Kennt sich aus mit dem Islam: Valentina Smajli. (Bild: zVg)
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Kennt sich aus mit dem Islam: Valentina Smajli. (Bild: zVg)

«Muslime sollen Attentate verurteilen»

11min Lesezeit

Im Kosovo geboren, aufgewachsen in der Schweiz, ist die Luzernerin Valentina Smajli (32) zur Islamkennerin geworden. Nach den Attentaten in Paris warnt sie vor stärkerer Islamfeindlichkeit, da dies zu einer Radikalisierung bei den Muslimen führen könne. Sie spricht sich aber dafür aus, dass sich Muslime in der Schweiz viel prägnanter öffentlich gegen Islamisten und gegen Attentate aussprechen.

Luca Wolf

zentral+: Welchen Einfluss haben die Attentate in Paris auf das Selbstverständnis von Muslimen in der Zentralschweiz in Bezug auf ihren Platz in der Gesellschaft: Gibt es unter Muslimen Ängste vor einer erstarkenden Ausgrenzung?

Smajli: Ich möchte vorausschicken, dass mich dieses hinterhältige und feige Attentat in Paris erschüttert hat. Jegliche Art von Terrorismus ist eine Abscheulichkeit. Solche Geschehnisse machen mich und viele Menschen wütend und ohnmächtig. Wir müssen aber aufpassen, dass wir nicht nur den Fokus auf Europa richten. Auch das Attentat in Beirut ist aufs Schärfste zu verurteilen. Es gibt schliesslich keine Opfer erster und zweiter Klasse. Die meisten Opfer des islamistischen Terrors und Gewalt sind Muslime. Deshalb sollten wir in Europa gegenüber allen Opfern des Terrorismus Augen und Herzen öffnen.

«Es gibt Befürchtungen, dass die Muslime vermehrt Islamfeindlichkeit und Ausgrenzung erleben werden.»

Wie alle Weltreligionen weist auch der Islam Abstufungen in der Religiosität ihrer Anhänger auf. Die Muslime als ein monogenes Kollektiv zu betrachten, wäre zu einfach. Deshalb kann auch niemand den Anspruch ableiten, kollektiv in ihrem Namen zu sprechen. Was aber gesagt werden kann, ist, dass die realen Befürchtungen existieren, dass die Muslime nun vermehrt Islamfeindlichkeit und Ausgrenzungen erleben werden. Deshalb nehmen sie in dieser Situation eine eher passive Rolle ein. Aber diese Passivität und das Einnehmen und Kultivieren einer Opfermentalität bringt uns nicht weiter. Davon profitieren nur die Urheber – die Salafisten. Diese wollen eine religiöse Monokultur erreichen. Eine solche Monokultur ist übrigens nicht nur für Pflanzen, sondern auch für Menschen schädlich.

zentral+: Müssen sich Zentralschweizer Muslime also auf mehr Ressentiments gefasst machen?

Smajli: Das kann man nicht so direkt sagen. In der Zentralschweiz wurde von der Zuger Zeitung eine Umfrage zum Thema Islam lanciert: Was dabei rauskam, war unter anderem auch, dass selbst Wähler von Mitteparteien, wie der CVP, gewisse Islamfeindlichkeiten aufweisen.

«Durch die Abneigung gegenüber Muslimen werden diese gesellschaftlich in eine Ecke gedrängt. Die Wahrscheinlichkeit einer Radikalisierung ist dann steigend.»

Aber dieses Phänomen sollte man mit Sorgfalt bewerten. Ich denke, Islamfeindlichkeit sollte keinen Platz in unserer Gesellschaft haben. Denn durch die Abneigung gegenüber dem Islam und Muslimen werden diese gesellschaftlich in eine Ecke gedrängt. Die Wahrscheinlichkeit einer Radikalisierung ist dann steigend. Die Zentralschweizer sind keine Hinterwäldler und können die Tragweite ihres Handels abschätzen. Zudem ist ja Luzern als Kanton konsens- und nicht dissensorientiert. Das zeigt sich, dass in unserem Kanton neuerdings Listenverbindungen zwischen den Schwarzen und Roten möglich sind.

zentral+: Wie gehen Muslime mit der neuen Situation um? Müssen sie sich in der Schweiz für ihre Religion rechtfertigen und sich von Terroristen abgrenzen?

