Die einzigen echten Ritter in der Schweiz: Hier wird gerade einer geschlagen. (Bild: zvg)
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Die einzigen echten Ritter in der Schweiz: Hier wird gerade einer geschlagen. (Bild: zvg)

Heute wässern sie keine Leute mehr

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Seit knapp tausend Jahren gibt es in Zug eine schillernde Gesellschaft «des thorechten Lebens». Früher hat sie Leute bestraft, die in der Fastenzeit nicht züchtig genug gegessen haben. Und gleichzeitig den guten alten Zeiten der Saubannerzüge nachgetrauert. Die Männer und Frauen vom «Grossen, Allmächtigen und Unüberwindbaren Rat von Zug» sind die einzigen echten Ritter, die die Schweiz zu bieten hat.

Nein, er stammt nicht aus einem psychedelischen Thriller, und auch aus keinem Geheimbund-Krimi: Es gibt ihn wirklich, den «Grossen, Allmächtigen und Unüberwindlichen Rat von Zug». Und zwar seit knapp tausend Jahren. Mit Unterbrüchen – Napoleon hatte ihm 1798 den Geist ausgeblasen, als er alle Bruderschaften und Zünfte in der Schweiz verbot. 1977 haben fünf Zuger ihn wiederbelebt. Seitdem regiert der Rat über den Pulverturm. «Aber eigentlich ist unser Herrschaftsgebiet unendlich», sagt Max Landtwing.

Er ist niemand Geringeres als die graue Eminenz des Rates. Sitzt in seinem Chalet unter der Schrattenfluh im Entlebuch, an der Wand hängen Bilder vom Rat, Männer im blauweissen Wams, mit Hellebarden und Katzbalgern und Schweizerdolchen, bis an die Zähne bewaffnet.

«Ausser wir bekommen eine richtige Matrone, die das Banner heben kann»

Max Landtwing, graue Eminenz

Die Mitglieder des Grossen Rates sind die einzigen echten Ritter, die die Schweiz zu bieten hat. Ihre Flagge ist das Saubanner, mit dem vor hunderten von Jahren einige verrückte Stanser Jugendliche zum Raubzug aufgebrochen sind, zusammen mit einigen nicht weniger verrückten Zuger Jugendlichen.

Ritter und Reichsdamen, denn: «Bei uns sind Frauen und Männer gleichgestellt. Egal bei welchem Amt, ausser bei den Bannerträgern – das Ding ist einfach zu schwer. Ausser wir bekommen mal eine richtige Matrone, die das Banner heben kann.» «Naja, das sieht auch einfach nicht so gut aus», sagt Ruth Landtwing, sie ist Max Landtwings Frau und ebenfalls Teil des grossen Rates.

Wie wird man Ritter?

In Zug gibt es die einmalige Gelegenheit, ohne Landgut oder adelige Vorgeschichte Ritter zu werden. Dazu muss sich ein Interessent ein Jahr als Novize im Grossen, Allmächtigen und Unüberwindlichen Rat von Zug bewähren. Danach wird er zum Ritter geschlagen, und sie zur Reichsdame erhoben. Beide haben die gleichen Rechte, Hellebarde tragen bleibt aber den Männern vorbehalten.

Als Wappen tragen die Reichsdamen nicht das ihres Mannes, sondern das ihres Mädchennamens. «Sonst würden ja lauter gleiche Wappen an der Wand hängen», sagt Landtwing, die graue Eminenz des Ordens.

Selber «thorecht» leben, aber den anderen auf die Finger schauen

Also wie jetzt: Was macht ein Ritterorden mitten in Zug? Der Grosse, Allmächtige und Unüberwindliche Rat von Zug ist in seinen Jahrhunderten schon vieles gewesen. «Gegründet wurde er als Gesellschaft, die sich dem ‹thorechten Leben› widmen wollte», sagt Max Landtwing. «Also auf Deutsch: Dem Essen und dem Saufen. Dann wurde auch die Erinnerung an die Saubannerzüge wichtig.» Eine Erinnerung, die offenbar so gut war, dass sie auch jetzt noch hinhält, als Überlebenstrieb der Gesellschaft. Aber der Rat war nicht nur das. Er war auch sehr mächtig. Er hatte eine eigene Gerichtsbarkeit. «Der Rat hat den Lebenswandel der Leute in der Fastenzeit beobachtet, durfte auch Strafen aussprechen, und zwar ziemlich drastische: Das Wässern etwa. Dabei wurde jemand in ein Boot gelegt, untergetaucht und bis nach Oberwil gezogen.» Wenn ers überlebte, dann war die Sache erledigt. Wenn nicht, dann auch. Landtwing zuckt mit den Achseln. «Das war eine andere Zeit.»

