Tamilmandram ist mit über 280 Schülern aus dem ganzen Kanton Luzern der drittgrösste Anbieter für tamilischen Sprach- und Kulturunterricht in der Schweiz. (Bild: azi)
Gesellschaft Bildung

Tamilmandram ist mit über 280 Schülern aus dem ganzen Kanton Luzern der drittgrösste Anbieter für tamilischen Sprach- und Kulturunterricht in der Schweiz. (Bild: azi)

Viele sind noch auf Hilfe angewiesen

6min Lesezeit

Seit 25 Jahren setzt sich der Luzerner Verein «Tamilmandram» für die Integration von Tamilen ein. Während einige Migranten der ersten Generation Hilfe brauchen, um sich in der Schweiz zurechtzufinden, sind ihre Nachkommen auf Unterstützung auf der Suche nach ihren Wurzeln angewiesen. 

«Viele Schweizer wissen gar nicht, dass so ein Verein existiert», sagt Bavithiran Mahaalingham, Mitglied der Jugendorganisation des Luzerner Vereins «Tamilmandram». Auf den ersten Blick ist dies jedoch kaum erstaunlich: Das Angebot von Tamilmandram richtet sich ausschliesslich an Tamilinnen und Tamilen. Das Hauptanliegen des Vereins ist, Kindern und Jugendlichen die Sprache und Kultur ihrer Heimat näher zu bringen. Seit gut zehn Jahren gehört auch die Integration zu den Kernaufgaben des Vereins. Unterstützt wird er dabei von der Fachstelle Integration der Stadt Luzern.

Tamilen in der Schweiz

Vor dem Hintergrund des Konflikts in Sri Lanka flüchteten zwischen 1982 und 2003 rund 43'000 Tamilen in die Schweiz. Nur wenige von ihnen erhielten eine vorläufige Aufenthaltsbewilligung. Dies hatte auch einen Einfluss auf die Integrationsbereitschaft: Sowohl die Angst vor einer Rückschaffung als auch die Hoffnung, dass der Krieg im Heimatland bald ein Ende findet, führten dazu, dass bei der ersten Migrantengeneration kaum ein Wille zur Integration vorhanden war. Heute leben in der Schweiz rund 42'000 Tamilen, von denen 90 Prozent über einen gesicherten Aufenthaltsstatus verfügen. Damit beheimatet die Schweiz relativ zu ihrer Bevölkerung die grösste tamilische Diaspora in Europa.

«Wir sind die zweite tamilische Generation in der Schweiz», erklärt Mahaalingham. «Unsere Eltern konnten aufgrund ihrer schwierigen Situation als Flüchtlinge kaum Deutsch lernen.» Die ersten Tamilen, die in den 1980er Jahren als Flüchtlinge in die Schweiz einreisten (siehe Box), hatten noch mit Vorurteilen zu kämpfen. Sie wurden seitens der Öffentlichkeit als Sozialschmarotzer wahrgenommen und mit organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht.

Doch dieses negative Image haben die Migranten aus Sri Lanka längst hinter sich gelassen. Heute werden ihnen durchwegs positive Eigenschaften zugeschrieben. Sie gelten als fleissig, freundlich und zurückhaltend. Auf dem Arbeitsmarkt schätzt man ihre Disziplin und Zuverlässigkeit. 

Mischehen selten

Insbesondere aufgrund ihrer hohen Erwerbsquote gelten heute auch die Migranten der ersten Generation als gut integriert − zumindest auf dem Arbeitsmarkt. Anders sieht es im gesellschaftlichen und kulturellen Bereich aus. Viele Tamilen bewegen sich in einem Umfeld, das hauptsächlich von Aktivitäten geprägt ist, die mit dem Herkunftsland und dessen Kultur in Verbindung stehen. Kontakte werden meist innerhalb der tamilischen Gesellschaft gesucht, weshalb Mischehen auch in der zweiten Generation selten sind. «Hierbei befindet sich einiges im Wandel», so Mahaalingham. «Die Leute sind bereits offener geworden.»

Die Pflege der heimatlichen Tradition und der Muttersprache nimmt für viele Tamilen einen hohen Stellenwert ein. Insofern ist es den Eltern auch wichtig, dieses Wissen an ihre Nachkommen weiterzugeben. Tamilmandram bietet hierfür heimatlichen Sprach- und Kulturunterricht (HSK) an und ist mit über 280 Schülern aus dem ganzen Kanton Luzern der drittgrösste HSK-Anbieter in der Schweiz. «Die meisten Kinder kommen am Anfang auf Wunsch der Eltern», sagt Mahaalingham. «Aber mit der Zeit macht es ihnen Spass, da sie hier die Möglichkeit haben tamilische Kollegen zu treffen.»

