Hans Erni in seinem Atelier in Würzenbach. (Bild: Ramona Geiger)
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Hans Erni in seinem Atelier in Würzenbach. (Bild: Ramona Geiger)

«Unerfüllte Arbeiten sind das, was lebendig hält»

15min Lesezeit

Heute wird der Luzerner Künstler Hans Erni 106 Jahre alt. Doch sein Geist scheint von diesem biblischen Alter nichts wissen zu wollen. zentral+ hat im Sommer mit Erni gesprochen. Anlässlich des Geburtstages zeigen wir das entstandene Interview heute noch ein Mal. Schlagfertig, philosophisch und mit einer guten Portion Humor zeigt sich der älteste Bewohner Luzerns im Gespräch.

Weit oben am Hang ob Würzenbach wohnt der älteste Luzerner, Hans Erni. Selbst mit über hundert Jahren hat er noch immer einen enormen Schaffensdrang. Das beweisen die Stapel an Skizzen und Zeichnungen, die in seinem Atelier liegen. Bereits bei der Begrüssung sitzt Erni in seinem weissen «Lacoste-Jäggli» am Arbeitsplatz und malt.

Hans Erni ist bekannt für seine Malereien, Skulpturen, oder auch für seine politische Vergangenheit. Im Gespräch kommt aber noch eine weitere Seite zum Vorschein, eine philosophische. Mit einfachen Antworten gibt sich Hans Erni nicht zufrieden. Seine Gedanken drehen sich um existenzielle und ethische Fragen, wie die Menschenwürde.

zentral+: Sie sind bekanntlich der älteste Luzerner...

Hans Erni: Erstaunt: Bin ich? Dann muss ich aber schon ziemlich alt sein! Lacht.

Wie haben Sie das geschafft?

Mit Arbeit. Wenn man arbeitet, merkt man gar nicht, wie schnell die Zeit vorbei geht. Der Verbrauch der Zeit schlägt sich in jedem Moment in der Sache nieder, die einem persönlich beschäftigt. Ich fange beispielsweise mit einem Sujet an und stelle mir somit eine neue Aufgabe. Da stets genügend Aufgaben da sind, weiss ich manchmal kaum, was ich als nächstes machen soll.

Es ist bekannt, dass Sie einen asketischen Lebensstil pflegen.

Das ist übertrieben. Ich bin weder Asket noch sonst verfolge ich eine Theorie. Bei mir ergibt sich alles aus meiner Physik, die sich in der täglichen Arbeit niederschlägt. All das, was man macht, ist geordnet. Also einem Ziel entgegen gerichtet. Und das Ziel ist es, die eigenen Aufgaben gut zu erfüllen.

Zur Person

Hans Erni wurde im Februar 1909 in Luzern geboren. Sein Vater war Maschinist auf dem Dampfer «Uri» und seine Mutter ursprünglich Bäuerin. Obwohl nie einer Partei angehörig, war Erni sehr politisch und hat auch Wahlplakate, beispielsweise für die Einführung der AHV oder des Frauenstimmrechts gestaltet. Heute lebt er gemeinsam mit seiner Frau Doris, die er 1949 geheiratet hat, oberhalb von Würzenbach. Sein Gesamtwerk umfasst etwa 300 Plakate, mehrere Wandbilder, 90 entworfene Briefmarken, 25 Medaillen und zahlreiche Lithografien.

Das heisst, dass Sie in der Malerei noch viel vor sich, also weitere Aufgaben zu erfüllen haben?

Sobald etwas abgeschlossen ist und gerade nichts Neues ansteht, ist ja der Teufel los! Dann hat man ja gar nichts mehr zu tun. Es muss vieles offen bleiben, das auf die Verwirklichung wartet.

Wenn man durch Luzern schlendert, begegnet man Ihrem Schaffen immer wieder. Was löst das bei Ihnen aus, Ihre Arbeit im Alltag so präsent zu wissen?

Persönlich weiss ich gar nicht, wo ich überall mit meinen Arbeiten präsent bin, wenn ich mich nicht gerade mit einer aktuellen Arbeit auseinandersetze.

Das bedeutet, dass Sie abgeschlossene Arbeiten schnell hinter sich lassen?

