Am Marronistand kann man sich auch die Finger verbrennen. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
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Am Marronistand kann man sich auch die Finger verbrennen. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Marroni: «Es sind fast überall die gleichen»

5min Lesezeit

Herbstzeit ist Marronizeit. Und die edlen Kastanien werde in rauen Mengen vertilgt. Doch was wissen wir eigentlich über die kleinen braunen Leckereien? Es gibt da so einiges, was den Laien zum Staunen bringt. 

Tatort Mühleplatz, mitten in der Stadt Luzern. Ein Säckli Marroni krönt einen sonnigen Herbstspaziergang. Ach, wie herrlich das duftet. Wohlig warm wird's zuerst in den Händen und bald darauf auch im Magen. Doch eine beiläufige Bemerkung des netten Marroniverkäufers gibt dem Autor zu denken. Der Marronimann des Vertrauens, mit dem lächelnden Schnurrbart, dem dicken Karohemd und der witterungsfesten Hornhaut an den Fingern sorgt für Desillusion pur: «Es sind fast überall die gleichen», sagt er in einer ruhigen Selbstverständlichkeit. Grund für eine kleine Nachforschung. 

Es gibt wenige Händler

Unter der Egg, auf der Seebrücke, an der Pilatusstrasse und am Mühlenplatz – dort stehen die insgesamt vier Marronistände und verströmen während der kälteren Monate ihren verführerischen Duft in Luzern. Alle haben das gleiche Dekor, denselben Look – und offenbar eben auch dieselben heissen Nüsse. Ursula Gabriel betreibt den Stand an der Pilatusstrasse. «Ja, das stimmt. Die angebotenen Marroni werden praktisch alle bei denselben Anbietern eingekauft», sagt sie. In der Schweiz gäbe es nicht so viele Importeure.

«Die Qualität und die Grösse müssen ebenfalls stimmen.»

Renzo Strazzini, Importeur

Und dies, obwohl es eine Artenvielfalt von rund 30 Sorten gäbe und 15 Sorten «Edelkastanien» davon für den Handel verwendet würden. Gabriel betont: «Ich habe zwar nicht denselben Lieferanten wie die anderen drei, aber die Marroni sind trotzdem die gleichen.» Sie lächelt freundlich. «Macht Vier Fünfzig.»

 

Ursula Gabriel bei der Arbeit. «Ich habe meine Stammkundschaft.»
Ursula Gabriel bei der Arbeit. «Ich habe meine Stammkundschaft.» (Bild: bra)

«Es geht gar nicht anders»

Der Marronizoff

Letztes Jahr kritisierten die vier Luzerner Marronibetriebe die Stadtverwaltung. Sie wehrten sich gegen eine geplante Losvergabe der Standplätze auf öffentlichem Grund für drei Winterhalbjahre. Es wollten zwei neue Bewerber ein Geschäft betreiben.

Die Stadt kündigte daraufhin im November an, die Verlosung zu verschieben und zu prüfen, ob sie zusätzliche Standplätze schaffen kann. Die zwei neuen Gesuchsteller zogen ihre Bewerbung daraufhin zurück. Laut Mario Lütolf, Leiter Stadtraum und Veranstaltungen, prüft die Verwaltung erneut, ob und wie sich ein erweiterter Kriterienkatalog, der keine Losentscheidung beinhalten würde, bis zur nächsten Standvergabe ab Winter 2018/19 erstellen lässt. 

Also tatsächlich: Drei von vier Marroniständen in Luzern werden vom gleichen Lieferanten eingedeckt. Nämlich von Renzo Strazzini. Er ist Geschäftsführer der grössten Marroni-Import-Firma der Schweiz in Bern. «Es geht gar nicht anders», sagt Strazzini auf Anfrage. «Von den Mengen, die in den Wintermonaten gebraucht werden, stammt das meiste aus einem Gebiet in Italien. Es reicht etwa vom Piemont bis hin zur Toscana», sagt der Händler. Dort seien Temperatur und Reifegrad die entscheidenden Faktoren. 

Warum gibt es eigentlich keine einheimischen Marroni an den Ständen zu kaufen, quasi «aus der Region – für die Region»? «Eine Edelkastanie von hier in dieser Menge gibt es nicht», antwortet Strazzini. «Es gibt keinen eigentlichen Markt dazu und es werden viel zu wenige produziert. Die Qualität und die Grösse müssen ebenfalls stimmen.» In Italien habe man sich auf die Marroniproduktion spezialisiert. Und im Tessin gäbe es auch viele gute Betriebe, doch deckten diese die Nachfrage bei Weitem nicht. 

«Wir konnten einen Teilnehmerrekord erzielen.»

Josef Waldis, Präsident der IG Pro Kastanie Zentralschweiz

«Cheschtene-Chilbi»: Ein Erfolg

Eine einheimische Alternative zu den Marroni sind «Cheschtene». Josef Waldis ist Präsident der IG Pro Kastanie Zentralschweiz. Er organisiert die jährliche «Cheschtene-Chilbi» in Greppen, die am letzten Wochenende stattfand. «Es ist die grösste Kastanien-Chilbi der Deutschschweiz. Mit 80 Anbietern an 73 Marktständen. Wir konnten einen Teilnehmerrekord erzielen», freut er sich.

Die Interessengemeinschaft setzt sich dafür ein, dass die heimische Cheschtene vermehrt kultiviert wird. «Sie sind auch sehr fein», weiss Waldis. Der Anbau mit ein paar Bäumen da und dort sei aber ganz klar zu wenig für die Nachfrage. «Für eine Cheschtene-Chilbi reicht die Ernte durchaus. Aber für den grossen Marronimarkt niemals.»

Es wird eine gute Saison

Zurück zu Ursula Gabriel und ihrem Stand an der Pilatusstrasse. Sie verrät ihr Erfolgsgeheimnis. «Es kommt gar nicht so drauf an, woher die Marroni kommen», sagt sie. «Entscheidend ist die Qualität und wie sie gebraten werden.» Viele Konsumenten meinen, Marronibraten sei einfach. «Aber das stimmt nicht. Es braucht viel Übung. Man muss genau darauf achten, wie sie eingeschnitten sind, und alles nur gleich grosse zusammen in eine Pfanne geben.» Sie rührt kurz um. «Deshalb bekommt man an den verschiedenen Ständen nicht immer die gleichen.» 

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