Unzählige Inschriften «zieren» die Kapellbrücke – mit einem Schild will die Stadt nun Gegensteuer geben. (Bild: zvg)
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Unzählige Inschriften «zieren» die Kapellbrücke – mit einem Schild will die Stadt nun Gegensteuer geben. (Bild: zvg)

«Vielen ist nicht bewusst, was sie anrichten»

6min Lesezeit

Immer mehr Touristen – und Einheimische? – verewigen sich am Wahrzeichen Luzerns. In die Holzbalken der Kapellbrücke Botschaften zu ritzen, erfreut sich grosser Beliebtheit. Gar keine Freude daran hat die Stadt: Sie sagt den Vandalen den Kampf an – und staunt, wie unbekümmert die Leute Luzerns Wahrzeichen zerkritzeln.

Man kennt es von Sehenswürdigkeiten in Rom, Athen, Berlin, Paris oder London: Je berühmter ein Baudenkmal, desto beliebter ist es, sich daselbst auf irgendeine Weise zu verewigen. Sei es, um die grosse Liebe zur Angebeteten kundzutun, um Freunden und Angehörigen mitzuteilen, dass man «da» war, oder um irgendeine Lebensweisheit zum Besten zu geben. Manche verkünden mit Vorliebe politische Botschaften, andere begnügen sich damit, ihre Telefonnummer einer grösseren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die hellen Balken sind beliebt

Sprayereien und Geschreibsel mögen ja noch angehen. Problematisch wird es dann, wenn die Botschaft eingeritzt wird: Diese wieder zu entfernen, ist schwierig bis unmöglich. Diese Thematik ist nun offenbar auch in Luzern angekommen. Die Stadt hat am Mittwoch Hinweisschilder angebracht, welche darauf aufmerksam machen, dass das Beschriften der Brücke zu unterlassen sei.

Die mit Abstand häufigste Botschaft: Ein Herz mit den Namen der sich Liebenden.
Die mit Abstand häufigste Botschaft: Ein Herz mit den Namen der sich Liebenden.

«Respektiere Denkmäler – beschrifte sie nicht», heisst es da auf den Schildern. Auf Deutsch, Englisch und Chinesisch wird klipp und klar mitgeteilt, dass solches Tun zu unterlassen sei. Ein Piktogramm veranschaulicht zudem, was gemeint ist. «Leider ist zu beobachten, dass die Kapellbrücke immer mehr mit Schriftzügen und Nachrichten versehen wird», schreibt die städtische Denkmalpflege in einer Mitteilung. «Ausländische wie auch einheimische Passanten schreiben und ritzen auf und in die Holzbalken ihre Botschaften. Dies schadet dem Aussehen der Kapellbrücke. Da die Brücke teilsaniert wurde, sind auf den neuen, hellen Holzbalken die Schriftzüge besonders gut sichtbar», heisst es weiter.

«Jesus te ama»

Und tatsächlich: Schaut man sich die Brücke etwas genauer an, so entdeckt man, dass praktisch jeder Balken verunstaltet ist. Manche Pfeiler sind regelrecht vollgekritzelt mit Botschaften in allen möglichen Schriften und Sprachen. Die sanierten, hellen Balken scheinen besonders beliebt zu sein. «Jesus te ama» heisst es da zum Beispiel – offenbar waren da spanische Touristen mit religiösem Einschlag am Werk. Gleich nebenan sind zwei Frauen oder Mädchen hingekritzelt, die sich an der Hand halten. «Lu und Mili» steht unten, offenbar eine innige Beziehung, deren Protagonistinnen den Drang verspürten, dies an dieser historischen Stätte einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Lu und Mili haben sich verewigt – rechts daneben hat jemand die Botschaft «Jesus liebt dich» angebracht.
Lu und Mili haben sich verewigt – rechts daneben hat jemand die Botschaft «Jesus liebt dich» angebracht.

Grosse Gefühle

An älteren Balken sind viele Botschaften zu sehen, welche tief ins Holz eingeritzt sind und die teilweise schon älteren Datums sind. Auch hier herrschen Liebesbekundungen mit Herzchen vor. Die Kapellbrücke ist wie viele andere berühmte Denkmäler auf der Welt für einige Besucher eine Art Plakatwand, wo man seinen Gefühlen Ausdruck verleihen kann. Warum nicht einfach die Schönheit der Brücke bestaunen und dann auf Facebook posten, dass man da war und dass man so unglaublich verliebt ist?

«Die Touristen sehen, dass etwas geschrieben steht – und fügen noch ein paar eigene Worte hinzu. Und so kommen immer mehr und mehr Inschriften und Kritzeleien zustande.»

Theresia Gürtler, Denkmalpflege

Immerhin muss man den schreibfreudigen Besuchern zugute halten, dass sie sich auf Geländer und Holzsäulen beschränkt haben. Die historischen Bilder sind von Kritzeleien zum Glück bisher verschont geblieben.

Eine Kettenreaktion

Warum wurden die Schilder gerade jetzt angebracht, wo doch die Touristen-Saison vorbei ist? Man habe nach der Sanierung gemerkt, dass die hellen Balken sehr rasch vollgekritzelt wurden, heisst es vonseiten der Stadt. Deshalb wollte man nun reagieren. «Es ist ein Versuchsballon, um die Leute zu sensibilisieren», sagt Theresia Gürtler, Ressortleiterin Denkmalpflege. Man habe die Leute auf der Brücke auf ihr Tun angesprochen, erzählt sie. «Es war spannend, wie die Menschen reagierten. Vielen ist nicht bewusst, was sie damit anrichten.»

Gemäss Gürtler gebe es eine Art Kettenreaktion: «Die Touristen sehen, dass etwas geschrieben steht – und fügen noch ein paar eigene Worte hinzu. Und so kommen immer mehr und mehr Inschriften und Kritzeleien zustande.»

Die Aktion mit den relativ kleinen Schildern ist bewusst diskret gehalten. Man wolle schauen, ob dies bereits Wirkung zeige, so Gürtler. Strafrechtlich verfolgt werden nur diejenigen Fälle, bei denen im grossen Stil verunstaltet wird. Zudem sei es ohnehin schwierig, allfällige «Sünder» auszumachen.

«Zunehmende Unsitte»

Schwierig ist es auch, die Schmierereien und Inschriften zu entfernen. Das Holz abzuschleifen sei keine gute Idee, so Gürtler. «Dann entstehen helle Stellen, die wiederum zum Beschreiben einladen.» Deshalb wird mit chemischen Mitteln gearbeitet, welche die Inschriften farblich verblassen lassen.

Klar ist aber, dass die Stadt dieser «zunehmenden Unsitte» Einhalt gebieten will. Deshalb schreibt sie: «Die Brücke ist als nationales Denkmal für alle Besuchenden rund um die Uhr zugänglich. Damit die Kapellbrücke weiterhin in gutem Zustand bleibt, müssen wir zu ihr aber Sorge tragen.»

In der Bildergalerie sehen Sie weitere Inschriften und Kritzeleien, welche man auf der Kapellbrücke entdecken kann.

 

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