Clovis Kasanda, gerade frisch zurückgekehrt aus Paris. (Bild: jav)
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Clovis Kasanda, gerade frisch zurückgekehrt aus Paris. (Bild: jav)

«Viele wollten mich zurückhalten»

9min Lesezeit

Mit vier Jahren kam Clovis Kasanda vom Kongo in die Schweiz. Sein Leben ist seither ziemlich turbulent verlaufen, und das trotz bünzligem Fünfjahresplan. Was dem Swisscoy-Offizier und frischgebackenen Schauspielabsolventen dabei hilft, ist ein Rezept seiner Mutter. Keines zum Kochen.

Kaum hat Clovis Kasanda den Bahnhof Luzern verlassen, kennt er bereits die ersten Leute. «Mein Cousin aus Genf fand es einmal gar nicht so witzig, als wir gemeinsam am Blueballs Festival waren. Ich kannte so viele Leute, wir kamen kaum vorwärts», amüsiert er sich.

Asylbewerber, Schweizer Offizier, Schauspieler

Kein Wunder, kennt er halb Luzern, liest sich doch sein Lebenslauf wie eine Zusammenwürfelung mehrerer Leben: geboren im Kongo, Asylbewerber in Schötz, ambitionierter junger Fussballspieler, Laiendarsteller in verschiedenen Theatertruppen, Swisscoy-Offizier, und nun professioneller Schauspieler in Paris.

Gerade kehrt er von seiner dreijährigen Schauspielausbildung zurück. Um acht Uhr morgens hat er sich in Paris in den Zug gesetzt. Jetzt ist es Mittag und Kasanda wieder daheim. «Sah das schon immer so aus?», fragt er sich bei einigen Hausfassaden und will gleich genau wissen, was sich in Luzern die letzten Jahre alles verändert hat. Viel spannender ist jedoch: seine Geschichte. Ein paar Ausschnitte daraus hat er uns erzählt.

Das Rezept seiner Mutter

Der 32-jährige Schauspieler ist im Kongo geboren und mit vier Jahren gemeinsam mit seiner Mutter und seinen drei Geschwistern in die Schweiz ausgewandert. Nach Schötz, um genau zu sein. «Wir waren die erste schwarze Familie im Dorf», erzählt Kasanda.

Schwierigkeiten wegen seiner Hautfarbe habe er jedoch kaum erfahren. Kasanda ist fest davon überzeugt, dass seine gute Integration oder «Emulsion», wie er es nennt, am Rezept seiner Mutter liege. «Sie hat einfach angenommen, was von den Leuten kam und ihr Bestes zurückgegeben.»

Es gehe aber nicht nur um die Offenheit. Es gehe auch darum, dass man seinen Kindern ein Vertrauen vermittle, ein Selbstvertrauen. «Ich war immer davon überzeugt, die gleichen Chancen wie alle anderen zu haben, und wusste, dass ich mit Kämpfen viel erreichen kann. Ich glaube, dann strahlt man das auch aus.» Viele würden grosse Augen machen, wenn er erzähle, er sei in der Innerschweiz aufgewachsen. «Natürlich ist es nicht der liberalste, mutlikulturellste Ort in der Schweiz. Aber ich kannte ja nichts anderes. Und es gibt immer Leute, die mit dir zu tun haben wollen, und solche, die dich meiden.»

«Überall, wo ich war, gibt es grosse Konflikte.»

«Ich bin einfach sehr dankbar, hier aufgewachsen zu sein. Überall, wo ich war – Kosovo, Kongo, Bosnien oder Paris –, gibt es grosse Konflikte. Hier habe ich das Gefühl, dass die Leute grundsätzlich ein gemeinsames Ziel haben und auch aufeinander achtgeben.»

Ein farbiger Farbfachmann

Der Schauspieler hat ursprünglich eine Lehre als Farbfachmann gemacht. «Zu Beginn fand ich es vor allem witzig: ein farbiger Farbfachmann. Aber nachdem ich mich näher informiert hatte, passte es tatsächlich.»

Doch wie passt der Swisscoy-Einsatz in das kreative Leben des Schauspielers? «Ich hatte während des Durchdieners einen Ernsteinsatz, der mich sehr geprägt hat. Wir wurden 2004 als Rettungssoldaten bei Feuer und Einsturz einer Tiefgarage in Schönenwerd gerufen. Es war ein Moment, in welchem man wirklich merkt, dass es Leute braucht, die helfen und sich selbst dabei zurücknehmen.»

Der schwarze Deutschschweizer Offizier

Kasanda bei der Aktionswoche Asyl

Clovis Kasanda ist auch einer der Protagonisten des zweiten Dokfilms «Aufgewachsen in verschiedenen Kulturen», welcher am Donnerstag, 18. Juni, im Rahmen der Aktionswoche Asyl gezeigt wird. Für den ersten Film und den zweiten wurden acht Jugendliche im Zeitraum 2004 bis 2014 begleitet.

Für die Dreharbeiten ging Kasanda erstmals wieder in den Kongo. «Eigentlich lustig, dass es einen fremden Einfluss dafür brauchte», sagt er heute. 2012 besuchte er sein Herkunftsland ein zweites Mal und lernte dabei auch seinen Vater kennen.

Aber vor allem der finanzielle Aspekt habe schlussendlich den Ausschlag gegeben, den Auslandeinsatz bei der Swisscoy zu machen. «Ich wusste, dass ich mir mit dem Geld hinterher meine Schauspielausbildung finanzieren konnte.» Und auch die neuen Erfahrungen in einer fremden Kultur. «Ich war mir sicher, auch kreative Nahrung zu finden.»

