Eine Stadt sei Interaktion, ohne dass wir uns gegenseitig umbringen, sagt Markus Schaefer, (rechts). Links seine Geschäftspartnerin Hiromi Hosoya. (Bild: zvg)
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Eine Stadt sei Interaktion, ohne dass wir uns gegenseitig umbringen, sagt Markus Schaefer, (rechts). Links seine Geschäftspartnerin Hiromi Hosoya. (Bild: zvg)

«Sonst bauen sie Autisten-Städte»

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Wie baut man eine Stadt, die Innovation hervorbringt? Markus Schaefer versucht genau das auf dem V-Zug Areal. Und erklärt im Interview, weshalb die Stadt eine Kulturtechnik ist, die uns davon abhält, uns gegenseitig umzubringen.

Es gibt viel freien Raum in seinem Architekturbüro, nach oben und in der Länge. Und den Platz braucht es auch, wenn man Städte designen will: Markus Schaefer plant gerade die Neugestaltung eines ganzen Zuger Stadtteils. Und nicht irgendwie, sondern mit gigantischem Anspruch – das V-Zug Areal soll als «Technology Cluster» eine neue Idee darüber liefern, wie die Stadt der Zukunft weltweit funktionieren kann. Und gleichzeitig will Schaefer zurück ins Mittelalter. Wie das geht, sagt er im Interview.

zentral+: Herr Schaefer, wie erleben Sie die Stadt Zug?

Markus Schaefer: Die Stadt hat einen Kern, der gut funktioniert: Die Altstadt, dann der innere Gürtel der Neustadt, das wird als kohärente Stadt erlebt, das hält zusammen. Aber die Peripherie ist ganz anders: Hier ist die Stadt stecken geblieben in dem Gefühl von Chriesibäumen und Landwirtschaft und hat nicht gemerkt, wie global sie geworden ist. Und sie ist ja unglaublich global. Man hat es bislang verpasst, den Norden und den Zusammenwuchs von Baar und Zug städtisch zu gestalten. Die Baarerstrasse ist eine Aneinanderreihung von Briefkastenmonstern mit wenig Zusammenhang.

zentral+: Sie planen mitten in diesem Umfeld einen neuen Stadtteil, was wollen Sie hier erreichen?

Schaefer: Es ist eben nicht mein Anliegen, und das ist das Gute daran, sondern das der V-Zug, der Stadt und des Kantons: Die Firma hat erkannt, dass sie effizienter sein muss, dass sie mehr Innovation und mehr Output pro Quadratmeter Boden erwirtschaften muss. Und das kann sie nur, wenn das Areal, auf dem das geschieht, Interaktion und Innovation zulässt.

Und was ist eine Stadt? Eine Stadt ist genau das: Eine Erfindung der Menschen, die Interaktion zulässt, ohne dass wir uns dabei gegenseitig umbringen. Das haben wir vor 8'000 Jahren erfunden und seitdem weiterentwickelt. Eine Stadt ist kein Zufall, auch keine historische Setzung, sondern eine Kulturtechnik, ein Evolutionsschritt, der unsere Spezies fundamental verändert hat.

zentral+: Eine Kulturtechnik für welche Aufgabe?

Das Projekt

Die V-Zug produziert momentan ihre Geräte in eingeschossigen Werkstätten. Das soll sich ändern: Dazu hat die Firma einen ambitionierten Plan aufgestellt und will ihr Areal für andere Industrie-Unternehmen öffnen – aber auch für Wohnungen und städtische Infrastruktur wie Cafés und Läden (zentral+ berichtete). Dabei soll ein innovatives Zentrum entstehen, in dem die Arbeitnehmer verschiedener Technologieunternehmen sich informell begegnen können.

Für die Gestaltung des Areals ist das Zürcher Architekturbüro Hosoya Schaefer beauftragt. Markus Schaefer ist zusammen mit Hiromi Hosoya Gründer und Geschäftsleiter. Ihr Team hat sich mit Projekten wie der Gestaltung des Innovationsparks Dübendorf in der Stadtplanung einen Namen gemacht.

Schaefer: Sie hilft uns einerseits materiell, sie macht, dass wir überleben, uns sicher fühlen und vielfältige Leben führen können. Und andererseits ist sie ein symbolischer Raum, mit verschiedenen Bedeutungen, der unsere Gesellschaft stabilisiert und stützt: Da ist das Rathaus, das ist meine Strasse, das ist der Quartierplatz. Der physische Raum bringt uns zusammen, der symbolische Raum hilft uns dabei, uns auszutauschen. Und Austausch bringt Innovation. Die Stadt ist die Kulturtechnik, die uns als Menschheit formt und weiterbringt.

zentral+: Sie haben Neurobiologie studiert, bevor Sie Architekt geworden sind – diese Beschreibung der Stadt ist eigentlich die Beschreibung eines Gehirns: Eine Organisation, die Innovation betreibt.

