Bad News mussten die Caritas-Verwantwortlichen Thomas Bornhauser (von links), Anton Schweingruber und Thomas Thali letzten Freitag verkündigen. (Bild: SRF)
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Bad News mussten die Caritas-Verwantwortlichen Thomas Bornhauser (von links), Anton Schweingruber und Thomas Thali letzten Freitag verkündigen. (Bild: SRF)

Schwingruber: «Menschlicher wird es nicht»

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Mit dem Wegfall des Asyl- und Flüchtlingsbereichs kommen stürmische Zeiten auf die Caritas Luzern zu. Nun nimmt deren Präsident, alt Regierungsrat Anton Schwingruber, Stellung zur aktuellen Lage. Er spricht von einem substanziellen Verlust für das Hilfswerk, zweifelt am Nutzen der Aktion – und ärgert sich über fremdenfeindliches Geschwätz.

Luca Wolf

Die Caritas Luzern steht unter Schock. Aufs kommende Jahr muss sie bereits das Asylwesen, das sie viele Jahre lang im Auftrag des Kantons übernommen hat, an diesen zurückgeben. Die Regierung ist überzeugt, die Unterbringung und Betreuung der stetig mehr werdenden Asylsuchenden in Eigenregie günstiger managen zu können. Damit verbunden musste das Hilfswerk rund 100 von 300 Mitarbeitern kündigen – viele davon wurden allerdings nun vom Kanton wieder angestellt. Seit letztem Freitag ist zudem bekannt, dass die Caritas ab 2017 auch das zweite grosse Standbein im Asylwesen aufgeben muss: die Betreuung anerkannter Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommener. Denn der Kanton und die Caritas wurden sich über eine Vertragsverlängerung nicht einig. Dem Kanton war das Angebot der Caritas zu hoch, obschon diese beteuert, damit bis an die Schmerzgrenze gegangen zu sein. Rund 40 weitere Angestellte müssen folglich auf Ende 2016 die Caritas verlassen. Anton Schwingruber (65) ist seit Ende 2013 Präsident der Caritas Luzern. Zuvor war er von 1995 bis 2011 Luzerner CVP-Regierungsrat.

zentral+: Anton Schwingruber, als langjähriger Regierungsrat und nun als Präsident der Caritas Luzern dürften bezüglich der neusten Entwicklungen rund um die Caritas zwei Herzen in Ihrer Brust schlagen. Welches schlägt heftiger?

Anton Schwingruber: Mein Herz schlägt für die Caritas Luzern. Hier trage ich als Präsident die konkrete Verantwortung für einen guten Vollzug der Arbeiten im Asyl- und Flüchtlingswesen wie auch in den weiteren Arbeitsfeldern, der beruflichen und der sozialen Integration. Das Gelingen dieser anspruchsvollen Aufgaben hat für mich Priorität.

zentral+: Und das «alt-Regierungsrats-Herz» ist nicht mehr präsent? Haben Sie aufgrund Ihrer früheren Tätigkeit nicht etwas mehr Verständnis für die Lage der Regierung?

Schwingruber: (lacht) Ich fühle mich schon noch damit verbunden. Aber in meiner neuen Funktion muss ich die Beweggründe des Kantons ja nicht mehr verstehen.

zentral+: Gemäss Caritas hat man dem Kanton eine Leistungsofferte hart an der Schmerzgrenze unterbreitet. Doch der Kanton will noch weniger für die Leistung zahlen. Was sagen Sie dazu?

Schwingruber: Ich bedaure das zwar sehr, habe es aber nicht zu beurteilen. Ich vertrete die Sichtweise der Caritas und möchte diese durchsetzen.

«Es wird sich weisen müssen, ob der Kanton die Aufgabe wirklich günstiger und mit gleicher Qualität erfüllen kann.»

zentral+: Die Caritas macht den Job für den Kanton seit 30 Jahren. Nun verliert sie ein wichtiges Standbein. Wie dramatisch ist das?

