Die Altstadt von Zug: Eine von verschiedenen Identitäten im Kanton (Bild: any)
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Die Altstadt von Zug: Eine von verschiedenen Identitäten im Kanton (Bild: any)

Der Kanton Zug muss sich neu erfinden

8min Lesezeit

In Zug wird in jüngster Zeit immer häufiger diskutiert, welche Identität der Kanton eigentlich hat. Einige sehen sie als verloren an, andere erfinden sie neu. zentral+ wollte von Zuger Exponenten wissen, warum das Thema so schwierig ist.

Mit Zug ist es eine verzwickte Sache: Es gibt zwar die Interessensgemeinschaft «Zuger Chriesi», die nicht nur Kirschbäume anpflanzt, sondern mit dem Chriesi auch noch die Zuger Identität neu etikettiert. Aber es gibt auch Zugerinnen und Zuger, die sich dem Bild ihres Wohnkantons etwas kritischer gegenüberstellen.

Der Zuger Regierungsrat ergreift Massnahmen, um das Siedlungswachstum zu drosseln und reagiert damit auf die Sorgen der Bevölkerung. Die Zugerinnen und Zuger beklagen, so die NZZ, den «Verlust von vertrauten Ortsbildern, schönen Landstrichen und mithin gar der Zuger Identität». Auch die Zuger Gastroszene stellt sich die Identitätsfrage: Der Konkurs des Aktions-Cafés Aige wird als Folge fehlender Zuger Identität gesehen. Aber wo liegt eigentlich das Problem?

Das wollte zentral+ von Zuger Regierungsräten, Zug Tourismus, dem Amt für Kultur und einem Zuger Pfarrer wissen. Die erste Reaktion: «Das ist ein sehr schwieriges Thema!» Und die langen Antworten bestätigen: Das Thema Identität ist grundsätzlich schwierig, für Zug ist es das aber ganz besonders.

Zug ist in einer «Zwischenlage»

Jede Zugerin und jeder Zuger wird mit den Klischees über den Kanton als internationales Wirtschaftszentrum mit tiefen Steuern konfrontiert: Die Rede ist von Superreichen, Briefkastenfirmen, der Rohstoffdrehscheibe, Expats, hohen Mieten und Luxuskarossen. Alles Klischees, die bei den meisten ein Unwohlsein hervorrufen und nicht selten eine mühsame Verteidigungsrede abverlangen. So verwundert es nicht, dass die Leute sich vermehrt fragen, was denn eigentlich den Kanton Zug ausmacht.

Versuche, die Ursachen des Zuger Identitätsproblems zu finden, gibt es viele. Man sucht bei der geographischen Lage und sogar in der Sprache nach Antworten. Für Heinz Tännler (SVP), Baudirektor des Kantons Zug, ist der «Zuger Mischdialekt, der sich aus verschiedenen Einflüssen speist, für das Selbstverständnis im Kanton typisch».

Das Zugerdeutsch stehe für das Intermediäre und es sei in vieler Hinsicht eben diese Zwischenlage, die Zug prägt. Prisca Passigatti, Leiterin des Amts für Kultur beim Kanton, ist ähnlicher Ansicht. Sie sieht Zug in einem Spannungsfeld zwischen Stadt und Land, bescheiden und üppig, Berg und Tal, global und lokal. Gerade im Bereich der Kultur sei die Lage zwischen den zwei Städten Zürich und Luzern nicht einfach: «Man bemüht sich um Eigenständigkeit, kann diesen Anspruch aber nicht vollständig erfüllen.»

Urs Raschle, Chef von Zug Tourismus, zieht bei der Frage nach der Zuger Identität die Geschichte mit ein: «Der Kanton Zug hat historisch gesehen drei verschiedene Identitäten: Die Stadt hat eine, das Ägerital eine andere, und der Ennetsee eine dritte. Der Kanton als Ganzes hat keine eigene Identität.» Diese Differenzen habe es schon immer gegeben, man denke da an den Konflikt zwischen Zug und Ägeri, als es um das Zuger Alpli ging.

Identität von Aussen aufgezwungen

Diese drei Identitäten sind für Raschle nicht die Ursache des heutigen Problems. Auf die Stadt Zug bezogen, ist für ihn klar: «Die Stadt hatte einmal eine Identität, die es heute in dieser Art nicht mehr gibt. Ich war zehn Jahre weg und als ich zurück kam, war es anders.» Mit dem veränderten Ortsbild und dem starken Wirtschaftswachstum sei Zug in den letzten Jahren eine Identität aufgezwungen worden, die nicht von innen komme und die nicht auf gemeinsamen Erfahrungen beruhe, die für eine Gemeinschaft eigentlich identitätsgebend wären.

Das sieht der Zuger Landammann Beat Villiger (CVP) anders. Er sagt zwar auch, dass sich der Kanton Zug äusserlich stark verändert habe, aber «unsere Werte und unsere Haltung sind gleich geblieben. Wir stehen ein für eine weltoffene, tolerante und dynamische Gesellschaft. Und wir wollen dazu beitragen, dass sich hier alle zu Hause fühlen.» 

