Soziale Konflikte und Probleme beschäftigen die in der Landwirtschaft tätige Bevölkerung. Diese werden jedoch durch das idyllische Bild des Bauernhofes überspielt. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
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Soziale Konflikte und Probleme beschäftigen die in der Landwirtschaft tätige Bevölkerung. Diese werden jedoch durch das idyllische Bild des Bauernhofes überspielt. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Hilfsangebot öffnet Bauern neue Türen

7min Lesezeit

Das Sorgentelefon «Offeni Tür i de Not» des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbandes bietet Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen. Betreut wird es von einer Frau, die mit viel Gespür agiert. Sie wird nicht nur mit Freitodabsichten, sondern auch mit Partnerwahl konfrontiert.

«Offeni Türe, guete Tag.» Eine gutmütig klingende Frauenstimme meldet sich am Telefon. Anonym. Sie nimmt beim Sorgentelefon des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbandes (LBV) die Anrufe verzweifelter Personen aus der landwirtschaftlichen Bevölkerung entgegen. Und hört dabei vor allem zu: «Ich versuche herauszuspüren, wo das Problem wirklich liegt», sagt die 56-jährige Frau aus der Region Sursee. Sie lebt und arbeitet selber auf einen Bauernhof.

Der LBV hat das Projekt «Offeni Tür i de Not» vor 13 Jahren ins Leben gerufen und im letzten Jahr überarbeitet. Seither setzt der Verband bei der Anlaufstelle auf Anonymität und Verschwiegenheit, betont der Geschäftsführer des LBV, Stefan Heller. Auch die Frau am Telefon bleibt unerkannt. «Wir wollten die Ansprechpersonen selber schützen und die Kontaktschwelle tiefer setzen. Dazu sind wir flexibler und können eine Person falls nötig ohne weiteres auswechseln», sagt Stefan Heller.

Zuerst eine Gratulation

«Ich begegne den Anrufern sehr offen und wohlwollend», sagt die Bäuerin, die das Telefon betreut. Durch das Zuhören schaffe sie Vertrauen und lasse den Personen Raum zum Erzählen. «Zuallererst gratuliere ich aber, dass sie Hilfe annehmen.» Die Bauern seien sich gewohnt, Probleme selber und ohne fremde Hilfe zu lösen. Das mache es schwierig, Hilfe zu leisten. Dass jemand die Telefonnummer der «Offenen Türe» wählt, sei deshalb nicht selbstverständlich.

Sie frage aber auch nach und versuche, ihre eigenen Überzeugungen und Erfahrungen einzubringen. «Nehmt Hilfe an. Schämt euch nicht», wendet sie sich direkt an die bäuerliche Bevölkerung.

«Ich begegne den Anrufern sehr offen und wohlwollend.»

Bäuerin, die das Sorgentelefon betreut.

Dabei gehen ihr die Fälle auch mal nahe. «Ich fühle sehr mit. Die Abgrenzung fällt mir aber nicht schwer. Ich darf es nicht zu meinem Problem machen.» Das Telefon hat sie immer dabei. Egal, ob sie sich im Stall bei ihren Milchkühen, im Auto oder beim Einkaufen befindet. Für die Anrufer hat sie immer Zeit. Als «rettenden Engel» bezeichnet sie sich aber nicht, lehnt es sogar bestimmt ab.

Frauen suchen viel häufiger Hilfe

Es seien vor allem Frauen die anrufen, berichtet die Bäuerin. Sie machte die Erfahrung, dass es viel Zeit und Überwindung braucht, bis die Betroffenen zum Hörer greifen. «Jemand hat mir einmal erzählt, dass sie die Telefonnummer schon lange auf der Seite hatte und erst als letzte Option wählte.»

Eher selten würden Männer oder junge Personen anrufen. Diese machten sich meistens Sorgen um ihre überlasteten Eltern. Kinder hätten noch nie angerufen, informiert die Bäuerin.

Care-Team für Notfälle geplant

Im Zuge der Überarbeitung des Projekts im letzten Jahr hat der LBV das Betreuerteam, das hinter dem Sorgentelefon steht, vervollständigt. Die Frau, die das Telefon betreut, kann je nach Situation auf Psychotherapeuten, Rechtsberater, landwirtschaftliche Berater und Seelsorger zurückgreifen. «Sie besitzen ebenfalls viel Erfahrung in der Landwirtschaft», betont die verantwortliche Bäuerin.