Schaefer: Es ist eine systemische Beschreibung. Die Stadt ist ein System, und wir Architekten müssen dafür sorgen, dass es funktioniert: Wir müssen ein Narrativ erfinden, eine Geschichte darüber, wie in dieser Stadt Begegnungen stattfinden können. Wenn die Industrie in der Stadt überleben will, müssen hier schlaue Hirne arbeiten; diese brauchen dafür Infrastruktur zum Leben, aber auch Inspiration, Stimulation und den Kontakt mit anderen Menschen. Dafür braucht es eine produktive Dichte. Und da sind wir zurück im Mittelalter: Es muss möglich sein, im selben Raum zu arbeiten und zu wohnen, das gibt diese Dichte an Interaktionen und schafft schlussendlich Innovation.

zentral+: Diese Geschichte von schlauen Hirnen und Innovation kommt in Zug besonders gut an: Die Briefkastenfirmen inspirieren die Stadt nicht, die Rohstofffirmen bringen sie in Verruf. Der Plan der V-Zug klingt für die Stadt verlockend: Innovativ werden, ein neues Gebiet erschliessen. Aber können Sie dieses Versprechen auch einlösen? Können Sie so eine Stadt bauen?

Schaefer: Moment, erstens bauen nicht wir diese Stadt. Wir sind Teil eines Systems von ganz verschiedenen Akteuren, die zusammen diesen Stadtteil aushandeln. Und das ist eine der Stärken von Stadt und Kanton Zug: Die Wege sind sehr kurz und Kontakte schnell möglich; man kann entscheiden und dann auch vorwärtsmachen. Und die Leute auf allen Seiten sind hier sehr fähig: Bei der Stadt Zug und auch beim Kanton. Natürlich gibt es da auch Reibung, aber wir sind auf gutem Weg.

«Da werfe ich meinen Kaugummi aus dem Fenster, diese Strasse ist mir völlig egal.»

Markus Schaefer

zentral+: Wo gibt es Reibung?

Schaefer: Da das Projekt so langfristig angelegt ist, braucht die V-Zug grosse Flexibilität. Wenn man normalerweise einen Bebauungsplan macht, dann sind die Volumen fix, die Gebäude müssen so gebaut werden, wie das festgesetzt wurde. Jetzt machen wir einen Plan für ein Gebiet, auf dem ein Gebäude vielleicht erst in zwanzig Jahren gebaut wird, für eine fremde Firma, deren Bedürfnisse wir noch nicht kennen. Deshalb muss die Politik einen Weg finden, hier Flexibilität zu bieten.

zentral+: Kann die Politik das überhaupt leisten? Die Funktion der Gesetze ist ja eben, klare Regeln zu schaffen, die für alle und über einen langen Zeitraum hinaus verbindlich sind.

Schaefer: Das ist eine gute Frage. Es hat mit Vertrauen zu tun: Entscheidend ist, ob die Politik einen Weg findet, dem Partner so weit zu vertrauen, dass diese Flexibilität möglich ist, ohne dass sie ausgenutzt werden kann und so ihren öffentlichen Auftrag nicht erfüllt. Die Frage ist: Was für eine Politik wollen wir? Vermutlich eine, die die Fähigkeit hat, klare Regeln zu definieren und trotzdem relativ hohe Flexibilität zu ermöglichen, ohne dass die Bauherren abzocken können. Eigentlich etwas Urschweizerisches.

zentral+: Das ist natürlich für Bauherren eine schöne Vorstellung: Mehr Flexibilität. Aber bis jetzt hat das Instrument Bebauungsplan ja auch funktioniert, auch für langfristige Planungen. Weshalb soll nun alles anders sein?

Schaefer: Der Weltmarkt ist für die Industrie so irrsinnig schnell geworden, dass eine Neuerung irgendwo auf der Welt ihre Wirkungen sofort auch ganz lokal zeigt. Unter diesen Umständen kann man keine langfristige Planung mehr machen. Die eigentliche nachhaltige und langfristige Strategie ist es jetzt, das Unternehmen so fit zu machen, dass es flexibel auf neue Situationen reagieren kann. Und genau das will die V-Zug mit dem Areal erreichen, deshalb ist für sie diese Flexibilität überlebenswichtig.

zentral+: Sie haben vorhin davon gesprochen, dass die Baarerstrasse eine Ansammlung von Volumen ohne Zusammenhang sei. Aber was genau wollen Sie im V-Zug Areal konkret besser machen?