Die Zuger Regierung ist sich der Problematik des Zuger Wandels bewusst. Heinz Tännler sagt: «In den letzten Jahren hat die Entwicklungsdynamik in unserem Kanton ein Mass angenommen, das offenbar viele verunsichert. Gegensätze wie Alt und Neu in einem Gleichgewicht zu halten, schienen nach und nach einer Überforderung zu weichen.» Solche Gegensätze würden vor allem im gebauten Umfeld stark wahrgenommen. «Bürotürme in internationaler Architektursprache sind aus dem Boden geschossen und Staus sind in den Ortszentren Realität geworden», sagt der Bauchef.

Die Politiker nennen gerne Zahlen, um auf ihre «Herkulesaufgabe», es allen Menschen im Kanton recht zu machen, hinzuweisen. «Immerhin leben im Kanton Zug Menschen aus über 120 Ländern, fast ein Drittel sind Ausländer. Ihre Bedürfnisse sind entsprechend vielfältig», sagt Landammann Villiger. Auch Bildungsdirektor Stephan Schleiss (SVP) spricht in Zahlen: «Der Kanton Zug ist in den letzen Jahren rasant gewachsen. Als ich vor vierzig Jahren geboren wurde, lebten 70'000 Menschen hier. Heute sind es 115'000. Da sind ein paar neue Identitäten dazu gekommen, das ist keine Frage.»

Negatives nicht Schönreden

Grundsätzlich ist man sich einig: Die Entwicklungen in Zug veränderten den Kanton in den letzten Jahrzehnten stark und für viele Zugerinnen und Zuger ist das neue Bild ihres Wohnkantons nicht nur positiv. Nicht einig ist man sich bei der Frage, wie man damit umgehen soll: Eine neue Identität schaffen oder zurück zu alten Traditionen?

Die Regierungsräte sehen die heterogene Zuger Gesellschaft inklusive der Spannungsfelder als Stärke Zugs. Sie alle loben die Vielfalt, die Gegensätze, die Dynamik. Das sei die neue Zuger Identität. Ihre Haltung ist wenig verwunderlich, denn sie entspricht der Politik der letzten Jahrzehnte, die dem Kanton seinen Wohlstand gebracht hat. Und hat man den mal gesichert, will man nicht zurück: «All die Spannungsfelder haben dem Kanton Zug nicht nur zu grosser Vielfalt verholfen, sondern auch zu Wohlstand», bekräftigt Tännler. Finanzdirektor Peter Hegglin (CVP) sagt: «Sicher hat sich die Zuger Identität verändert und das hat natürlich Auswirkungen. Unsere Lebenssituation hat sich aber gegenüber früher klar verbessert.»

Diesem Lob des Zuger Aufschwungs stimmen nicht alle zu, und nicht alle wollen daraus die neue Zuger Identität definieren. Der reformierte Pfarrer vom Pfarramt Zug-Nord und Menzingen, Christoph Baumann, findet die Strategie der Regierung zu vereinfachend: «Die vorhandenen Spannungen einfach aufzugreifen und zu versuchen, den gesamten Brei in eine Stärke umzuwandeln, ist problematisch. Man kann nicht absehen, was dabei  herauskommt. Langfristig könnte das für die Gesellschaft sogar destruktiv sein.»

Stütze auf unsicherem Boden

Auch Urs Raschle ist kritisch, wenn er sagt, dass gewisse Auswüchse in Zug klar negativ seien. «Ich bin keineswegs für Protektionismus, aber das Wachstum in Zug hat Auswirkungen auf die Gesellschaft, und das muss ernst genommen werden. Zugezogene Leute, auch Expats, kennen unsere Traditionen nicht, beispielsweise die Bedeutung der Zuger Fasnacht oder des alten Brauches Chröpfelimeh.»

Er kommt ins Schwärmen über die Vergangenheit, wenn er erzählt, dass man sich früher in Zug eben noch kannte, und dass auch Vereine eine viel wichtigere Rolle spielten. Was er aber eigentlich sagen will: «Wenn etwas Vertrautes auseinanderzubrechen droht, dann wird Identität plötzlich wichtig, und das scheint für viele Zuger momentan der Fall zu sein.» Auch Pfarrer Baumann sieht darin die Ursachen für die aktuelle Brisanz der Zuger Identität: «Identität taucht immer dann auf, wenn sich eine Gesellschaft auf unsicherem Gelände befindet. Dann soll die Identität wie eine Krücke auf dem glitschigen Boden eine Stütze bieten.»

Peter Hegglin findet das Thema überdehnt: «Würde man die Frage nach der Zuger Identität auch stellen, wenn es Zug nicht so gut gehen würde? Oder hätte die übrige Schweiz dann nur ein müdes Lächeln für die erfolglosen Zuger übrig? Hätten wir dann auch Identitätsprobleme?»

Ob schliesslich dann doch das Chriesi das Rennen um die Zuger Identität machen wird, ist noch offen. Raschle findet es ein sehr gutes Projekt, man könne aber niemandem eine neue Identität aufdrängen. Und kann ein Chriesi denn ein identitätsstiftendes Merkmal sein? 

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