Der neue Stadtteil, der hier entstehen soll, sorgt für rege Diskussionen. Zeit gibt es dafür noch genug: Die Fertigstellung des Projekts wird Jahrzehnte dauern. (Bild: zvg (Hosoya & Schaefer))
Gesellschaft

Der neue Stadtteil, der hier entstehen soll, sorgt für rege Diskussionen. Zeit gibt es dafür noch genug: Die Fertigstellung des Projekts wird Jahrzehnte dauern. (Bild: zvg (Hosoya & Schaefer))

«Hier kickt man sich schnell mal ans Schienbein»

7min Lesezeit

Beim zweiten Zuger Gespräch über die urbane Industrie geht es schon konkreter zu und her. Und es kommt die Frage auf: Verfolgt eine Firma wie die V-Zug so ein Projekt auch aus Altruismus – oder nur wegen des Profits ?

«Es ist eine Leistung, dass man sich die Zeit nimmt, in fünf solchen Veranstaltungen über das Thema zu sprechen», das sagt der ehemalige Journalist und Verleger Marco Meier, vor ihm sitzen hunderte von Besuchern, es ist der zweite Anlass der Reihe «Urban Industry». Das Thema ist die Industrie im urbanen Kontext. Konkreter Anlass: Das Projekt der V-Zug (zentral+ berichtete).

Die Metall Zug AG, die das Grossprojekt mit ihrer Tochterfirma, der V-Zug unternehmen will, lädt zusammen mit dem Technologieforum Zug und der Zuger Wirtschaftskammer zu diesen Gesprächen. Und sie lädt gute Redner ein: Heute spricht Markus Schäfer von Hosoya & Schäfer Architekten, dem Gewinnerbüro des städtebaulichen Wettbewerbs für das Grossprojekt V-Zug-Areal.

Ein Gefühl für Weltgeist und Aktualität

Schäfer leitet in seinem Vortrag über die Zukunft der Stadt elegant her, weshalb die Bedingungen für funktionierende Städte seit Jahrtausenden zwar dieselben sind, sich aber immer weiterentwickelt haben. Und formuliert zwei Forderungen: Erstens müsse die Umgestaltung von Firmenarealen über den firmeneigenen Rahmen hinausgedacht, über Profit, Areal und Produktionsstandort ausgedehnt werden auf Innovation, auf Städteplanung und auf die Funktion des Areals als lebendige städtische Zelle. Zweitens müssten die Politik und die Raumplanung dafür intelligente Bedingungen schaffen und möglichst wenige Regeln aufstellen.

Schäfer ist ein brillanter Redner und hat das Publikum schnell in der Tasche: Schürt ein Gefühl für Weltgeist und Aktualität, und für innovative Prozesse, die im Gange seien, Industrie 4.0, Maker-Generation, neue Kleinräumigkeit, neue industrielle Enge. Skizziert das Idealbild der Vision des V-Zug-Areals: Mehr Innovation pro Quadratmeter. Und macht damit auch klar, was der Kern dieser Gespräche über die Industrie im urbanen Kontext sein sollen: Es sind Begeisterungsgespräche, solche, die ein Gefühl für das Bahnbrechende schaffen sollen, das hier geplant ist. Die die Grundlage festmachen sollen, auf dem ein Grossprojekt wie das der V-Zug wachsen kann.

«get closer», sagt Wicki

Ein Projekt, dessen Erfolg von einer so feinen Vernetzung abhängt, zwischen Wirtschaft und Politik. Dafür sind auch die richtigen Zuhörer da: Kantonsräte sitzen im Publikum, Stadtparlamentarier, die auch mal unruhig werden in den hinteren Rängen. Und wenn Bauchef André Wicki in der auf Schäfers Referat folgenden Podiumsdiskussion sagt, man müsse nun zusammenrücken, «get closer», sagt Wicki, dann trifft er damit den Kern dieser Veranstaltungsreihe.

