Wer wohnt denn da in Gottes Haus?

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Klöster können heutzutage nicht mehr wie noch vor hundert Jahren genutzt werden. Dafür gibt es zu wenig Nachwuchs bei den klösterlichen Brüdern und Schwestern. Doch welche Nutzungs- und Wohnformen verbergen sich hinter den hohen Klostermauern? zentral+ hat bei den Klöstern nachgefragt.

Mitten in der Stadt Luzern liegt das Kapuzinerkloster Wesemlin. Das Anwesen wurde 1588 erbaut und beherbergt heute noch 18 Kapuziner. Bis im Juni 2015 soll es umgebaut sein und dann wird vieles anders. Neue Mieter sollen in die geplanten zehn Wohnstudios einziehen und mit den Brüdern zusammen in der Klostergemeinschaft leben. Diese Mieter würden dann auch teilweise an Gemeinschaftsanlässen teilnehmen. «Im Weiteren wird eine Gemeinschaftspraxis von mehreren Spezialärzten und –ärztinnen im Klostergebäude eingemietet sein», sagt Bruder Thomas Egger.

Klöster in Zug

Auch in Zug gibt es Klöster, die heute neue Bewohner haben. In der Stadt Zug lebt seit 2000 die «Gemeinschaft der Seligpreisungen» im ursprünglichen Kapuzinerkloster. In Oberwil sind die «Barmherzigen Brüder» 2008 aus ihrem Kloster ausgezogen und wohnen heute in Luzern. Im Kloster in Oberwil befindet sich die Psychiatrische Klinik Zugersee. In Menzingen planen die Schwestern vom Heiligen Kreuz als Bauherrinnen die Überbauung «Carmel» mit 87 Wohnungen in der Nähe ihres Klosters. Auch in Cham wird gebaut: Die Schwesterngemeinschaft plant an der Stelle des bisherigen Lehrerinnenseminars zwei lang gezogene Baukörper. Dort soll in Zukunft betreutes Wohnen für Senioren angeboten werden.

Dass es neue Bewohner braucht, liegt auf der Hand. Egger: «Im letzten Jahrhundert lebten im Kloster zeitweise rund 60 Kapuziner.» Für die heutige Anzahl Kapuziner sei das Gebäude zu gross, es würden daher nicht mehr alle Räume von den Kapuzinern benötigt. «Durch die Mieterträge soll auch ein Beitrag zu Unterhalt und Betrieb des Klosters resultieren», so Egger.

Im Kloster Wesemlin sind auch Veranstaltungen wie Kunstausstellungen und Lesungen geplant. Nach den Bauarbeiten bestehe zudem die Chance, dass der zurzeit private Klostergarten öffentlich zugänglich wird: «Voraussetzung ist aber, dass sich dafür Sponsoren finden lassen oder ein substanzielles Engagement der Stadt besteht», so Egger.

Bei der Stadtverwaltung kennt man das Projekt «Oase W» des Klosters Wesemlin und hat mit der teilweisen Umzonung des Grundstücks in eine Wohn- und Arbeitszone den Weg für ergänzende Neubauten behutsam geöffnet. «Wir unterstützen das Kloster mit unserem Know-How bei dem Projekt, aber nicht in finanzieller Hinsicht», sagt Jürg Rehsteiner, Stadtarchitekt von Luzern.

Das Kloster Wesemlin wird zurzeit umgebaut. Danach werden darin zehn Wohnstudios vermietet. (zvg)
Das Kloster Wesemlin wird zurzeit umgebaut. Danach werden darin zehn Wohnstudios vermietet. (zvg)

«Mehr als ein Quadratmeter»

Auch im Kloster Baldegg in der Gemeinde Hochdorf wohnt noch eine Glaubensgemeinschaft. Diese ist in drei verschiedenen Gebäuden untergebracht: Dem Mutterhaus, dem Pflegeheim und der Klosterherberge. In diesen Häusern leben insgesamt 190 Schwestern, wobei die grösste Gruppe jene mit den Betagten und Pflegebedürftigen ist. «Das alte Kloster wurde zur Klosterherberge umgebaut, weil wir eine alternative Nutzung suchten», erklärt Schwester Zita Estermann. Zum Kloster gehört auch ein Biohof, der verpachtet ist.

«Die Schwestern leben ihren Alltag in franziskanischer Einfachheit und gläubiger Heiterkeit.»

Die Baldegger Schwestern auf ihrer Website

Es gibt aber noch andere Gäste des Klosters. Die Baldegger Schwestern vermieten Wohnungen und einzelne Räume. Dazu schreiben sie auf ihrer Website: «Wer in der Klosterherberge oder im Schloss eine Wohnung, ein Atelier, ein Büro, einen Therapieraum mieten möchte, erhält mehr als Quadratmeter.» In der Herberge seien auch Schwestern zu Hause und sie lebten ihren Alltag in «franziskanischer Einfachheit und gläubiger Heiterkeit.»

