesellschaft (APG) wurden insgesamt 50 derartige Grossplakate aufgehängt.

Mit diesem Plakat macht die Uni Luzern in der Deutschschweiz Werbung für ihre neue Wirtschaftsfakultät.
Mit diesem Plakat macht die Uni Luzern in der Deutschschweiz Werbung für ihre neue Wirtschaftsfakultät. (Bild: Carlo Schuler)

«Ziel der Aktion war es, Interessierte auf die Universität Luzern aufmerksam zu machen», erklärt Lukas Portmann, Medienverantwortlicher der Universität Luzern. «Wir sind die jüngste und kleinste Universität der Schweiz und sind darum auch nicht im gleichen Ausmass bekannt wie die grossen, traditionellen Universitäten.»

Solche Plakatwerbungen an ausgesuchten Standorten macht die Universität Luzern seit dem Frühjahr 2014. Auf die Frage, was das Ganze denn kostete, antwortet Lukas Portmann: «Dazu machen wir keine Angaben.» Er stellt aber in Aussicht, dass es auf den Start der neuen Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät hin noch spezifische Werbung für den neuen Studiengang geben wird.

«Diese Entwicklung ist die logische Folge einer Politik, bei der staatliche Bildungsinstitutionen perversen Aneizen ausgesetzt werden.»
Mathias Binswanger, Fachhochschule Nordwestschweiz

Es geht um die kritische Grösse

Der Rektor der Universität Luzern, Paul Richli, hält fest, dass die Universität Luzern ein relativ bescheidenes PR-Budget habe. Plakatwerbung sei vergleichsweise kostengünstig. «Wir haben in ziemlich vielen Fächern relativ wenige Studierende. Ein interessanter Unterricht setzt aber eine gewisse Zahl von Studierenden voraus. Insofern geht es um die kritische Grösse. Auch eine ‹persönliche› Universität wie die Uni Luzern muss sich um den Gewinn von neuen Studierenden kümmern.»

Plakatwerbungen für Universitäten? Das ist doch einigermassen gewöhnungsbedürftig. Bisher waren es eher die Fachhochschulen, welche mit Werbung auf sich aufmerksam machten. Die traditionsreichen Universitäten gaben sich da eher zurückhaltend.

Konkurrenz mit den Fachhochschulen

Matthias Geering, Leiter Kommunikation und Marketing der Universität Basel, bestätigt, dass es in der Vergangenheit eine Art «Gentlemen’s Agreement» zwischen den Universitäten gab, auf derartig offensive Kampagnen zu verzichten. Allerdings habe die Universität Basel vor einiger Zeit auch schon mal in Zürich für ihren Master-Infoabend geworben. Das sei durchaus legitim, zumal es sich auf der Stufe Master oft um eine Spezialisierung handle, die nur an ganz bestimmten Universitäten angeboten werde. «Jedoch hat die Universität Basel eine Anfrage aus Luzern für ein Inserat in unserem Wissenschaftsmagazin ‹Uni Nova› abgelehnt.»

10’600 Franken pro Student

Gemäss der Interkantonalen Universitätsvereinbarung (IUV) hat der Wohnsitzkanton einer Wirtschaftsstudentin oder eines Wirtschaftsstudenten dem jeweiligen Hochschulkanton pro Jahr 10’600 Franken zu bezahlen. Dieser Ansatz gilt für alle Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften. Für andere Fächergruppen gelten viel höhere Ansätze (z.B. 51’400 Franken für den Bereich Medizin).

Auch der Bund richtet den Hochschulkantonen Beiträge pro Studierende oder Studierenden aus (vgl. Verordnung zum Universitätsförderungsgesetz). Anders als im Falle der IUV-Beiträge erhält die Universität Luzern diese Beiträge für Studierende aus dem eigenen Kanton selbstverständlich ebenfalls. Für eine Wirtschaftsstudentin bezahlt der Bund rund 10’000 Franken.

Marcus Moser, Leiter Kommunikation der Universität Bern, sagt, dass die Universität Bern im Moment keine Werbung ausserhalb des eigenen Kantons mache. Es sei aber durchaus legitim, dass die Universität Luzern auf ihr neues Angebot aufmerksam mache.

Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Zürich mache keine Werbung, die sich mit derjenigen der Universität Luzern vergleichen lasse, erklärt Nathalie Huber von der Kommunikationsstelle der Universität Zürich. «Als neue Wirtschaftsfakultät spricht die Universität Luzern wohl in erster Linie Bachelor-Studierende an – hier steht sie eher in Konkurrenz mit den Fachhochschulen, die dasselbe Zielpublikum bewerben.»

Es geht auch um die Beiträge der Kantone

Für Matthias Geering von der Universität Basel ist klar, dass es zwischen dem Studierenden-Marketing und den Kantonsbeiträgen einen Zusammenhang gibt: «Fast alle Universitäten wünschen sich ein moderates Wachstum. Wenn dieses mit Schweizer Studierenden geschieht, erhält die Universität von den Kantonen der Studierenden sogenannte IUV-Beiträge.» Damit sind die Beiträge aufgrund der Interkantonalen Universitätsvereinbarung gemeint (siehe Box).

Der Luzerner Uni-Rektor Paul Richli bestreitet denn auch nicht, dass diese Finanzierungsfrage einer der Faktoren für die PR sei: «Der Wettbewerb um Studierende ist auch aus diesem Grund ein Faktum. Pro Studentin und Studenten erhalten die Universitäten Beiträge von den Herkunftskantonen, vom Bund sowie auch Studiengebühren.»