«Mich beschäftigt, dass Leute mit mir Hochdeutsch sprechen, weil sie mich aufgrund meiner Hautfarbe falsch einschätzen.»
Bavithiran Mahaalingham, Verein Tamilmandram Luzern 

Im Jugendalter, so Mahaalingham, werde das Interesse an der eigenen Herkunft im Allgemeinen stärker. Gerade in der Schule würden immer wieder Fragen auftauchen. «Man beginnt sich zu fragen, wieso wir andere Sitten als die europäischen Schulkameraden haben und macht sich auf die Suche nach den eigenen Wurzeln.»

«Andersartigkeit» bleibt

Im Gegensatz zu ihren Eltern sind die Migranten der zweiten Generation auf allen Ebenen gut in die Schweizer Gesellschaft integriert. Sie sind hier geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Auch Mahaalingham spricht perfekt Schweizerdeutsch. Trotzdem würde er immer wieder mit seiner «Andersartigkeit» konfrontiert. «Im Alltag beschäftigt mich manchmal, dass Leute mit mir Hochdeutsch sprechen, weil sie mich aufgrund meiner Hautfarbe falsch einschätzen», erzählt Mahaalingham. «Hoffentlich ändert sich das mit der Zeit.» 

«Ich hatte das Problem, dass ich kein Deutsch konnte, obwohl ich in der Schweiz geboren wurde. Meine Eltern konnten mir die Sprache nicht beibringen», erinnert sich der 22-Jährige an seine Kindheit. Dies sei im Alltag oft sehr schwierig gewesen. «Für viele Erwachsene ist das auch heute noch ein grosses Problem, weshalb sie auf unsere Hilfe angewiesen sind.» Bei einfachen Fragen würden jeweils die Kinder weiterhelfen − so gut es halt gehe. «Da wir aber aus beruflichen oder schulischen Gründen immer weniger Zeit haben, ist es wichtig, dass unsere Eltern ihre Sachen auch selbstständig erledigen können.»

«Wir versuchen, Brücken zur Schweizer Gesellschaft zu bauen und den Austausch zu fördern.»
Bavithiran Mahaalingham, Verein Tamilmandram Luzern 

Hilfe zur Selbsthilfe 

Insofern unterstützt Tamilmandram auch Erwachsene. Es werden Deutschkurse und Informationsveranstaltungen über das tägliche Leben in der Schweiz angeboten. Neben der Jugendförderung stellt die Integration der Migranten der ersten Generation ein weiterer Schwerpunkt von Tamilmandram dar. «Wir versuchen, Brücken zur Schweizer Gesellschaft zu bauen und den Austausch zu anderen Vereinen zu fördern», erklärt Mahaalingham. Vielen Tamilen würde der Austausch mit Schweizern fehlen, weshalb kulturübergreifende Angebote, wie etwa gemeinsame Sportaktivitäten, Kochen und Wandern sehr geschätzt würden.

«Die Öffentlichkeit muss wissen, dass mit Tamilmandram eine Organisation besteht, welche den Dialog sucht.»
Sibylle Stolz, Integrationsbeauftragte der Stadt Luzern

«Seit 25 Jahren ist der Verein Tamilmandram der wichtigste Treffpunkt für Tamilen aus der ganzen Zentralschweiz», erklärt Sibylle Stolz, Integrationsbeauftragte der Stadt Luzern. «Hier wird Tamilisch und Deutsch gelernt, hier werden wichtige Informationen zu Alltagsfragen vermittelt und Herausforderungen diskutiert.» Die enormen Integrationsleistungen von Zugewanderten seien in der Öffentlichkeit generell zu wenig sichtbar, bemängelt sie. «Es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit weiss, dass mit Tamilmandram eine Organisation besteht, welche den Dialog sucht und sich für die Integration engagiert.»

Doch was wird aus dem Verein? Immerhin dürften in Zukunft immer weniger Tamilen auf Hilfe bei der Integration angewiesen sein. «Sicher ist auf jeden Fall, dass dieser Verein noch einige Jahre bestehen bleibt», meint Mahaalingham. Längerfristig sei Tamilmandram auf das Engagement der Jugendlichen angewiesen. «Momentan gibt es viele junge Tamilen, die den Verein unterstützen. Ob einige davon den Verein weiterziehen, ist noch offen.»

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