Er brauche keine Glaskugel. «Je fundierter die Fakten, desto klarer die Analysen», sagt Georges T. Roos. (Bild: Jürg Waldmeier)
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Er brauche keine Glaskugel. «Je fundierter die Fakten, desto klarer die Analysen», sagt Georges T. Roos. (Bild: Jürg Waldmeier)

6min Lesezeit

Der Luzerner Zukunftsforscher Georges T. Roos befasst sich beruflich mit allem, was anders sein wird. Er betrachtet das ganz grosse Bild und versucht, die weltweiten Megatrends zu deuten. Schon bald könnte zum Beispiel im Luzerner Kantonsspital eine Maschine stehen, die besser ist, als Dr. House. 

Muss man Angst vor der Zukunft haben? Wird alles bachab gehen? Oder bergauf? Natürlich gibt es viel Ungewisses auf der Welt und niemand weiss so recht, was passieren wird. Einer, der solche Fragen zum Beruf gemacht hat, ist der Luzerner Zukunftsforscher Georges T. Roos. Er betrachtet das ganz grosse Bild, sieht die weltweiten Entwicklungen und versucht, diese zu deuten. Die Zukunft wird nicht so schlimm, weiss er. Zeit für ein Gespräch.

zentral+: Herr Roos, können Sie uns sagen, was im Jahr 2015 auf uns zu kommt?

Georges T. Roos: Nein, das kann ich nicht. Für einen Zukunftsforscher ist der kurzfristige Zeithorizont nicht relevant. Ich beschäftige mich mit grösseren Zeiträumen und mit grundlegenden Veränderungen von der Art und Weise, wie wir Menschen leben und arbeiten. Ich kann sagen, welche Kräfte unser Leben verändern werden. 

zentral+: Klingt toll, aber wie können Sie das wissen? 

Roos: Als Forscher sammle, analysiere und interpretiere ich zukunftsrelevante Informationen, zum Beispiel Trendanalysen, Szenarien oder technischen Entwicklungen. Und da der Zukunftsforscher ja im Gegensatz zum Wahrsager keine Glaskugel hat, besteht ein wesentlicher Teil meiner Arbeit auch darin zu sagen, was man eben nicht voraussagen kann. Der Ort des Ungewissen muss umschrieben werden. Das hat auch Vorteile: So weiss man zumindest teilweise, aus welchem Bereich mit Überraschung zu rechnen ist.

Zur Person

Georges T. Roos gründete vor 14 Jahren sein eigenes Institut für Zukunftsforschung. Zuvor war der 51-jährige Luzerner drei Jahre Geschäftsleitungsmitglied des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Rüschlikon.

Das Forschungsinstitut ist eine unabhängige Denkfabrik und wird auch als ältester «Think-Tank» der Schweiz bezeichnet.

zentral+: Was wird unser Leben auf den Kopf stellen?

Roos: Ich denke da an künstliche Intelligenz. Für die fortschrittlichsten Maschinen dieser Art ist es heute schon möglich, gesprochene Befehle entgegenzunehmen. Sie können selber Hypothesen bilden und diese überprüfen, also Entdeckungen machen, sogar in einem gewissen Sinn Voraussagen treffen. Und solche Maschinen lernen selber dazu. Das wird unsere Arbeitswelt so umwälzen, wie die letzten zwanzig Jahre das Internet. 

zentral+: Wo werden diese intelligenten Maschinen eingesetzt?

Roos: Zum Beispiel schon bald im Luzerner Kantonsspital.

zentral+: Wie?

Roos: Behaften Sie mich nicht, aber ich würde sagen, das Luzerner Kantonsspital wird im Jahr 2025 eine Maschine im Einsatz haben, die viele Krankheiten blitzschnell diagnostizieren kann. Neben diesem Assistenzarzt wird der bekannte TV-Doktor Gregory House alt aussehen. Die Maschine könnte auf eine Quelle von Millionen von gespeicherten Gesundheitsdaten und Krankheitsverläufen zugreifen und daraus wertvolle Erkenntnisse gewinnen.

zentral+: In welchen Bereichen wird es die radikalsten Veränderungen geben?

