Das Areal des Betagtenzentrums Eichhof. (Bild: Daniel Stocker)
Gesellschaft

Das Areal des Betagtenzentrums Eichhof. (Bild: Daniel Stocker)

6min Lesezeit

Rund hundert Personen besuchen eine Veranstaltung der Stiftung «Wahrheit in den Medien», unterstützt von der «Neuen Luzerner Zeitung». Die Diskussion ist haarsträubend: Christliche Fundamentalisten eifern gegen «den Islam» und wider die Aufklärung.

Hans Stutz

Samstagmorgen, Altersheim Eichhof. Am Saaleingang steht ein Ständer mit blauen Fahnen der «Neuen Luzerner Zeitung» (NLZ), sie übernimmt das Patronat für die kommenden Schrecken. Eingeladen hat die Stiftung «Wahrheit in den Medien», präsidiert von Herman Suter, einst strammrechter Stadtluzerner FDP-Präsident und Seminardirektor, nun häufig Verfechter von SVP-Positionen. Unverfänglich ist die öffentliche Ankündigung: «Strafrechtliche Abwehrmöglichkeiten gegen islamistischen Terror – Wahrnehmung in den Medien?».

Bereits vor Tagungsbeginn leuchtet im Saal auf der Leinwand das faktische Thema: «Der ‹wahre Islam› und der Selbstbetrug des Westens». Es ist die Ankündigung des Vortrages des marokko-stämmigen Mounier Hikmat, einem konvertierten Christen, auch Dozent an der evangelischen theologischen Ausbildungsstätte Beatenberg und Exponent der Stiftung «Zukunft CH».

Und mit dem Furor eines Fundamentalisten eifert er, alles stehe im Koran und in anderen Schriften, als gelte alles für immer und ewig: «Der Islam will die Weltherrschaft.» Und auch: «Die Schlachtung der Ungläubigen gehört zum Islam». Und weiter: «Einen moderaten Islam gibt es nicht». Aber der Westen wolle nicht sehen, dass ihm bereits der Krieg erklärt worden sei.

Für eine «natürliche Familie»

Nur welche Schweiz will denn die Stiftung «Zukunft – CH»? Gegründet 2006 vom Pfarrer Hansjürg Stückelberger, einst ein antikommunistischer Spendensammler, um in kommunistisch regierten Staaten Bibeln verteilen zu können. Gerade in diesem Tagen bettelt er wieder um Moneten, diesmal gegen die AIDS-Kampagne «Love-Life» des Bundesamtes für Gesundheit BAG.

Denn, so weiss diese Stiftung: Das BAG «und der Genderismus zerstören die Grundlagen unserer Kultur». Sie ist für ein striktes Abtreibungsverbot und die traditionelle Ehe, die «natürliche Familie». Sie ist gegen die öffentlich-rechtliche Anerkennung muslimischer Gemeinschaften und freut sich in einem Flugblatt, dass dies im Kanton Luzern unlängst «gerade noch abgewendet» worden sei, «dank der bürgerlichen Mehrheit im Kantonsparlament» gegen eine «von den Grünen eingebrachte Motion».

Rüstig steht der 84jährige Stückelberger am Rednerpult und will belegen, dass er keine Berührungsängste hat: «Meine liebe Frau geht zu einer Muslima – eine Coiffeuse». Natürlich sei die ISIS eine «terroristische Gefahr», doch «die eigentliche Gefahr ist der Islam», der sei «Feind der Demokratie». Er beklagt «den Abbau nationaler Identität», die «Verdrängung der Religion» und auch der Kirchen.

Der Abstieg Europas

Er behauptet: «Vernunft folgt dem Glauben» und warnt vor «Illusionen aus der Zeit der Aufklärung». Stückelberger kritisiert den Pluralismus, es fehle «das geistige Band». Im Klartext: Er will in Europa zurück zur christlichen Dominanz in Staat und Gesellschaft: «Es gibt keine Hochkultur, wenn Staat und Religion nicht zusammen sind.» Keine Überraschung: Bereits vor Jahren hat sich Stückelberger in seinem Buch «Europas Aufstieg und Verrat» von der Aufklärung verabschiedet. Der Abstieg Europas habe begonnen, so die Verlagsankündigung, «mit dem Verrat am biblischen Gottes- und Menschenbild, als die Aufklärung die Bibel als Offenbarung Gottes aufgegeben» habe. 

