Sexting: Ein Phänomen wird an den Schulen langsam konkret. (Bild: Symbolbild, bra)
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Sexting: Ein Phänomen wird an den Schulen langsam konkret. (Bild: Symbolbild, bra)

Schulen mit Sexting konfrontiert

5min Lesezeit

Sexting – also Nacktbilder übers Mobiltelefon versenden– stellt für Schulen und Betroffene ein zunehmendes Problem dar. Nach mehreren Fällen in Luzern und Zug werden nun Massnahmen getroffen.

Eine Oberstufenschülerin aus der Agglomeration der Stadt Luzern wollte einem befreundeten Jungen imponieren. Deshalb macht sie in stolzer Pose ein Nacktbild von sich und schickte es via MMS dem Klassenkameraden. Sie hatte sich im Vertrauen darauf verlassen, dass der Junge das Foto allein für sich auf seinem Handy behält. Nur, dem war leider nicht so: Schon wenige Tage danach hatte sich das MMS verbreitet und die Schülerin wurde auf dem Pausenplatz als «Nutte» und «Hure» beschimpft. Der Schüler bestritt daraufhin gegenüber von Fachpersonen und der Polizei ab, das Nacktbild bewusst verbreitet zu haben.

Bild statt Text

Dieser beispielhafte «Fall» von Sexting – anstelle einer Text-SMS wird ein aufreizendes Bild geschickt – ereignete sich laut Urs Utzinger im Herbst letzten Jahres. Der Medienexperte der Pädagogischen Hochschule Luzern befasst sich seit längerem mit dem Thema und um auf die Gefahren hinzuweisen, besucht er regelmässig Schulklassen.

«Die Inhalte sind durch die neuen Medien sehr rasch unter den Kindern und Jugendlichen verbreitet. Man sollte alle Erziehungsverantwortlichen in dieser Sache sensibilisieren und besonders auf die gravierenden Konsequenzen hinweisen». Im Raum Luzern seien ihm bereits zwei ähnliche Fälle bekannt. Beide hätten sich im letzten Jahr zugetragen.

Das bisherige «Phänomen Sexting» ist seit 2012 konkret mit einer Zahl beschrieben und seitdem besser fassbar: 60 von 1’000 befragten Schweizer Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren gaben an, schon einmal aufreizende Bilder von sich übers Handy verschickt zu haben. Dies ergab eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Auftrag der Swisscom. 

Jugendliche machen sich strafbar

Urs Utzinger will den Schülern im Unterricht insbesondere klarmachen, dass sie sich sehr schnell im strafbaren Bereich bewegen: Wer noch keine 16 Jahre alt ist und Nacktbilder von sich selbst oder jemand anderem weitergibt, verstösst laut Jugendanwaltschaft bereits gegen das Gesetz. Es kommt dabei nicht darauf an, ob es die eigenen Bilder sind, und auch nicht, ob dies beidseits freiwillig geschieht.

Es gilt, die Versuchung unter den Schülern einzudämmen. Denn was als mögliche Konsequenz für Sexting auf den Merkblättern der Medienpädagogen ganz zuoberst steht, ist das Thema «Cybermobbing»: Wenn sich Schüler gegenseitig über längere Zeit mit peinlichen Fotos belästigen, erpressen oder gar fertig machen. Sexting gibt dazu die ideale Basis.

Unter Freundinnen: Nacktbilder als Rache

Oder wie der Schulsozialarbeiter Valentin Rast einen konkreten Fall aus Kriens beschreibt, der sich erst kürzlich ereignet habe: Nach einem Streit zwischen zwei Mädchen rächte sich das eine am anderen, indem es ein aufreizendes Foto verbreitete und herumzeigte. Und obwohl sich das Ganze im Freizeitbereich abspielte, beeinträchtigte es den Unterricht an der Schule massiv. «Die Schülerin fühlte sich sehr bald stark bedrängt und reagierte entsprechend», sagt Rast.

Für die Lösung des Problems wurden sämtliche Personen, die im Besitz des Fotos waren, aufgefordert, dieses von allen Geräten zu entfernen. Auch mussten sie die erfolgte Umsetzung schriftlich bestätigen.

Schulen handeln präventiv

Auch die grössten Schulen der Region sind sich diesen negativen Seiten der neuen Medien bewusst. Sie setzen deshalb vor allem auf Prävention. Das Thema «Sexting» werde ins Auge gefasst und nicht nur am Rande diskutiert, sagen die Schulleiter der Städte Baar, Zug und Luzern unisono.

In Baar, erklärt Rektor Urs Bossard, hätten Eltern und Schüler eine Charta zur «Nutzung digitaler Medien» zu unterschreiben. «Bei Feststellung von verbotenen Inhalten erfolgt eine Anzeige». Bei einem Verdacht dürfe das Handy eingezogen werden und der Jugenddienst der Zuger Polizei müsse eingeschaltet werden.

Auch die Stadt Zug kenne inzwischen ebenfalls einen «Sexting-Fall», wie Rektor Urs Landolt erklärt. Der bewusste Umgang mit Medien sei aber nicht nur deshalb für die Schüler extrem wichtig. «Die Schüler besuchen von der dritten bis zur neunten Klasse regelmässig Lektionen zum Thema Sicherheit im Netz.»

Mehrere Fälle in der Stadt Luzern

Auch an den Schulen der Stadt Luzern wird Sexting gezielt thematisiert. Rolf von Rohr, Rektor der Stadt Luzern, beurteilt diesbezüglich die Gefahr im Umgang mit den neuen Medien als hoch. «Wir hatten auch schon Fälle, bei denen wir einschreiten mussten». Wie viele Fälle es in letzter Zeit gegeben hat, möchte er nicht bekannt geben. Drei seien es aber bestimmt gewesen, muss er gestehen.

Seit neuem verfügen die Luzerner Lehrerinnen über einen ähnlichen Massnahmenplan wie die Zuger Schulen. Sie seien sich des heiklen Themas bewusst. Was aber Rolf von Rohr besonders wichtig scheint: «Die Verantwortung kann nicht eine Gruppe alleine tragen. Alle Beteiligten, die Eltern, die Schule, die Medienschaffenden und die Jugendlichen selbst müssen diese Themen gemeinsam angehen.»

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