So jung und schon einen Preis für Zivilcourage in der Tasche. Damit hätte der Behindertenbetreuer und Fitness-Fan nicht gerechnet. (Bild: anm)
Gesellschaft Polizei

So jung und schon einen Preis für Zivilcourage in der Tasche. Damit hätte der Behindertenbetreuer und Fitness-Fan nicht gerechnet. (Bild: anm)

Der muskulöse Held, der schlichtet, statt zu prügeln

7min Lesezeit

Für seine kühne Tat erhält der 22-jährige Alain Honegger den fünften Zuger Preis für Zivilcourage. Der Behindertenbetreuer und Bodybuilder bewies viel Mut, als er eine Messerstecherei zwischen Jugendlichen verhindern konnte. Dabei stellt sich die Frage: Wie weit soll man sich selbst in Gefahr bringen, um anderen zu helfen?

Er ist zurück am Ort des Geschehens. Alain Honegger aus Schmerikon (SG) läuft über den Platz neben der Pizzeria «La Taverna» im Metalli Einkaufszentrum in Zug. «Ja, hier geschah es, da drüben standen wir», sagt der angehende Betreuungsfachmann und beginnt, von der Nacht des 27. Septembers 2013 zu erzählen.

Für seine mutige Tat an diesem Abend erhält Honegger vom Kanton Zug den fünften Preis für Zivilcourage. Der Chamer Gemeinderat Markus Baumann und Regierungsrat Beat Villiger überreichten ihm heute im Lorzensaal das Preisgeld von 1'000 Franken. Der junge Mann mit dem stählernen Körper eines Bodybuilders ist erfreut, eine Auszeichnung hätte er aber niemals erwartet.

Der Filmabend endete gefährlich

«Ich war bei meiner Freundin in Oberwil für einen gemütlichen Fernsehabend. Plötzlich rief ihre jüngere Schwester an, heulte am Telefon und sagte, dass ihr momentaner Freund von ihrem Exfreund verfolgt und angepöbelt werde», erinnert sich Alain Honegger. Die Mutter habe der jüngeren Tochter am Telefon gesagt, sie sollten der gesamten Bande aus dem Weg gehen. Kurz darauf habe die Schwester aber erneut angerufen: «Er hat ein Messer bei sich und bedroht meinen Freund», habe sie in panischer Angst gesagt. 

«Ich sagte ihm auch, dass ich keine Angst vor ihm habe.»

Alain Honegger, Gewinner Zuger Preis für Zivilcourage

«Also fuhr ich mit meiner Freundin und ihrer Mutter hin, um zu schauen, was los war», so Honegger. «Sie standen hier auf diesem Platz, der Freund der Schwester meiner Partnerin war umzingelt und wurde von dem Exfreund mit einem Messer bedroht. Ich ging sofort auf die Gruppe zu und schrie den Angreifer an: ‹Hey, hör auf!› Ich packte ihn, warf ihn zurück und sagte ihm zwei- oder dreimal bestimmt, er soll das Messer wegwerfen», erzählt Honegger. «Ich sagte ihm auch, dass ich keine Angst vor ihm habe.» Zuerst hätte dieser noch gegrinst, doch dann hätte er das Messer weggeworfen und sei davongerannt.

«Ich fühlte mich überlegen»

Dessen Kollegen seien geblieben und hätten sich aufgespielt und blöde Sprüche über Honeggers Muskeln gemacht. Nach längerem Plaudern hätten sich dann alle beruhigt, die aggressive Stimmung ging vorbei. «Es kamen immer mehr Leute dazu und es waren rund dreizehn Personen auf dem Platz. Manchmal dachte ich schon, jetzt wird es vielleicht brenzlig, aber der nötige Respekt war da.» Anschliessend kam die Polizei und der Flüchtige konnte wenig später überführt werden, weil er nach telefonischer Aufforderung eines anwesenden Elternteils an den Ort zurückkehrte. Wie die Sicherheitsdirektion mitteilt, wurde der Jugendliche wegen Drohung bestraft.

