Luca Stringari ist 41 Jahre alt und leidet an einer psychischen Erkrankung. Eine «richtige Arbeit» zu haben, ist für ihn sehr wichtig.
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Luca Stringari ist 41 Jahre alt und leidet an einer psychischen Erkrankung. Eine «richtige Arbeit» zu haben, ist für ihn sehr wichtig.

«Das hier ist keine Arbeitstherapie»

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Wer hätte es gedacht: Auch im digitalen 21. Jahrhundert werden Wahlcouverts noch von Menschenhand verpackt. In Zug machen das zum Grossteil Menschen mit einer psychischen Erkrankung. zentral+ war zu Besuch im Verpackungszentrum der Organisation «zuwebe» in Hünenberg. Hier läuft der Countdown.

In Hünenberg verpacken, kontrollieren und stapeln rund dreissig Personen jedes einzelne Zuger Wahlcouvert von Hand. In zwölf Tagen machen sie rund 70'000 Umschläge sendebereit, am 15. September müssen sie fertig sein. Alle Mitarbeiter leiden an einer psychischen Erkrankung.

Die «zuwebe» – eine Organisation für Menschen mit Behinderung – packt mit den Klienten den Grossteil der Couverts für die anstehenden Wahlen im Kanton Zug ein: Acht der elf Zuger Gemeinden erteilen der Institution den Verpackungsauftrag (siehe Box). Und dieser ist wichtig für sie, wie der Leiter der Manuellen Produktion, Daniel Barmettler, weiss: «Die Verpackung der Wahlcouverts ist ein Highlight.»

56 Gramm für die Gemeinde Hünenberg

Der Auftrag mache Spass, er bedeute aber auch höchste Konzentration und Genauigkeit. Jedes einzelne Couvert werde auf eine Präzisionswaage gelegt, um zu kontrollieren, dass nicht zu viel oder zu wenig Papier drin steckt, so Barmettler. Eine Person sitzt vor einer Waage, die mit einem Ampelsystem verbunden ist. Blinkt die Ampel grün, sobald ein Umschlag auf der Waage liegt, ist der Inhalt korrekt. Ist das Couvert zu schwer, schaltet die Ampel auf Gelb, und fehlt Material, leuchtet sie rot. So muss beispielsweise jedes Couvert für die Gemeinde Hünenberg exakt 56 Gramm wiegen. Es herrscht Nulltoleranz für Fehler: «Bei den Wahlen muss jedes Couvert auf die Waage gelegt werden», sagt Barmettler.

Die Aufträge an die zuwebe

Acht Gemeinden des Kantons Zug erteilen der zuwebe regelmässig den Auftrag, die Wahlcouverts zu verpacken. Ober- und Unterägeri, Risch, Hünenberg, Cham, Walchwil, Baar und seit diesem Jahr auch die Stadt Zug.

«Bisher wurden die Abstimmungs- und Wahlcouverts der Stadt Zug von Privatpersonen unter Leitung der Einwohnerkontrolle abgepackt», sagt Kanzleisekretär Franco Keller. Die Gemeinden instruieren vorab die politischen Parteien über das Prozedere der bevorstehenden Wahlen,
 nehmen Wahlvorschläge entgegen, prüfen diese und publizieren sie im Amtsblatt. Danach müssen sie die 
Druckvorlagen für die Wahlzettel erarbeiten
 und drucken lassen – dies in Abstimmung mit dem Kanton bezüglich Farbwahl.

Sobald das Material zur Verpackung an die zuwebe abgeliefert ist, hat die Stadt Zug damit nichts mehr zu tun. Der Versand erfolgt ab Hünenberg per Post. Die zuwebe verpackt auch die Stimmcouverts bei eidgenössischen, kantonalen und städtischen Volksabstimmungen. 

Wenige Meter neben dem Kontrolltisch verpackt Luca Stringari fleissig die Wahlzettel für die Stadt Zug. Der 41-Jährige hat seit 15 Jahren eine Arbeit bei der zuwebe und absolvierte eine praktische Ausbildung in Industriearbeit. «Ich werde hier in verschiedenen Bereichen eingesetzt, wir haben eine grosse Bandbreite an Aufträgen. Ich mache alles gern, denn jeder Auftrag hat etwas Gutes», so Stringari. Das Wichtigste sei, immer darauf zu achten, dass man keine Fehler mache. Gerade bei der Verpackung der Wahlcouverts müsse man aufpassen, dass nicht aus Versehen zu viele Blätter in die Umschläge gelangten.