«Da wird mir schwindlig»

René Hutter, Kantonsplaner

Die Diskussion selber ist allerdings etwas schwer zu verfolgen: Meier stellt zwar eloquente und gut gewählte Fragen, aber seine Gäste sind in ihrem jeweiligen Fokus so breit gestreut, dass sich die Runde von einer Ecke des Themas in die andere manövriert. Es ist ein assoziatives Abstecken von Themenclustern, eine Art Hochfahren des gesamten Problemkomplexes. Man darf gespannt bleiben, ob es die Gespräche im Verlauf ihrer Dauer ermöglichen, auf die konkrete und für Zug wichtige Diskussion über den Verbleib und die Entwicklung der Zuger Industrie eine harte und klare Diskussion zu führen. Trotzdem sind die Redner gut gewählt: René Hutter, der kantonale Raumplaner widerspricht dem Redner Schäfer gleich zu Beginn: Was er da höre, welche Ansprüche da an die Raumplanung gestellt würden, «da wird mir schwindelig», sagt Hutter, «was die Raumplanung alles leisten soll».

«Mia san mia, und machen was wir wollen»

Alain Thierstein, Professor für Raumentwicklung an der Technischen Universität München, führt aus, wie wach die Schweizer Gesellschaft für den Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen im Städtebau sei: «In München sagt die Regierung: Mia san mia und machen was wir wollen. In der Schweiz kommt da die Kleinräumigkeit zum Tragen. Da kickt man sich schnell mal ans Schienbein und sagt: So aber nicht.»

Der vierte Disputant ist Martin Neff, Chefökonom der Raiffeisengruppe. Er wird von Meier gefragt, ob denn nicht eine Portion Altruismus dahinter stecken müsse, wenn eine Firma wie die V-Zug ein Areal so engagiert entwickeln wolle. Neff widerspricht: «Da geht es um den schnöden Mammon. Das macht jeder Investor, wenn er sich daraus einen Fortschritt ausrechnen kann. Der Erfolg lässt sich in nackte Franken übersetzen.» Auch wenn der Fortschritt zum Beispiel der Gewinn von Know-how in der verdichteten industriellen Produktion in einem urbanen Umfeld sei. «Dieses Know-how kann eine Firma später an andere Firmen verkaufen.»

Einige Liter Herzblut

Hier nimmt die Diskussion Kurs auf eine weitere spannende Frage: Ist die V-Zug mit ihrem städtebaulichen Projekt Gönnerin, da sie nicht nur ihre Firma, sondern auch einen Stadtteil entwickelt und aktiv in die Zukunft führt? Oder bezieht sie von der Stadt planerische und politische Ressourcen, um ihr ureigenes wirtschaftliches Projekt zu ermöglichen?

Moderator Meier beharrt auf einem Rest Idealismus, und Bauchef Wicki gibt ihm insofern Recht, als dass «einige Liter Herzblut» der Firma mit im Spiel seien. So oder so, Raumplaner Hutter sagt: «Das Projekt ist unglaublich spannend.» Dann wird über Vorteile und Nachteile des Föderalismus verhandelt, bis Schäfer sagt: «Der Föderalismus soll uns dienen. Wenn er dazu dient, dass Bottom-Up-Lösungen gefunden werden, dann dient er. Wenn es aber der engstirnige, kleinräumige Föderalismus ist, dann schadet er. Da stehen wir heute etwas auf der Kippe.»

Planwirtschaft?

Es sind spannende Eckpunkte einer unmöglichen weil verzettelten Diskussion, und endlich glaubt man, bringt es jemand aus dem Publikum wieder auf den Punkt: Peter Bucher, der Wirtschaftsförderer der Stadt Luzern, fragt: «Man hört immer wieder, dass die Trennung von Wohnort und Arbeitsplatz vermehrt aufgehoben werden soll. Aber ist das wirklich die Absicht?» Dazu müsste ja schon geplant werden, wieviele und welche Arbeitsplätze die Kinder der Leute dereinst brauchen würden, für die gerade Wohnungen eingezont wurden. «Das wäre ja eine extreme Planwirtschaft, das scheint mir eine grosse Illusion zu sein.»

Das sei eine schöne Frage, sagt Thierstein, der Professor für Raumentwicklung. «Denn die Planer wissen es einfach schlicht zu wenig darüber. Die Leute entscheiden sich neu, sobald etwas passiert, und dann optimieren sie ihren Standort je nach Wohnungs- oder Arbeitssituation. Wie sie das genau tun und in welchem Umkreis, das erforschen wir gerade.» Wohnen und Arbeiten ist auch im Projekt des V-Zug-Areals eine Frage, sagt René Hutter. «Man wird auch da entscheiden müssen: Was sind das für Wohnungen, wer wohnt da, wie geht das mit der Industrie zusammen?»

 

 

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