Neugier, eine Spur Nervosität und maximal sechs Minuten: Beim Speed Dating entscheidet der erste Eindruck. (Bild: Fotolia)
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Neugier, eine Spur Nervosität und maximal sechs Minuten: Beim Speed Dating entscheidet der erste Eindruck. (Bild: Fotolia)

Wie toll ist Speed Dating wirklich?

8min Lesezeit

Einsame Herzen hatten es noch nie leichter: Online-Dienste wie «Facebook», «Badoo» oder «Tinder» helfen Singles bei der Partnersuche. Doch das Ganze ist uns zu wenig persönlich. Wir wollten in Erfahrung bringen, was das gute alte Speed Dating noch wert ist. Ein Selbstversuch.

«Suchst du auch die Liebe deines Lebens? Melde dich jetzt an für ein Speed Dating! It's time for love!» Der Internetauftritt von «Bar Dating» versucht's auf die romantische Tour. Pastelltöne, ein Herz aus Rosen. Das Foto zeigt zwei aneinander geschmiegte junge Menschen. «Weil es zu zweit schöner ist.» Aha. Irgendwie kitschig. Lässt mich kalt. Trotzdem bin ich neugierig.

Es gibt für alles ein erstes Mal

Budgetmässig steht dem Versuch nichts im Wege. Für Einsteiger gibt es ein Kennenlern-Angebot. «Zahl was du willst!», heisst es beim ersten Speed Dating. Nun gut, klingt ein bisschen gar günstig. Etwas skeptisch melde ich mich dann aber doch in der ersten Kategorie für die Altersklasse «18 bis 32 Jahre» an. 

Dann geht's schnell. Umgehend erreicht mich eine schriftliche Bestätigung per E-Mail. Darin wird nochmals auf die wichtigsten Details hingewiesen. Und gewarnt: «Bei Nichterscheinen oder bei zu kurzfristiger Abmeldung verschicken wir eine Rechnung!» Jetzt ist die Sache ist also verbindlich, gilt es ernst. Die andern Singles zählen auf einen. Und bitte, man solle ja pünktlich erscheinen.

Die Spannung steigt

Sonntagabend, kurz vor 17 Uhr. Die Marilyn Bar am Pilatusplatz in Luzern ist noch fast leer. Der Abend hat eben erst begonnen. Stilvolles Retro-Ambiente, auf den Tischchen brennen Kerzen.

«Speed Dating ist anders, denn Speed Dating ist persönlich.»

Oliver, Veranstalter

Man duzt sich. Oliver, der Veranstalter, begrüsst uns persönlich. Er kennt das Geschäft. Seit über zehn Jahren organisiert er Speed Dates. Auch in St. Gallen, Basel, Bern, Winterthur und Zürich. «Speed Dating ist anders, denn Speed Dating ist persönlich. Du entscheidest sofort, wen du wieder sehen willst.» Das sei viel direkter und spannender als online. Er verspricht nette, neue Bekanntschaften. Mal schauen. Ich lasse mich überraschen. 

Geschlechter werden getrennt

Nach und nach treffen die übrigen Teilnehmer ein. 25 sind es total. 12 Damen, 13 Herren. Alle adrett gekleidet und nett lächelnd. Man bleibt unter sich, mindestens zu Beginn. Die Geschlechter werden nämlich zuerst räumlich getrennt.

Dann gibt es 30 Minuten Zeit für Small Talk. Das soll die Stimmung etwas auflockern. Tut es auch. Man bestellt ein Bier, hockt sich hin, plaudert. «Und, zum ersten Mal hier?» wird gefragt. «Ja», lautet die Antwort – meistens.

Keine Paradiesvögel

Die Motive des starken Geschlechts sind so unterschiedlich wie die Männer selbst. Der knapp 20-jährige Student aus der Stadt will Frauen mal anders kennenlernen als sonst. Ein etwas gar scheuer Junggeselle nippt stumm an seinem Bier. Sein gestreiftes Kurzarmhemd erinnert an die frühen 90er-Jahre. Ein modisch gekleideter Jüngling will die Frauen offensichtlich mit seinem Äusseren beeindrucken. Der elegant wirkende junge Anwalt denkt laut über die aufregende Damenwelt nach. Der füllige und aufgestellte junge Herr vom Lande überrascht mit Humor. Es geht nicht lange, da bietet er der Runde einen Schnupf an. Erzählt von Einachsern und Oldtimer. Er verdient eine gute Seele an seiner Seite.

Nicht ganz unerwartet mischt sich die Neugier mit einer gesunden Portion Nervosität. Einige lassen sich nichts anmerken. Anderen gelingt das weniger gut. Und doch überrascht etwas: So wirklich schräge Vögel sind keine da.

