Akrobatische Einlagen und voller Körpereinsatz: Am kantonalen Schwingfest in Inwil gab es am Sonntag viel zu sehen. (Bild: azi)
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Akrobatische Einlagen und voller Körpereinsatz: Am kantonalen Schwingfest in Inwil gab es am Sonntag viel zu sehen. (Bild: azi)

Auch an heissen Tagen: Sägemehl ist ihr Element

6min Lesezeit

Während die einen im Wasser planschen, ist ihnen das Sägemehl lieber. Die Schwingsportler trotzen den Temperaturen − und den geläufigen Klischees. zentral+ begab sich auf einen Augenschein ans Schwingfest in Inwil.

Es liegt der Duft von Sägemehl in der Luft, die Sonne brennt und der Schweiss tropft. Statt in der Badi befinde ich mich an diesem Sonntag in Inwil, wo heute bei gut 30 Grad das 96. Kantonalschwingfest ausgetragen wurde. Rund 200 Schwinger aus dem ganzen Kanton Luzern, zahlreiche Gästeschwinger aus der Inner- wie auch der Westschweiz kämpfen um die begehrten Kränze aus Eichenlaub − und den Muni «Mars» (siehe Box).

Es ist schon eine etwas ungewohnte Szenerie für jemanden, der zum ersten Mal in die Welt des «Hosenlupfs» eintaucht − und doch irgendwie vertraut. Denn vorgefunden habe ich nicht das, was ich erwartet hatte. Rund 5'200 Besucher aus der ganzen Schweiz zog der Anlass an − und nicht etwa nur die ü60-Generation, nein, erstaunlich viele Junge scheinen sich für den Schwingsport zu begeistern. Ein Sport, der zumindest mir bisher fremd geblieben ist.

«Schwinger, das sind keine Randalierer − hier ist auch der Gegner ein Freund.»
Hans Buholzer, ehemaliger Schwinger aus dem Aargau 

Locker, ruhig und gesellig

Das Publikum ist bunt durchmischt, man könnte gar meinen, man befände sich am Blue Balls in der Stadt − nur dass dieser Grossanlass ohne lästiges Depotsystem und Gedränge an den Ständen auskommt. Es ist eine lockere, ruhige und gesellige Atmosphäre. Das sind auch die Gründe, die genannt werden, wenn man die Leute fragt, warum es sie heute hierhergezogen hat. Andere wiederum sind zur Unterstützung der Athleten nach Inwil gekommen − teilweise sind es ganze Fanclubs, die auf der Tribüne sitzen und ihren Favoriten lautstark anfeuern.

Das Publikum in der ausverkauften Inwiler Schwingerarena war gut gelaunt.
Das Publikum in der ausverkauften Inwiler Schwingerarena war gut gelaunt. (Bild: azi)

Entlebucher ist Schwingkönig

Das 96. Luzerner Kantonalschwingfest in Inwil war für die Organisatoren ein voller Erfolg: «Unsere Erwartungen wurden übertroffen», sagt OK-Präsident Fabian Peter. «Die Stimmung und die Ambiance in der Schwingerarena waren phänomenal.» Alles sei ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Festsieger ist Erich Fankhauser aus Hasle. Der 25-jährige Entlebucher siegte im Schlussgang gegen Philipp Scheidegger vom Schwingklub Wiggertal und ist somit stolzer Besitzer des Siegermuni «Mars». Fankhauser gewann kurz vor Ende des Schlussgangs mit Nachdrücken am Boden. 

«Das Luzerner Schwingfest hat einen besonders guten Ruf in der Szene», weiss Hans Buholzer aus Frick im Kanton Aargau. Der gebürtige Horwer war bis zu seiner Halswirbelverletzung selbst aktiver Schwinger und besucht noch heute jedes Fest in der ganzen Schweiz. Und in Luzern, da stimme jeweils einfach alles: vom Tribünenaufbau über die Festwirtschaft bis hin zum grosszügigen Gabentempel.

Schwinger, das seien keine Randalierer, so Buholzer weiter. «Hier ist auch der Gegner ein Freund. Das ist nicht wie beim Fussball, wo sie aufeinander los gehen.» Auch Regierungsrat Marcel Schwerzmann betont in seiner Festrede den Respekt vor dem Gegenüber als Grundwert im Schwingen. «Vom Schwingsport kann sich die Politik ein Beispiel nehmen», lacht er.

Keine Hemmungen vor Körperkontakt

So überraschend wie das Publikum sind auch die Athleten selbst. Einige Vertreter dieser Sportart, die mit Tradition, Fairness, Geselligkeit und Bodenständigkeit in Verbindung gebracht wird, entsprachen so gar nicht dem Klischee des leicht übergewichtigen Landwirten, der im Sägemehl seine Männlichkeit demonstrieren will.

Trotz praller Sonne: Die Schwinger gaben alles.
Trotz praller Sonne: Die Schwinger gaben alles. (Bild: Archiv)

Keine Frage, dieser Sport eignet sich nicht für Homophobe, die den Körperkontakt zum gleichen Geschlecht scheuen. Trotz vollem Körper- und Krafteinsatz ist keine Aggression dabei zu sehen, wie sie sich ihre Köpfe gegenseitig ins Sägemehl drücken. Jedes Duell endet so, wie es begonnen hat: mit einem freundschaftlichen Händedruck.

«Das Schwingen lehrt, dass man nicht aufgeben soll, dass man kämpfen muss, um seine Ziele zu erreichen.»
Roger Bürli, Schwingklub Rottal 

«Sägemehl, keine Diskussion»

Als Zuschauerin an vorderster Front klebt das Sägemehl nach einigen Stunden auch an mir − kein angenehmes Gefühl. Ein Sprung ins kühle Nass wäre die Erlösung an einem Tag wie diesem. Doch wie sieht das ein Schwinger? Was lockt ihn mehr, Sägemehl oder Wasser? «Sägemehl, keine Diskussion», sagt Roger Bürli aus Menzberg.

Roger Bürli aus Menzberg (links) besiegte seinen Gegner aus der Westschweiz.
Roger Bürli aus Menzberg (links) besiegte seinen Gegner aus der Westschweiz. (Bild: azi)

Schwingen sei für ihn mehr als nur ein Sport. «Es ist auch eine Lebensschule», meint der 18-Jährige, der bereits seit seinem elften Lebensjahr regelmässig im Sägemehl steht. «Es lehrt, dass man nicht aufgeben soll, dass man kämpfen muss, um seine Ziele zu erreichen.» Ist Schwingen unter den Jungen neuerdings cool? «Das kommt darauf an, von wo man kommt», ist er überzeugt. «Und dort, wo ich herkomme, auf jeden Fall.» 

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Mehr Eindrücke vom Fest hier in unserer Bildergalerie:

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