Schule in der Garderobe: Die Lehrpersonen Thomas Bächler, Claudia Küng und Ruth Züsli vom Schulhaus Riedmatt in Zug West verlangen mehr Platz. (Bild: anm)
Gesellschaft Bildung Schule

Schule in der Garderobe: Die Lehrpersonen Thomas Bächler, Claudia Küng und Ruth Züsli vom Schulhaus Riedmatt in Zug West verlangen mehr Platz. (Bild: anm)

Warten auf bessere Zeiten, dann Hütten bauen

7min Lesezeit

Die Lehrpersonen im Schulhaus Riedmatt sind von der Zuger Politik enttäuscht: Das Quartier boomt, doch die Schule bleibt immer gleich gross. Da geht etwas nicht auf. Sie müssen täglich improvisieren, ausweichen, verzichten. Anstatt Provisorien verlangen sie mehr Strategie und fragen: Muss Zug das Prinzip «Quartierschulhaus» aufgeben?

Deutschkurse im Werkraum, Musikschule in der Aula und Gruppenarbeit im Korridor. So sieht der Alltag im Schulhaus Riedmatt im Quartier Zug West aus. Räume werden überbelegt, umgenutzt, es wird improvisiert. Und bald gibt es ein neues Provisorium: Ab 2016 muss Platz für eine neue Primarklasse geschaffen werden. Gleichzeitig wird rundum die Riedmatt viel gebaut. Es entstehen neue Wohnhäuser, weitere Projekte sind in Planung. Ein vierter Kindergarten musste bereits für dieses Schuljahr einziehen – in einen Raum, der als Primarschulzimmer konzipiert ist. Für einen Kindergarten ist dieser zu klein.

Die Bildungsvorsteherin der Stadt Zug, Vroni Straub-Müller sagte schon im Mai: «Meine Geduld nimmt stetig ab, es müssen jetzt dringend Lösungen her.» Doch in der Politik harzt es. Der Grosse Gemeinderat lehnte 2013 die Erweiterung der Schulanlage Herti aus Kostengründen ab – sie hätte 46 Millionen gekostet. Verschiedene politische Vorstösse zum Thema sind noch hängig (zentral+ berichtete). Der GGR hat nun immerhin den vom Stadtrat vorgelegten «Ergänzungsbericht» zum Schulraum in Zug West positiv zur Kenntnis genommen. Soll heissen: Alle Parteien sind sich einig, dass es als ersten Schritt eine Erweiterung des Schulhauses Riedmatt braucht.

Ein Recht auf die Quartierschule?

Der Zuger Stadtrat steht hinter dem Quartierschulhausprinzip, wie er in seiner Ergänzung zum Schulraumplanungsbericht festhält. «Es sind solche Schulhäuser als Quartierschulhäuser einzustufen, deren örtliche Lage und Grösse vorrangig auf die Ansprüche und Bedürfnisse innerhalb der jeweiligen Quartiere abgestimmt sind. Und erst in zweiter Linie auf die Bedürfnisse im gesamten Stadtgefüge.» Ausserdem sprechen laut Stadtrat Schulwegdistanzen, Schulwegsicherheit, Ortsbezug und Sozialkontrolle für dieses Prinzip.

Doch die Stadt hält fest, dass es nicht in jedem Fall das einzig Richtige sei. «Insbesondere sprechen in einer Zeit, wo viele Entscheide von Ressourcenfragen bestimmt sind, gewichtige Gründe gegen den Bau weiterer Kleinschulhäuser», so der Stadtrat. Deshalb sollen die bisherigen vier Schulkreise (Zug West, Zentrum, Guthirt und Oberwil) beibehalten werden und keine weitere Schulstandorte realisiert werden. Dagegen spricht eine noch hängige Motion im Grossen Gemeinderat, die von CVP,  SVP und FDP unterstützt wird. Demnach soll ein neues Quartierschulhaus im Gebiet Unterfeld/Feldpark geplant werden, in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Baar.

Doch auch das kann nicht von heute auf morgen geschehen, sagt Straub: «Vor 2018 wird das nicht fertig sein.» Solange muss ein Provisorium her, ein «Container», wie Straub sagt: «Wir werden ab dem nächsten Schuljahr einen Container aufstellen müssen und dieser soll seinen Namen auch verdienen. Kein Edel-Provisorium, damit gewisse Politiker wieder das Gefühl haben, man brauche nichts Richtiges und könne so weiter machen.» Insgesamt brauche es im Riedmatt zusätzlich vier Primar- und ein Kindergartenzimmer sowie drei Fach- und Gruppenräume.

