«Charly hat Twitterdienst»

8min Lesezeit 1 Kommentare

Twitter-Gefecht zwischen Jolanda Spiess-Hegglin und dem «Neue Zuger Zeitung»-Redaktor Charly Keiser: Darf ein Journalist öffentlich eine Politikerin beleidigen, obwohl er selber unvoreingenommene, politische Berichterstattung machen sollte? Ein Medienethiker findet, das geht zu weit.

Die Nacht des 21. Dezembers letzten Jahres hat das Leben der beiden Zuger Kantonsräte Markus Hürlimann (SVP) und Jolanda Spiess-Hegglin (ALG) auf einen Schlag verändert. Beschuldigungen der Vergewaltigung lasteten auf Hürlimann, er musste als Präsident der Partei zurücktreten. Bewiesen ist bis heute nichts.

Heftige Angriffe gegen Spiess

Doch auch Jolanda Spiess-Hegglin, die noch immer überzeugt ist, mit K.o.-Tropfen betäubt und danach vergewaltigt worden zu sein, wird massiver Kritik ausgesetzt. Derzeit läuft bei der Zuger Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen eine Person, welche die Politikerin offenbar seit Monaten mit Hassmails belästigt. Doch auch auf den Social Media-Kanälen wird Spiess derzeit regelmässig und teilweise heftig angegriffen. Nicht nur von anonymen Usern, sondern unter anderem auch von einem Mitarbeiter der «Neuen Zuger Zeitung».

«Jolanda Spiess ist einfach nur krank, was sie fast täglich beweist», schrieb der Redaktor Charly Keiser letzten Sonntag auf Twitter. Das Zitat ist eine Antwort auf einen Post von Spiess-Hegglin, in dem sie sich über einen Twitter-Eintrag der «Neuen Zuger Zeitung» ärgert und den Redaktor Charly Keiser dahinter vermutet. Ihr Zitat: «Charly hat Twitterdienst. Behalte einfach die Reputation des Verlages im Hinterkopf.»

Eine klare Ansage von Zuger Zeitungs-Redaktor Charly Keiser

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Spiess und Keiser ein öffentliches Wortgefecht liefern, wobei sie sich abwechslungsweise provozieren. In einem Post beschuldigt Spiess Keiser direkt, mit mehreren Accounts gegen sie zu agieren.

Heftige Beschuldigungen kommen von Spiess` Seite.

Keiser seinerseits macht keinen Hehl aus seiner Haltung zur Affäre Spiess/Hürlimann vom letzten Dezember. Auch kritisiert er auf Twitter, dass Spiess den Kantonsratssitzungen fern bleibt (bis Ende Juni nahm sich Spiess-Hegglin eine Auszeit). Der entsprechende Tweet vom 10. Mai lautet: «Na Jolanda Spiess? Twittern, statt für den Nationalrat zu kandidieren und Kantonsratssitzungen als Kantonsrätin zu besuchen?» Ausserdem teilt er verschiedene Inhalte zum Thema, die von anderen Twitter-Nutzern als «frauenfeindlich» und «respektlos» betitelt werden.

Keiser teilt ein satirisches Lied zur Spiess/Hürlimann-Affäre und löst eine weitere Diskussion aus.

Ende Dezember teilt Keiser einen Link des Blicks, worauf er viel Kritik erntet. Der Post wurde nachträglich von Keiser gelöscht.

Obenstehender Tweet wurde von Charly Keiser nach einer Weile wieder gelöscht.

Da es sich um Keisers persönlichen Account handelt, kann er darauf publizieren, was er möchte. Nur trägt er dabei eine Doppelrolle. Gibt es, insbesondere für Keiser, der gleichzeitig als Journalist und damit Meinungsbildner agiert, auch Grenzen?

Eine vertretbare Doppelrolle?

Der Medienethiker Philipp Cueni kritisiert die Doppelrolle, die Kaiser spielt: «Mit seinen pointierten und teils persönlichkeitsverletzenden Äusserungen auf Twitter wird er in der Affäre selbst zum Akteur. In der Zeitung nimmt man ihn als beobachtenden Journalisten wahr. Das ist unsauber.»