Auf die Fachpersonen greift sie «möglichst früh» zurück. Grundsätzlich nach jedem ersten Telefongespräch. Die Telefonbetreuerin informiert die Fachpersonen über die Fälle und macht gegebenenfalls personenbezogene Hinweise. Auf ihrer Liste befinden sich ungefähr zehn Kontakte, an die sich die Betreuerin des Telefons wenden kann. Der LBV ist zurzeit daran, für Notfall-Situationen ein Care-Team einzurichten. Das gesamte Projekt kostet den Bauernverband jährlich um die 10'000 Franken.

«Fälle, in denen ich nicht weiter wusste, gab es eigentlich nicht», sagt die Bäuerin. Oft würden alleine die Gespräche schon helfen. Ungefähr die Hälfte der anrufenden Personen nehme später Kontakt mit den Fachpersonen auf. Wie es bei der anderen Hälfte weiter ginge, wisse sie nicht.

 

Anlaufstelle für ganz unterschiedliche Probleme

Eigentlich beschränkt sich der Kontakt bei «Offeni Tür i de Not» auf Telefongespräche. In Ausnahmefällen gibt sich die anonyme Betreuerin am anderen Ende aber zu Erkennen: «Es ist schon vorgekommen, dass eine Person mich zuhause besucht hat.» Getreu dem Motto der offenen Türe. Das sei aber die «totale Ausnahme» gewesen und hänge mit ihrer persönlichen Art zusammen. Es gehöre eigentlich nicht zum Angebot. Die entsprechende Person sprach am Telefon davon, sich das Leben nehmen zu wollen. Ein Termin beim Psychotherapeuten sei da gerade nicht frei gewesen. Daneben gäbe es auch Personen, die wiederholt anrufen würden, erzählt die Bäuerin weiter.

Sie werde aber nicht nur mit solchen «Horrorgeschichten» konfrontiert. «Es rufen auch Männer an, die einen Hof oder eine Freundin suchen», sagt sie.

«Es rufen auch Männer an, die einen Hof oder eine Freundin suchen.»

Betreuerin des Sorgentelefons

Die Anliegen und Probleme, über die betroffenene Personen am Sorgentelefon sprechen, stehen mehrheitlich in drastischem Gegensatz zu denjenigen Bildern, die Fernsehsendungen wie «Bauer, ledig, sucht...» oder die «Landfrauenküche» vermitteln. Meistens geht es um Generationenprobleme auf dem Bauernhof, schwierige Beziehungsverhältnisse zwischen Ehepartnern, die Hofübergabe und seit längerem bestehende Konflikte wie beispielsweise unter Nachbarn. Dazu kommen als Problembereiche – allerdings eher selten – Gewalt und Alkohol.

Unregelmässige Kontaktaufnahme

Die Häufigkeit, in der sich Personen an die Anlaufstelle wenden, variiert stark. Manchmal ruft zwei Wochen lang niemand an. Dann führt die Bäuerin während einem einzigen Tag gleich zwei oder drei Telefongespräche. So auch kurz vor unserem Gespräch. Ein Bauer meldet sich, weil er der totalen Erschöpfung nahe war. Eine Konfliktsituation beschäftigte ihn derart, dass nicht nur er selber, sondern seine ganz Familie darunter zu leiden hatte. Im Anschluss ans Telefon fasst er neuen Mut, führte Gespräche und rief gleich Tags darauf noch einmal an. Er sei erleichtert gewesen, beschreibt die für das Telefon zuständige Bäuerin die Gefühlslage des Bauern.

«Die Bauern liegen mir am Herzen, deshalb habe ich dieses Amt übernommen». Sie wolle für die Landbevölkerung da sein und wisse schliesslich aus eigener Erfahrung, was diese leisten würden. Zudem war sie selber auch schon in einer verzweifelten Situation, in der sie bei einer vergleichbaren Anlaufstell um Hilfe gebeten hatte. Bei ihr ging es damals um Mobbing.

«Ich weis nicht, ob die Anrufer wissen, dass ich auch eine Bäuerin bin.» Das sei aber sehr wichtig, betont sie. Ihre Erfahrungen aus dem Alltag helfen, innerhalb weniger Momente ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Das ist vor allem dann entscheidend, wenn jemand anruft und sagt, er wolle sich das Leben nehmen. Nachvollziehbar, dass die Bäuerin ihre Aufgabe als «Herausforderung» bezeichnet.

Erreichbar ist das Sorgentelefon «Offeni Tür i de Not» unter der Telefonnummer 041 939 20 39 oder über offeni.tuer@bluewin.ch.

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