Der psychische Zustand schwankt regelmässig

Barmetteler sagt, es sei für viele der Mitarbeiter eine grosse Herausforderung wegen der Konzentration. Ausserdem sei die Koordination der Arbeit manchmal schwierig. Personen mit psychischen Erkrankungen ginge es manchmal eine Woche sehr gut. Es gibt aber auch Wochen, in denen der psychische Zustand ambivalent sei und sich das Leistungsvermögen verändere.

Für Luca Stringari ist diese Arbeit enorm wichtig. «Ich bin froh, dass ich hier eine sinnvolle Tätigkeit und eine Tagesstruktur vorfinde. Das ist für mich das A und O.» Das sagt auch Barmettler: «Es geht hier nicht nur um diese Couverts, sondern um wertvolle und qualifizierte Arbeitsplätze.» Sie seien auf solche Aufträge angewiesen und versuchten auch, so nah wie möglich am ersten Arbeitsmarkt zu funktionieren. Und Stringari ergänzt: «Das ist keine Arbeitstherapie hier, sondern richtige Arbeit.» 

Obwohl sich die zuwebe mit mehr als 50 Prozent über einen Leistungsauftrag vom Kanton finanziert – also nicht im Markt mitspielt wie eine Privatfirma – möchten die Verantwortlichen solche Aufträge nicht missen. «Ohne Aufträge aus der Wirtschaft würden die Kosten für die öffentliche Hand steigen. Vor allem würden uns aber Arbeiten fehlen, die unsere Mitarbeitenden mit besonderen Betreuungsbedürfnissen motivieren und fordern», sagt Jeannine Villiger, die Medienbeauftragte der zuwebe. So werden momentan neben den Wahlcouverts zum Beispiel auch Zimtstangen für einen Gewürzmittelhersteller verpackt.

«Es geht hier nicht nur um diese Couverts, sondern um wertvolle und qualifizierte Arbeitsplätze.»

Daniel Barmettler, Leiter Manuelle Produktion

Möglichst nah an den ersten Arbeitsmarkt kommen

Gemäss Jahresbericht 2013 hat die zuwebe im vergangenen Jahr aus Produktion und Handel zirka zwei Millionen Franken erwirtschaftet. Wie viel die zuwebe an den Abstimmungsaufträgen verdient, macht sie auf Anfrage nicht öffentlich. Es sei aber nicht so, dass die Arbeit zu Dumpingpreisen angeboten werden könne, weil die Institution vom Kanton subventioniert werde. Sie müssten ebenso wie alle anderen Lösungen anbieten, die funktionieren und die Kunden zufriedenstellen, so Barmettler. Und das machen sie. Das bestätigt der Gemeindeschreiber von Risch, Ivo Krummenacher: «Die zuwebe ist ein kompetenter und verlässlicher Partner mit dem notwendigen Wissen und der Erfahrung dazu.»

Ein Fernziel für die zuwebe wäre, dass Klienten mit einer Behinderung einen Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt finden. Barmettler sagt zwar, das sei schwierig, «doch je näher wir uns an diesem Markt orientieren, desto kleiner wird die Hürde für Menschen mit besonderem Betreuungsbearf», ist er überzeugt. Erste Schritte in diese Richtung macht die zuwebe bereits mit dem Personalverleih. Für eine bestimmte Zeit können Klienten der zuwebe in einer Zuger Firma arbeiten, zum Beispiel bei der V-Zug.

Es sei aber selten, dass daraus feste Arbeitsverträge entstehen, so Barmettler. Einerseits sei der Aufwand für die Firmen grösser, andererseits bestehe eine gewisse Unsicherheit bei den Artbeitgebern. «Man kann das Verhalten sowie die Konstanz der Leistung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder einer geistigen Behinderung nicht immer klar abschätzen, das hindert Arbeitgeber daran, feste Arbeitsverträge einzugehen.»

Für Luca Stringari fehlt es auch noch an gesellschaftlicher Akzeptanz – gerade auch wenn es um psychische Erkrankungen gehe. Dennoch hat er Hoffnung: «Es gibt hoffentlich Firmen, die den Schritt wagen. Das Blatt kann sich wenden.»

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