Das Mutterhaus wird heute noch von den Baldegger Schwestern genutzt. (zvg)
Das Mutterhaus wird heute noch von den Baldegger Schwestern genutzt. (zvg)

Vom Kloster zur «Irrenanstalt»

Doch wie sieht es mit den Klöstern aus, die gänzlich umgenutzt wurden? Im ehemaligen Zisterzienserkloster St. Urban leben schon seit 1848 keine Mönche mehr. 1873 wurde es zu einer «Irrenanstalt», wie es damals genannt wurde. Heute ist das Kloster St. Urban der Hauptsitz der Luzerner Psychiatrie, die in einem grossen Teil der Räumlichkeiten Büros einrichtete. «Ebenso leben zwei Wohngruppen für geistig Behinderte des Wohnheims ‹Sonnegarte› in den Gebäuden», erklärt Beatrix Imbach vom Direktionssekretariat der Luzerner Psychiatrie. Im Klosterpark sind zudem Künstler am Werk: Dort werden Skulpturen des Projekts «art-st-urban» ausgestellt.

Das unabhängige Kunst- und Kulturzentrum «art-st-urban» organisiert Ausstellungen im Kloster und Klosterpark St. Urban. (zvg)
Das unabhängige Kunst- und Kulturzentrum «art-st-urban» organisiert Ausstellungen im Kloster und Klosterpark St. Urban. (zvg)

Architekturbüro und Musikschule

In Sursee verkaufte der Kapuzinerorden das Kloster 1998 wegen Personalmangels an die katholische Kirchgemeinde Sursee. «Mit dem Auszug der Kapuziner bewohnt nur noch die Klosterwart-Familie das Haus», erklärt der Klosterwart Roland Kaufmann. Weiter werde das Parterre-Geschoss für Pfarreianlässe genutzt und auch Private und Firmen könnten die Räume mieten. Dauermieterin ist die Stadt Sursee, welche in den Obergeschossen mit der Erwachsenenbildung und der regionalen Musikschule einquartiert ist. Die Musik hat das Kloster übernommen: Auch der Blasmusikverband nutzt einen Raum des Gebäudes für Kurse. Neben der Nutzung durch Musiker befindet sich im Kloster auch ein Architekturbüro. Wenn die Musiker und Architekten einmal während einer Pause die Sonne geniessen möchten, steht der Klostergarten zur Verfügung. Er ist halböffentlich und wird auch vom angrenzenden Alterszentrum genutzt.

Im Kloster in Sursee wohnt nur noch die Klosterwart-Familie. (zvg)
Im Kloster in Sursee wohnt nur noch die Klosterwart-Familie. (zvg)

Burn-Out in der Mönchszelle kurieren

Auch im Kloster Schüpfheim, das 1653 gegründet wurde, sind heute keine Kapuziner mehr. Seit 1993 lebt eine Wohngemeinschaft im Kloster, die auf den Namen «Sunnehügel» getauft ist. Diese besteht zurzeit aus einer Kerngemeinschaft von vier Personen und aus einigen Gästen auf Zeit. «Die Kerngemeinschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen in schwierigen Lebenssituationen ein vorübergehendes Zuhause zu bieten», erklärt Lukas Fries-Schmid, Co-Leiter des Sunnehügel. Er spricht von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, Krankheiten oder einem Burnout. Auch Menschen, die sich in Lebensphasen der Umorientierung befinden oder einfach ein paar Tage Ferien in Gemeinschaft machen möchten, können im Sunnehügel bis zu einem halben Jahr in den ehemaligen Mönchszellen wohnen.

Es gebe viele Unterschiede zum Leben in einem «normalen» Haus. «Die Gemeinschaft ist viel grösser und zusammengewürfelt», erklärt Fries-Schmid. Meistens würden acht bis zwölf Personen bei ihnen im Kloster leben. «Man muss sich mit anderen Menschen arrangieren, aber das ist auch das, was es für mich attraktiv macht.» Zudem gäbe es einen geregelten Tagesablauf. Diesen würden ihre Gäste auch suchen, vor allem wenn sie arbeitslos seien. «Alles in allem verstehen wir uns als klosterähnliche Wohngemeinschaft mit gemeinsamem Rhythmus und einer gemeinsamen Aufgabe», erklärt Fries-Schmid. Auch die Aufteilung des Gebäudes habe seine Eigenheiten: Die privaten Zimmer sind nur rund 12 Quadratmeter gross und verfügen nicht alle über einen eigenen Waschbereich. Fries-Schmid: «Darum möchten wir bald sanieren und neben den sanitären Einrichtungen auch die undichten Fenster ersetzen.»

Die Gemeinschaft «Sunnehügel» möchte Menschen in Not helfen. (zvg)
Die Gemeinschaft «Sunnehügel» möchte Menschen in Not helfen. (zvg)

Wer wohnt denn nun in Gottes Haus? Teilweise sind es noch Glaubensgemeinschaften, doch es zeichnet sich eine vermehrte Umnutzung der Klöster in Luzern und Zug ab. Wie finden Sie das? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion und diskutieren Sie mit!

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