Ein Fahrrad in der Kritik der Zuger Velo-Mechaniker. (Bild: wia)
Gesellschaft Verkehr Freizeit

Ein Fahrrad in der Kritik der Zuger Velo-Mechaniker. (Bild: wia)

Ein Göppel macht die letzte Reise

9min Lesezeit 1 Kommentare

Auf einem klapprigen Fahrrad fährt es sich nur schlecht dem Frühling entgegen. zentral+ hat verschiedene Zuger Velomechaniker getestet. Was kostet ein Frühjahrs-Service? Was eine Totalrevision? Und was, wenn auch das nicht mehr hilft?

Sie ist da. Die langersehnte Zeit, in der sich die Bevölkerung wieder vermehrt auf den Drahtesel schwingt, mal mit dem Velo zum Bäcker fährt, vielleicht bis an den Zugersee, und dabei merkt, wie gut die Bewegung den eingerosteten, wintertrunkenen Gliedern tut. Doch eingerostet ist meist nicht nur der Körper, sondern auch der Fahruntersatz, der nach der Winterpause nur schwer in die Gänge kommt. Er schreit nach ein paar Tropfen Öl und reibungslosem Gangwechsel.

zentral+ hat die Zuger Velomechaniker-Szene getestet. Wer empfielt was? Und für wie viel Geld? Doch dann kam alles anders.

Versuchsobjekt ist eine etwas verwahrloste, ältere Velo-Dame der Marke Cilo. Diese hat es in der Tat nötig, vom Fachmann unter Augenschein genommen zu werden, denn das Fahrrad klappert und quietscht, als gäbe es kein Morgen. Dies nicht zuletzt wegen eines glimpflich verlaufenen, jedoch für das Fahrrad fatalen Unfalls. zentral+ besuchte verschiedene Mechaniker im Kanton Zug. Diese sollten einschätzen, was dem Göppel fehlt. Und mit einer Offerte aufwarten.

Der Ausführliche

Erste Station: «Tinus Bike Shop» in Baar. Der Laden ist relativ neu und aufgeräumt. Neben Bikes werden dort auch schicke Elektro-Roller verkauft. Nach einer Vorwarnung, dass es sich um ein eher schitteres Velo-Exemplar handelt, macht der Velomechaniker eine ausführliche Analyse des Drahtesels.

«Sie bremsen momentan auf dem Pneu statt den Felgen.»

Velomechaniker Nr.1

Der junge, sympathische Herr rät dringend zu zwei neuen Pneus, da sich die aktuellen offenbar nicht mehr im legalen, strassentauglichen Bereich befinden. Eine neue Kette und neue Kränze sollen montiert werden, das vordere Schutzblech hat ausgedient, auch die Bremskabel. Zudem sollen neue Bremsklötze herhalten: «Sie bremsen momentan auf dem Pneu statt den Felgen.» Der Mechaniker nimmt sich geduldig Zeit, sucht in einem Heft sogar noch nach Ersatzteilen. Mit Arbeitskosten von etwa 150 Franken kommt er auf einen Betrag von 290 Franken.

Velobörse Zug

Am Samstag, dem 11.April, findet im Zuger Stierenmarktareal die Frühlingsbörse von Pro Velo Zug statt. Zwischen 8 Uhr und 10 Uhr werden Fahrräder angenommen. Ebenfalls werden dann Velos für die Organisation «Velafrica» gesammelt. Zwischen 11 Uhr und 14 Uhr können Velos gekauft werden.


Weil er offenbar merkt, um was für ein liebenswertes Exemplar es sich handelt, bietet er auch eine Etappierung der Neuerungen an: «Zuerst die Pneus und das Schutzblech, den Rest dann, wenn es nötig wird.» Zuletzt deutet er noch auf eine Alternative hin: Ein Occasionsvelo – ebenfalls eine Dame, bei der alles tadellos funktioniert und die er für 350 Franken verkaufen würde. Etwas geknickt macht sich unsere Cilo-Dame auf den Weg zur nächsten Station.

Der Urige

Die Fahrt ist nicht weit. Den Baarer «Fahrrad-Handel Muff» findet man eigentlich nur, wenn man ihn schon kennt. Und diese Rechnung scheint für den langjährigen Betrieb aufzugehen. Unauffällig sind die neuen Velos in eine Garage gepfercht, die Beratung findet hauptsächlich draussen statt, denn drinnen ist es eng.

«Ja also, was haben wir da», beginnt der erfahrene Velomechaniker und schaut sich alles an. Ähnlich wie beim Kollegen will er die Pneus, das vordere Schutzblech, Kette und Kassette, sowie die Bremskabel erneuern. Im Übrigen seien die Bremsklötze verkehrt herum montiert worden. Als er erfährt, dass diese vom Fachmann befestigt worden seien, scheint er leicht schockiert.

Kurzum: Für die Arbeit rechnet Herr Muff 100 Franken, «obwohl ich wohl länger dran habe». Insgesamt müssten etwa 300 Franken investiert werden, «obwohl es sich eigentlich nicht mehr lohnt», murmelt er gleich hinterher. Das Velo zieht traurig von Dannen.