Smajli: Man kann nun die berechtigte Frage stellen, warum sich nicht Muslime zu Wort melden, wenn der Islam von Extremisten und Fanatikern missbraucht wird und diese sich dauernd im Namen aller Muslime äussern. Auch in meinem Wohnkanton Luzern kam es zu ähnlichen Fragen, auf die ich keine klaren Antworten habe, ausser, dass ich mich selbst immer wieder zu Wort melde.

Es gibt schon seit Jahrzehnten Muslime in der Zentralschweiz. Sie kommen vor allem aus dem säkularen Gebiet des Balkans. Zu Beginn kamen sehr viele davon als Saisonniers, und die wenigsten gingen davon aus, dass sie sich hier dauerhaft niederlassen würden. Mit dem Krieg zogen sie dann ihre Familien nach, und weitere Flüchtlinge kamen hinzu. Die Religion spielte in diesen Kreisen eine eher untergeordnete Rolle. Öffentlich wahrnehmbare religiöse Organisationen oder Moscheen entstanden erst mit der Zeit, und auch da spielte die regionale Segmentierung eine gewichtige Rolle, sodass keine einheitliche und starke Organisation entstand. Dementsprechend sind die Aktivitäten und die finanziellen Möglichkeiten vergleichsweise eher gering.

«Ich persönlich glaube, dass es wichtig ist, Farbe zu bekennen, indem man sich klar von solchen Attentaten distanziert und diese verurteilt.»

zentral+: Was könnte Ihrer Meinung nach trotzdem getan werden?

Smajli: Gemäss Luzerner Statistik sind gleich nach den Römisch-Katholischen die Konfessionslosen die zweitgrösste Gruppe in Luzern. Für diese Gruppe der Konfessionslosen gibt es aber auch keine Vereinigung oder Organisation. Genauso verhält es sich mit der Mehrheit der gemässigten und liberalen Muslimen. Sie haben keine wahrnehmbare Vereinigung, die ihre Interessen vertritt. Die muslimisch-konservativen Kreise sind trotz bescheidener Mittel besser aufgestellt, obwohl sie nur 10 bis 12 Prozent der 460’000 Muslime repräsentieren. Es sind aber vor allem die Radikalen, die die Muslime bestenfalls im Promillebereich repräsentieren, die am besten organisiert und finanziert sind. Vor allem auch wegen Finanzspritzen, die sie von radikalen islamischen Kreisen aus dem Ausland erhalten.

Ich persönlich glaube, dass es wichtig ist, Farbe zu bekennen, indem man sich klar von solchen Attentaten distanziert und diese verurteilt. Ich bin gegen den Burgfrieden, den die Muslime unter sich halten. Keine Handlung ist auch eine Handlung. Aus Liebe zum Islam ist es deshalb wichtig, sich zu positionieren und zu exponieren. Es darf niemals passieren, dass das Ziel der islamistischen Terroristen aufgeht und die Kluft zwischen Muslimen und Andersgläubigen noch mehr auseinanderdriftet.

zentral+: Betreffend Radikalisierung von Jugendlichen, die sich im Gegensatz zu ihren Eltern wieder der Religion zuwenden: Gibt es hier Konfliktpotenzial zwischen den Generationen?

Smajli: Es besteht natürlich auch das Risiko, dass sich junge Menschen in einer Phase der pubertären Abgrenzung gegenüber den Eltern der Religion zuwenden. In diesen Fällen handelt es sich selten um gemässigte und tolerante religiöse Strömungen, sondern meist um Extremisten und Islamisten. Vor allem extremistische und islamistische Organisationen wie der Islamische Zentralrat der Schweiz (IZRS) oder die wahre Religion (LIES!) sprechen mit ihrer professionellen Öffentlichkeitsarbeit in den sozialen Medien insbesondere junge Menschen an. Sie bieten den Jugendlichen einfache Antworten auf komplexe Fragen an und verunmöglichen eine selbstkritische Bewusstseinsbildung. Schuld sind in allen Fällen immer die anderen. Dieses einfache Weltbild von Gut und Böse ist attraktiv und gerade deshalb besonders gefährlich. Der Staat muss hier gezwungenermassen eingreifen und diesen Organisationen klare Grenzen setzen.

«Die Gefahr einer Radikalisierung wird grösser, je mehr die gesellschaftliche und berufliche Integration erschwert wird.»

Generell muss festgehalten werden, dass viele Eltern für ihre Kinder das Beste wünschen und deshalb einer solchen Radikalisierung nur dann zustimmen, wenn sie selbst radikal sind. In diesen Fällen sind die Lehrpersonen im Besonderen gefordert. Sie müssen einen Weg zwischen Ohnmacht und Hyperaktivität finden.

zentral+: Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass sich junge Musliminnen und Muslime in der Zentralschweiz vermehrt radikalisieren?

