In Sempach ging die Angst um: «Ein Schulgspändli meines Sohnes wurde gestern in der Nähe des Schulhauses Sempach beinahe in ein Auto gezerrt.» (Bild: Montage, Tkr)
Gesellschaft Social Media

In Sempach ging die Angst um: «Ein Schulgspändli meines Sohnes wurde gestern in der Nähe des Schulhauses Sempach beinahe in ein Auto gezerrt.» (Bild: Montage, Tkr)

Facebook-Post versetzt Sempach in Panik

7min Lesezeit

Eine besorgte Mutter aus Sempach postet auf Facebook eine Meldung, die sich wie ein Lauffeuer verbreitet: Gefahr für die Kinder auf dem Schulweg. Ein Unbekannter versucht, die Schüler ins Auto zu zerren. Warum eine Stadt in heller Aufregung ist – und die Schule sowie Polizei mit Arbeit eingedeckt wird. 

Die Nachricht liess alle Alarmglocken läuten. Eine besorgte Mutter schrieb am 20. November die folgenden Zeilen auf Facebook: «SOS! SOS! SOS! SOS! Ein Schulgspändli meines Sohnes wurde gestern (19.11.) in der Nähe des Schulhauses Sempach beinahe in ein Auto gezerrt. Glücklicherweise reagierte er richtig und das Schlimmste konnte verhindert werden. Der Beifahrer eines dunklen BMW trug eine Glatze, er war es auch, der ausgestiegen ist. Bitte sensibilisiert eure Kinder, denn solche Vorfälle gab es auch in Rothenburg und Rain.» 

«Sie hends no bimene andere Kind au versuecht.»

Eintrag auf Facebook

Kein Wunder, ging die Warnung der achtsamen Mutter rasend schnell um. Innert weniger Stunden wurde der Post 4'500 Mal geteilt und Sempach war in heller Aufruhr. Das Telefon der Schulleitung klingelte ununterbrochen. Und der Eintrag auf Facebook wurde fleissig kommentiert. Automatisch denkt man ans Schlimmste: Triebtäter, Gewalt, Vermisstenfälle mit tragischem Ende.

Eine andere Mutter antwortete: «Jo has au erfahre, sie hends no bimene andere Kind au versuecht. Polizei hed gseid sie send scho in Rain, Beromünster und Neudorf gsi!!!! Horror.» Und ein anderer Post «OMG wie schlimm. Hebed Sorg zu üchne Chliine...». 

Alles Fantasie? 

So weit zu dem, was sich in den Sozialen Medien abgespielt hat. Was aber war dran an dieser Warnung? Was war wirklich passiert? Gemäss verschiedenen Aussagen war die halbe Stadt im Ausnahmezustand. 

Die Geschichte hat sich folgendermassen abgespielt: Sorgsame Eltern eines neunjährigen Jungen hatten in der Woche zuvor ihr Kind auf die Gefahren des Schulwegs aufmerksam gemacht. Dies mit ruhiger Vernunft, aber mit klarem pädagogischem Ziel. So, wie es viele Eltern machen. Der Neunjährige soll sich zum Beispiel auf dem Schulweg nicht ablenken lassen, wenn möglich immer mit einem anderen Schüler unterwegs sein, nicht mit fremden Personen sprechen und schon gar nicht in ein Auto steigen (siehe auch Broschüre am Ende des Artikels).

«Solche Warnungen müssen wir sehr ernst nehmen.»

Tony Boog, Rektor Schule Sempach

Nach der Ermahnung der Eltern verging eine Woche. Und prompt sah der Junge auf dem Nachhauseweg in der Abenddämmerung ein dunkles Auto, einen grossen Mann – und das Kind hatte Angst. Es lief nach Hause, erzählte es seinen Eltern und einen Tag später auch seinen Schuelgspänli. Doch wie sich ein paar Tage später herausstellte, hat die Fantasie dem Jungen offenbar einen Streich gespielt. 