Angst verspürte Alain Honegger in keinem Moment: «Ich fühlte mich in dieser Situation ziemlich überlegen. Und als ich ihm zurief, er solle aufhören, und er mich anschaute, sah ich in seinem Blick, dass er mir nichts antun würde.» 

Als Held sieht sich Honegger deswegen nicht: «Ich bin einfach so, ich ging hin und sagte, sie sollen aufhören.» Dass er deswegen mit einem Preis ausgezeichnet wird, verwunderte ihn zunächst: «Ich dachte, das sei ein Witz, als die Polizei anrief und mich fragte, ob ich den Preis entgegennehmen wollte.» Er habe gar nicht gewusst, dass es so etwas gibt. Seine Tat war für ihn selbstverständlich. Das heisst aber nicht, dass er das von jedem erwarten würde: «Ich denke, jeder muss tun, was er für richtig hält. Wenn jemand den Mut nicht hat, verstehe ich das sehr gut. Ich würde es aber immer wieder machen.» 

Zur Nachahmung empfohlen? 

Doch dass der Kanton Zug einen jungen Mann ehrt, der sein Leben in Gefahr brachte, um anderen zu helfen, lässt eine Grundsatzfrage aufkommen: Wie weit soll Zivilcourage gehen, was ist gut und was zu viel? Beat Villiger, Sicherheitsdirektor des Kantons Zug, sagt: «Man soll sich nicht selbst in Gefahr bringen. Wir möchten niemanden dazu animieren, es in einer solchen Situation Herrn Honegger gleich zu tun.» Es sei genau so couragiert, sich um ein Unfallopfer zu kümmern, die Polizei zu rufen oder sich als Zeugin zu melden. «Es hängt jeweils auch von der Situation und von der eigenen Einschätzung ab. Darum sind generelle Aussagen schwierig», so Villiger.

«Wir möchten niemanden dazu animieren, es in einer solchen Situation Herrn Honegger gleich zu tun.»

Beat Villiger, Sicherheitsdirektor Kanton Zug

Beim Zuger Preis für Zivilcourage gehe es um die Botschaft «Handeln statt Wegschauen». Sich für die Mitmenschen einzusetzen, statt gleichgültig Unrecht oder Not geschehen zu lassen. «Der Preisträger verdient den Preis, weil er viel Zivilcourage bewiesen und gehandelt hat. Es ist diese Einstellung und Grundhaltung, die mit dem Preis ausgezeichnet wird – und nicht das Heldentum», so Villiger.

«Gewalt ist immer wieder ein Thema»

Für Honegger heisst Zivilcourage, dass man nicht einfach wegschaut, wenn auf der Strasse etwas Ungerechtes passiert. «Hinschauen und zumindest die Polizei animieren, das sollten alle.» Er sei schon öfters im Ausgang in die Rolle des Schlichters geschlüpft, obwohl er von seiner Kraft her auch mit der Faust durchgreifen könnte. Er trainiert sechs Mal pro Woche im Fitnesscenter und achtet strikt auf seine Ernährung: «Fitness ist mein Ein und Alles. Das ist mein Lifestyle. Seit zwei Jahren richtet sich alles danach.»

Honegger ist auch bei seiner Arbeit im Behindertenheim «Werkheim Uster» immer wieder Konflikten ausgesetzt. Gewalt sei durchaus ein Thema bei seiner Arbeit, aber auch im Freundeskreis. «Wir sprechen immer wieder über Vorfälle, bei denen Gewalt mit im Spiel war.»

Was er mit den 1'000 Franken Preisgeld machen wird, weiss Alain Honegger schon: «Ich reise bald in die Ferien nach Ayia Napa. Das ist doch ein gutes Feriengeld!» 

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Alain Honegger schildert am Ort des Geschehens, was vorgefallen ist. Dabei erinnert er sich auch an komische Momente des eigentlich ernsten Abends. (Bild:anm)
Alain Honegger schildert am Ort des Geschehens, was vorgefallen ist. Dabei erinnert er sich auch an komische Momente des eigentlich ernsten Abends. (Bild:anm)

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