Burhan Karama steht in seiner Wohnung neben der Flagge seines Heimatlandes. (Bild: bra)
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Burhan Karama steht in seiner Wohnung neben der Flagge seines Heimatlandes. (Bild: bra)

«Warum ist syrisches Blut so billig?»

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Mit Worten kämpfte Burhan Karama in seinem Heimatland Syrien gegen das Assad-Regime. Er wurde bedroht, eingesperrt und flüchtete danach über den Libanon in die Schweiz. zentral+ hat den Asylsuchenden in seiner Wohnung in Emmenbrücke getroffen. Er schildert seine dramatische Geschichte.  

Der syrische Asylsuchende Burhan Karama erzählt zentral+ von seiner Flucht in die Schweiz. In seiner kleinen Wohnung in Emmenbrücke sitzt er ruhig auf einem Stuhl am Esstisch und berichtet von einschneidenden Erlebnissen im Libanon: «Im Supermarkt sahen sie mein Armband mit den Farben der syrischen Revolution. Sie packten mich von hinten am Hals, haben mich gewürgt und sagten, sie könnten mich jederzeit töten.» Für ihn als jungen arabischen Sunniten sei die Situation in den Städten Tripoli und Beirut sehr gefährlich gewesen. «Ich wurde mehrmals von Anhängern der Hisbollah bedroht». Die libanesische Hisbollah unterstützt mehrheitlich das syrische Assad-Regime.

Syrer in Luzern

Im September 2013 startete das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement eine Ausnahme-Aktion zum Schutz syrischer Flüchtlinge. Aufgrund der grossen Nachfrage nach Visa in den Schweizer Botschaften wurde die Aktion inzwischen wieder gestoppt.

Burhan Karama gehört nicht zu diesen «Kontingents-Flüchtlingen» mit speziellem Visum. Karama stellte sein Gesuch vor der Hilfeaktion des Bundes, zudem hat er keine Familienangehörige in der Schweiz und durchläuft deshalb den üblichen Prozess im Schweizer Asylsystem.

Ruedi Fahrni, Abteilungsleiter der Asylkoordination des Kantons Luzern, erkärt, was es für die offizielle Flüchtlings-Anerkennung braucht: «Anerkannte Flüchtlinge sind Opfer von Krieg, Folter, Vergewaltigung, Demütigung oder Ermordung von Angehörigen. Kontingentsflüchtlinge aus Syrien erhalten eine B-Bewilligung und gelten somit als anerkannte Flüchtlinge, die in der Schweiz verbleiben dürfen. Diese schnelle Anerkennung habe den Vorteil, dass die Integration dieser Menschen zu einem sehr frühen Zeitpunkt beginnen kann.»

Demnach hat sich der Kanton Luzern laut Ruedi Fahrn bereit erklärt, im nächsten Frühjahr 20 bis 30 Kontingentsflüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Den ungeklärten Aufenthaltsstatus «N» – wie Burhan Karama – haben in Luzern noch rund 120 weitere Syrer.

Nach UN-Angaben wurden im Syrischen Bürgerkrieg mindestens 100.000 Menschen getötet. Rund 2,6 Millionen Syrer flohen aus ihrem Land und mehr als vier Millionen sind innerhalb Syriens auf der Flucht.

Zu dieser Zeit hatte Karama seine Heimat bereits verlassen. Im Libanon bat er Anfangs März in der Schweizer Botschaft um politisches Asyl und wartete dort drei Monate auf den Entscheid. Die Schweiz sei für ihn einfach ein Europäisches Land mit sehr gutem Ruf. Grosse Erwartungen habe er keine. «Als ich endlich die Dokumente in den Händen hielt, war ich sehr erleichtert», sagt er.

Seit dem 6. Juni lebt Karama hier. In der französichen Schweiz ist er angekommen. Danach wohnte er zwei Monate im Asylzentrum Sonnenhof in Emmenbrücke und nun in einer Caritas-Wohnung am Seetalplatz. «Hier fühle mich einfach nur sicher», sagt er. Mit 28 Jahren blickt er aber bereits auf ein dramatisches Leben zurück.

«Pack deine Sachen und geh»

Aufgewachsen ist Burhan Karama in Homs, in der drittgrössten Stadt Syriens mit rund einer Million Einwohnern. Ausgebildet sei er als Ingenieurs-Assistent, verstehe sich in Technik und Mechanik, wie er sagt. Das Berufsdiplom hatte er schon fast in der Tasche, als die syrische Revolution im November 2011 begann. Nur den obligatorischen Militärdienst hätte er noch absolvieren müssen. Aber durch den Bürgerkrieg kam alles anders.

Burhan Karama war mittendrin. Bekanntlich antwortete das Regime des syrischen Präsidenten Assad auf die Demonstrationen des Volkes mit brutaler Gewalt. Nach den Aufständen folgten Waffen und Söldner, Hass und Kriegswirren. «Pack deine Sachen und geh, sagte ein Freund zu mir». Dieser habe sich nach Ausbruch des Krieges der Freien Syrischen Armee (FSA) angeschlossen. Nun sei er tot.