Schwingruber: Es  ist ein Verlust einer Aufgabe, mit der wir uns identifiziert haben. Und es ist substanziell, wenn wir ab 2017 nochmals etwa einen Fünftel unserer Mitarbeitenden verlieren, nachdem wir für 2016 schon mit einer knapp um einen Fünftel reduzierten Mannschaft reorganisieren mussten. Existenzgefährdend ist es aber nicht. Wir werden eine neue, spannende und herausfordernde neue Caritas 2020 bauen!

zentral+: 30 Jahre ist eine lange Zeit – es garantiert aber noch nicht die optimale Leistung. Wenn der Kanton verspricht, den Auftrag selber günstiger und mit gleicher Qualität ausführen zu können, dann kann man als Bürger eigentlich nicht dagegen sein. Schliesslich sind es ja Steuergelder, die dafür aufgewendet werden.

Schwingruber: Es wird sich weisen müssen, ob der Kanton die Aufgabe wirklich günstiger und mit gleicher Qualität erfüllen kann.

Anton Schwingruber, Präsident der Caritas Luzern.
Anton Schwingruber, Präsident der Caritas Luzern. (Bild: Youtube.com)

Schwingruber: Die Regierung signalisiert mir ihrem Handeln klar, dass man im Asylwesen weiter sparen kann. Wo sehen Sie diesbezüglich Handlungsspielraum?

Schwingruber: Das kann ich nicht sagen. Wir haben alles daran gesetzt, bei unserem Angebot ans Limit zu kommen. Wir haben diskutiert, wo sich noch mehr abbauen lässt, sind aber nicht weiter fündig geworden. Jetzt können wir dann in zwei Jahren schauen, ob es die Regierung wirklich günstiger hinkriegt.

«Wenn man nur noch verwalten will, kann das allenfalls günstiger/billiger sein.»

zentral+: Laut Caritas lässt sich der Auftrag im Asylwesen mit den Geldern, die der Kanton dafür ausgeben will, nicht mehr seriös ausführen. Die Caritas spricht von «ethischen Grenzen», die erreicht seien. Was sagen Sie dazu?

Schwingruber: Wenn es um Menschen geht, die im Mittelpunkt stehen sollen, dann kosten die entsprechenden Leistungen eben etwas. Wenn man nur noch verwalten will, kann das allenfalls günstiger/billiger sein. Besser beziehungsweise menschlicher wird es damit sicher nicht.

zentral+: Würde der Kanton wie ab 2016 das Asyl ab 2017 auch das Flüchtlingswesen von der Caritas übernehmen, könnten Synergien und schlankere Strukturen zu tieferen Kosten führen. Das leuchtet ein, oder?

Schwingruber: Betriebswirtschaftlich gesehen ist es von Vorteil, wenn die beiden Tätigkeitsfelder Asylbetreuung und Flüchtlingshilfe zusammengeführt werden. Das war ja bei der Caritas Luzern auch so.

zentral+: Bislang legten allerdings vorab Bürgerliche Wert darauf, dass der Kanton personell so schlank wie möglich aufgestellt ist. Oft wurde moniert, die Verwaltung sei zu aufgeblasen und müsse abspecken. Auch galt der Tenor, dass Private immer effizienter als der Staat seien. Nun wird der Staatsapparat durch die Übernahme des Asylbereichs von der Caritas massiv ausgebaut. Mit dem Ziel, günstiger zu arbeiten. Wie schätzen Sie das ein?

Schwingruber: Es ist eine antiquierte Meinung und ebenso falsch, wenn man meint, beim Staat sei alles teurer, aufgeblasener und schlechter, wie wenn man gerne davon ausgehen möchte, in der Privatwirtschaft sei alles günstiger, effizienter und besser.

zentral+: Seit diesem Sommer sitzt die SP nicht mehr in der Regierung, dafür ist die SVP neu darin vertreten. Könnte der vermeintliche Abbau an Leistungen im Asylbereich damit zu tun haben, wie mancherorts geargwöhnt wird?

Schwingruber: Das glaube ich überhaupt nicht.

«Hier handelt es sich meiner Meinung klar nicht um eine parteipolitische Geschichte.»

zentral+: Warum?