Risiko ist immer da

«Solche Warnungen müssen wir sehr ernst nehmen», sagt der Sempacher Rektor Tony Boog. Die Drähte in seinem Büro liefen nach der Warnung im Facebook heiss. Die Schulleitung Sempach hat dann sofort die Polizei eingeschaltet. Er würde genau gleich reagieren wie die betroffenen Eltern, sagt Boog. «Man ist nie sicher, wenn wirklich etwas passiert.»

Auf der anderen Seite sei es bemerkenswert, so Boog weiter, wie es fast jedes Jahr im November eine solche Geschichte vom «bösen Mann» gäbe. «Die Auslöser sind jeweils ganz unterschiedlich. Wenn es draussen dunkel und neblig ist, wird die Fantasie der Kinder angeregt.» Sie sehen den bösen Mann dann wirklich – oder meinen es. 

«Wir gehen den Meldungen nach, egal, von wem sie stammen oder wer sie verbreitet hat.»

Kurt Graf, Luzerner Polizei

Ermittlungen ohne Verdacht

Fantasie war es auch in diesem Fall – zum Glück. Die Luzerner Polizei konnte das Puzzle aus verschiedenen Hinweisen nicht zu einem richtigen Verdacht zusammensetzen, wie Kurt Graf, Mediensprecher der Luzerner Polizei, erklärt. «Wir gehen den Meldungen nach, egal, von wem sie stammen oder wer sie verbreitet hat.»

Nach dem Facebook-Post aus Sempach haben sich viele besorgte Eltern bei der Polizei erkundigt. «Zum Beispiel meldeten uns besorgte Eltern ein verdächtiges Auto bei einem Schulhaus. Wie die Personenkontrolle dann ergab, war es ein Vater, der seine Tochter von der Schule abholte.»

«Wir halten jedoch ein spezielles Augenmerk auf die Schulwege.»

Kurt Graf

Die Sempacher Eltern konnten beruhigt werden. Die örtliche Polizei habe in allen gemeldeten Fällen keine weiteren Hinweise auf die verdächtige Meldung bekommen oder erhöhte Gefahr ausmachen können, sagt Graf. «Wir halten jedoch ein spezielles Augenmerk auf die Schulwege.»

Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass die Verdächtigen unterschiedlich beschrieben wurden. «Es war nicht möglich, die Hinweise zu erhärten und den Wahrheitsgehalt zu prüfen. Den Kindern müssen wir glauben und wir tun dies grundsätzlich auch», sagt Graf.

Auch bei Eltern, bei Personen im umliegenden Quartier und bei der Lehrerschaft wurde nachgefragt. Die Befragungen verliefen jedoch im Sand. «Es gab keine genaueren Hinweise oder eine akute, erhöhte Gefahr.» Oder wie es der Sempacher Schulleiter Tony Boog sagt: «Ich bin wahnsinnig froh, wenn es nichts ist.»  

«Das Thema ist heikel und wird in jedem Fall sehr ernst genommen.»

Kurt Graf

Meldung an «Viclas» 

Bei der Luzerner Polizei gehen das ganze Jahr hindurch immer wieder ähnliche Hinweise ein. Zum Glück sind es in den allermeisten Fällen Fehlalarme. Der letzte Fall, wo in Luzern ein schweres Gewaltverbrechen an Kindern begangen wurde, liegt über dreissig Jahre zurück. Im Frühling 1982 verschwand im luzernischen Gettnau ein damals achtjähriges Mädchen spurlos. Rund ein halbes Jahr später wurde es im Kanton Bern tot aufgefunden.  

«Das Thema ist heikel und wird in jedem Fall sehr ernst genommen», sagt Graf. Die Luzerner Polizei sammelt und protokolliert systematisch jede Meldung. In jedem Fall gibt es einen Eintrag in das «Viclas-System», das solche Vorfälle genau verfolgt und schweizweit vergleicht.

Dieser Link enthält wichtige Hinweise und ist hilfreich für Eltern. Es ist ein Präventionsflyer der Polizei zum Thema

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