Dass eine private Gesellschaft überhaupt eine Gerichtbarkeit ausüben durfte, sei nicht verwunderlich, sagt Landtwing. «Der Rat war hoch angesehen. Als er einen Hünenberger verurteilte, und der nicht zum Gericht erschien, wurde er von der Stadt an den Rat ausgeliefert.» Und heute? Immer noch mächtig? «Naja», sagt Landtwing, «immerhin sind wir der allmächtige Rat. Aber nein, wir sind absolut apolitisch, und auch religionsunabhängig. Im Prinzip kann auch ein Muslim zu uns kommen. Wenn er nicht gerade fanatisch ist», sagt Landtwing und lacht. «Er muss einfach zu uns passen», sagt seine Frau.

Ritter und Reichsdame Landtwing beim Tanz.
Ritter und Reichsdame Landtwing beim Tanz. (Bild: zvg)

Heute keine Wässerungen mehr

Und wie passt man dazu? «Indem man sich für Historisches interessiert.» Denn der GAUR, wie sich der Rat abkürzt, ist eine Wiedergeburt des alten Rates. Erst 1977 aufgrund von Fragmenten der Überlieferung ins Leben gerufen. «Ich hatte zuvor nie etwas von diesem Rat gehört», sagt Max Landtwing. «Er war vollständig in Vergessenheit geraten.» Der neue GAUR wiederspiegelt all die Facetten, die der Rat in den Jahrhunderten zuvor durchlaufen hat. Ist eine nostalgische Vereinigung, die eine Welt nachstellt, die verloren ging. Eine historische, und gleichzeitig eine Genussgesellschaft, die sich der guten Laune und der Kulinarik verschrieben hat. Und den selbst erfundenen Gebräuchen.

Der Rat hat auch eine Stellung in der städtischen Gesellschaft – seit 1999 verwaltet er den Pulverturm und macht ihn im Auftrag der Stadt der Öffentlichkeit zugänglich. Und auch das Gericht des Rates gibt es immer noch. Sogar deren zwei: Das Männergericht richtet über die Frauen, und das Frauengericht über die Männer. Dabei gibt es aber keine Wässerungen mehr. «Da geht es eher um lustige Strafen», sagt Landtwing. Denn der Grosse, Allmächtige und Unüberwindliche Rat ist auch schlicht eine Gesellschaft, bei dem es ums Zusammensein geht. Um Ausflüge zu weltweiten Rittertreffen, zu anderen historischen Gesellschaften. Der Rat pflegt auch ein ganzes Netz von Aussenbeziehungen mit anderen Räten, und hat dafür eigens einen Aussenminister eingesetzt.

Mit Hellebarden gegen tote Fische

Alles nur Fasnacht? Auf keinen Fall. «Mit Fasnacht hat das nichts zu tun. Wir gehen auch niemals mit unseren Roben an die Fasnacht. Der Grosse Allmächtige und Unüberwindliche Rat von Zug ist eine ernste Sache.»

Eine Zunft ist er zwar nicht, aber trotzdem: Geht es da auch ums Geschäft? «Nein, das ist nicht so wie bei den Zünften. Wir hatten auch schon Anwärter, die haben gefragt: Welche Vorteile bringt mir das? Es bringt keine. Aber möglicherweise könnte es ja mal so werden, wer weiss.» Ist zwar keine Zunft, geht aber trotzdem jedes Jahr nach Zürich, zum Sechseläuten. Und zwar nicht auf Einladung der Zünfte, sondern auf Einladung der Frauen vom Fraumünster. «Sie durften damals nicht am Sechseläuten teilnehmen», sagt Landtwing, «also haben sie uns als Beschützer angefragt.» Das ist 14 Jahre her.

Seitdem marschieren die Zuger Ritter an jedem Sechseläuten mit Hellebarden neben den Frauen vom Fraumünster her. Zu Recht. «Am Anfang hatten die anderen Zünfte noch mit toten Fischen nach den Frauen geworfen.» Es geht deftig zu und her bei den gemütlichen historischen Gesellschaften. «Da mussten wir schon mal unsere Hellebarden zeigen.»

Ritter des Grossen, Allmächtigen und Unüberwindlichen Rates von Zug, mit Saubanner.
Ritter des Grossen, Allmächtigen und Unüberwindlichen Rates von Zug, mit Saubanner. (Bild: zvg)

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