Die Kränze seien hinüber, sind sich die Mechaniker einig.
Die Kränze seien hinüber, sind sich die Mechaniker einig.

Der Expandierende

Nächstes Ziel ist der brandneue «Bikecorner» in Cham. Der Besitzer André Storari, der seit 15 Jahren ein gleichnamiges Geschäft in Baar betreibt, hat den ehemaligen Veloladen Furrer diesen März erst übernommen. Der Laden ist eher klein, doch bietet er von Citybikes alles bis hin zum Renner. Die Auslage ist frühlingshaft dekoriert. Auf die Anfrage nach einer Offerte möchte der Velohändler das Cilo gleich da behalten, um eine propere Analyse machen zu können.

Einige Minuten später ist es im Laden ruhiger, ein kurzer Blick aufs Velo ist nun möglich. Auch hier ist das Fazit verheerend. Eine neue Gabel müsse her. Die montierte sei verbogen. Das allein koste bereits 150 Franken. Von einer neuen Kette will der Mechaniker absehen. Nicht, weil die Aktuelle noch intakt wäre, sondern weil man die alten Teile nicht mehr erhalte. So kommen noch zwei neue Pneus und ein Schutzblech dazu. Der Herr rechnet mit Arbeitskosten von 153 Franken, womit Reparaturkosten von 370 Franken entstehen würden.

Doch auch dieser Velomechaniker hat eine verlockende Alternative im Hinterhof parat. Eine filigrane, reife 3-Gänger-Dame für 450 Franken. Das Liebäugeln hat keinen Wert. Mit drei Gängen fährt sichs schlecht bergauf.

Was kostet ein Frühlings-Service?
Velomechaniker Preis
Tinus Bike Shop, Baar 85-249 Franken     
Fahrrad-Handel Muff, Baar auf Anfrage
Bikecorner, Cham/Baar 170-360 Franken

Velo Rüegg, Steinhausen

75-175 Franken

Cycling Lounge, Zug 85-320 Franken
Radsport Zwahlen, Zug 120-150 Franken

 

Der Grobschlächtige

Nach jeder Inspektion scheint das Cilo noch seniler als zuvor, es knarzt und ächzt an allen Ecken und Enden. Und die Beurteilung des behäbigen Mechanikers bei «Velo Rüegg» in Steinhausen fällt entsprechend aus. Emotionslos zählt er auf: Schutzblech vorne, Kränze und Kette, Pneu hinten (den vorderen, der genauso auf den Felgen ist, übersieht er), Kurbelgarnitur (also alles rund um die Pedale), Schalthebel – das alles müsse ersetzt werden. Gesamtkosten: 350 Franken.

Wenig enthusiastisch räumt er ein, dass sich das wohl eher weniger lohne. Man möge doch beim Wegfahren einen Blick ins Occasions-Zelt werfen.

Der Ehrliche

Es geht nach Zug. Das Cilo geniert sich etwas, zwischen den glänzenden Rennvelos und Mountainbikes, die definitiv in einer schnittigeren Liga spielen. Der Velomechaniker nimmt denn auch kein Blatt vor den Mund. «Soll ich ehrlich sein? Ich würde hier gar nichts mehr machen», so seine prägnante Diagnose. Er verweist auch gleich auf die bevorstehende Zuger Velobörse. «Gehen Sie doch einfach dorthin.» Und dann untermauert er seine klare Ansage.

«Jemand ist da ziemlich in was reingebrettert.»

Velomechaniker Nr. 6

Sagt, dass man zwar die Pneus wechseln und Schutzblech, Kette und die Bremsen komplett erneuern könne, dass es sich jedoch um ein «Fass ohne Boden» handle. Denn auch die Felgen müsse man erneuern, da diese bereits Dellen aufweisen vom vielen Bremsen. Ja, tatsächlich kann das selbst der Laie ertasten. Der junge Mechaniker schätzt den gesamten finanziellen Aufwand auf  300 bis 400 Franken.

Der Unfall-Analytiker

Die nächste Station heisst «Radsport Zwahlen» und befindet sich ebenfalls in Zug. Als der Velohändler besagtes Velo entdeckt, schüttelt er sogleich den Kopf. Diese Schutzbleche bekomme man gar nicht mehr. Da müsste man andere nehmen. Kette und Kränze sind zu ersetzen. Wie schon beim Bikecorner entdeckt auch er einen Mangel an der Gabel. «Jemand ist da ziemlich in was reingebrettert», sagt er trocken und leicht vorwurfsvoll. Die Pneus seien natürlich zu ersetzen. Allein das Wichtigste koste schon 200 Franken, alles zusammen sei auf 300, 400 Franken oder sogar mehr zu beziffern.

Von Frühlingseuphorie ist nach diesem Kritikhagel nichts mehr zu spüren. Die ehrwürdige Cilo-Dame hat ihren Zenit wohl bereits in den 90er Jahren überschritten –jede noch so kleine Transplantation scheint bereits im Voraus zum Scheitern verurteilt. Nun denn, es ist Zeit, sich zu verabschieden, der Entschluss ist gefasst. Mit einer letzten Tour wird der geliebte Göppel zur Velobörse gebracht, um von dort die grosse Reise nach Afrika anzutreten.

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Gesellschaft