Roos: Im Bereich Gesundheit wird uns vieles sehr schnell entgegenkommen. Unser Verhältnis zum menschlichen Körper ändert sich schnell. Heute ist es noch schwer vorstellbar, aber in absehbarer Zeit werden wir in der Lage sein, ganze Organe zu züchten. Es gibt zudem Möglichkeiten, verschiedene Gen-Reparaturen selbst an einem Fötus durchzuführen. Auch «Social Freezing», bei dem Eizellen für die spätere Fortpflanzung tiefgefroren werden, ist schon möglich. Oder mit Computerchips können Blinde und Taube in bestimmten Fällen ihre Seh- beziehungsweise Hörkraft wiedergewinnen. 

zentral+: Das klingt irgendwie beängstigend. 

Roos: Das muss es nicht. Ich beschreibe absehbare neue Möglichkeiten, die Chancen und Gefahren beinhalten. Es wird darauf ankommen, wie unsere Gesellschaft diese Möglichkeiten nutzen und regeln wird. Wir können mit einer gewissen Zuversicht in die Zukunft schauen, weil der Mensch an sich sehr intelligent und kreativ ist. Wir haben gerade die Raumsonde «Rosetta» auf einem Kometen abgesetzt. Und wir sind anpassungsfähig. Der Mensch kann bei widrigsten Bedingungen überleben.

zentral+: Wo müssen wir uns wirklich Sorgen machen?

Roos: Es gibt bereits bekannte Herausforderungen, wie beispielsweise die demographische Entwicklung. In der Schweiz wird in naher Zukunft, also bereits 2030, jeder vierte Einwohner über 65 Jahre alt sein. Der Grund dafür ist die Generation der geburtenstarken Baby-Boomer, welche in den nächsten zwei Jahrzehnten in Pension kommt.

Die Veränderung wird enorm. Damit verändert sich das Verhältnis der Erwerbsbevölkerung zu der Pensioniertenbevölkerung radikal: Während 1960 auf einen Rentner sechs Menschen im erwerbsfähigen Alter kamen, werden es 2030 auf einen Rentner nur noch zwei im Erwerbsalter sein. Ausserdem wird es wahrscheinlich zum Problem, dass die Erwerbsbevölkerung nicht mehr wächst, sondern eher schrumpft. Arbeitskräfte zu finden, wird schwieriger werden.

zentral+: Was können wir dagegen machen?

Roos: Geschickte Migrationspolitik. 

zentral+: Wie sieht denn die Zentralschweiz im Jahr 2050 aus?

Roos: Diese Megatrends wirken auch in der Zentralschweiz. Was unsere Region daraus machen kann, könnte erst eine vertiefte Studie ergeben, welche die konkreten Voraussetzungen im Hinblick auf die Zukunftsthemen untersucht.

zentral+: Wann ist Ihnen letztmals eine gute Prognose geglückt?

Roos: Prognosen, wie genau die Welt aussehen wird, kann ich nicht abgeben. Das mache ich auch nicht. Wenn man eine Prognose will, sollte man vielleicht Mike Shiva kontaktieren. (lacht) 

zentral+: Trotzdem: Bitte sagen Sie uns etwas voraus. 

Roos: Ab dem 21. Dezember wird die Sonnenscheindauer pro Tag wieder zunehmen (lacht). Im Ernst: Bei Naturgesetzen sind Prognosen sicher zu machen, weil wir damit Erfahrung haben und auch Modelle und Theorien, die den Zusammenhang vollständig beschreiben. Was passiert, wenn ich ein Wasserglas los lasse? Es fällt zu Boden. Leider haben wir noch keine alles erklärende Modelle über Phänomene, wie die Zukunft der Gesellschaft oder der Wirtschaft. Hier sind Prognosen schwierig. 

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