Ja. Wenn ich eine Aufgabe erfüllt habe, kann ich diese getrost hinter mir lassen. Ganz im Gegenteil die Arbeiten, die noch unerfüllt sind. Diese bewegen mich stark. Das ist das Schöne, was lebendig hält.

(Bild: Ramona Geiger)

Ihre Bilder werden für vier- bis fünfstellige Beträge verkauft. Wie viel darf ein Erni kosten?

Das ergibt sich ganz automatisch aus der Nachfrage. Eine externe Preisbegutachtung kenne ich gar nicht. Es kann auch sein, dass ich lieber jemandem etwas schenke, wenn es mich innerlich erfüllt. Es ist für mich dann eine Genugtuung, wenn jemand an einer Skizze – immerhin ein bisschen – Freude hat. Natürlich gibt es auch die bezahlten Aufträge, die notwendig sind. Jeder Mensch muss ja von etwas leben.

Man hört, Sie verwalten Ihr Geld nicht selbst, sondern Ihre Frau Doris.

Ja, das stimmt. Geld in meinen Händen ist nichtssagend. Ich kann gar nicht erwägen, was mein eigener Kostenaufwand im Leben ist. Ich bin hier, habe Papier, Leinwand, Farbe und Pinsel. Das reicht mir schon.

Sie haben als Künstler in der Schweiz relativ spät Anerkennung erfahren. Dass das Ausland den Wert der Arbeiten oftmals schneller erkennt, scheint die gängige Praxis zu sein. Ähnlich erging es dem kürzlich verstorbenen Künstler H.R. Giger. Woran liegt es, dass es in der Schweiz mit der Würdigung künstlerischen Schaffens meist länger dauert?

Meine Stellung im Leben ist ein soziales Verhalten. Denn jeder Mensch lebt in der Abhängigkeit von seiner Umgebung. Diese kann eine Gruppe, ein Land oder gar die ganze Welt sein. Wenn man sich ernsthaft mit der eigenen Existenz im Zusammenhang mit dem Leben auseinandersetzt, kommen Fragen auf, die eventuell einem Grossteil der Menschen nicht genehm sind. Die Lösungen, die ich während meines Lebens im sozialen Bereich versucht habe zu finden, haben für mich persönlich gestimmt. Und dies kann für eine Gesellschaft, die man halt nicht akzeptiert, provokativ erscheinen. Etliche meiner Plakate haben im Laufe der Zeit Anstoss erregt. Dieser Anstoss überwindet sich jedoch und verfliegt.

«Das Malen entsteht durch die Erkenntnis, dass gewisse Dinge, die wir als selbstverständlich hinnehmen, nicht gegeben sind»

Sie waren Ihr Leben lang politisch, weshalb Sie auch viele Entbehrungen hinnehmen mussten. Die Rede ist beispielsweise vom damaligen Zuger Bundesrat Philipp Etter, der Ihnen 1951 die Teilnahme an der Biennale Sao Paolo untersagt hat. Würden Sie es trotzdem wieder so machen?

Ich war in Opposition zu jenem Teil der Gesellschaft, den Philipp Etter vertreten hat. Es ist mir dabei nie um eine Partei gegangen. Ich habe mir die Freiheit gelassen, jeden Tag eine Lösung, von dem was meine Aufgaben sind, zu erarbeiten.

Sie hegen also keinen Groll gegen diese Person?

Ich habe mich nie bedroht gefühlt, obwohl ich dies während einer langen Zeit war. Diese Bedrohung ist nur aus dem Unterschied gewachsen, der sich zwischen der eigenen Person und deren Auffassung des gesamten Lebens ergibt. Wenn ich keine Veränderung fühlen oder anstrengen würde, würde ich auch nichts zeichnen. Das Malen entsteht durch die Erkenntnis, dass gewisse Dinge, die wir als selbstverständlich hinnehmen, nicht gegeben sind.

Ihr künstlerisches Schaffen haben Sie auch in die Politik einfliessen lassen. Sie haben Abstimmungsplakate für die Einführung der AHV und des Frauenstimmrechts gestaltet. Was sagen Sie zur Ästhetik der heutigen Meinungsmacher am Strassenrand?