So zeige der Redaktor auf gewisse Weise zwei Gesichter. «Und da müsste die Redaktion eigentlich eingreifen. Entweder steht sie zu den Aussagen von Redaktionsmitglied Keiser auf Twitter und macht diese in der Zeitung transparent. Oder aber sie untersagt Keiser, auf Twitter quasi eine Privatkampagne gegen Spiess zu führen.»

«Mit seinen pointierten und teils persönlichkeitsverletzenden Äusserungen auf Twitter wird Keiser in der Affäre selbst zum Akteur.»

Philipp Cueni, Medienethiker

Cueni gibt zu bedenken, dass Aussagen, wie «diese Politikerin ist krank», berufsethisch eine Persönlichkeitsverletzung darstellten und es zudem eine schwere Unterstellung sei, zu welcher die Angeschossene Stellung beziehen müsse. «Wenn das ein Journalist macht, dann gilt das auch für Twitter.»

Grundsätzlich müsse jeder Journalist und jede Redaktion selber wissen, wie weit sie im Rahmen des Erlaubten mit ihren Aussagen gehen wollen. «Wenn Keiser beispielsweise schreibt, Jolanda Spiess sei krank, stellt er sie bloss und provoziert damit zwei Lager: Jene, welche sich damit gegen Spiess aufbringen lassen, und jene, welche diesen Stil von Journalismus ablehnen. Und der Journalist positioniert sich damit auch selber und stellt sich selbst bloss.»

Der Redaktor zeigt Reue

Die Aussage, dass Spiess krank sei und dies der Twittergemeinde auch fast jeden Tag beweise, bereut der Redaktor mittlerweile. Er erklärt: «Jolanda Spiess hat mich mehrmals auf Twitter und Facebook beleidigt und verleumdet. So behauptete sie im besagten Tweet, ich hätte bei der ‹Neuen Zuger Zeitung› Twitterdienst gehabt und sei darum Schuld, warum das System nicht funktioniere.»

Das stimme aber laut Keiser in keiner Art und Weise. «Erstens habe und hatte ich nie Twitterdienst und hatte zweitens Ferien. Wenn Spiess mir alles Schlechte auf der Welt in die Schuhe schieben will, dann finde ich das ziemlich krank.» Und darum habe er reagiert.

«Wenn Spiess mich für alles verantwortlich machen will, was in der Welt so schief läuft, dann kann sich jeder selber ausrechnen, ob das ein gesundes Verhalten ist.»

Charly Keiser, Redaktor «Neue Zuger Zeitung»

«Es war unbedarft von mir, auf dieses kindergärtnerische Getue von Spiess zu reagieren», sagt Keiser. «Ich wäre klüger nicht darauf eingegangen.» Dennoch relativiert er seinen Twitter-Eintrag: «Dieser ist nicht beleidigend. Denn Spiess hat selber in der Presse mehrmals betont, dass sie krank und in Behandlung ist. Wenn sie mich also für alles verantwortlich machen will, was in der Welt so schief läuft, dann kann sich jeder selber ausrechnen, ob das ein gesundes Verhalten ist.»

Kein «Gefällt mir» für Parteieinträge

Keiser selbst erklärt, er gebe eigentlich nie seine Meinungen auf Twitter preis. «Man wird dort beispielsweise nicht herausfinden, ob ich für oder gegen den Stadttunnel war. Weder auf Twitter noch auf Facebook äussere ich mich politisch.» Das gehe so weit, dass er bei keinem Post einer Partei oder zum Beispiel einer Vorlage oder Initiative ein «Gefällt mir» setze.

Jolanda Spiess möchte sich auf Anfrage von zentral+ nicht zum Thema äussern. «Das Niveau dieser Diskussion ist mir zu tief», erklärt sie. Sie bestätigt jedoch, «dass Charly Keiser in der ganzen Geschichte eine üble Rolle gespielt hat.» So habe er aus Gerüchten Fakten gemacht und nur ungenügend recherchiert. Keiser habe vielmehr den Aussagen «gewisser Kantonsräte» Glauben geschenkt, «ohne mich dabei auch nur ein einziges Mal direkt zu kontaktieren.»

Charly Keiser zum ganzen Twitter-Gewitter abschliessend: «Das war wohl das letzte Mal, dass ich mich in dieser Thematik über Twitter äussere.»

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Gesellschaft