Die Industriestrasse 9 hat schon einige Jahre auf dem Buckel und viel erlebt. (Bild: cha)
Gesellschaft Kultur

Die Industriestrasse 9 hat schon einige Jahre auf dem Buckel und viel erlebt. (Bild: cha)

Vom Käselager zur alternativen Werkstätte

5min Lesezeit

Sie hat turbulente Zeiten hinter sich, und noch wildere vor sich: Die Industriestrasse im Tribschen-Quartier gilt als einer der Dreh- und Angelpunkte der alternativen Szene. Dabei steht ein Gebäude der Strasse ganz besonders im Fokus.

Bar59, Grottino 1313, ewl, ein Architektenbüro sowie eine Holz- und Lederwerkstatt: Obwohl die Industriestrasse ein überschaubares Mass an Gewerbe ziert, ist ein unbändiges Schaffen im Hintergrund omnipräsent. Dafür sorgen zahlreiche Kunst- und Kulturschaffende.

Kein Wunder, gilt die Industriestrasse als einer der Dreh- und Angelpunkte der alternativen Szene in Luzern. So beispielsweise sind in der Industriestrasse 17 ein Trickfilmatelier und eine Malerei untergebracht. Auch eine Film-, Bühnen- und Museumsdesignerin geht in diesem Gebäude ihrer täglichen Arbeit nach.

Das Aushängeschild ist die Interessengemeinschaft (IG) Industriestrasse. Diese setzt sich mit allen Mitteln für den Erhalt des Charakters der Strasse im Tribschen-Quartier ein. Im September 2012 hat die IG die Initiative «Ja zu einer lebendigen Industriestrasse» vors Volk geschickt – und damit Erfolg gehabt.

Bis zu 160 neue Wohnungen

Die Zukunft der Industriestrasse ist nun in den Händen der Kooperation Industriestrasse, der fünf gemeinnützige Wohnbaugenossenschaften angehören. Und es stehen grosse Veränderungen an: Für rund 80 Millionen Franken sollen ab 2019 zwischen 150 und 160 Wohnungen sowie Raum für Kultur und Kleingewerbe beziehbar sein (zentral+ berichtete).

Auf jeden Fall bezahlbar sollen sie werden, die Wohnungen. «Preisgünstiger Wohnraum heisst für uns etwa 15 bis 20 Prozent unter der Marktmiete oder um die 2'100 Franken für eine Viereinhalb-Zimmer-Wohnung», sagte Daniel Burri, Präsident der Liberalen Baugenossenschaft, gegenüber zentral+. Jeder der fünf Partner soll seine Parzelle eigenständig bebauen, jedoch eingebettet in ein Gesamtprojekt.

(Bild: cha)

Zurück in die Gegenwart. Unauffällig, ja fast geisterhaft präsentiert sich die Industriestrasse tagsüber während der Woche. Wenn nicht gerade die Luzerner Polizei auf einer kurzen Kontrollfahrt durch das Quartier unterwegs ist, bevölkern höchstens Gäste des «Grottino 1313» oder Mitarbeiter von energie wasser luzern (ewl) die Strasse. Oder aber eine Gruppe aus linken Kreisen formiert sich, wie beispielsweise am Anfang dieses Jahres, zu einer Kundgebung für die Rechte von Sans-Papiers (zentral+ berichtete). Einzig am Wochenende ist richtig was los. Dann tummeln sich zahlreiche Partygäste beim Eingang der Bar59.

Industriestrassen-Fest

Die Vereinigte Industriestrasse lädt gemeinsam mit dem Quartierverein Tribschen-Langensand wie jedes Jahr zum Fest in der Industriestrasse. Am 29. August 2015 gibt es ab 13 Uhr «Gaumenfreuden» und «Ohrenschmaus».

75 Jahre Käse im Quartier

Die Geschichte der Industriestrasse zeugt von Wandel. Insbesondere die Industriestrasse 9, das Herzstück der Strasse, hat so einige Nutzungen durchgemacht – so dass dem Gebäude gar ein Fotoband gewidmet wurde. Im Jahr 1903 entstand an der Industriestrasse 9 ein Lagerhaus mit Pferdestall und Wohnung. Von 1903 bis 1978 dem Käsehandel verschrieben, wurde ein Teil ab 1984 in Wohn- und Arbeitsräume umfunktioniert. Ein Jahr später wurde das ehemalige Käselager schliesslich in einen multifunktionalen Galerieraum verwandelt.

 

Ehemaliges «Boa»-Hotel

Mit der Eröffnung des Kulturzentrums «Boa» im Jahre 1998 gewann die Industriestrasse 9 weiter an Bedeutung und wurde so zur zweiten Heimat für die alternative Kunst- und Kulturszene. Für viele Musiker war das Gebäude der ideale Schlafplatz nach einem durchzechten Auftritt im Kulturzentrum. Die «Boa» allerdings musste rund zehn Jahre nach der Eröffnung wieder schliessen.

(Bild: cha)

Ebenfalls an der Industriestrasse 9 beheimatet war die Gassenküche – dies zwischen 1994 und 2002 –, ehe diese an den Geissensteinring in unmittelbarer Nähe umzog. Etliche Besitzerwechsel der Liegenschaft prägten ebenfalls das Leben im Gebäude. War 1994 der Besitz an die Pensionskasse Luzern übergegangen, gehört die Industriestrasse 9 heute der Einwohnergemeinde Luzern.

Jahrzehntelange Zwischennutzung

Das sich in eher schlechtem Zustand befindende Gebäude wird seit über 30 Jahren alternativ genutzt und beherbergt nebst Ateliers und Werkstätten eine siebenköpfige Wohngemeinschaft. Ebenfalls dort untergebracht ist das Figurentheater des Luzerner Theaters. Da das Gebäude an der Industriestrasse 9 als Zwischennutzung gilt, wurde das Haus nie gründlich saniert und renoviert.

Zugegeben, in Bezug auf Ästhetik hat die Industriestrasse wenig zu bieten. Dafür zeugen die teilweise abbruchreifen Gebäude von Charakter und das verborgene Treiben und Schaffen in der Strasse drückt dieser einen ganz eigenen Stempel auf. Hier teilen sich Kunst und Kultur, Nachtleben, Gastronomie und ein Elektrizitätsunternehmen eine rund dreihundert Meter lange Passage auf dem Boden der Stadt Luzern.

Die Industriestrasse hat Geschichte geschrieben – und wird dies auch in Zukunft tun.
Die Industriestrasse hat Geschichte geschrieben – und wird dies auch in Zukunft tun. (Bild: cha)

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Gesellschaft