«Dass jetzt aber bereits – trotz Versprechen der Eigenfinanzierung – Studierende angeworben werden, finde ich stossend.»
David Roth, Präsident SP Kanton Luzern

Hochschulen konkurrenzieren sich

Gabriela Fuchs, Kommunikationsbeauftragte der Schweizerischen Konferenz der Erziehungsdirektoren (EDK), bestätigt, dass die Hochschulen heute vermehrt in Konkurrenz zueinander stünden, was sich auch in Form von öffentlicher Werbung niederschlage. «Es kann wohl nicht ausgeschlossen werden, dass dies auch etwas mit den Pro-Kopf-Finanzierungen zu tun hat.»

Mauro Dell’Ambrogio, Staatssekretär für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), nimmt die Tatsache, dass auch die Universitäten für sich Marketing betreiben, betont locker. «Werbung ist ja auch Information, wo man was studieren kann, und die Angebote sind heute viel weniger in Stein gemeisselt als früher.» Er glaubt auch nicht, dass die IUV-Beiträge die Universitäten dazu verlocken könnten, um jeden Preis – allenfalls auch durch Senkung der Anforderungen – Studierende anzulocken. «Zu leicht vergebene Abschlüsse werden sehr rasch bekannt und daraus folgt ein Prestige- und Attraktivitätsverlust. Die Studierenden haben die freie Wahl und sind in der Regel intelligent genug, sich nach dem Qualitätskriterium zu entscheiden.»

Nicht alle Kantone müssen die «Vollkosten» bezahlen

Lucien Criblez, Professor für Bildungsforschung an der Universität Zürich, bestätigt, dass die Ausgleichszahlungen der Kantone und die Subventionen durch den Bund für die Hochschulkantone von grosser Bedeutung sind. Allerdings sei zu beachten, dass die Hochschulkantone nicht von allen Kantonen die «Vollkosten» für die Studierenden erstattet bekommen.

«Ich habe die Beiträge immer als problematisch empfunden, weil sie zu einer ungesunden Konkurrenz zwischen den Universitäten führen.»
Heinrich Bortis, Universität Freiburg

Einzelne Nicht-Hochschulkantone, die als Arbeitsort für Studienabgängerinnen und -abgänger nicht sehr attraktiv sind, bezahlen geringere Beiträge, weil ein sogenannter «Brain-drain»-Faktor mitberechnet wird. Damit wird die Abwanderung von Studierenden in städtische und wirtschaftliche Zentren berücksichtigt. Zudem seien die Zahlungen jeweils auf 12 Semester beschränkt (Ausnahme Medizin: 16 Semester).

Das Phänomen, dass Universitäten für sich Werbung betreiben, ist laut Lucien Criblez schon einigermassen neu: Das habe sicher auch mit der zunehmenden Konkurrenz durch andere Ausbildungsmöglichkeiten im tertiären Bereich zu tun.

Eine Rolle spiele auch, dass man mancherorts glaube, eine grosse Nachfrage seitens der Studierenden stelle ein Qualitätsmerkmal dar. Eine hohe Anzahl von Studierenden garantiert nach Ansicht von Lucien Criblez aber nicht per se eine hohe Qualität.

«Folgen einer Politik mit perversen Anreizen»

Dezidiert gegen diese Form von Wettbewerb wendet sich Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Privatdozent an der Universität St. Gallen und Autor des Buches «Sinnlose Wettbewerbe». Er findet es absurd, wenn staatlich finanzierte Universitäten sich untereinander auf Staatskosten einen Wettbewerb um Studenten liefern und auch noch erhebliche Geldsummen in Marketing investieren.

«Diese Entwicklung ist die logische Folge einer Politik, bei der staatliche Bildungsinstitutionen perversen Reizen ausgesetzt werden. Wird etwa die Finanzierung der Institutionen an der Zahl der Studenten festgemacht, dann gibt es einen Anreiz, möglichst viele Studenten an der eigenen Institution zu haben und entsprechend Werbung zu betreiben», meint Binswanger.

«In anderen Universitätskantonen nun Studenten abzuwerben, finde ich schlechten Stil.»
David Roth, Präsident SP Kanton Luzern

Heinrich Bortis, emeritierter Wirtschaftsprofessor der Universität Freiburg, kritisiert das Finanzierungsmodell der Universitäten ganz grundsätzlich: «Ich habe die interkantonalen Beiträge immer als sehr problematisch empfunden, weil sie zu einer ungesunden Konkurrenz zwischen den Universitäten führen und damit auch einem aggressiven Marketing Vorschub leisten.» Seiner Ansicht nach sollte die Finanzierung der Universitäten und der Technischen Hochschulen durch den Bund und den Standortkanton erfolgen. Finanziell schwächere Hochschulkantone würden dann entsprechend höhere Bundesbeiträge erhalten.

SP Luzern findet’s «stossend»

Die SP des Kantons Luzern war gegen die Einführung einer Wirtschaftsfakultät an der Universität Luzern. Parteipräsident David Roth sieht sich durch die Werbekampagne der Universität in seiner Skepsis bestätigt. Die Uni und der Regierungsrat hätten gross angekündigt, dass das Interesse der Wirtschaft und der Studierenden an einer Wirtschaftsfakultät hoch sei. Mittlerweile sei aber bekannt, dass die Uni grosse Mühe bekunde, nun die notwendigen Mittel zu organisieren.

«Dass jetzt aber bereits – trotz Versprechen der Eigenfinanzierung – Studierende angeworben werden, finde ich stossend. Wenn ich mich richtig erinnere, hätte sich das Angebot eigentlich vor allem an Zentralschweizer richten sollen. In anderen Universitätskantonen nun Studenten abzuwerben, finde ich schlechten Stil. Es deutet darauf hin, dass das Interesse nicht allzu gross ist.»

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