Schaefer: Nehmen wir zum Beispiel die Nordstrasse: Die Strasse, die zwischen den Neubauten durchgeht, ist eine reine Zubringerstrasse. Sie bedeutet nichts, hat keine stabilisierende Wirkung, sie hält nichts zusammen. Da werfe ich meinen Kaugummi aus dem Fenster, diese Strasse ist mir völlig egal. Was wir nun anders machen, ist zum Beispiel das: Wir betrachten solche Strassen nicht nur als Zubringerstrassen, sondern als öffentliche Räume. Die Strasse und die Freiräume, die durch mein Quartier gehen, müssen eine symbolische Funktion haben, damit sie mir etwas bedeuten.

Man darf nicht nur von Parzelle zu Parzelle, von Areal zu Areal denken, sondern darüber hinaus. Da hat die Schweiz noch Nachholbedarf: Wir begreifen noch nicht, wie wichtig und vielschichtig Stadtplanung ist. Das muss bei den Architekten noch ankommen. Sonst bauen sie Autisten-Städte, so wie an der Nordstrasse. Alle sprechen von innerer Verdichtung, was sinnvoll ist. Wenn diese aber nicht einhergeht mit einem Gewinn an städtischer Qualität und städtischem Leben, dann wird diese Verdichtung politisch unmöglich werden.

«Wenn dieser Hick-up vom Januar nun das Projekt tatsächlich ins Wanken bringen würde, dann müsste man es sofort beerdigen.»

Markus Schaefer

zentral+: Dass jetzt aber in Zug diese Stadtplanung von einem Unternehmen betrieben wird, das stösst auch auf Misstrauen. Das Ziel des Unternehmens ist in erster Linie, Gewinn zu machen. Nicht, eine lebenswerte Stadt zu bauen.

Schaefer: Dieses Misstrauen ist natürlich berechtigt und verständlich, vor allem dann, wenn es dem Wunsch der Einwohner entspringt, zusammen eine geniale Stadt zu bauen. Dann braucht es dieses gesunde Misstrauen, das ja schlussendlich die Politik gegenüber der Firma formuliert: Das ist die Verhandlung, die kollektive Intelligenz und der Kompromiss, der schlussendlich gesucht werden muss.

Schwierig ist das Misstrauen dann, wenn es nur auf eine Verhinderung von Möglichkeiten aus ist; wenn das individualisierte Denken der Agglomeration ein städtisches Denken verhindert, an einem Ort, der ja so oder so bereits faktisch zur Stadt wurde, der Vernetzung, Synergie, Grosszügigkeit und Flexibilität benötigt, um Qualität zu erreichen.

zentral+: Das Projekt V-Zug ist auf Jahrzehnte ausgelegt. Gleichzeitig führen viele Zuger Industriebetriebe im Moment Mehrarbeit ein, einige verlagern ihre Produktion ins Ausland: Der Plan der V-Zug ist ja seit dem Fall der Franken-Obergrenze äusserst antizyklisch.

Schaefer: Eigentlich nicht. Denn dem Systemvorteil der Schweiz - den transparenten, verlässlichen Prozessen und so weiter, steht auch ein Systemnachteil gegenüber: die Währungs- und Hochpreisinsel Schweiz. Diese besteht nicht erst seit dem SNB Entscheid. Sie wurde einfach sehr abrupt sichtbar.

Dieses Projekt hier ist eine Antwort auf diesen Nachteil: Mehr Innovation und Produktion auf weniger Raum. Nur so kann die Industrie in der Stadt und eben auch in der Schweiz überleben. Und wenn dieser Hick-up vom Januar nun das Projekt tatsächlich ins Wanken bringen würde, dann müsste man es sofort beerdigen. Wenn es so instabil wäre, dürfte man es nicht machen. Das scheint aber nicht der Fall zu sein.

zentral+: Ihnen ist dieses Projekt offenbar sehr wichtig. Sie halten auch Vorträge darüber im Ausland: Was begeistert Sie daran?

Schaefer: Es ist ein prototypisches Projekt, das im Ausland auf grosses Interesse stösst, und es kann die Art, wie man in Zukunft über die Gestaltung von Städten spricht, verändern. Diese Diskussion läuft im Ausland und wird aus unterschiedlichen Gründen sehr ernst genommen. Es könnte auch Auswirkungen auf die städtebauliche Diskussion in der Schweiz haben. Für uns sind solche Projekte natürlich extrem interessant. Die Idee der V-Zug ist nicht 08-15, ist kein no-brainer. Und ich denke, es ist ihr ein echtes Anliegen, dass da etwas Gutes entsteht. Aber vielleicht komme ich da auch noch auf die Welt und merke, dass ich zu naiv bin (lacht). Ich glaube aber nicht.

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