Anja Nussbaumer freut sich auf die Jagdsaison, sieht ihr aber auch mit gewisser Anspannung entgegen. Wird ein Wildtier getötet, löst das bei ihr gemischte Gefühle aus. (Bild: anm)
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Anja Nussbaumer freut sich auf die Jagdsaison, sieht ihr aber auch mit gewisser Anspannung entgegen. Wird ein Wildtier getötet, löst das bei ihr gemischte Gefühle aus. (Bild: anm)

«Ich habe noch nie ein Tier geschossen»

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Nur gerade drei Frauen haben im Kanton Zug dieses Jahr die Jagdprüfung abgelegt. Anja Nussbaumer ist eine von ihnen. Ihr geht es dabei nicht in erster Linie ums Schiessen, sondern um den Tierschutz. Tiere zu töten, gehört aber dazu. Wie geht die junge Jägerin damit um?

Beim Aufstieg zum Hauseingang ertönt aus der Nachbarswohnung Ländlermusik. Ein mit schweren Wanderschuhen gefülltes Regal steht im Korridor und ein feines Geweih ziert die Wand neben der Wohnungstüre. Dahinter schweift der Blick unvermeidlich ab ins Arbeitszimmer wo ein Waffenschrank aus Rundhölzern steht. Hinter Schloss und Riegel stecken eine «Flinte» und eine «Büchse». Die Gewehre gehören der Jägerin Anja Nussbaumer aus Alosen, Oberägeri.

Die Möbelschreinerin, die im Familienbetrieb als Fensterbauerin tätig ist, hat den Schrank selber gezimmert. Gleich daneben liegen auch der Feldstecher und das Messer, beides ebenso wichtige Utensilien der Jägerin. Die 33-Jährige hat diesen Frühling die Jagdprüfung des Kantons Zug erfolgreich bestanden, im September geht die Hirschjagd los. Anja Nussbaumer wird eine der wenigen Frauen sein, die mit einer Flinte in der Hand durch die Wälder ziehen wird.

«Das Geschlecht spielte überhaupt keine Rolle»

Nur gerade drei Frauen haben den zweijährigen Jagdlehrgang abgeschlossen, 20 Personen waren es insgesamt. Anja Nussbaumer fühlt sich aber deswegen nicht in der Rolle der Aussenseiterin: «Ich fühlte mich wohl in der Ausbildung. Der Umgang war immer sehr kollegial, das Geschlecht spielte überhaupt keine Rolle.» Sie hätten alle miteinander gelernt und seien gemeinsam auf das erforderliche Niveau gekommen, um die Prüfung zu absolvieren.

Warum entscheiden sich dennoch nur wenige Frauen dafür, Jägerinnen zu werden? «Die Leute fragen mich immer wieder, ob ich denn einfach problemlos ein Tier töten könne.» Sie müsse zugeben, dass es sehr viel mit Emotionen zu tun habe, ein Reh oder einen Hirsch zu schiessen. «Wenn ich sehe, wie ein Tier erschossen wird, und es dann am Boden liegt, kommen die Emotionen. Man schiesst nicht einfach auf ein Tier, ohne sich Gedanken zu machen.»

«Man schiesst nicht einfach auf ein Tier, ohne sich Gedanken zu machen.»

Anja Nussbaumer, Alosen

Und sie ergänzt: «Ich habe bisher noch kein Tier geschossen.» Obwohl sie im September zum ersten Mal als diplomierte Jägerin unterwegs sein wird, hätte sie schon vorher als Gast mit Schiesserfahrung ein Wildtier schiessen dürfen, hat es aber bisher noch nicht gemacht. Auf diesen Moment vorbereiten könne sie sich eigentlich nicht. «Ich gehe dann auf die Jagd und wenn es soweit ist, werde ich schiessen. Dabei werden aber sicher ein paar Tränen kullern. Doch das Erlegen der Tiere gehört dazu.»