Viele Freunde seien von seiner Idee schockiert gewesen. «Eine Menge Leute wollten mich zurückhalten», so Kasanda. Aber wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt habe, dann sei er nicht mehr aufzuhalten.

Der Einsatz selbst sei eine grossartige Erfahrung gewesen. Als Verbindungssoldat war er dafür zuständig, das Bindeglied zwischen der einheimischen Bevölkerung und dem Militär zu sein. «Wir gingen an Feste, zu Gemeindeversammlungen und so weiter. Das ist wichtig, um das Vertrauen der Leute zu gewinnen», sagt er. Obwohl seine Vorgesetzten am Anfang unsicher waren, was man mit dem schwarzen Schweizer Soldaten machen sollte. «Ich war natürlich etwas Exotisches und es war unklar, wie ich ankommen würde», sagt Kasanda und ergänzt: «Aber die Menschen sind sehr neugierig auf  mich zugegangen und ich auch auf sie.» Es sei eine tolle Zeit gewesen und er habe sehr viele gute und enge Freundschaften geknüpft. Nicht nur innerhalb des Militärs.

«Peace-Keeping ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen.»

2011 dann der Wechsel. «Nach Unruhen, bei welchen auch Schüsse fielen und es einige Verletzte gab, habe ich wieder gemerkt: Du bist im Einsatz. Und Peace-Keeping ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen.» Zu dieser Zeit habe er auch bemerkt, dass er den Einsatzort wechseln sollte. «Bei diesem Job muss man neutral sein, sonst musst du weiterziehen. Und ich habe gemerkt, dass ich mit der Zeit nicht mehr neutral bleiben konnte.» Also ging es weiter nach Bosnien. Ein ruhigerer Einsatzort, an welchem er sich auch wieder auf das Leben danach vorbereiten konnte.

Paris, mon amour

Und das Leben danach, das begann in Paris, wo er seine Ausbildung an der École internationale de théâtre Jacques Lecoq machte, an welcher auch Mummenschanz lernten. «Es war mir klar, dass ich im Ausland studieren wollte. Die Sprache, das neue Umfeld und die Erfahrungen, die man dabei macht, waren mir wichtig. Und es war auch einfacher, da ich zu Beginn der Schauspielausbildung schon 29 war. Da kommt man bei einigen Schulen gar nicht mehr hin.»

«Ich kam in Paris als Afrikaner oft besser an als als Schweizer.»

Paris sei grossartig, er habe sich bereits als Teenager in die Stadt verliebt. «Aber ich habe nun wieder gemerkt, dass ich weiterziehen muss. Es ist so viel los. Paris ist wie eine Welle, die einen mitreisst. Da muss man zwischendurch an Land schwimmen können.» Ruhe zu finden, sei für ihn sehr wichtig.

In Paris seien die Schweizer nicht besonders beliebt, erklärt Kasanda. «Besonders die Masseneinwanderungsinitiative war oft Thema. Ich kam dann als Afrikaner oft besser an als als Schweizer», betont er.

Schweizer sind einfach nicht lustig

«Gerade letzten Montag habe ich es wieder gehört: Schweizer sind einfach nicht lustig.» In Paris habe es so viele Araber, Afrikaner, eine multikulturelle Mischung, die bisweilen auch sehr laut sein könne und sehr offen. «Das mögen die Franzosen, denn die sind selbst auch ein bisschen verklemmt und steif», so Kasanda lachend.

«Ich hatte einen Fünfjahresplan. Sehr bünzlig eigentlich.»

Doch apropos steif: Auch Kasanda ist trotz seiner multikulturellen Geschichte viel mehr Schweizer als etwas anderes. «Ich hatte einen Fünfjahresplan. Sehr bünzlig eigentlich. Und ich habe den Plan genau so abgearbeitet, wie ich es vorgesehen hatte.» Doch nun ist alles erledigt und es gibt keinen Plan mehr. «Jetzt könnt ihr nicht mehr spielen, jetzt wird gelebt. So haben sie uns aus der Schauspielschule entlasssen», sagt Kasanda. «Jetzt stehe ich am Anfang von etwas ganz Neuem.»

(Bild: jav)

Verwurzelter Weltenbummler

Er sei immer schon sehr neugierig gewesen, habe es aber lange nicht ausleben können. Durch den rechtlichen Status in der Schweiz konnte er für lange Zeit gar nicht legal ausreisen. «Nun hat meine Mutter wohl etwas Angst, dass ich ganz auswandere. Ich fühle mich schnell überall wohl.»

Und ihre Angst scheint berechtigt. Ende Jahr wird Kasanda nach Brüssel ziehen. «Ein Bein wird aber weiterhin in Paris stehen bleiben, wo ich meine Truppe habe und in einigen Produktionen spielen werde.» Aber auch in der Schweiz will er als Schauspieler Fuss fassen. «Es gibt ja auch nicht besonders viele schwarze schweizerdeutsche Schauspieler», betont er und ergänzt lachend: «Vielleicht kann ich ja die Kartei etwas erweitern.»

Ausserdem werde er die Schweiz sowieso immer wieder besuchen. «Ich habe gemerkt, dass ich immer wieder an den Punkt komme, an welchem ich die Ruhe und Gelassenheit brauche. Dann nehme ich mir eine Auszeit von der Grossstadt und den Zug nach Hause.»

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