Die Situation wurde bedrohlich

Am Anfang der Revolution sei die Situation noch überschaubar gewesen. Als Pazifist habe Karama mit Worten gegen die Truppen von Assad gekämpft, statt gleich zur Waffe zu greifen. Weil er fliessend Englisch spricht, war er in einer Gruppe von Aufständischen unter anderem dafür zuständig, die Parolen der Demonstranten für internationale Medien verständlich zu machen. Karama ging mit dem Megafon voran, sang laut und verkündete die Botschaften. «Wir dokumentierten unsere Umzüge auch mit Videos». Diese Aufnahmen wurden dann an grosse Medienhäuser wie CNN, Al Jazeera oder Al Arabia übermittelt. «Wir lernten mit der Zeit, wie es funktioniert. Mein Bild war auch oft in den Zeitungen», sagt er.

Aber von Woche zu Woche wurde die Situation bedrohlicher. «Eines Tages wollten wir uns an einem Treffpunkt versammeln. Da wurden fast alle verhaftet». Er selber war für zehn Tage eingesperrt, wie er sagt. Ein paar Stunden nach seiner Freilassung wurde auf ihn geschossen: «Der Soldat war viel jünger als ich. Ich hätte nie gedacht, dass er es wirklich macht.» Beim Wegrennen habe er gesehen, wie die Schüsse in den Boden einschlugen und den Staub aufwirbelten. «Es kamen bald die Panzer in die Stadt und ab dann wusste ich, dass es Zeit war. Ich schaute nach einem Job, sammelte Geld, und ging.»

Karama hat seine Familie in Syrien zurückgelassen. Seine Stimme wird leiser, als er darauf angesprochen wird. «Mein Bruder ist bei der Freien Syrischen Armee. Meine Mutter versucht momentan auch, in den Libanon zu flüchten.» Von seinem Vater habe er schon länger nichts mehr gehört. Der Krieg habe schon drei seiner Verwandten das Leben gekostet. Auch sechs seiner Freunde seien gestorben. Er zählt die Namen einzeln auf.

«Manchmal verstehe ich es einfach nicht. Ich frage mich wirklich, warum syrisches Blut so billig ist. Die Revolution dauert schon so lange, da sind westliche Kräfte, östliche Kräfte. Amerika macht nichts, Russland macht nichts. Aber beide machen Business. Aber wenn 100'000 Menschen sterben, bedeutet das doch auch, dass jede Familie einen Angehörigen verloren hat.» Er kriege immer einen Klos im Hals, wenn er daran denke. Über verschiedene Online-Medien halte er sich hier in Emmenbrücke auf dem Laufenden über das, was in seiner Heimat gerade passiert.

Zukunft ist ungewiss

Wie es nun in der Schweiz mit ihm weitergeht, weiss Karama noch nicht. Er will sich nicht allzu viele Gedanken darüber machen. In Emmenbrücke ist ihm alles noch sehr fremd. Die Orts- und Strassennamen verwechsle er dauernd. Deutsche Namen könne er sich nicht gut merken. «Mit Einheimischen bin ich noch nicht so oft in Kontakt gekommen. Ich weiss nicht, wie sie sind.»

Nach drei Monaten bekam er laut Asylgesetz das Recht zu arbeiten. «Ich ging in ein Restaurant und fragte nach Arbeit. Aber das ist hier nicht so einfach. Die haben mir das erklärt und mich dann wieder weggeschickt.» Nur schon eine SIM-Karte zu erhalten sei mit seinem Flüchtlingsstatus sehr schwierig. «Die wissen ja nicht, ob ich am nächsten Tag noch da bin, um die Rechnungen zu bezahlen.»

Tag für Tag hofft Karama auf einen Anruf aus Bern, auf einen positiven Entscheid seiner Asylbewerbung. Währenddem könne er nicht viel mehr tun als warten. Beim Interview bemüht sich Karama oft, die paar Brocken Deutsch zu gebrauchen, die er in einem Sprachkurs erlernt hat. «Danke. Bitte. Gerne.»

Ein wenig Abwechslung bekam Karama kürzlich, als er beim Luzerner Radio 3Fach ein paar Tage hinter die Kulissen schauen durfte. Er schrieb Reportagen über den Krieg in Syrien. Das habe ihn abgelenkt, wie er sagt. Seine Betreuerin bei der Caritas habe ihm diese Gelegenheit vermittelt. Karama schaut zur Decke und sinniert: «Vielleicht werde ich studieren. Mein Traum ist es, Journalist zu werden.»

Seit sieben Monaten ist nun seine Bewerbung in Bern hängig. Ob er bleiben kann, ist bis zum definitiven Entscheid der Bundesbehörden ungewiss. Solange hat der den «Ausweis N». Es handelt sich dabei nicht um eine Aufenthaltsbewilligung im ausländerrechtlichen Sinn, sondern lediglich um eine Bestätigung der Tatsache, dass er in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt hat. Der «Ausweis N» muss von der kantonalen Migrationsbehörde halbjährlich erneuert werden (siehe Box). Und Asylsuchende haben grundsätzlich kein Recht, die Familie nachkommen zu lassen.

«Ich wünsche mir, dass ich bald einen anderen Status bekomme. Vielleicht werde ich meiner Freundin dann helfen, dass sie auch hierher kommt. Heiraten, Kinder, und für sie da sein.»

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