«Teddy» gibt ein Interview vor dem PR-wirksamen Militärzelt. (Bild: SRF)
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«Teddy» gibt ein Interview vor dem PR-wirksamen Militärzelt. (Bild: SRF)

Ein Fest für Raubgräber und Mythen

4min Lesezeit

Zum 700-Jahr-Jubiläum der Schlacht zu Morgarten strömen noch bis Sonntag Touristen und Armeeangehörige an den Ägerisee. 2’000 Beteiligte aus der ganzen Schweiz machen am Umzug mit, Ueli Maurer hält am Sonntag eine Festtagsrede mit landesweiter Ausstrahlung und SRF zieht mit der Sensation mit – aber warum eigentlich?

Sandro La Marca

Der bereits in der Antike entwickelte Gedanke der Einheit von Bürger und Soldat wird in Oberägeri und Morgarten wieder präsent. Mit ihm ranghohe Offiziere und Ueli Maurer, der die Modernisierungsagenda für eine regionalere Armee im Sinne des fast 5 Milliarden teuren WEA-Programms (Weiterentwicklung der Armee) ab 2017 vorantreibt. Natürlich begleitet von geschickt inszenierter PR und viel Brimborium. Auch das Schweizer Fernsehen machte mit und reihte sich ein in die Erforschung eines der grössten Mythen der Landesverteidigung.

Stefan Hochuli, Kantonsarchäologe und Leiter des Amts für Denkmalpflege und Archäologie, leitete die aktuellen Ausgrabungen für Zug und bestätigt: Morgarten ist ein gesamtschweizerischer Mythos, der im Zusammenhang mit der Landesverteidigung während des Ersten und des Zweiten Weltkriegs besondere Bedeutung erhielt und im 19. Jahrhundert die noch schwach ausgebildete gemeinsame Geschichte und Gemeinschaft des jungen Bundesstaates förderte.

Es gäbe laut Hochuli verschiedene Varianten zu den Hintergründen der Schlacht, tatsächlich, so scheint man sich unter Historikern aber einig zu sein, habe es sich eher um eine regionale Angelegenheit gehandelt.

Armee goes Volksfest?

Ob regional oder national: Die neu gewonnenen archäologischen Funde, die im «Blick» noch eine Woche zuvor als «sensationeller Beweis» für die Schlacht gehalten wurden, sind noch bis Ende Juli im Museum für Urgeschichte in Zug ausgestellt, bevor sie nach Bern abwandern. «Wir hoffen natürlich auf erhöhte Besucherfrequenz», so Hochuli.

Trotzdem hält er es für «schwierig, eine Verbindung von den archäologischen Funden zur heutigen Armee zu machen». Am Fest selber ist diese jedoch offensichtlich. Die Organisatoren und Besucher des Festes zwischen Oberägeri und Sattel dürfte dies allerdings wenig kümmern. Mit der Armeeausstellung und den Flugshows mitsamt Fallschirmspringern will man dem regionalen Fest ein wenig nationales Gepräge verleihen. Auch wenn dies historisch weit hergeholt scheint.

Doch wie es auf dem aufwendig gestalteten Flyer des Festes heisst, freut sich Bundesrat Ueli Maurer «ungemein, dass die beiden Kantone Schwyz und Zug freundeidgenössisch daran gehen, gemeinsame Veranstaltungen während des ganzen Jahres 2015 durchzuführen».

Steinplatten und Sackmesser als Souvenirs

Von privaten Schatzsuchern möchte man übrigens nichts wissen: «Wir wurden aktiv, weil SRF auf uns zukam und weil wir Hinweise erhielten, dass verschiedentlich Raubgräber illegal aktiv geworden waren auf dem Gelände», so der Kantonsarchäologe Hochuli.

Ein Freilichtspiel mit über 100 Schauspielern

Das Freilichtspiel und grösste Theater in der Region «Morgarten – Der Streit geht weiter» mit 120 Beteiligten feiert am 7. August Uraufführung und wird bis zum 12. September gezeigt. Das Stück wurde von Paul Steinmann geschrieben, Regie führt Annette Windlin. Über 100 Schauspieler spielen am Originalschauplatz das spektakuläre Freilicht- und Musiktheater, in dem eigentlich zwei Geschichten erzählt werden: einerseits jene um die Schlacht von 1315, anderseits jene zur Vorbereitung der Jubiläumsfeier 2015.


Hobby-Schatzsucher und andere Touristen können dafür im webeigenen Souvenirshop ein Armeemesser – zwar nicht auf 1315 datiert, dafür aber bedruckt vom Eventsponsor Victorinox – oder eine ganze gravierte Steinplatte für 1’000 CHF erwerben. Diese wird im Herbst 2015 zwischen dem extra eingerichteten Informationszentrum und dem mittelalterlichen Schwyzerhaus zu liegen kommen.

Fünf Millionen für den Tourismus

Ein Schnäppchen, wenn man den Gesamtfinanzierungsbedarf von fünf Millionen für alle geplanten Projekte berücksichtigt, inklusive Freilichttheater, Wiederaufbau und Unterhalt des ältesten Holzhauses im Ort. Vier Millionen wurden bereits grosszügig gespendet und so dürfte dem regionalen Tourismus nichts mehr im neu dafür gepflasterten Wege stehen. Auch dem durch den Zivilschutz von Zug und Schwyz neu angelegten Letzi-Rundwanderweg nicht, der weniger umstritten ist als der Mythos, sich womöglich aber als gewinnbringender erweisen dürfte als die daher rührende Militärparade.

Für den Samstag sind jedenfalls weitere Spektakel angesagt: Francine Jordi wird von einem grossen Feuerwerk über dem See begleitet und am Nachmittag sind weitere Flugshows angesetzt. Auch wenn vieles nur ein Mythos ist: Für diese Feier lässt man sich nicht lumpen.

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