Zurück zu überwundenen Zeiten? In der Diskussion fordert auch Pius Segmüller, abgewählter CVP-Nationalrat und «Oberst i Gst/VBS», auch schon Kommandant der päpstlichen Schweizergarde: «Die einzige Möglichkeit: Wir müssen unseren eigenen Glauben mehr leben.» Und sonst? Muslime können machen, was sie wollen, es ist nicht recht. Ulrich Schlüer, zweimal abgewählter SVP-Nationalrat, meint, dass sich Hisham Maizar, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (FIDS), distanziere müsse vom Zentralrat der Muslime, der sei «in die Schranken zu weisen». Maizar habe sich von Gewalt distanziert, mit Verweis auf den Koran, berichtet dann Mounir Hikmat, aber dies genügt dem christlichen Eiferer auch nicht, da es ja auch noch andere Koranstellen gäbe (Nämlich jene, die er ausführlich zitiert hat!).

Ein bisschen lauteren Betrieb in den Saal bringt Willy Schmidhauser, langjähriger Präsident der Schweizer Demokraten Thurgau, bereits verurteilt wegen Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm. Der Thurgauer beklagt den Bundesgerichtsentscheid gegen die Thurgauer Volksinitiative für ein Koran-Verbot an den Schulen. Als er sich nach vorne zur Diskussionsrunde begibt und nur schwer vom Wort zu trennen ist, erscheinen diskret zwei Security-Männer. Er verlässt dann die Tagung vorzeitig. 

Zwei Gegenstimmen wider den Konsens

Das Gegengewicht zum Konsens bilden Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, und der Jurist Alexander Wili, als Student einst «Papst» genannt. Der Krienser Anwalt beschwört – in der Tradition der kirchenkritischen Freisinnigen – die «Religionsfreiheit», was bedeutet, dass es keine Verbote geben könne. Und wenn eine Gruppe «staatsgefährlich» werde, dann gäbe es ja genug Gesetze, auch im Militärstrafrecht, und neu gäbe es eine «Notverordnung», die der Bundesrat unlängst gegen die ISIS beschlossen habe. Und auch: Er habe bereits vor Jahren «im Einvernehmen mit Luzerner Muslimen eine demokratische Gemeindeordnung entworfen». Leider habe das zuständige Departement den Vorschlag nicht ans Kantonsparlament überwiesen.

Keller-Messahli hatte in ihrem Einleitungsvortrag an die Annahme des Minarettverbotes erinnert («genau vor fünf Jahren»). Es sei «ein Zeichen der Rückweisung» gewesen, doch zeigt sie Verständnis für die Initianten: «Befürchtungen haben sich bewahrheit». Sie verweist dabei auf ISIS und die Salafisten. Sie sagt zwar deutlich: «Die Mehrheit der Muslime sieht die Salafisten als eine Sekte an». Sie bestärkt aber die vorhandenen Abneigungen, in dem sie sich ausschliesslich über fundamentalistische Tendenzen auslässt, auch über den Zentralrat der Muslime («soll verboten werden»).

Beschimpfung zum Schluss

In der Diskussion distanziert sie sich unmissverständlich von den islamfeindlichen Unterstellungen, insbesondere jenen von Mounir Hikmat: Diese haben mich «schockiert», sie seien «ahistorisch und unfair». Sie verteidigt die Schaffung von Iman-Lehrstühlen an Schweizer Universitäten, wie an der Uni Fribourg geplant und von der SVP und der CVP bekämpft. Sie erhält Applaus. Beifall hatte unmittelbar vorher auch Ernst Maurer, Andelfingen geerntet. Er hatte gegen solche Ausbildungsgänge gepoltert: «Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber».

Maurer hatte dem Reporter in der Pause ein Flugblatt in die Hand gedrückt, unterzeichnet  von Willy Schmidhauser: «Der Islam ist keine Religion – er ist klar eine mörderische Kampf-Ideologie!». Es endet mit der Beschimpfung der Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP), sie sei «eine Verräterin». Zum Abschluss ruft Hermann Suter zu «Toleranz» auf. In der Tat, sie hätte dieser Veranstaltung gut angestanden.

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