Schwingruber: Es gibt beim Kanton einen Zuständigen, das ist Guido Graf. Er gibt den Takt an. Und offensichtlich steht die Regierung hinter seinen Plänen. Das wäre auch mit einer SP-Vertretung nicht anders gewesen. Zudem kam der Anstoss, das Asylwesen selber zu übernehmen, vom Parlament, und zwar schon vor den letzten Regierungsratswahlen. Hier handelt es sich meiner Meinung klar nicht um eine parteipolitische Geschichte. 

zentral+: Die Anzahl der Flüchtlinge nimmt zwar in der Schweiz weniger stark zu als etwa in Deutschland, aber dennoch steigen auch bei uns die Zahlen. Was ist Ihre Meinung: Wie soll die Schweiz, wie der Kanton Luzern damit umgehen?

Schwingruber: Der Flüchtlingsstrom lässt sich nur reduzieren, wenn es der Europäischen Gemeinschaft gelingt, die Migration zu ordnen, zu steuern und die Fluchtursachen in den Herkunftsländern zu bekämpfen. Dazu kann der Kanton Luzern allein herzlich wenig beitragen.

zentral+: Die Leute, die zu uns kommen, suchen entweder Schutz vor Krieg und Verfolgung oder schlicht ein besseres Leben. Bei beiden gilt: Freiwillig und ohne Not verlässt niemand seine Heimat und Familie. Wer hat bei uns Platz?

Schwingruber: Die an Leib und Leben gefährdeten Menschen müssen bei uns Platz haben. Es ist aber auch eine Tatsache, dass sich offenbar unsere Gesellschaft vor allem aus jungen Ausländern regeneriert. Zudem ruft die Wirtschaft nach Fachkräften, die sie anscheinend nicht mehr im eigenen Land findet. Das alles ist auch ein Teil des Fremden in unserem Land.

zentral+: Die aktuelle Debatte über die Flüchtlinge in der Schweiz kippt regelmässig ins Gehässige, Fremdenfeindliche. Wie nehmen Sie das wahr?

Schwingruber: Ich nehme das auch in meinem engsten Umfeld wahr. Es gibt auch einige Politexponenten, die daraus sogar Kapital schlagen.

«Alles, was fremd ist, wird in den gleichen Topf geworfen: Kriminaltouristen, Asylsuchende, Touristen.»

zentral+: Wie genau nehmen Sie das wahr?

Schwingruber: Ich höre das überall, ob am Biertisch oder sonstwo. Alles, was fremd ist, wird in den gleichen Topf geworfen: Kriminaltouristen, Asylsuchende, Touristen. Wer heute etwa in der Stadt Luzern unterwegs ist, sieht ja manchmal fast mehr Ausländer als Einheimische. 

zentral+: Die grosse Masse an Flüchtlingen macht offenbar vielen Menschen Angst – können Sie das nachvollziehen?

Schwingruber: Die grosse Anzahl Fremder in unserem Land (dazu gehören auch die willkommenen Touristen!) kann tatsächlich Angst machen. Sobald sie aber ein Gesicht und einen Namen haben, sind sie nicht mehr diffuse Fremde, sondern Menschen, ja sogar Mitmenschen. Darauf muss man immer wieder aufmerksam machen. Man darf zwar nichts beschönigen, aber immer wieder die Relationen sehen. Etwa 2000 Flüchtlinge in unserem Kanton mit bald 400’000 Einwohnern sollten ja nicht wirklich ein existenzielles Problem im Generellen sein. Dass sich aber gute Schweizer, die Verlierer im System der Effizienz und monetär denkenden Gesellschaft sind, über die Flüchtlingshilfe aufregen, kann ich sehr gut verstehen.

zentral+: Wie engagieren Sie sich persönlich in dieser Debatte?

Schwingruber: Ich halte mich da in der Öffentlichkeit zurück. Denn als Caritas-Präsident bin ich an der Front tätig für das Unternehmen. Da mache ich nebenbei nicht auch noch Politik.

 

Der Luzerner Regierungsrat 2001: (v.l.) Paul Huber (SP), Ulrich Fässler (FDP), Margrit Fischer (CVP), Markus Dürr (CVP), Kurt Meyer (CVP), Anton Schwingruber (CVP) und Max Pfister (FDP).
Der Luzerner Regierungsrat 2001: (v.l.) Paul Huber (SP), Ulrich Fässler (FDP), Margrit Fischer (CVP), Markus Dürr (CVP), Kurt Meyer (CVP), Anton Schwingruber (CVP) und Max Pfister (FDP).

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