Lehrpersonen stossen an ihre Grenzen

Während sich die Politiker weiter streiten, müssen die Lehrpersonen im Schulhaus Riedmatt kreativ sein, stossen aber überall an ihre Grenzen. Claudia Küng, Unterstufenlehrerin, sagt: «Im Moment ist jedes Zimmer besetzt und wir haben keine Ausweichmöglichkeiten mehr. Wir wissen nicht, wohin eine neue Klasse gehen soll.» Thomas Bächler, Primarlehrer der 5. und 6. Klasse, sagt: «Bei der schulischen Heilpädagogik ist es akut. Wir haben vier oder fünf Heilpädagoginnen, aber Platz für zwei.» Auch Gruppenräume seien ein knappes Gut: «Anfänglich hatten wir pro zwei Klasse einen Gruppenraum, mittlerweile haben wir pro vier Klassen knapp noch einen», sagt Bächler. «Das ist eine Herausforderung», sagt Küng, «einige arbeiten mit den Kindern in der Bibliothek, im Lehrerzimmer, auf dem Gang. Vor allem für Unterstufenschüler ist dieser stete Wechsel sehr schwierig.» Neue Mitarbeitende seien wie Nomaden: «Sie können sich nirgends einrichten und ihre Sachen liegen lassen. Sie kommen mit ihrem Kistchen und ziehen im Haus umher», so Küng.

 

Bächler sitzt in seinem Schulzimmer und sagt: «Die Räume sind übernutzt. Hier findet Religionsunterricht statt während meinen Präsenzzeiten. Ich sollte hier vorbereiten, Zugang zu meinen Unterlagen haben, aber ich muss raus.» Auch sei es schwierig, neue Unterrichtsformen umzusetzen: «Wie soll ich hier drin einen Kreis machen, wenn alles vollgestellt ist mit Pulten? Ich kann hier mit über 20 Schülern kooperative Lernformen viel schwieriger durchführen, es ist bedeutend schwieriger Gruppenarbeiten oder Projektarbeiten zu realisieren.»

«Wie soll ich hier drin einen Kreis machen, wenn alles vollgestellt ist mit Pulten?»

Thomas Bächler, Primarlehrer im Schulhaus Riedmatt

Ruth Züsli ist Kindergärtnerin im Riedmatt – im Nachbarsgebäude. Dort ist das Platzproblem wegen des zusätzlichen Kindergartens seit diesem Schuljahr am grössten. Die Heilpädagogen arbeiten in den Garderoben, Deutschkurse mit Kleinkindern finden an den grossen Tischen im Lehrerzimmer statt. «Spielmaterial, mit dem die Kinder Hütten bauen konnten, können wir im Moment nur irgendwo einlagern und warten, bis bessere Zeiten kommen. Wir haben keine Pufferzone mehr», sagt Züsli, «auch im Freien». Auf dem kleinen Spielplatz sollten 80 Kinder spielen. «Wir müssen gestaffelt raus, das geht sonst nicht. Wir rechnen damit, dass wir aufgrund der Neubauten rundherum weiter überhäuft werden, bis das Maximum von 22 Kindern im Kindergarten erreicht ist.» 

Und wo soll geturnt werden?

Die Unterrichtsräume sind aber nur ein Teil des Problems. Schulraum könne mit einem Container kurzfristig geschaffen werden, aber Turnhallen, Aulas und Gruppenräume seien damit noch keine gebaut. Bächler sagt: «Ich kann mit meiner Klasse nicht mehr für eine Projektarbeit, den Musikunterricht in die Aula gehen. Sie ist ausser Mittwochs immer für den Musikunterricht des Kindergartens und der Unterstufe ausgebucht.»

Laut der Kindergärtnerin Züsli wird es bei der Turnhalle immer schwieriger. Eine Kindergärtnerin habe eine Turnstunde gekriegt, die gar nicht in ihren Stundeplan passe. «Es geht nur, wenn wir schieben. Beim Schwimmen ist es genau das Gleiche», so Züsli. Und Küng ergänzt: «Wir haben für die Handarbeit einen Raum. Wenn alle Klassen Werken und Handarbeit haben, weiss ich nicht, wie das gehen soll mit weiteren Klassen.»

Neue kommen in Wellen

Die Lehrpersonen können nicht verstehen, warum die Politik nicht vorwärts macht. Thomas Bächler sagt: «Man weiss ja schon seit mehr als zehn Jahren, dass dieses Quartier boomt.» Es sei doch offensichtlich: «Man kann nicht soviel Wohnraum bauen und die Schule bleibt gleich. Das sieht doch Jeder ein.» Belastend sei zudem, dass man nicht wisse, wie viele Schüler unter dem Jahr hinzukommen, denn: «Sie kommen in Wellen. Zum Beispiel kam jetzt gerade eine isländische Firma nach Zug. Das heisst, es kommen auf einen Schlag zirka zehn Kinder mehr in die Schule», so Bächler.

Als Zuger kenne er die Politik und sehe, dass im Bereich Schulraumplanung vieles blockiert werde. «Gerade in einer gut situierten Stadt wie Zug, müsste das nicht sein», so der Primarlehrer. Für Claudia Küng ist klar, «diese Pavillons können keine Lösung sein.» Es brauche ein neues Gesamtkonzept, so die Unterstufenlehrerin. Vielleicht müsse man vom Prinzip des Quartierschulhauses (siehe Box) wegkommen. Sie fragt: «Warum nicht im Herti ein grosses Schulhaus bauen?»

Die Schulanlage Riedmatt mit Primarschule und Kindergarten gehört zum Quartier Lorzen. (Diagramm: Stadt Zug)
Die Schulanlage Riedmatt mit Primarschule und Kindergarten gehört zum Quartier Lorzen. (Diagramm: Stadt Zug) (Bild: zvg Stadt Zug)

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Gesellschaft