Am Anfang entscheidet das Los

Oliver verteilt nun die Speed-Dating-Karten. Darauf kann man gleich nach dem Date vermerken, ob man sein Gegenüber sympathisch findet und offen für ein näheres Kennenlernen ist. Diskretion ist Trumpf. Dass die Gesprächspartnerin die Wahl nicht erfährt, ist Ehrensache.

Der Ablauf wird kurz erläutert. Die Tische sind bereits unter den Frauen verlost worden. Auch die Männer ziehen ein Kärtchen. Es bestimmt, an welcher Tischnummer das Speed Dating startet.

Nun müssen sich die Ritter der Herzen kurz nach draussen begeben. Währenddessen nimmt das schöne Geschlecht an den zugeteilten Tischchen Platz.

Sechs Minuten müssen reichen

Jetzt gibt Oliver das Startzeichen. Ein helles Glöcklein erklingt. Es geht los. Achtung, fertig, Flirt!

«Würdest du dich als schwierig bezeichnen?»

Kandidatin Nummer 7

Ich starte an Tisch Nummer sechs. «Warum bist du hier?», will die natürlich lächelnde junge Frau mit dem Nicknamen «Mango» wissen. Der Gesprächseinstieg gelingt, ich fühle mich wohl. Beim Thema Reisen stösst man auf ein erstes gemeinsames Interesse.

Nach sechs Minuten wird unterbrochen. Was, schon fertig?! Nur noch kurz eine Frage beantworten. Die Zeit ist knapp bemessen. Schliesslich soll keiner zu kurz kommen. Die Frauen bleiben sitzen, Männer wechseln mit jeder Runde den Tisch.

Nummer 7 gibt Vollgas. «Würdest du dich als schwierig bezeichnen?» Hoppla, Schonfrist gibt es keine. Trotzdem ist man sich auf Anhieb sympathisch. «Wie würdest du mich beeindrucken?» Es wird gewitzelt, gelacht – und natürlich geflirtet.

Es hat für alle was dabei

Charmebolzen beissen sich am Tisch 5 die Zähne aus. Die junge Frau aus der Agglomeration Luzern mit den schönen Augen gibt sich lässig unbeeindruckt. «Und, was machst du so?»

Der Intellektuelle, dem Anstand und Zurückhaltung wichtig sind, findet sein Herzblatt vielleicht an Tisch 12. Die etwas ältere Single-Frau ist unauffällig gekleidet. Die Handtasche verrät Stil- und Qualitätsbewusstsein. Bei dieser Kandidatin winken tiefgründige Gespräche. Sie wirkt gebildet, spricht sehr überlegt – und legt jedes Wort auf die Goldwaage.

Nummer 7 überzeugt nicht nur mit einem bezaubernden Lächeln. Die attraktive Brünette spricht mit scharfer Zunge. Lange Beine, rote Lippen und das südländische Temperament hinterlassen einen bleibenden Eindruck.

Bei aller Verschiedenheit haben die Damen eines gemeinsam: Sie sind alle aufgestellt, offen und neugierig. So wird's einem auch dort nicht langweilig, wo das Kreuzchen schlussendlich ins Feld «nein» gesetzt wird.

«War nett, dich kennenzulernen.»

Kandidatin Nummer 6

Nach Tisch und Dame Nummer 12 muss ich einmal aussetzen. Das kann schon mal vorkommen. Nicht immer könne man genügend offene Singles mobilisieren, entschuldigt sich Oliver. «Es braucht halt schon ein bisschen Mut und Lust, offen auf andere Menschen zuzugehen.» Mindestens 7 Frauen und 7 Männer müsse man schon beisammen haben für ein gutes Speed Dating. «Sonst funktioniert der Anlass nicht, dann ist die Atmosphäre zu intim.»

Es klingelt zum letzten Mal. Time to say Goodbye. Oliver bedankt sich für die Teilnahme. Innert 48 Stunden würde uns die Auswertung via E-Mail zugestellt. Die Dating-Päärchen verabschieden sich. «Danke für das Gespräch. War nett, dich kennenzulernen.» Man gibt sich die Hand. Hie und da drei Küsschen.

Am Ende zählt der «Match»

Tatsächlich flattert die mit Spannung erwartete Nachricht schon am nächsten Abend ins Haus.

Ich bin überrascht. Bei all den flüchtigen Bekanntschaften an jenem Abend habe ich sieben Treffer erzielt. Mehr als erwartet. Die Damen von Tisch Nummer 1, 2, 3, 6, 7, 8 und 10 hätten dann also wohl nichts gegen ein «richtiges» Date einzuwenden.

Je nach Datenfreigabe erscheint die E-Mail, die Telefonnummer, oder beides. «Wir empfehlen dir eine Kontaktaufnahme innert drei bis fünf Tagen», rät der Veranstalter. «Wir haben uns sehr über deinen Besuch gefreut und wünschen dir viel Glück in der Liebe!» 

 

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