Im Moment ist für mich nichts aufgehängt, das kämpferisch wirklich etwas will. Mir persönlich ging und geht es noch immer um die Veränderung vom Gesamtbild der Gesellschaft zum Guten. Ich habe nie für eine Partei gearbeitet und werde dies auch nie tun. Ich arbeite einzig und allein für meine Überzeugung. Es ist sehr schön, wenn man das im Leben machen kann. Ich will, dass alle Menschen, die eine starke Überzeugung haben, diese versuchen zu äussern und so zu einem Gemeingut machen.

Kürzlich sprachen wir mit Judith Stamm. Sie sagt, dass es bezüglich Gleichberechtigung noch viel zu tun gebe. Sehen Sie das auch so?

Ja schon, insbesondere was die Menschenwürde anbelangt. Um an den Fragen zu arbeiten, die sich diesbezüglich aufwerfen, muss man aber nicht unbedingt politisch sein. Es wäre das schönste, wenn die Menschlichkeit immer das erstrebenswerte Ziel wäre.

Sie sagen «wäre». Was für ein Ziel verfolgt denn die Mehrheit?

Er antwortet sehr bestimmt und beinahe in Zeitlupe. Das Geldverdienen. Oft kämpfen junge Menschen um ihre Existenzsicherung. Das ist etwas, das in einer ausgeglichenen Gesellschaft kein Problem mehr sein müsste. Aber davon sind wir weit entfernt.

Momentan liest man viel über den ersten Weltkrieg. Sie sind eine der wenigen Personen, die diesen noch bewusst miterlebt haben. Welche Bilder gehen Ihnen beim Gedanken daran durch den Kopf?

Ich bin ja in einer grossen Familie mit sechs Kindern aufgewachsen. Mein Vater war Dampfschiffmaschinist auf der «Uri» und somit nicht so gut bezahlt, dass man eine grosse Familie verschwenderisch ernähren konnte. Es war manchmal schon schwer. Die Zeit während des Weltkriegs hat mich geformt. Am Mittag gab es ab und zu eine gute Suppe oder ähnliches. Meine Eltern haben nie etwas machen wollen, das nicht gut für alle Kinder gewesen wäre.

Sie haben im Laufe Ihres Lebens viele spannende Zeitgenossen kennengelernt. Wer ist Ihnen besonders prägend in Erinnerung geblieben?

Überlegt. Es ist für mich schwierig, auf eine einzelne Person einzugehen, weil ich sonst die anderen vergesse. Ich möchte diesbezüglich eher sagen, dass ich den Personen dankbar bin, die mich stets gefördert haben. Förderung nicht im Sinne von Geld, sondern im Sinne der Förderung meiner Stellung in der Gesellschaft. Diese Menschen sind verantwortlich dafür, dass ich ein Leben führen kann, in dem ich nicht um jeden Pinsel kämpfen muss.

Sie haben mit Hermann Hesse oder Thomas Mann unter anderem auch Schriftsteller porträtiert. Wessen Worte lesen Sie am liebsten?

Einen bestimmten Schriftsteller kann ich nicht nennen, da andere wiederum zu kurz kämen. Im Laufe der Zeit gibt es so viele Menschen, denen man begegnet und deren Texte man nach dem Lesen innerlich verarbeitet. Man ist das Resultat von den Texten, die man persönlich beeindruckend findet.

Ein Buch als Beispiel?

So viel kann ich dazu sagen: An meinem Bett liegen Texte aus der Antike, die scheinbar nichts zu tun haben mit der Gegenwart, jedoch in der höchsten Form auch in die Gegenwart leuchten. Die Antike zeigt uns nicht unsere Fragwürdigkeit unserer Taten, sondern vielmehr eine Art abgeklärte Weltanschauung auf. Deshalb sind Texte aus dieser Epoche für mich sehr, sehr wichtig.

Noch heute malen Sie täglich. Neue Werke von Ihnen findet man jedoch kaum. Was passiert mit diesen Bildern?

Meine kürzlich gezeichneten Bilder sehen Sie dort auf dem Stapel. Erni zeigt auf einen Berg von Werken in seinem Atelier. Glücklicherweise muss ich nicht um den Verkauf meiner Bilder kämpfen.

(Bild: Ramona Geiger)

Haben Sie auch schon Bilder gemalt, die Sie nie verkaufen würden?