Smajli: Viele Experten kolportieren, dass Radikalisierung nur bei bildungsfernen Menschen vorkomme. Dem ist eindeutig nicht so. Denn unter den bisher verurteilten islamistischen Terroristen finden sich sehr viele gebildete Personen und überdurchschnittlich viele Akademiker.

Die Gefahr einer Radikalisierung wird grösser, je mehr die gesellschaftliche und berufliche Integration erschwert wird. Diese besteht für den allergrössten Teil der Muslime in der Schweiz nicht. Die lautstarke Minderheit ist deshalb aber dennoch nicht zu unterschätzen. Denn sie provoziert und vergrössert mit ihrem Verhalten die Vorbehalte der Gesellschaft gegenüber Muslimen und forciert damit eine Radikalisierung und Entfremdung auf beiden Seiten. Wir alle sind deshalb aufgefordert, uns gegen Extremisten jeglicher Couleur zu wehren.

Hier noch ein paar Gedanken zum Extremismus und IZRS. Es gibt drei verschiedene und wesentliche Formen von Extremismus.

  • Erstens: Nationalistischer Extremismus. Gut und Böse unterscheiden sich darin anhand der Volkszugehörigkeit (Rasse).
  • Zweitens: Sozialistischer Extremismus. Analog dem nationalistischen Extremismus, anstelle von Rasse steht aber die Klasse im Zentrum.
  • Drittens: Religiöser Extremismus. Anstelle von Rasse oder Klasse steht die Religionszugehörigkeit im Zentrum. Alles andere als das eigene gilt als falsch und ungläubig. Hier ist der IZRS einzuordnen. Denn durch die Verbreitung ihrer wahhabitischen Ideologie fügt die IZRS-Sekte der Gesellschaft Schaden zu.

    Islamkennerin aus dem Kosovo

    Valentina Smajli, Islamkennerin, 32 Jahre, stammt aus einer muslimischem Familie. Sie ist im Kosovo geboren, aber hier in Luzern sozialisiert und arbeitet als Regionalsekretärin für die Gewerkschaft syndicom Medien und Kommunikation und engagiert sich in verschiedenen gesellschaftlichen Vereinen.


Ein wesentlicher Bestandteil des Extremismus ist die Haltung, wonach Gewalt als Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen sowie Gesinnungsterror als legitim angesehen werden.

zentral+: Wie sollen wir mit religiösem Extremismus umgehen?

Smajli: Die Grundrechte sind in jedem Fall zu achten und zu verteidigen. Dazu gehören die Religions- und Meinungsfreiheit. Der Schutz der Freiheit jedes einzelnen Menschen geht aber vor den individuellen und schützenswerten Rechten. Mit dem Antirassimusgesetz wird die Meinungsfreiheit eingeschränkt. Dies ist aber eine legitime und richtige Einschränkung. Das gleiche gilt auch bei der Religionsfreiheit. Sie ist zu schützen, darf aber nicht für Extremisten gelten. Auch hier braucht es Schranken, damit unser Rechtsstaat und unsere Gesellschaft geschützt wird. Für Muslime ist der IZRS eine religiöse Form des Extremismus, der durch seine Auftritte gezielt Angst vor dem Islam in der Gesellschaft schürt, um sich dann anschliessend als Verteidiger desselben aufzuspielen.

zentral+: Gibt es etwas, das Sie noch hinzufügen möchten?

Smajli: Mich persönlich betrübt die Tatsache, dass, wenn man in Europa eine Kundgebung beispielsweise für Palästina oder gegen Kriege in muslimischen Ländern lanciert, innert kürzester Zeit sehr viele Muslime zusammenbringen kann.

«Gegen die Gräueltaten des IS gibt es aber keine Demonstrationen von muslimischen Organisationen.»

Ich finde das im Grundsatz richtig, weil Krieg immer der falsche Weg ist. Gegen die Gräueltaten der IS gibt es aber keine Demonstrationen von muslimischen Organisationen. Der Grund dafür ist, dass gemässigte und liberale Muslime keine eigene und finanzstarke Organisationen haben, die sich auch gegen den islamistischen Terror einsetzen. Nun sind die bestehenden muslimischen Organisationen in der Pflicht. Sie müssen zusammen mit den gemässigten und liberalen Muslimen einen Schulterschluss eingehen und gegen die Islamisten aufstehen.

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