So sprechen die Jäger

Die Jäger haben ihre eigene Sprache. Für alle Aspekte des Jagens gilt ein spezielles Vokabular, zum Beispiel für die Bezeichnung von Körperteilen der Tiere, Verhaltensregeln oder allgemeine Jagdbegriffe. Eine kleine Auswahl als Einstieg in den Jägerjargon:

  • «Weidmannsheil» wünschen sich die Jäger, wenn sie zur Jagd gehen. Falls ein Jäger ein Tier erlegt hat, sagen die Kollegen zu ihm ebenfalls «Waidmannsheil». Der erfolgreiche Schütze antwortet darauf mit «Waidmannsdank»
  • Die Tierpfoten heissen «Läufe» oder «Schalen»
  • Die Ohren heissen «Luscher»
  • Die Augen heissen «Lichter»
  • Ein Tier «bricht man auf», wenn man es ausnimmt
  • Das Blut des Tiers nennt man «Schweiss»
  • Jäger gehen auf die «laute Jagd» wenn sie die Hunde loslassen, und diese bellen, wenn sie eine Fährte aufgenommen haben.

Steht Jagen in einem falschen Licht?

Sie ist überzeugt, dass viele Leute ein falsches Bild vom Jagen haben: «Jagen heisst nicht einfach auf Tiere schiessen», sagt sie, «für mich kommt das sogar als letztes.» Das Hegen und Pflegen des Wildes stehe im Vordergrund. Die Jäger hätten die Aufgabe, auf das Wild aufzupassen und dafür zu sorgen, dass die Tiere einen guten Lebensraum haben, dass sie in Ruhe leben können. «Diese Aspekte sind viel wichtiger», erklärt Nussbaumer, «Jäger holen Abfall aus den Wäldern, bauen Biotope für Tiere, schützen die Flora und die Fauna.»

Es gehe darum, das Gleichgewicht zu erhalten. «Wenn gewisse Tierpopulationen zu gross werden, stören sie sich gegenseitig. Es kommt zu Futterneid und das führt zu Krankheiten, die sie sich gegenseitig übertragen, und schliesslich zum Tod führen.» Es gehe immer darum, die Populationen zu kontrollieren und nie um wahlloses Abschiessen, stellt Nussbaumer klar. Dennoch räumt sie ein, dass es bestimmt Jäger gebe, die stolz seien, wenn sie ein grosses Tier schiessen dürften. Den meisten gehe es aber nicht darum, sich protzig darzustellen und mit Trophäen anzugeben.

Breite Ausbildung erfordert langen Atem

Dass eine Jägerin neben Waffenkunde und Schiesstechnik noch viel mehr können muss, zeigt der Umfang der Ausbildung. Zwei Jahre lang studierte Nussbaumer Waldkunde, Ökologie, Biologie und die Gesetze. Dazu kamen die Abendschule, Blockkurse und regelmässige Schiessübungen. «Das Schwierigste waren für mich die Gesetze», sagt Nussbaumer, «das musste ich wirklich auswendig lernen, alles andere konnte ich mir in der Natur holen.» Dass man jeden Strauch im Wald kennen muss, findet sie gut: «Ich muss als Jägerin wissen, was im Wald vorkommt, was um mich und die Tiere herum ist. Deshalb waren die Inhalte notwendig und spannend.»

An der Prüfung sorgte dann vor allem der Schiesstest für Aufregung und wurde für Anja Nussbaumer zur nervlichen Zerreissprobe. Obwohl sie gut vorbereitet war, «gingen die ersten beiden Schüsse voll daneben. Dann musste ich kurz durchatmen und mich beruhigen. Die anderen sind dann zum Glück gesessen.» Mit der Schrotflinte müssen sechs von zehn Schüssen sitzen, bei der Kugelflinte müssen sie mit sechs Schüssen 51 Punkte holen. An der praktischen Prüfung mussten die Absolventen ein Reh ausnehmen und die Innereien beschreiben sowie die Waffenhandhabung demonstrieren.

Der Weg zum Halali war anstrengend, sagt Nussbaumer, und sie hat viel Zeit investiert. «Ich habe jeden Tag mindestens eine Stunde gelernt, und am Wochenende machte ich nicht mehr viel anderes.» Jetzt kann es bald losgehen, es bleibt nur noch «Waidfrauheil» zu wünschen.

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