Meine Frau hat sich einige Werke für uns beiseite gelegt. Es geht nicht um den Qualitätsunterschied von guten oder schlechten Bildern, sondern um den entsprechenden Inhalt. Je nach Sujet gibt es sicher welche, von denen wir uns nie trennen könnten.

Herr Erni, welches ist Ihre Lieblingsfarbe?

Ich hatte nie eine Lieblingsfarbe. Aber meine Frau hat blau am liebsten.

Dies fällt auf. Die Farbe ist doch recht präsent auf Ihren Bildern.

Ja, das ist schon so. Im Blau ist Himmel und Wasser eine Einheit. Das Wasser ist auch nicht blau, wenn es bewölkt ist. Aber bei blauem Himmel ist auch das Wasser blau. Folglich ist im Blau eine dauernde Gelegenheit gegeben, die sich im Prinzip nicht verändert.

Kunst ist allgemein ein schwer definierbarer Begriff. Wo hört für Sie Kunst auf – oder wo fängt sie an?

Ich kann eher sagen, wo sie anfängt. Und zwar dort, wo mit den vom Künstler von Hand gemachten Strichen oder Farben etwas entsteht, das die Gesellschaft verändert. Wenn auch nur ein kleines bisschen.

Es muss also stets etwas im Kopf des Betrachters passieren?

Alles andere wäre Kunst, die nicht funktioniert. Ein Künstler macht die Werke ja nicht für sich. Er muss vielmehr ständig an sich arbeiten, um das, was er macht, zu verändern. Wenn ein Künstler das nicht mehr tut, sich zufrieden mit seinen Arbeit und sich selbst gibt, dann ist er verloren.

«Ich habe die Banknoten gestaltet, die dann vernichtet wurden»

Sie haben etliche Briefmarken für Olympische Spiele oder auch das Fürstentum Lichtenstein entworfen. Sammeln Sie auch Briefmarken?

Wie aus der Pistole geschossen. Nein. Ich habe Freude daran, eine Briefmarke zu gestalten und das Gefühl zu haben, dass mein Motiv auf einer Briefmarke ist. Ich glaube, dass ein Künstler, wie beim Gestalten eines Plakats, die Marken einladend gestalten muss. Wenn ich es schaffe, mit einem kleinen «Märkli» etwas auszusagen, habe ich mein Ziel erreicht. Im Gegensatz dazu steht der Fünfliber. Die Helvetia, eine griechische Darstellung eines Frauenprofils, ist nichtssagend.

Sie haben ja auch mal unsere Währung neu gestaltet. Ein Luzerner Parlamentarier verhinderte jedoch, dass diese in den Umlauf gebracht wurde. Was wäre auf Ihrem Fünfliber gewesen?

Ich habe nur die Banknoten gestaltet, die dann vernichtet wurden. Lacht herzhaft.

Der Raddampfer Ihres Vaters, die «Uri», schippert heute noch über den Vierwaldstättersee. Sind Sie ab und zu mit diesem Schiff unterwegs?

Ja, ich gehe sehr gerne aufs Schiff. Ein Schiff, das im Wasser gleitet und Wasser verdrängt, ist etwas wunderbares. Ich finde es allgemein schön, wenn man spürt, wenn der Körper durch die Luft oder Wasser geht. Das Erleben von Widerstand eines Elements ist beeindruckend.

Sie schwimmen also auch sehr gerne?

Ja, sehr. Wir haben ein grosses Bassin gebaut. Darin schwimme ich täglich meine Strecken.

Wo sind Sie sonst in Luzern anzutreffen?

Ich bin eigentlich nur noch selten in der Stadt anzutreffen. Ich bleibe hier bei meinen Bäumen, die sich je nach Jahreszeit verändern. Die Natur inspiriert mich entsprechend.

Was haben Sie denn angepflanzt?

Wir haben ein paar Apfelbäume. Er überlegt und fragt seine Frau Doris. Ahja, wir haben auch noch Kirschbäume, Aprikosen und verschiedene Gemüse.

Sie sind also Selbstversorger?

Nicht ganz. Es wäre aber schon schön, wenn ich mich selbst versorgen könnte.

Was möchten Sie, das man später einmal über Sie sagt?

Ich möchte, dass die Nachkommen erkennen, dass ich mich ein Leben lang für die Menschenwürde und die Gerechtigkeit eingesetzt habe.

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